Die neue Geburt und die Macht der Gotteskindschaft

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Weihnachtspredigt am 25.12.2018 im Passauer Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

vor einigen Jahren hatte ich als damals noch junger Ordensmann in einer Hl. Messe das Evangelium vorzutragen. Es war dieses Evangelium das wir eben auch gehört haben, der so genannte Johannesprolog, diesen großen und tiefen Text über das Wort, das Wort Gottes. Es ist ein Text, der freilich nicht so ganz leicht in den Kopf oder gar ins Herz geht. Hauptzelebrant bei dieser Messe war damals aber nicht ich selbst, sondern ein anderer Priester, der Pfarrer der Pfarrei. Und dieser Priester bat mich nun allen Ernstes, einige Zeilen wegzulassen, die wir eben gehört haben. Die Zeilen, wo es heißt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Macht Kinder Gottes zu werden, allen die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“.  Der Pfarrer meinte, gerade diese Zeilen mit dem Blut, dem Fleisch und dem Willen des Mannes, das würde doch ohnehin niemand verstehen. Und es klinge schon wieder so leibfeindlich, typisch Kirche. Und es führe wenn überhaupt dann zu Missverständnissen. Ich meinte dann, man müsse eben erklären, was gemeint ist, aber einfach eine Passage aus dem Evangelium weglassen, das gehe gar nicht. Und ich bin heute noch mehr denn je der Überzeugung, dass gerade diese Passage überaus wichtig ist. Der Evangelist spricht hier von zwei Geburten. Die eine Geburt ist die mit einem biologischen Schwerpunkt: die Geburt aus Blut, Fleisch, und dem Willen des Mannes. Wir alle haben diese biologische Herkunft, unser Fleisch und Blut von unseren Eltern her – und die meisten von uns tragen immer noch den Familiennamen des Vaters, nicht wenige Söhne auch den Vornamen des Vaters. Diese Geburt gibt es also bei jedem von uns und sie ist so gewollt und eben gar nicht schlecht oder negativ.

Von neuem geboren werden?

Aber eine solche Geburt zielt Johannes nicht an, jeder kennt sie ohnehin. Es gibt eine andere Geburt, eine zweite Geburt, die aus seiner Sicht wichtiger ist als die erste. Die Geburt aus Gott. Es ist ein neues Leben mitten im schon vertrauten Leben, ein zweites Leben, das über das Leben hinausreicht, das jeder von uns hat, aus Biologie, aus Eltern, die uns gezeugt, aus einer Mutter, die uns geboren hat. Wenig später im Johannes-Evangelium wird Jesus seinem Gesprächspartner Nikodemus sagen: „Amen, amen ich sage dir, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht schauen.“ Aber Nikodemus versteht zunächst auch nur diese natürliche, biologische Ebene, wenn er zurückfragt, wie das wohl gehen könne. Denn kein Mensch könne doch in den Bauch der Mutter zurück?

Die rosarote Brille

Was also ist gemeint? Wir alle, liebe Schwestern und Brüder, kennen Situationen aus der eigenen Erfahrung oder der von anderen, die wir beschreiben mit „wie neu geboren“. „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ heißt ein bekannter Schlager. Verliebt-sein macht neu, lässt das Leben neu sehen. „Ich fühl mich wie neu geboren“, sagt ein Mensch, wenn er eine Krise hinter sich gelassen hat oder wenn er von einer Kur nach einer Krankheit zurückkommt. Das so grundstürzend Neue hängt mit einer Erfahrung zusammen, die oft alles andere, all unser Denken, unsere Betätigungen, unsere Gefühle, unsere Beziehungen, unseren Blick auf die Welt verändert. Es ist wie die berühmte rosarote Brille, nur von innen her gesehen: eine heilsame, schöne Tiefenerfahrung, die von innen her so verändert, dass ich mich wie in einem neuen Leben fühle und mich selbst, die Welt und die anderen mit neuen Augen betrachten kann. Mit solchen Erfahrungen arbeiten manchmal auch Psychotherapeuten, wenn sie Menschen aus der Krise heraushelfen wollen. Sie helfen ihnen zum Beispiel, ihre künstlerischen oder sportlichen Fähigkeiten zu entdecken, oder sie lassen sie mit Tieren arbeiten und helfen ihnen, eine neue Seite an sich zu erkennen, die sie vorher noch nicht hatten. Es geht dann um eine neue Sinnerfahrung für sich selbst und die sagt: „Mein Leben hat doch Sinn, es hat doch schöne Seiten, es ist nicht so trostlos, wie ich es oft wahrnehme“.

