Damit die Fluten nicht auch das innere Haus zusammenbrechen lassen – Besuch in Triftern nach dem Hochwasser

Liebe Schwestern, liebe Brüder hier in Triftern und in den Nachbarorten, die von der Hochwasserkatastrophe betroffen waren,

es war erschütternd und es ist immer noch erschütternd. Wie schnell es möglich ist, dass durch die Kräfte der Natur Existenzen vernichtet, Häuser weggespült, sich eine friedliche Landschaft mit Bach in ein tödliches Inferno verwandeln kann, hier bei Ihnen in Triftern, in Anzenkirchen, in Lengsham und anderswo bei uns, in Simbach vor allem, aber auch darüber hinaus in anderen Orten des ganzen Landes. Immer wieder bin ich im Nachhinein gefragt worden und habe mich selbst gefragt: Wo ist Gott? Warum lässt er es zu? Warum lässt er eine Welt zu, in der so etwas geschieht? Ich sage Ihnen ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich weiß keine letzte Antwort, ich kenne ein paar theologische oder philosophische Versuche, die mehr oder weniger plausibel sind. Aber im Letzten ist das nicht auflösbar. Es bleibt eine Dimension des Unerklärlichen.

Auch Jesus kommt in eine Welt voll Unrecht und erleidet es selbst

Aber ich weiß auch dass im heutigen Evangelium der Gottessohn selbst eine Geschichte erzählt, in der Schreckliches geschieht, schreckliches Unrecht. Wir neigen ja dazu, in der Erzählung vom Barmherzigen Samariter zuerst auf den Samariter zu sehen und auf seine wunderbare Tat, sein barmherziges Handeln und das ist auch recht so. Aber zunächst erzählt Jesus auch die normale Geschichte einer Welt, in der es brutal ungerecht zugeht. Und keiner stellt die Frage: Hat derjenige, der unter die Räuber fällt und halbtot geschlagen wird, hat der das etwa verdient, hat er gesündigt oder nicht? Nein, diese Frage stellt sich nicht. Wir stellen nur fest, dass wir in einer Welt leben, die nicht nur gerecht ist. In einer Welt, die an manchen Orten überhaupt nicht gerecht ist, eine Welt, in der mancherorts sogar Unrecht regiert. Oder die Gier, die Gier nach Macht, nach Geld, nach Anerkennung, nach schnellem Vergnügen, nach eigener Sicherheit auf Kosten anderer und vieles mehr. Und zwar in der Regel zunächst einmal durch den Menschen, durch das Menschenherz, in dem die Neigung zum Bösen einfach auch da ist. Wir alle sind normalerweise keine Heiligen, wir alle sind auch Sünder. Und irgendwie gibt es einen unheilvollen Zusammenhang, eine Art Schicksalsgemeinschaft des Menschen in seinem Hang zum Egoismus und zum Bösen.

Gebrochenheit des Menschen und der Natur

Und in der hl. Schrift wird nun auch da und dort ein geheimnisvoller Zusammenhang angedeutet zwischen der Gebrochenheit des Menschen und der Gebrochenheit der Natur insgesamt. So als hätte der Mensch mit seiner Gebrochenheit die ganze Schöpfung irgendwie mitgenommen in dieses Schicksal. Paulus etwa sagt im Römerbrief, die ganze Schöpfung liegt auch in Wehen, sie stöhnt, auch in ihr gibt es Tod und Verlorenheit, und sie wartet auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes. Das heißt im Positiven womöglich Folgendes: Überall dort, wo der Mensch wieder anfängt, wirklich auf Gott bezogen zu leben, wo er ihn liebt und achtet und ehrt, da fangen Wunden an zu heilen, da heilen Menschen einander und da wird auch die Schöpfung wieder geachtet. Heilung geschieht von innen her, vom Herzen der Menschen.

Seit Jesus müssen Leid und Tod nicht mehr das letzte Wort haben

Und im Blick auf den Gottessohn kann man sagen, dass Jesus diese ganze Ungerechtigkeit der Welt selbst erleidet, selbst austrägt. Er, der Gerechteste von allen, leidet das größte, grausamste Unrecht von allen. Brutale Folter und Tod am Kreuz. Aber gerade durch ihn heißt Heilung von innen her auch: Durch seine Auferstehung kommt mitten in diese gebrochene, dem Tod geweihte Welt von neuem das Leben hinein. Ein Leben, das nicht mehr tot zu kriegen ist. Jesus schafft nicht einfach das Unrecht und das Unglück aus der Welt. Er weiß, dass es das gibt und solange geben wird, solange diese Welt besteht. Aber er eröffnet einen Zugang zu einer neuen Welt, die stärker ist als der Tod, die den Tod schon besiegt hat. Und in der kein Unglück und keine Katastrophe mehr das letzte Wort haben wird. Wenn wir glauben, wenn wir mit ihm gehen.

Der Nächste werden…

Zurück zum Samariter und dem Verletzten, der von Räubern ausgeraubt und fast getötet worden wäre: Wir haben es gehört: Die Berufsreligiösen, der Priester und der Levit, laufen vorbei. Es geht sie nichts an. Und ausgerechnet der Mann mit dem aus Sicht der Juden verkehrten Glauben, ausgerechnet er, der Mann aus Samarien, öffnet sein Herz, lässt den Halbtoten an sich heran, er lässt ihn sich nahegehen und versorgt ihn, als wäre er selbst betroffen. Liebe Schwestern, liebe Brüder. Es gibt Unglück in der Welt, weil sie nicht gerecht ist, weil sie verwundet ist. Aber Gott lässt mitten im Unglück Liebe neu aufleuchten. Er vermag die Herzen der Menschen so zu bewegen, dass mitten im Unglück Hoffnung aufkeimt. Der Samariter wird dem anderen zum Nächsten und dieser ihm. Er überwindet seine Zweifel, seine Angst, vielleicht selbst ausgeraubt zu werden, er überwindet seinen Ekel womöglich vor einem, der verwundet ist, schon lange daliegt. Er überwindet Fremdheit und wird Freund, Menschenfreund.

