Den inneren Garten zum Blühen bringen: Du bist persönlich gemeint!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt am Ostersonntag 2017 im Passauer Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

das Grab Jesu ist nach dem Zeugnis der Evangelien von einem Stein gesichert worden, ganz offenbar ein großer Felsblock, den man davor gerollt hatte. Zusätzlich gesichert wurde es durch eine Wache von römischen Soldaten. Der Evangelist Johannes erzählt uns als weiteres Detail, dass das Grab in einem Garten gelegen sei. Weshalb Maria von Magdala den Auferstandenen zunächst auch für den Gärtner hält. Johannes weist sehr oft in seinen einfachen Worten und Bildern auf Tieferes hin, die Worte sind bewusst mehrdeutig gewählt. Und so ist es sehr wahrscheinlich, dass er mit dem Garten hier zugleich das Bild vom Paradieses-Garten aus dem Alten Testament mit anklingen lässt. Ist der Ort des Grabes, der Ort, wo sich die Auferstehung ereignet, nicht der Ort des Anbruchs des ganz Neuen, des ganz neuen Lebens, in das die Menschen hineingerufen werden? Und kann man nicht auch die Soldaten vor dem Grab in Beziehung setzen mit den Engeln mit den Flammenschwertern? Das sind die Engel, die im Alten Testament nach dem Sündenfall des Menschen den Eingang zum Paradies bewachen. Wir kommen da aus eigener Kraft nicht mehr hinein, wir brauchen Hilfe, wir brauchen Erlösung.

Im Tod: Anbruch des neuen Lebens

Und das Grab Jesu ist nun einerseits der Ort des Todes, aber es ist immerhin schon ein Garten und als solcher sollte er der Anfangsort des absolut Neuen in dieser Welt werden. Hier beginnt etwas, was die Welt noch nie gesehen hat. Hier kehrt einer von den Toten zurück, aber nicht so, wie Lazarus auferweckt worden – und später wieder gestorben ist. Hier reicht eine neue Seinsweise in unser sterbliches Leben hinein, das absolute Leben Gottes. Hier durchbricht das Leben Gottes die Finsternis unseres Todes. Der Stein ist weggewälzt, die Soldaten fallen um wie tot und danach rennen sie wohl fort. Und den Auferstandenen sieht zunächst noch niemand.

Liebe macht sehend

Auch nicht Maria von Magdala, die nach dem heutigen Evangelium voll Trauer und Sehnsucht zum Grab läuft und den weg gewälzten Stein sieht; und sie läuft gleich zurück zu Petrus und Johannes, erzählt es ihnen und nun laufen auch die beiden los. Der Lieblingsjünger Johannes, gezogen von der Liebe zum Herrn, läuft schneller als Petrus, aber er bleibt am Grab stehen und lässt dem Ersten der Apostel den Vorrang. Petrus tritt ein, er sieht die Leinenbinden und das Schweißtuch ganz geordnet daliegen. Dann geht auch Johannes hinein. Und von Johannes wird nun gesagt: Er sah und glaubte. Die Liebe macht geneigt zum Glauben und das Vertrauen des Glaubens befördert wiederum die Liebe.

Die Grabkammer des eigenen Herzens

Liebe Schwestern und Brüder, hier möchte ich den Blick auf unser eigenes Leben lenken: Unsere Seele wird in den Zeugnissen des Glaubens durch die Jahrhunderte auch oft mit einem Garten verglichen, einem Garten, in dem Gott wohnen will, in dem er uns begegnen will, in dem er mit uns einfach zusammen sein will. Und wo wir als Menschen aufgefordert sind, Menschen der Innerlichkeit zu werden, die ihren inneren Garten auch pflegen. Und hier dürfen wir uns daher die Frage stellen: Ist unser Inneres, unser Herz wirklich schon Garten, in dem das neue Leben angebrochen ist? Oder ist es noch eher Grabkammer, in der der Stein, der schwere Grabstein richtig viel Gewicht hat und verschließt und uns nach unten zieht. Der Grabstein ist ein Bild für unsere Neigung zu glauben, mit dem Tod sei alles aus. Er ist das innere Gewicht, das dazu tendiert uns nach unten zu ziehen, uns nur zu verlassen auf alles, was in dieser Welt sichtbar ist, was anfassbar ist, was ich kontrollieren kann, was mir Sicherheit gibt! Ein solches Inneres neigt zur Dunkelheit, zur Verschlossenheit, zur Sünde. Wir sehen in uns nicht viel und wissen gar nicht, was alles in uns ist; oder wir wissen es doch, welche Leichen da womöglich noch liegen, und welches Ungeziefer sich da in meiner inneren Grabkammer herumtreibt, aber wollen gar nicht so genau hinsehen. Das Grab mit dem Felsblock und den Wachen davor als Bild für ein verschlossenes, ichbezogenes Herz, ein Herz, das nicht glaubt, dass aus dem Tod das Leben kommen könnte; ein Herz, das das Licht noch nicht kennt, das ihm da entgegenscheinen will.

Er will Dir den inneren Garten erneuern!