Ein himmelweiter Unterschied

Nun, liebe Schwestern und Brüder, all das, was ich beschrieben habe, ist gut und schön, aber es bleibt doch irgendwie nur eine Veränderung des bisherigen Lebens, eher eine kräftige neue Zusatzfarbe, aber eben nicht eine neue Dimension. Denn ob ich neuen Sinn durch ein neues Hobby finde, oder ob ich wirklich durch Jesus zu Gott, dem Vater, finde, dazwischen ist buchstäblich ein himmelweiter Unterschied. Der Evangelist sagt uns: Wenn wir uns dem öffnen, der Fleisch geworden ist, der unter uns gewohnt hat und den er als das Wort Gottes beschreibt, wenn wir ihn aufnehmen, dann bekommen wir die Macht der Gotteskindschaft. Dann wird alles neu, es ereignet sich neue Geburt, neuer Sinn, neues Leben, eben Macht der Gotteskindschaft.

Die Macht der Gotteskindschaft

Aber was für eine Macht ist das? Hört sich dieses biblische Wort nicht gerade heute so verdächtig an? Von Macht wird da gesprochen und von Kindschaft. Ist es nicht eher so, dass wir heute dauernd in der Zeitung lesen müssen, dass gerade Kinder und Jugendliche Opfer von klerikaler Macht geworden sind, von einer Macht, die buchstäblich gnadenlos den Heilsauftrag der Kirche ins Unheil pervertiert hat? Liebe Schwestern und Brüder, ja, diese Seite gibt es auch in der Kirche – und ich will auch an Weihnachten nicht darüber schweigen. Und es gibt diese dunkle Seite auch in unserer Gesellschaft in so vielen Familien, in denen im Namen der Liebe zwar Kinder gezeugt, aber später ebenfalls oft unter dem Deckmantel der Liebe misshandelt und missbraucht werden. All das und anderes Schlimme mehr gibt es im menschlichen Leben und auch in der Kirche. Und zwar aus meiner Sicht deshalb, weil sich die Neugeburt in unserem Leben nicht wirklich vollzogen hat, weil wir uns so schwer tun, das lebendige Wort in uns aufzunehmen, es in uns sich auswirken und auszeugen zu lassen, ihm immer mehr zu glauben. Denn es ist immer so: Wo wirklich Jesus in ein Leben tritt, da muss in mir das untergehen, was die Macht meiner eigenen Selbstherrlichkeit bedeutet. Diese Macht hört sich ungefähr so an: „Ich bin der Gestalter meines Lebens. Ich glaube vor allem an mich selbst. Ich mache was aus mir. Ich bin stolz auf alles, was ich geleistet habe. Ich drehe mich also zuerst einmal vor allem und zuerst um mich.“ Oder es gibt sie auch in der religiösen Variante. Dann hört sie sich so an: „Ich kümmere mich jetzt einmal um Glauben, ich meditiere jetzt, ich finde jetzt meine innere Mitte, ich mache mir ein Jesusbild, das zu mir passt, ich suche mir meine eigene Spiritualität. Ich verhalte mich rechtschaffen, dann kann Gott doch nicht anders als mich gut zu finden.“ Das hört sich an wie: „Eigentlich brauch ich Gott bestenfalls ein bisschen – damit er mich in meinem Gutsein bestätigt oder meine religiöse Leistung dekoriert.“

Die eitle Selbstgerechtigkeit muss sterben

Liebe Schwestern und Brüder, das Weihnachtsevangelium sagt uns, dass Gott völlig anders in unser Leben kommt, völlig ungeahnt und ungeplant als wir es uns hätten wünschen oder ausdenken können. ER, der Allmächtige, der allen Grund und viel mehr Recht hätte als wir, an seiner schöpferischen Macht selbstherrlich festzuhalten – er lässt alles los, begibt sich in die äußerste Ohnmacht und Abhängigkeit eines Kindes. Und später noch dramatischer in die Ohnmacht des Gefoltertseins und des Angenageltseins am Kreuz. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab – damit jeder der an ihn glaubt, das ewige Leben hat – und nicht verloren geht“. Sagt das Evangelium, und ich möchte hinzufügen: Damit jeder, der an ihn glaubt nicht verloren geht – in seiner Versuchung zur eitlen und letztlich hohlen Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit.

