Diener der Freude

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt zur Diakonenweihe 2017 in Altötting

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

vor einigen Jahren kam in unserem Salesianerhaus in Berlin ein Taxifahrer vorbei, klingelte und sagte, er sei hier, um das Gerät für die Beerdigung abzuholen. Der Mann an der Pforte fragte, welches Gerät? Die Antwort des Taxifahrers: „Na, das für die Fotos, für die Dias?“ Der Pförtner stutzte, der Mann sagte: „Ich glaube, das Gerät heißt Diakon.“ Aha, den Diakon für die Beerdigung sollte er abholen.

Was ist ein Diakon?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe angehende Diakone: Wir leben in einer Zeit, in der es gar nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Menschen wissen, was ein Diakon ist und was er tut. Auch nicht unter den Gläubigen in unseren Pfarreien – und das, obwohl wir doch schon einige Jahrzehnte auch so genannte Ständige Diakone unter uns haben. Und nicht nur die Gruppe derer, die wie unsere vier Kandidaten heute, zugleich auf dem Weg zur Priesterweihe sind.

 In glaubensferner Gesellschaft Zeichen des Glaubens setzen

Diese Unkenntnis dessen, was ein Diakon ist, ist aber nur ein Symptom unter vielen, die wir durch die Entkirchlichung heute erleben. Das Bekenntnis zum Glauben, zu Christus und seiner Kirche, wird seltener und dadurch für die, die es bekennen, auch nicht leichter. Viele von uns Christen, vielleicht im Grunde wir alle, kennen Gelegenheiten, bei denen wir ganz bewusst mit dem Bekenntnis zum Glauben hinter dem Berg halten. Auch dann, wenn wir vielleicht spüren, dass es jetzt angebracht wäre. Zwei ganz einfache Beispiele: In einem Restaurant völlig selbstverständlich das Kreuzzeichen machen und ein kurzes, leises Gebet sprechen. Oder stellen Sie, liebe Kandidaten, sich vor, Sie sitzen als zukünftiger Diakon oder Priester in einem vollen Zug und es wäre Zeit, jetzt das Stundengebet zu beten, zu dem Sie sich heute mit Ihrer Weihe verpflichten. Ziehen Sie Ihr Gebetbuch heraus, machen das Kreuzzeichen und beten einfach? Oder gibt es in uns nicht die Seite, die viel lieber wartet, bis wir es unerkannt tun können, so dass es keiner sieht? Oder wie geht es uns heute mit dem Tragen von Priesterkleidung oder zumindest dem ausdrücklichen Kenntlichmachen durch ein Kreuz am Revers des Jackets, dass wir Geistliche sind? Solche Dinge sind nicht mehr selbstverständlich, wenn sie es denn je waren. Denn der Glaube, und das scheint mir ein wachsender gesellschaftlicher Konsens zu sein, der Glaube ist Privatsache. Keiner will, dass ihm da etwas aufgedrängt wird. Gerade Christen sind nicht selten übervorsichtig – und meinen, niemanden belästigen zu dürfen oder zu wollen.

Sich-schämen für den Glauben? Schon bei Paulus ein Thema

Und wenn wir uns nun selbst von so einer Beschreibung betroffen fühlen, dann tröstet uns vielleicht das Wort von Paulus aus der heutigen Lesung: Zweimal kommt dort das Wort vom Sich-schämen für den Glauben auch in dieser Lesung vor: Paulus ermahnt den Timotheus: „Schäme dich nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen.“ Und er macht sehr deutlich, dass die Kraft zum Bekenntnis aus dem Heiligen Geist kommt, aus dem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und zweitens schreibt Paulus über sich selbst: „Ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe.“ Ganz offenbar also ist das Bekenntnis zu Jesus auch in der Welt des Paulus schon ein Thema, das herausfordert, das zur Entscheidung auffordert, aber auch eines, für das sich Menschen schämen oder ängstigen.

