Stephanitag

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

in der Nacht auf gestern, in der Weihnachtsnacht haben uns im Evangelium die Engel den Frieden verheißen, den Frieden für all jene, die in Gottes Gnade sind. Oder wie es in einer anderen Übersetzung heißt: die sein Wohlgefallen haben. Wir verehren das Kind in der Krippe, wir verehren Jesus als den Friedensfürst. So wird er uns im Alten Testament schon angekündigt. Und schon heute, einen Tag danach, verehrt die Kirche einen Mann, der alles andere als friedlich umgekommen ist. Er ist vielmehr brutal ermordet worden, gesteinigt worden. Und derselbe Jesus, in dessen Namen gestern noch der Friede verkündet wurde, erklärt seinen Jüngern im heutigen Evangelium, dass sie vor die Gerichte gestellt, dass sie ausgepeitscht würden, dass sich der Streit durch die Familien ziehen wird, so sehr, dass es ein Streit auf Leben und Tod sein kann. Und um meines Namens willen, sagt Jesus, werdet ihr von allen gehasst werden. Wo, liebe Schwestern und Brüder, wo ist hier der Friede, und wo ist hier Weihnachten?

Vielleicht noch einmal zurück zu Weihnachten und unsrer Vorstellung vom Weihnachtsfrieden: Wir haben es gern behaglich daheim, mit den Familien, mit den Liebsten. Es soll möglichst harmonisch laufen, ohne Streit. Mit viel Wärme und Gefühl. Alles das ist schön und gut, meine Lieben, und jeder Mensch darf sich selbstverständlich nach solch friedlichen Weihnachtstagen sehnen und hoffentlich werden sie ihm auch geschenkt. Aber wenn wir auf das Ereignis von gestern noch einmal zurück schauen, auf die reale Geburt Jesu, die wir gefeiert haben, dann darf uns dieser Blick auf eben dieses Geschehen den romantischen Zahn ziehen. Maria und Josef waren mit ihrem Kind Ausgestoßene, alles andere als behaglich. In einem Viehstall muss die hl. Familie lagern, weil in der Herberge schon alles voll war. Und da ist es kalt und dreckig und alles andere als gemütlich. Und offenbar bald danach musste sich dieselbe Familie auf die Flucht nach Ägypten machen, weil das Kind mit von Ermordung bedroht war durch Herodes. Auch dieser Teil der Kindheitsgeschichte hört sich so gar nicht nach romantischem Frieden an. Maria, Joseph und das Kind waren eine Flüchtlingsfamilie, Asylbewerber in der Hoffnung, dass man sie in Ägypten gut aufnehmen wird. Frieden? Sieht für uns anders aus, nicht wahr? Aber für viele Flüchtlinge von heute sieht es eben genau so aus. Und daher bin ich sehr dankbar für alles, was Christen und alle Menschen guten Willens bei uns für Flüchtlinge getan haben und tun. Aber romantisch geht anders.

Und nun also Stephanus, der erste der Märtyrer, der nach dem Lukasevangelium auch noch ganz ähnlich stirbt wie sein Herr: Er empfiehlt seinen Geist in die Hände Gottes und betet für seine Mörder. Im Evangelium von heute sagt Jesus, noch einmal, die Menschen werden euch um meines Namens willen hassen. Frieden auf Erden? Weihnachtsfrieden?

Liebe Schwestern und Brüder, ein nur romantischer Friede, auch wenn wir uns noch so gerne von so etwas umfangen lassen, aber ein romantischer Friede kann mit der Verheißung der Engel nicht gemeint sein, als sie den Hirten zugesprochen haben, dass der Friede auf Erden bei den Menschen seiner Gnade sein würde. Aber wie dann? Denn ohne Zweifel war Stephanus ein Mann der Gnade Gottes, voll Heiligen Geist wird uns in der Apostelgeschichte gesagt. War ihm der Friede also doch nicht verheißen? Ein Hinweis aus der Apostelgeschichte kann uns vielleicht auf die Spur bringen: Stephanus wird vom Volk, von den Ältesten und Schriftgelehrten gewaltsam gepackt, vor den Hohen Rat geschleppt – und dort wird ihm der Prozess gemacht. Wir lesen, wie sie wütend auf ihn einreden, wie falsche Zeugen vor gebracht werden, die ihn verleumden. Aber – und das ist nun das Staunenswerte – aber als sie auf ihn blickten, erschien ihnen sein Gesicht wie das Gesicht eines Engels. So heißt es im Text. Ganz offenbar war Stephanus im Frieden – und zwar obwohl sein Leben akut bedroht war. Ganz offenbar war er in der Form der inneren Seligkeit, die Jesus in der Bergpredigt denen verheißen hatte, die um seinetwillen verfolgt werden.

Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, vielleicht haben Sie sich schon einmal mit Menschen auseinander gesetzt, die die Märtyrer unserer Zeit sind oder waren. Etwa in der Nazi-Zeit, Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, Pater Maximilian Kolbe, Edith Stein oder Sophie Scholl. Von ihnen wird einigermaßen übereinstimmend berichtet, dass sie in der Auseinandersetzung mit der Nazi-Macht, mit den SS-Schergen oder den Bewachern der Konzentrationslager, den Frieden bewahrt haben. Es wird berichtet, dass Sie mitten in der Hölle des Lagers oder der Gefängnisse in Ruhe waren. Sicher nicht so, dass sie ganz ohne Ängste und Sorgen gewesen wären. Sie waren ja auch einfach nur Menschen, aber so, dass andere Menschen spürten, die haben einen inneren Haltepunkt, einen inneren Anker, den kann man nicht vernichten, den kann man nicht tot kriegen. Die sind irgendwie dort zuhause. Dort in ihrem Inneren. Und wenn wir die Berichte lesen von den Christen, die heute verfolgt werden, dann kann man bisweilen ähnliches lesen. Nicht von allen, nicht alle natürlich sind so verankert in ihrem Glauben, dass sie den inneren Frieden unter Lebensbedrohung bewahren können. Aber von nicht wenigen wissen wir, dass sie voll innerer Zuversicht und Frieden in den Tod gehen konnten. Sie haben die Gegenwart Jesu gespürt.

Liebe Schwestern und Brüder, der Friede, den Gott an Weihnachten den Menschen seiner Gnade verheißen hat, ist ein Friede, der aus dem Leben mit ihm kommt, aus dem Kind in der Krippe und aus dem Gefolterten und Getöteten am Kreuz. Verfolgte Christen von heute und verfolgte Christen aus unserer langen Kirchengeschichte haben dieses immer bezeugt: Sie dürfen eine Gegenwart erfahren, die sie nicht verzweifeln lässt, die sie im Frieden sein lässt..

Liebe Schwestern und Brüder, zwei Dinge möchte ich uns am Gedenktag unseres wunderbaren Patrons dieses Domes und dieser Stadt mitgeben:

Erstens bitte beten wir ernsthaft und aufrichtig für die verfolgten Christen auf der ganzen Welt. Es sind heute mehr als es je zuvor in der Geschichte waren. Wenn Sie sich fragen warum das so ist? Ich denke, weil eine Welt, die von Gott unabhängig sein will, die ihn aus ihrem Leben herausdrängen will, jeden bekämpfen muss, der ganz offensichtlich aus einer inneren Quelle lebt, die gegenwärtig, aber eben nicht fassbar, nicht kontrollierbar ist. Ja, das Evangelium hat Recht: Es gibt eine Seite an und in unserer Welt, die hasst die Christen ebenso wie sie ihren Herrn gehasst hat. Nicht weil Christen Böses täten, sondern einfach weil sie Zeugnis geben von einem Gott, der die Liebe ist, der unfassbar barmherzig ist, der aber zugleich nicht aufhört, die Wahrheit zu sein und die Lügen dieser Welt ans Licht bringt. Unser Gott ist ein anspruchsvoller Gott. Er spricht uns an und fordert uns heraus, aber er will uns ein Leben geben, das tiefer und größer ist als alles, was eine Welt ohne Gott für Leben hält. Bitte beten Sie für verfolgte Christen und – wenn irgend möglich – tun Sie etwas für ihre Unterstützung.

Der zweite Punkt, liebe Schwestern und Brüder: um in den Frieden zu kommen, in dem Stephanus und viele andere unserer großen Glaubenszeugen waren, ist es nötig, dass unser Glaube wächst wie ein Baum. Dass er richtig tief in den Boden unserer Seele reicht, und Halt hat, damit er hoch in den Himmel wachsen und wie Stephanus den Himmel offen sehen kann. Einen tiefen Glauben hat man aber nicht einfach. Er wächst durch Beziehungspflege. Er wächst durch beständige innere, betende Verbundenheit mit Jesus und mit dem Leben aus seinem Wort und seinem Sakrament. Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir leben als Christen in einer Zeit, in der unser Glaube immer neu angefochten und herausgefordert ist, wir leben in einer Zeit, in der das selbstverständliche offene und öffentliche Bekenntnis zu Christus immer schwerer wird, immer bedrängter, immer weniger selbstverständlich. Da ist es gut, den Herrn zu bitten: Herr stärke meinen Glauben und selbst seinen Teil dazu zu legen, dass der Herr ihn auch stärken kann. Wir brauchen tiefgläubige, tapfere Zeugen heute nötiger denn je. Und jedem, der heute schon diesen Mut aufbringt und seinen Glauben bezeugt – auch bei Gelegenheiten, bei denen es schwer ist oder bei denen keiner damit rechnet, dem danke ich von Herzen. Solche Zeugen stärken uns alle. Und wir haben es alle nötig, dass wir im Glauben einander stärken. Heiliger Stephanus, du erster Märtyrer, du Patron dieses Gotteshauses, Du Patron dieser Stadt: Bitte für uns. Erbitte uns den Frieden, der nur aus der Gegenwart Jesu in unserem Herzen kommen kann. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau