Besuch des Dekanates Osterhofen

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wir haben zwei Texte gehört, die etwas von der Stimmung deutlich machen, in der der Weg Jesu allmählich auf die Entscheidung zugeht. Der Ton wird rauer; es formieren sich die Kontrahenten, die Aggressivität wächst. Der Text aus dem Alten Testament, aus dem Buch der Weisheit (Weish 2, 1a.12-22), lässt eine Gruppe von Frevlern sprechen, also von Leuten, die zwar im Volk der Juden gelebt haben, die es aber mit dem Glauben oder dem Leben nach dem Glauben nicht so ernst nahmen. Sie wollen dem Gerechten auflauern, dem Gläubigen, der ihnen ein Dorn im Auge ist. An einer Stelle sagen sie: „Er ist unserer Gesinnung ein lebendiger Vorwurf.“ Sie wollen ihn wegschaffen durch einen ehrlosen Tod verurteilen lassen – und dann wollen sie sehen, ob Gott ihn rettet. Klar, dass die Gläubigen des Neuen Testaments diesen Text auf Jesus hin gelesen haben. Auf den, der den Religiösen der damaligen Zeit den Spiegel vorgehalten hat. Jesus hat den Menschen den direkten Weg zu seinem Vater gezeigt und der war mehr als nur das möglichst korrekte Einhalten von Geboten. Jesus hat mit einer Kraft und Intensität von seinem Vater gesprochen, dass das all denen suspekt war, die diesen Gott nur aus dem Buch, nur aus dem Alten Testament kannten. Die Schriftgelehrten hatten viel Wissen aus dem Gesetz, wie sie es nannten und die Pharisäer wussten, wie man lebte, um diesem Gesetz zu entsprechen. Aber Jesus kommt und sagt: Das erste ist nicht das Gesetz selbst, sondern das erste ist die Begegnung, es ist die Erfahrung mit Gott. Das erste ist das Berührtwerden von einer Gegenwart, die Fülle ist und Freude und Liebe. Das zweite ist der Glaube, dass diese Erfahrung von dem handelt, den uns die Bibel überliefert, es ist ein Vertrauen, das dann wachsen kann. Und das dritte ist dann die Frage, was kann ich tun, um in dieser Beziehung zu bleiben, um dieses Kostbare zu bewahren? Es geht um Beziehung, Schwestern und Brüder, im Glauben geht es immer und zuerst um Beziehung. Was erläutert uns Jesus als das wichtigste Gebot von allen? Liebe, Liebe zu Gott, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft. Also Beziehung! Und das zweite Gebot? Wieder Liebe: den Nächsten wie uns selbst. Und zwar deshalb, weil wir Gott schon lieben und kennen und von ihm dazu befähigt werden.

Im Evangelium (Joh 7, 1-2.10.25-30) haben wir eben gehört, wie die Menschen zu Jesus sagen: „Von dem da wissen wir, woher er kommt. Aber wenn der Messias kommt, dann weiß es niemand.“ Und was antwortet Jesus? Sinngemäß antwortet er: „Nein, Ihr wisst nur irdisch, woher ich komme, von wem ich aber wirklich stamme, das wisst Ihr nicht und Ihr kennt ihn nicht! Und um ehrlich zu sein, der einzige, der euch wirklich mit dem bekannt machen könnte, von dem ich stamme, bin ich selbst. Ich bin der einzige, der ihn wirklich durch und durch kennt. Ich stamme vom Vater ab. Ich und der Vater sind eins.“

Liebe Schwestern und Brüder, wir können uns die Berufsreligiösen von damals richtig vorstellen. Die Kenner, die Theologen, sie wissen doch, wie Gott zu sein hat. Und auf einmal käme er daher und redet ganz anders. Aber er handelt mit einer Kraft, mit einer Intensität, mit einer Wahrhaftigkeit und Freiheit, dass es ihnen dennoch unheimlich ist. Kann es sein, dass er tatsächlich der Messias ist? „Nein, beruhigt man sich schnell, wir wissen doch, der stammt aus Nazareth. Und er spielt sich hier auf. Macht sich zu Gott. Das ist Gotteslästerung!“