 Es geht zuerst um Begegnung mit Jesus

Nun liebe Schwestern und Brüder, die heutige Tendenz zur Privatisierung des Glaubens ist einerseits bedenklich, aber andererseits liegen in dieser allgemeinen Glaubensverdrängung auch neue Möglichkeiten: Dort, wo wir selbstverständlich Zeugnis geben, wächst wieder neues Interesse. Dort, wo wir das Evangelium auch so herausfordernd verkündigen und leben, wie es die Kirche glaubt – und es nicht weichspülen zu einer Ethik des netten Mitbürgers – dort lassen sich Menschen auch herausfordern und wieder interessieren. Es geht ja nie zuerst um Brav-sein, nie zuerst um das Erfüllen einer moralischen Pflicht, auch nicht zuerst um das bloße Erfüllen religiöser Pflichten. Es geht zuerst um Jesus, den Retter. Um Jesus, der uns herausführen will aus dem Kreisen um uns selbst, der uns befähigen will zu einer Liebe zu Gott und den Menschen, die wir nicht aus uns selbst haben. Es geht um ein Heil, das uns wirklich befreit von Sünde und der Angst vor dem Tod – und zwar heute schon. Weil wir Ihm begegnen können, weil wir ihm trauen und vertrauen können. Und wir begegnen ihm vor allem in seinem Wort, in seinem Sakrament und in den Zeuginnen und Zeugen, die aus ihm leben.

 Das Evangelium im Alltäglichen erfahrbar werden lassen

Liebe Herren Kerscher, Haider, Steinbauer und Osterholzer, liebe Mitbrüder: Ihr kommt vom Studium der Theologie, und wir freuen uns, dass Ihr die verschiedenen Abschlüsse erfolgreich gemeistert habt. Ihr seid jetzt Theologen, Voll-Theologen, wie wir gerne sagen, Herr Haider ist sogar ein Doktor der Theologie in Dogmatik. Ihr alle habt aber auch ausgiebige Praktika gemacht und durftet Erfahrungen sammeln in den Pfarreien – und vermutlich habt Ihr alle auch die Herausforderung gespürt: Die hohe Theologie ist das eine, die Übersetzung des Hohen oder auch des Tiefgründigen in eine Form und Sprache, die die Menschen verstehen, ist das andere. Denn eine solche Übersetzung müsste uns so gelingen, dass dabei eben das Evangelium und sein Hohes, sein Tiefes und Herausforderndes nicht eingeebnet wird. Etwas verständlich machen heißt nämlich nicht, es banal machen. Es heißt nicht, eine Allerweltsweisheit daraus zu machen.

 Werden wie ein Kind

Es bedeutet vielmehr die Fähigkeit, den Menschen zu helfen, das Alltägliche, das was alle kennen und erleben durchsichtig werden zu lassen auf das Geheimnis Gottes. Ist es nicht so, dass Kinder mit ihrem Kinderherzen das Tiefe, das Geheimnis im Alltäglichen noch viel eher entdecken können als wir? Mit ihrem Sinn für Symbole, für Geschichten, für das Schöne und Große des Guten? Und ist es nicht so, dass Jesus uns einlädt, wie Kinder zu werden – andernfalls würden wir nichts vom Reich Gottes verstehen?

 Diener der Freude

Es gibt ein wunderbares Wort von der Simone Weil, die große jüdische Philosophin, die das Evangelium so geliebt hat. Sie sagte einmal: „Nicht daran, wie einer von Gott redet, erkenne ich, ob seine Seele durch das Feuer der göttlichen Liebe gegangen ist, sondern daran, wie er von irdischen Dingen spricht.“ Was für ein großer Satz, liebe Kandidaten für die Diakonenweihe. Wie einer über irdische Dinge spricht, zeigt, ob er durch das Feuer von Gottes Liebe gegangen ist. Warum das? Weil daran deutlich wird, ob einer es versteht, die irdischen Dinge für die Gegenwart Gottes aufzuschließen, so hinzuzeigen, dass Gott darin begegnet, erkannt wird. Jesus hat für seine Gleichnisse vom Reich Gottes alltägliche Begebenheiten gewählt, Erzählungen von Fischern, von Bauern, von Handwerkern, von Frauen, die Teig backen und vielem anderem mehr. Mitten im Hier und Jetzt fängt es an, hat es schon angefangen, ist der Herr schon da.  Und an uns ist es, den Menschen entdecken zu helfen, dass er da ist und dass er in ihren Herzen schon da ist. Aber dazu brauchen wir Erfahrung aus dem Eigenen, dazu brauchen wir die Fähigkeit, die Gegenwart des Herrn in uns zu entdecken, in uns zuzulassen, dass Er wirksam werden will. Wir helfen den anderen in sich zu sehen, von was wir in unserem Inneren schon berührt sind. Diakon heißt nicht Diaprojektor, sondern Diener, Helfer. Wir wollen Helfer Eurer Freude sein, sagt uns Paulus im zweiten Korintherbrief – und dazu brauchen wir Erfahrung dieser Freude.

 Das große Wort von der Freundschaft

Und dazu, liebe Schwestern, liebe Brüder, meine lieben Kandidaten, dazu haben wir im Evangelium auch das große Wort von der Freundschaft gehört: Ihr seid meine Freunde, sagt Jesus zu uns. Aber wir sind es vor allem, wenn wir tun, was er uns auftragt. Was trägt er auf? „Liebt einander!“ Und an anderer Stelle des Evangeliums sagt er: „Liebt einander mit der Liebe, mit der ich euch geliebt habe.“ Es ist dieselbe Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt. Liebe Brüder, das ist weltlich gesprochen einerseits eine Anmaßung, andererseits eine Überforderung: Lieben zu wollen mit der Liebe Jesu. Aber ganz ehrlich gesagt – und nicht weltlich, sondern im Glauben gesprochen: es ist unser erster Dienst! Jesus liebt in uns und durch uns. Und um ihn durch uns lieben zu lassen, braucht es Freiheit, braucht es Loslassen, braucht es Gebet, braucht es die immer neue Bitte: „Herr schenk mir Deine Liebe, lass sie mich erfahren, als dein Erbarmen. Räume mein Inneres aus, meine Abhängigkeiten und schlechten Angewohnheiten, mein Festhalten und Verurteilen wollen, meine Eifersucht, meinen Stolz, meine Ungeduld und vieles mehr. Und gieße in mich ein deine Liebe, Jesus.“ Wenn wir in der Demut und Armut, die Ihn ausgezeichnet hat, selbst vor Ihm sind, dann beginnt er selbst in uns groß zu werden, dann beginnt er in uns zu dienen und zu lieben. Und wir spüren nach und nach: Er ist unser Freund! Er ist in mir und deshalb lerne ich auch, seine Gegenwart im Herzen des anderen Menschen zu entdecken. Und daraus wächst Frucht, die bleibt: Im Geliebt-sein und in der Liebe. Alles andere tendiert dazu, nur Organisieren und Machen zu sein, aber nicht Liebe mit ihrer Fruchtbarkeit und nicht die Freude, die er schenkt.

Beten in der Gegenwart Gottes.

Liebe Brüder, so lieben kann man im Prinzip nur mit dem Vertrauen, dass er wirklich da ist. Teresa von Avila sagt uns einmal: Im Grunde kann man alle Schwierigkeiten mit dem Gebet auf eine Ursache zurückführen: Zu beten als ob Gott abwesend wäre. Wie oft beten wir so? Wie oft persolvieren wir unser Stundengebet, damit wir es endlich hinter uns haben? Und wie oft oder vielleicht eher wie selten bleiben wir einfach verweilend in Gottes Gegenwart? Liebe zukünftige Diakone: Ihr seid berufen zu einem Leben mit dem Herrn, zu einem Leben mit dem, der sich euch heute weiht. Ihr gehört Ihm. Er ist die wichtigste Beziehung eures Lebens. Und wenn es stimmt, was im Evangelium steht, dann ist Er die wichtigste Beziehung im Leben von jedem Menschen. Und Ihr dürft mithelfen, dass Menschen diese Beziehung und mit ihr den Herrn entdecken und anfangen, arm vor Ihm zu werden und sich von Ihm reich machen zu lassen. Ihr seid Diener der Freude und Diener der Freundschaft – und dass Ihr es immer mehr werdet, das wünsche Ich Euch von ganzem Herzen. Und dazu mögen Euch die Gnadenmutter von Altötting und unser demütiger Bruder Konrad treue Fürsprecher sein. Amen.

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