Die Textfassung: Es war Verrat! Die Missbrauchskrise, die Bitte um Vergebung und der Weg der Wahrheit

In Ansprachen, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Menschen, die Sie an der Kirche leiden, liebe Geschwister, die Sie Leid durch Missbrauch in der Kirche erfahren mussten,

viele von Ihnen sind heute einmal mehr enttäuscht, entsetzt, verärgert, erschüttert, wütend, traurig, fassungslos und anderes mehr über Ihre Kirche. Und ich kann es verstehen und fühle mit Ihnen. Ich spüre auch in mir die Wut und Traurigkeit, die Fassungslosigkeit und die Scham und das Entsetzen über das, was passiert ist – und ein ehrliches Mitgefühl für alle Menschen, die von solchen Missbrauchserfahrungen betroffen sind, Menschen, die durch solche Taten oft für ihr ganzes Leben verwundet und gebrochen sind. Um solche Fälle wussten wir schon einige Jahre seit die ersten Betroffenen mit großem Mut an die Öffentlichkeit gegangen sind – aber eine umfangreiche wissenschaftliche Studie, die die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat, hat die Verbrechen in ihrem Umfang noch einmal schonungslos ans Licht gebracht. Oder noch deutlicher: Wir wissen inzwischen vieles. Aber wir wissen bestimmt noch nicht alles. Denn das Thema ist so schambesetzt, Missbrauch macht so verletzbar, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht wünschen, dass ihr persönlicher Fall Eingang findet in irgendwelche Akten der Kirche oder Veröffentlichungen durch die Medien. Menschen, die fürchten, mit ihren Erfahrungen nicht ernstgenommen zu werden, die Angst vor dem Einfluss der Täter haben oder Menschen, die schlicht und einfach noch nicht über das sprechen können, was passiert ist. Das bedeutet: Die Situation ist eigentlich noch schlimmer als wir jetzt wissen – und das, was wir jetzt wissen, ist schlimm, ist furchtbar genug

Wie konnte es passieren?

Wir suchen und fragen: Wie konnte und kann solches passieren? In der Kirche Jesu Christi, der die Liebe in Person ist? Wie war und ist es möglich? Ja, es waren zumeist andere Zeiten damals: Ein anderes Verständnis von Pädagogik, ein anderes Umgehen mit Sexualität, ein geringeres Wissen über Phänomene wie Pädophilie oder auch über psychische Langzeittraumata von Betroffenen. Aber all das entschuldigt nicht: Jeder Übergriff auf ein Kind, einen Jugendlichen, einen Schutzbefohlenen ist einer zu viel, jede Grenzverletzung ist verletzend und sehr vieles, was passiert ist, ist schlicht ein Verbrechen am Leben eines Menschen, am Leben von vielen Menschen. Und auch heute, in diesen Zeiten, hört es offenbar nicht auf.

Das Problem ist auch systemisch: Schutz der Institution vor dem Schutz der Opfer

Und ja, liebe Schwestern und Brüder, vieles war systemisch. Allzu häufig ging es zuerst oder vor allem um den Schutz der Institution Kirche oder um den Ruf des Priestertums, viel zu wenig waren Betroffene im Blick; viel zu häufig ging es um klerikale Macht, um Abhängigkeit, um Ausbeutung – und viel zu selten um die Frage: Wie schaut es wirklich aus hinter der Fassade? Sind wir in der Lage, die Tatsachen wirklich ans Licht zu bringen und mehr noch: Sind wir wirklich in der Lage denjenigen verletzten Menschenkindern ins Gesicht zu blicken, die durch unsere Priester, Ordensleute, Diakone oder andere kirchliche Mitarbeiter Schaden genommen haben? Sind wir willens unsere Schuld einzugestehen, auch die Schuld des ganzen Systems, deren Teil wir sind? Und sind wir in der Lage die Betroffenen, die Opfer, die Überlebenden wirklich zu begleiten und ihnen Hoffnung zurückzugeben? Auch die Hoffnung, dass es in der Kirche wirklich Heil zu finden gibt – mitten in dem vielen, was an Schmutz, an Abgrund, an Unheil auch in ihr ist? Und sind wir in der Lage, auch ein System zu verändern, dass eher zum Selbstschutz als zum Opferschutz neigt?