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie mich diese Erfahrung, diese Ablehnung einmal auf unsere Wirklichkeit anwenden. Wir alle wissen einerseits, dass es zunehmend schwerer wird mit dem Glauben und der Kirche – auch in unserem schönen Bistum Passau und auch im schönen Dekanat Osterhofen. Die gewohnten Zahlen haben wir nicht mehr. Die Sakramentenvorbereitung wird schwieriger, die Pfarrer- und Kaplanstellen zu besetzen gelingt immer schwerer, auch die der hauptamtlichen pastoralen MitarbeiterInnen. Und vieles mehr. Uns droht das Personal auszugehen, aber uns drohen auch die gläubigen Leute wegzubleiben. Woran liegt das? Liegt es vielleicht daran, dass die Kraft unseres Glaubens nicht mehr trägt? Den Glauben, den wir jeder einzeln, aber vor allem auch den wir als Gemeinschaft haben und ausstrahlen? Kann es sein, dass wir uns all die Jahre vielleicht ein wenig zu sehr verlassen haben, dass es noch immer genau so weiter gegangen ist, wie es schon immer war? Kann es vielleicht sogar sein, dass wir es uns ein wenig bequem eingerichtet haben? So, dass wir schon unsere Feste gefeiert, unsere Gebete gebetet, unsere Sonntagspflicht erfüllt haben, aber vielleicht doch nicht immer so, dass wir mit Herz und Ver-stand erfüllt waren und sind, von dem, den wir da feiern, nämlich von Jesus? Wir alle stellen fest, dass die Leute, vor allem viele junge Leute gar nicht mehr zur Kirche kommen? Aber ist das schlecht oder lesen wir es als Herausforderung?

Ich sag Ihnen ehrlich, Schwestern und Brüder, ich will gar nicht, dass die Leute einfach nur deshalb zur Kirche kommen, damit sie auch da sind und damit die Kirche voll ist, wenn der Bischof kommt. Ich wünsche mir viel mehr, dass die Menschen, die weiter weg sind, zuerst einmal eine Erfahrung machen. Eine Erfahrung mit solchen Menschen von uns, die Jesus im Herzen haben, die ihn kennen, die voll Freude darüber sind, dass sie mit ihm verbunden leben. Mit Menschen, die einen Weg in ein echtes und tiefes Gebet gefunden haben; mit Menschen, die gut sind zu ihren Mitmenschen einfach weil sie mit Gott und aus ihm leben.

Aber nun, stellen Sie sich einmal vor, jetzt träte jemand aus unserer Mitte hier in Moos auf und würde uns voller Freude davon erzählen, dass er wirklich mit Jesus lebt, dass er ihn kennt, dass er durch diese Begegnung sein Leben verändert hat? Und stellen Sie sich vor, dieser Mensch würde uns einladen wollen, mit ihm zu beten, mit ihm immer neu auf Entde-ckungsreise zu gehen durch die Bibel, um wirklich zu verstehen, von wem da die Rede ist.

Wie würden wir wohl auf so jemanden reagieren? Würden wir nicht allzu leicht geneigt sein zu sagen: „Na ja, was will den der jetzt? Wir haben doch unseren Glauben. Bei uns ist des schon immer so gelaufen und nicht anders. Der soll sich jetzt erst einmal einordnen. Außerdem: wir kennen ihn doch. Wir wissen doch, aus welchem Hof er stammt. Und früher war er doch auch nicht so spinnert.“

Aber, liebe Schwestern und Brüder, vielleicht würde unsere Abwehr noch weiter gehen. Vielleicht, wenn wir insgeheim spüren: Der hat wirklich etwas erfahren und er hat wirklich etwas zu sagen; wenn wir das spüren würden, würden wir vielleicht sogar innerlich fühlen, der ist uns eigentlich ein lebendiger Vorwurf, eine ständige Anfrage an unseren eigenen Glauben. Hielte er uns nicht dauernd den Spiegel vor und würde er uns nicht vorführen, dass vieles von dem, was wir zu glauben oder darüber zu sagen meinen, vielleicht gar nicht ernst oder ehrlich wäre? Und würde es in uns dann nicht viel-leicht auch die Regung geben: Der muss weg!