Maria von Magdala hat auch noch keine Vorstellung davon, sie sucht nur den Leichnam des Meisters, dem sie so treu gefolgt war. Aber sie bleibt stehen, sie geht nicht mit den Jüngern wieder heim. Sie weint und beugt sich in die Grabkammer hinein. Ihre liebenden, sehnsüchtigen, traurigen Augen sehen jetzt schon mehr als Petrus und Johannes: Sie nehmen wahr, wie der Raum von zwei Engeln erfüllt ist, die mit ihr sprechen. Die Engel sind die Vorboten des Lebens, sie haben keine Flammenschwerter mehr, die das Paradies gegen den Menschen bewachen, sondern sie sitzen einer dort, wo der Kopf, einer wo die Füße Jesu gelegen hatten. Als wollten sie sagen: Hier, hier ist das Tor zum neuen Leben, zum neuen Garten Eden. Der, den Du als Toter suchst, er lebt, er zeigt uns den Weg nach Hause, den Weg zur Versöhnung. Er will auch in dir den Grabstein wegwälzen, er will ihn von innen her mit Licht erfüllen und dir einen inneren Garten schenken, in dem Gott Wohnung nimmt, in dem er mit Dir einen Umgang wie mit Freunden pflegt.

Maria! – Jesus spricht uns persönlich an

Maria ist noch irritiert: Sie sieht immer noch die Leerstelle zwischen den Engeln und fragt weiter nach dem Leichnam – und sieht nun Jesus hinter sich stehen, erkennt ihn aber nicht. Sie denkt es ist der Gärtner und auch hier ist der Evangelist wieder bewusst mehrdeutig. Die christlichen Maler haben Jesus auch immer mal wieder tatsächlich als Gärtner dargestellt, der auf den Bildern wahlweise den Paradiesesgarten oder den Garten der Menschenseele neu kultiviert. Maria will vom Gärtner wissen, wo der Leichnam Jesu liegt. Sie will ihn holen. Und jetzt, liebe Schwestern und Brüder, können wir einen Moment innehalten und innerlich in die Knie gehen, wenn wir diesen Satz hören: „Jesus sagte zu ihr: Maria!“ Jetzt, in diesem Augenblick, ist alles neu, jetzt heißt es ihm Text: „Sie wendet sich ihm zu“, jetzt ist persönliches Berührtsein, persönliche Begegnung. Und sie erkennt wohl in diesem Augenblick nicht nur den geliebten Menschen wieder, sondern auch den Kyrios, den Herrn, den Herrn der Welt. Sie wird nämlich nach Hause laufen und sagen: Ich habe den Herrn, den Kyrios, gesehen. Und dieser Kyrios hat sie persönlich beim Namen gerufen. Er kennt sie, er liebt sie und sie ihn. Und es bewahrheitet sich, was Jesus zuvor schon im Evangelium gesagt hatte: Die Meinen kennen meine Stimme. Die Stimme Jesu ist die Stimme, die mich persönlich meint, die mein Herz berührt, die den inneren Grabstein wegwälzt, die Licht einfallen lässt und alles in mir in einen Garten des Lebens verwandeln will.

Die österliche Berührung: Jesus lebt!

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin überzeugt, dass uns der Evangelist in der Dichte dieser Erzählung etwas von der Urerfahrung mitteilen will, die am Anfang des christlichen Glaubens steht – und die gewissermaßen der Anfang jeder wirklichen Glaubensgeschichte ist: Sie besteht im Grunde aus zwei Erfahrungen, die in einen Glaubensakt münden. Die erste Erfahrung ist: Jesus lebt. Das Grab ist leer, der Stein ist weggewälzt, jetzt kann endlich Licht hinein und Leben. Jesus lebt. Liebe Schwestern und Brüder, das ist, meine ich, der Anfang eines persönlichen Glaubens: Wenn Sie einmal innerlich bewegt werden von diesem Bekenntnis: Jesus lebt. Wenn Sie es innerlich mitvollziehen können, wenn es Sie berührt – und eben nicht nur ein schöner Gedanke ist. Nein, wenn es mehr und mehr zur inneren Überzeugung wird: Jesus lebt. Dieser Spur folgen, heißt in eine persönliche Beziehung zu Christus zu finden und darin zu wachsen.

Die Meinen kennen meine Stimme

Und die zweite Erfahrung geht bei Maria von Magdala einher mit der ersten. Sie lautet: Ich bin persönlich gemeint, persönlich angesprochen. Dieser Gott, der lebt, ist nicht ein abstraktes Wesen über den Wolken oder einer, über den wir nur noch alte Geschichten erzählen. Nein, das Evangelium ist für uns aufgeschrieben worden, die Eucharistie ist für uns eingesetzt worden: Ich bin gemeint. Ich bin beim Namen gerufen und kann mein persönliches Amen dazu sagen. Die Meinen kennen meine Stimme, sagt der Herr!

Wir sind dabei!

Diese beiden Erfahrungen bilden den Kern des Osterglaubens der Kirche. Kirche sind die, die zu Jesus gehören, die er kennt und die ihn kennen, und die sich von ihm mit dem Vater versöhnen lassen, die sich heimführen lassen in das große Fest des Lebens. Es ist ein Fest, das heute schon angeht, das Fest des Auferstandenen, des Siegers über den Tod. Und auch wir sind mit dabei. Hallelujah.

 

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