Wir haben viel getan, aber wir müssen immer dranbleiben

Liebe Geschwister im Glauben, liebe Frauen und Männer der Kirche und darüber hinaus: Wir haben in den letzten Jahren seit der ersten großen Welle des Bekanntwerdens von Missbrauch im Jahr 2010 viel gearbeitet. Auch in der Kirche von Passau. Wir machen mit unseren Mitarbeitern Präventionsarbeit, wir haben einen Präventionsbeauftragten, wir haben Anlaufstellen für Erstkontakte, wir haben uns Richtlinien gegeben für den Umgang mit Verdachtsfällen, für die Aufarbeitung von Beschuldigungen, für die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. Wir haben alle Menschen, die im Namen der Kirche mit jungen Menschen arbeiten, verpflichtet, in regelmäßigen Abständen ein polizeiliches Führungszeugnis einzubringen. Ich habe einen Beraterstab, zu dem auch Menschen gehören, die persönlich unabhängig von der Kirche sind. Jeder Verdachtsfall läuft auch über meinen Schreibtisch und nicht nur über meinen. Das und anderes mehr haben wir getan, aber wir wissen auch: Es ist nicht genug. Wir müssen dranbleiben. Wir brauchen immer neu Sensibilität für unseren Umgang mit den Menschen, wir brauchen Klarheit in unseren Begegnungen, wir brauchen intensive Arbeit über relevante Themen in der Ausbildung der Priester und unseres pastoralen Personals. Wir brauchen eine radikale Form der Selbstkritik im Blick auf die Institution. Wir durchlaufen eine dramatische Krise, aber ich habe dennoch Hoffnung, dass die schonungslose Wahrheit aufs Ganze heilsam sein kann. Ich hoffe natürlich auch, dass wir den Menschen, die Schaden genommen haben, noch besser unterstützend beistehen können, um so wenigstens ein wenig zum Heilungsprozess beitragen zu können.

Das eigentliche Problem: Der Mangel an Glauben

Viele fragen sich jetzt folgendes: Soll die Kirche ihre Sexualmoral überdenken, soll der Zölibat fallen, sollen wir Homosexualität anders beurteilen? Solche und ähnliche Fragen werden noch stärker als bisher auf uns zukommen und wir werden uns auch hier der Diskussion stellen müssen. Ich bin freilich überzeugt, dass die eigentliche Ursache für die Krise tiefer liegt. Ich frage mich, wo wir in unserer Kirche noch mit vollem Ernst der biblischen Wahrheit glauben, dass die Begegnung mit Jesus wirklich ein Leben heilsam verändern kann. Und zwar vor allem im Blick auf unsere Fähigkeit zu lieben. Glauben wir, dass es möglich ist, dass wir selbst durch die Beziehung mit dem Herrn Menschen mit größerer Authentizität werden können, weniger heuchlerisch, klarer in der Übereinstimmung von Sprechen und Handeln? Glauben wir noch, dass er so real gegenwärtig ist, dass er unser Leben zugleich erfüllen und reinigen kann? Und zwar als Menschen, die wirklich lieben können, mit Leib, Seele und Geist, weniger besitzergreifend, nicht begierlich, nicht benutzend – sondern tief und hingebungsvoll für den anderen? Glauben wir noch wirklich, dass die Liebe, mit der er uns liebt, eine zutiefst lautere Liebe ist, die nichts für sich will? Glauben wir, dass er uns zu solch einer Liebe befähigen will und kann? Das ist zumindest das biblische Zeugnis – und ich fürchte, viele von uns haben es allenthalben, vielfach und dramatisch verraten. Viele von uns verstecken sich lieber hinter schönen Predigten und spüren, dass es womöglich zu mühsam ist, sich wirklich zusammen mit dem Herrn um ein heiliges Leben zu bemühen. Unser Gebet ist oft so oberflächlich, unsere Zuwendung zu den Menschen oft so pharisäisch und auf äußere Anerkennung bedacht. Aber hier, im Glauben oder besser im fehlenden Glauben an die lebensverändernde, reale Gegenwart des Herrn, die wir in jeder Messe feiern, hier liegt aus meiner Sicht die eigentliche Ursache für den Verrat.