Sie sehen, Schwestern und Brüder, das Evangelium ist für uns aufgeschrieben. Für mich als Bischof genau so, wir für viele von uns, die wir in einer traditionellen Frömmigkeit groß geworden sind, von der wir vielleicht spüren: sie trägt heute nicht mehr so wie früher. Sie bräuchte mehr Kraft und Tiefe und Ursprünglichkeit. Sie bräuchte mehr konkrete Erfahrung von Jesus, mehr echte Begegnung mit ihm.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will nicht falsch verstanden werden: Ich bin sehr froh über das Viele, was ich in Ihrem wunderbaren Dekanat kennen lernen durfte an Engagement, an gewachsenem Glauben, an Liebe zur Kirche, besonders zur Kirche vor Ort. Und ich freue mich sehr, Ihnen und Ihrem Glauben zu begegnen!

Aber ich stelle dem Herrn und mir selbst immer wieder auch diese Frage: Wo wächst heute Kirche und wenn sie wächst, warum? Und die Antwort ist eigentlich immer: Sie wächst durch Menschen, denen Jesus selbst irgendwann im Leben so wichtig geworden ist, dass sie zuerst und vor allem für ihn und mit ihm leben wollen. Sie wächst durch Menschen, die überzeugend und von Herzen anderen sagen können, wer er ist, wie er ist. Und sie wächst durch Menschen, die anderen den Weg aufschließen können in ein tieferes Gebet, in ein neues Innenleben, das wirklich mit Freude und Leben erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder, in mir gibt es beide Seiten, und ich glaube wohl auch in jedem von uns: Es gibt den Pharisäer, der den Glauben auf das beschränken will, wie es immer gelaufen ist, der Pharisäer in mir, der schon weiß, wie das funktioniert hat. Und der andere daran misst, ob sie es so machen, wie immer – oder wie es der Bischof vorschreibt. Und es gibt die andere Seite in mir und auch wieder in jedem von uns: Die Seite, die Sehnsucht hat nach mehr, nach größerer Tiefe, nach einem Vertrauen, das wirklich trägt, nach einer Freude, die nicht vergeht, nach einer Liebe, die mich zu Jesus drängt und zu den Menschen um mich herum.

Mein Wunsch ist es, liebe Schwestern und Brüder, in Ihnen diese Sehnsucht zu wecken oder anzuspornen, die Jesus neu entdecken will. Eine Sehnsucht, die sich mit dem, was so gängig ist, nicht zufrieden gibt. Sie alle haben eine Berufung in sein priesterliches und königliches und prophetisches Volk. Sie alle haben also eine priesterliche, königliche und prophetische Berufung. Jeder und jede persönlich. Und Jesus hat uns allen eine Seele gegeben, in der er wohnen will, wie in einem Schloss oder in der er umhergehen will, wie in einem wunderschönen Garten. Er will mehr von uns, als wir ihm meistens zu geben geneigt sind. Nicht, weil er egoistisch wäre, sondern weil er unser Leben verwandeln will in ein Leben voll Freude, in ein Leben, das seinem Namen entspricht, den wir tragen. Wir sind Christen und er will, dass man es sieht und spürt.

Und täuschen Sie sich nicht, Schwestern und Brüder, Christsein von Herzen ist mehr und was ganz anderes als ein wenig nett sein und am Sonntag in die Kirche zu gehen. Christsein heißt: sich lieben lassen von Jesus, heißt vielmehr in echter Beziehung sein mit ihm um dadurch ein Mensch zu werden, der aus seiner Gegenwart vertrauen, hoffen und lieben lernt. Der Herr wartet schon auf Sie. Er hat in Ihrem Herzen schon begonnen mit dem Prozess der Verwandlung. Die Frage an uns ist: Wie sehr lassen wir ihn wirken? Wie innig antworten wir auf diese Liebe?

Bild: W. Friedenberger

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