Ohnmächtig mächtig

Die Macht der Gotteskindschaft ist aber eine andere: Es ist die innere Verbindung mit dem Gotteskind Jesus und die führt in die Fähigkeit, sich selbst zu verschenken, statt dauernd an sich festhalten zu müssen. Sie besteht in der Fähigkeit zum Mitleiden mit den Geknechteten und Armen und in der Fähigkeit, sich selbstlos für die Welt zu engagieren. Sie kann sich selbst loslassen, weil sie sich getragen weiß von der schöpferischen, der väterlichen Liebe, die die Welt selbst erschaffen hat. Sie ist auch in der äußersten Fremde daheim – und muss sich nirgendwo mehr mit Gewalt durchsetzen oder sich Freunde erkaufen oder Menschen emotional ausnutzen und manipulieren. Sie ist ohnmächtig mächtig und darin ein wahrliches Richtmaß für die Welt, sie ist sogar ihr eigentliches Richtmaß.

Das Sehnen nach mehr als allem

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Maßstab, diese Liebe von Krippe und Kreuz ist zu uns gekommen, um uns aufzurichten, um uns eine neue Geburt zu schenken. Wer an mich glaubt, sagt Jesus, hat das Ewige Leben. Wer an ihn glaubt, wird nie mehr Durst haben, in ihm wird die Freude sein, sagt Jesus. Wer ihm vertraut, für den öffnet sich der Himmel, für den wird der Sinn seines Lebens ein tieferer sein als jeder Sinn, den die Welt allein zu geben hätte. Er schenkt eine Freude, die nur dort, nur bei ihm zu finden ist. Liebe Schwester, lieber Bruder, Sie suchen Sinn in ihrem Leben und in dieser Welt?  Und sie spüren in sich ein Sehnen, das Ihnen zeigt: Selbst wenn Du alles ausprobiert und genossen hättest, und wenn dir alle Liebe deiner Lieben zuteil geworden wäre und wenn du alles Ansehen und Erfolg und allen Reichtum bekommen hättest, den die Welt zu geben hätte, dann gäbe es immer noch dieses Sehnen in Ihnen, das da sagt: Es muss doch mehr als nur die Welt geben! Und das ist deshalb so, weil wir geschaffen sind für ihn, für den Sinn der Welt, wir sind geschaffen für die Gotteskindschaft und für die Ewigkeit. Liebe Schwestern und Brüder: Wir feiern Weihnachten aus Dankbarkeit für Ihn; denn er hat Weihnachten werden lassen für uns. Er ist Menschenkind geworden, damit wir in die Gotteskindschaft zurückfinden. Wie finden wir zurück? Wenn wir lernen, uns ihm vertrauensvoll, glaubensvoll zu überlassen und lernen ihn zu lieben; ihm, dem Kind in der Krippe und ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.

Weihnachten vergeht nie

Streben wir mit ihm nach dem Himmel, dann gewinnen wir mit ihm auch die Erde und alles in ihr. Streben wir nur nach der Erde, verlieren wir den Himmel und die Erde mit ihr. Die Krippe von Bethlehem ist unser Geschenk und unser Geschick. Unser Aufgerichtet werden und unser Gerichtet werden. Denn alles, was nicht in der Liebe des Himmels gründet, wird vergehen. Weihnachten vergeht nie. Es ist das Geschenk unseres Lebens. Amen.

Bild: Mit liturgischem Dienst, am 25.12. traditionell die „alte Garde“ aus St. Max als Domministranten. (Bild: Köllnberger)

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