Gehen oder bleiben? Bleiben! Und mithelfen bei der Reinigung!

Und sicher werden sich manche von Ihnen jetzt fragen: Kann ich so einer Kirche noch angehören, soll ich nicht besser gehen, bevor ich mich mit denen gemein mache? Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie ermuntern: bleiben Sie! Und kämpfen Sie mit, dass der eigentliche Lebensgrund der Kirche wieder neu sichtbar und erfahrbar wird. Helfen Sie uns  bei der Reinigung der Kirche, bei der schonungslosen Aufklärung, helfen Sie uns auch bei der Fürsorge für die Betroffenen. Wir wollen ihnen zuhören, wir wollen sie begleiten und ihnen Hilfe anbieten, so gut wir können. Wir wollen Wunden heilen oder helfen, Kanäle zu öffnen, damit der Herr selbst Wunden heilen kann. Und ja: Es geht um Ihn, um Jesus, und es geht um die Menschen. Es geht daher auch niemals zuerst um uns Priester, Bischöfe, Diakone, Hauptamtliche! Es geht nicht zuerst um die Institution. Es geht zuerst um unseren Dienst am Heil und am Glauben der Menschen. Christus bleibt da, er liebt seine Kirche. Er ist auch bei den Aposteln geblieben, als Judas ihn verraten, Petrus ihn verleugnet hat und unter dem Kreuz alle Jünger davongerannt sind. Er ist geblieben. Er will, dass wir echter werden, wahrhaftiger und liebesfähiger. Und ich bin völlig überzeugt, dass er vor allem in den Geschenken der Taufe, der Eucharistie, der Beichte und der anderen Sakramente, in unserer betenden Gemeinschaft und jedem Akt ehrlicher Zuwendung wirklich in unserer Kirche da ist und wirkt. Es liegt an uns, jetzt miteinander zu kämpfen – für ihn und seine Kirche, für unsere eigene Bekehrung, für unsere Glaubwürdigkeit. Die Kirche ist so sehr beschmutzt durch nicht wenige von uns. Helfen wir zusammen bei der Umkehr, auch bei der Reinigung von uns selbst, immer neu, damit in der Kirche wieder neu und schöner das Licht Christi leuchten kann – für die Menschen. Auch durch unser aufrichtiges Dasein für die Vielen, besonders für die verletzten und verwundeten Seelen des Missbrauchs. Ich möchte Ihnen versichern, dass ich alles mir Mögliche tun werde, damit wir das Schreckliche in Zukunft verhindern können und dass wir Christus neu die Ehre geben wollen – im Dienst an Ihm und den Menschen.

Über unsere Priester bitte keinen Generalverdacht aussprechen

Ein letztes Wort noch zu unseren Priestern. Ja, es gab nicht wenige Täter unter ihnen – und wohl auch heute noch den einen oder anderen. Ich bin aber überzeugt, dass es in diesem Moment schon so viele weniger sind als in den vielen Jahren zuvor, die unsere Studie untersucht haben. Ich bin aber noch viel mehr überzeugt, dass die meisten, die allermeisten unserer Priester gute, glaubwürdige Männer sind; Priester, die es gerade in dieser Zeit nicht leicht haben werden. Ich bitte Sie daher: hüten wir uns vor Generalverdacht, beten wir für die Priester und helfen wir ihnen, in ihrem Dienst und ihrem Versprechen, treu zu sein. Aber sprechen Sie es auch offen und ehrlich dort an, wo Sie spüren, dass Priester offensichtlich ihrem Versprechen untreu sind oder gar sich an jungen Menschen schuldig machen, sprechen Sie klar und ohne Heuchelei. Wir brauchen einander, weil wir miteinander Volk Gottes sind und sein wollen. Ich bitte Sie im Namen der Kirche von Passau aufrichtig um Vergebung. Danke, dass Sie mir so lange zugehört haben. Gott segne Sie.

 

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