Ich denke, liebe Schwestern und Brüder, auch das ist eine Folge der Katastrophe, die in unseren Breiten gar nicht unähnlich erlebt wurde: Auf einmal kommen Menschen, oft fremde Menschen und werden zu Nächsten. Sie packen mit an, räumen mit auf, trösten, sind einfach da und helfen, die eine oder andere Wunde, innerlich oder äußerlich, zu verbinden. Auf einmal ist Solidarität da, Mitleid im gesunden Sinn und auf einmal fragt der eine oder andere auch tiefer: Was bedeutet das alles? Hat es Bedeutung? Oder ist alles sinnlos? Oder gibt es doch einen geheimen Weltenplan und einen Weltenplaner, der am Ende alles zum Guten führt, alles zum Leben führt, alle, die mit ihm gehen, zur Auferstehung führt?

Worauf bauen wir unser inneres Haus?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, das ist meine Hoffnung, dass wir unsere geöffneten Herzen wieder neu dem zuwenden, der genau das will: Dass wir für ihn und füreinander offene Herzen haben. Dass wir ihn nicht vergessen, auch wenn um uns herum die Welt zusammenbricht. In der wichtigsten Rede der Bibel, der Bergpredigt, sagt Jesus am Ende: Wer meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Felsen baute. Und dann sagt er: Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, und die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein, denn es war auf Fels gebaut. Anders ergeht es dem, der die Worte hört und nicht danach handelt, sein Haus wird vom Sturm und den Wassermassen zerstört.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich denke, es ist klar, dass Jesus hier ein Bild verwendet für unser inneres Leben, unsere innere Tiefe. Er meint hier nicht das äußere Haus, unseren Besitz. Aber er fragt:  Was ist uns am wichtigsten im Leben? Wenn es nur Dinge der Welt sind, werden wir erleben, dass sie in der Welt irgendwann vergehen, keinen Bestand haben. Und wenn uns diese Dinge alles waren, dann ist auf einmal alles nichts. Dagegen: Wenn wir innerlich bei Ihm zuhause sind, wenn wir Gott wirklich unseren Vater nennen und lernen, bei Ihm zu bleiben, dann kann auch äußerlich Sturm und Zerstörung wüten, dann kann es materielle Verluste geben, aber wir haben einen Halt, der nicht zerstörbar ist, nicht tot zu kriegen.

Anlass zur Rückbesinnung

Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist diese Katastrophe, die viele von Ihnen erleben mussten, auch Anlass der Rückbesinnung für uns alle. Vielleicht lassen wir uns durch die Not der einen und die Hilfsbereitschaft der anderen wirklich anrühren und auch neu miteinander fragen: Wo haben wir unser Herz, wo unsere wirkliche innere Verankerung und wir wollen bitten: „Herr, lass nicht zu, dass wir Dich je vergessen. Hilf uns, dass du die Mitte wirst für unser Leben. Bleib bei uns. Hilf Du uns, unser Lebenshaus auf den Felsen zu bauen, der Du selber bist.“ In Simbach habe ich vorgeschlagen und möchte es auch hier wiederholen, als Einladung: Vielleicht gibt es ja unter Ihnen Menschen, die ein Herz haben und sagen. Wir wollen dieser Bitte, dass wir innerlich bei Gott bleiben, auch eine Form geben: Beispielsweise in einer dauerhaften Aktion der Solidarität mit Armen, beispielsweise in einem Gebetsversprechen, beispielsweise in einer regelmäßigen Wallfahrt. Nicht deshalb, weil Gott es braucht, sondern weil unser Herz allzu leicht dazu neigt, Gott zu vergessen. Und weil wir selbst immer neu auch für alle diejenigen beten wollen, die sich selbst schwer tun damit. Liebe Schwestern und Brüder, wie oft durfte ich Menschen begegnen, die in schweren Situationen ihres Lebens ihren Glauben bewahrt hatten. Ich darf Ihnen sagen, immer wieder staune ich darüber, dass solche Menschen ganz häufig tatsächlich weniger verzweifelt waren in Phasen der Not und der Krise, sie waren oft gefasster, innerlich stabiler, und oft auch noch als Halt für andere. Das Wort Jesu vom Haus auf dem Felsen ist so wahr!

Jedenfalls danke ich von ganzem Herzen für alle, die in den letzten Wochen so solidarisch für Menschen in Not hier im Hochwassergebiet mitgeholfen haben, die da waren und getröstet haben. Und ich habe tiefe Hochachtung vor denen, die selbst betroffen sind. Vor allem auch vor solchen, die in der Not auch weiter ihren Glauben an unseren Herrn bewahren konnten. Danke für jedes Zeugnis, das wirklich auf Ihn verweist und das zeigt, wie wahr sein Gebot ist: Dass wir ihn mit ganzem Herzen lieben sollen und unseren Nächsten wie uns selbst. Gott segne Sie alle. Amen.