Diözesantag der Katholischen Arbeiterbewegung

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

das Evangelium des heutigen Tages ist wirklich ein wundervoller und so trostvoller Text. Unser Herr Jesus bestätigt zunächst einen breiten Strom der Überlieferung des Alten Testaments, der da besagt: Gott hat eine besondere Vorliebe für die kleinen Leute, für die Armen und in diesem Evangelium nennt er sie auch die Unmündigen. Das griechische Wort, das hier mit Unmündige wiedergegeben wird, kann man auch mit Kinder übersetzen. Gott liebt diejenigen, die im Herzen wissen, dass sie nicht alles wissen; diejenigen, die gerade vor ihm Ehrfurcht haben, aber gleichzeitig kindliches Vertrauen in ihn, den Vater. Gott liebt diejenigen, die ihm begegnen, wie ein Kind, das sich einfach in die Arme seines liebenden Vaters wirft.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, für mich war es immer besonders staunenswert, wenn ich erleben konnte, dass es unter uns Christen Frauen und Männer gibt, die täglich ihrer Arbeit nachgehen in Berufen oder Tätigkeiten mit wenig Außenwirkung, Frauen und Männer, die schlicht ihren Dienst dort tun, wo der Herrgott sie hingestellt hat. Und das Staunenswerte für mich ist es, das es unter solchen welche gibt, die einen tieferen, echteren Glauben leben als zum Beispiel berühmte Theologieprofessoren an berühmten Universitäten.

Warum ist das so, warum ist das möglich? Ein Professor der Theologie hat doch soviel studiert und so viele Bücher über Gott gelesen oder geschrieben? Es ist möglich, liebe Schwestern und Brüder, weil es das Wissen alleine längst noch nicht macht. Wir sagen in unserer Gesellschaft gerne „Wissen ist Macht“. Und wir alle sind versucht, dass wir unser Wissen tatsächlich vor allem als etwas benutzen, was uns Vorteile gegenüber anderen verschafft; mit Wissen kann man prahlen, mit Wissen kann man sich durchsetzen. Aber das Evangelium sagt uns heute: Wer so mit seinem Wissen umgeht, der wird keine Herzenserkenntnis gewinnen. Dem bleiben die eigentlichen Geheimnisse des Glaubens verborgen. Jesus preist den Vater in diesem Evangelium, weil er seine wirkliche Offenbarung vor den Weisen und Klugen dieser Welt verborgen hält, aber den Kleinen, den Demütigen offenbart er sie, denen, die im Herzen bereit sind, sich zu öffnen und auf ihn wirklich zuzugehen. Und warum ist es nötig, auf ihn demütig zuzugehen? Weil er selbst so ist! Im heutigen Evangelium lesen wir eine wundervolle Selbstbeschreibung Jesu: „Ich bin gütig und von Herzen demütig“, sagt er uns. Und Sie alle kennen das Phänomen, dass Menschen ihresgleichen erkennen. Auch in einem weltlichen Sinn gibt es das. Wir sagen: der hat die gleiche Wellenlänge wie ich. Oder: die tickt genauso wie. Oder: der hat denselben Humor wie ich, und so fort. Aber bei solchen Formen der gegenseitigen Erkenntnis geht es nicht zuerst um bloßes Wissen, es geht darum, dass wir einander von innen her begegnen und dann innerlich berühren und schließlich auf einer tieferen Ebene einander verstehen. Und im Unterschied dazu, gibt es Gespräche, in denen Menschen einander nur Informationen oder Wissen mitteilen, ohne dass wirkliche Begegnung stattfindet. Auch das kennen Sie alle.

Und in der Welt, aus der uns Jesus begegnet, gibt es diese Phänomene in einem ganz ähnlichen Sinn: Wenn wir uns Jesus mit einer ehrlichen Demut nähern, wenn wir ehrlichen Herzen lernen, ihm wirklich zu vertrauen, dann erkennen wir seine Wesensart von innen her, dann schenkt er uns die Nähe zu sich und dann hilft er uns immer mehr zu verstehen, wer er ist und was er uns mitteilen, eben offenbaren will. Und eines seiner tiefsten Anliegen ist es, uns allen zu offenbaren, wer der Vater ist. Wir haben eben gehört, wie er gesagt hat: „Mir ist vom Vater alles übergeben worden und niemand kennt den Sohn nur der Vater und niemand kennt den Vater nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ Jesus will uns offenbaren, wer der Vater ist. Und das, liebe Schwestern und Brüder, das geht nur über Herzenserkenntnis! Wir beten so oft das Vater Unser, aber wir dürfen uns auch ehrlich fragen: Füllen wir dieses erste Wort dieses großartigen Gebetes innerlich wirklich mit demselben Gehalt, den Jesus in dieses Wort hineinlegt, wenn er „Vater“ sagt? Wir haben im Neuen Testament an mehreren Stellen stehen, dass Jesus zu seinem Vater „Abba“ sagt. Abba ist in der Muttersprache Jesu ein Kosewort für Vater, das etwa Pappa oder Pappi bedeutet. Jesus will, dass wir dasselbe, was er da hinein legt, von innen her mitsprechen können, er will es uns schenken, dass wir mit Herz und Verstand begreifen dürfen, glauben dürfen, dass Gott kein schrecklicher, willkürlicher Tyrann ist, sondern tatsächlich ein guter Vater. Gott ist ein Vater, der die Welt in seinen Händen hält. Eine Welt mit all ihrer Schönheit, aber auch mit all ihren schrecklichen Seiten. Es ist paradox, liebe Schwestern und Brüder, aber es ist tatsächlich so: Ein Mensch, der im Glauben wirklich erwachsen geworden ist, der wird immer mehr wie ein Kind. Glaubensreife bedeutet mehr Vertrauen, dass Gott da ist, dass er die Welt in Händen hält – und zwar trotz allem, was sich in dieser Welt abspielt.

Wer so glauben kann, der weiß dann auch um den Trost, den Jesus gibt, wenn er sagt: Und wenn ihr euch plagt, wenn ihr schwere Lasten habt, wenn ihr meint, die Welt bricht zusammen, wenn ihr denkt, es geht nicht mehr weiter, dann –  sagt er – dann kommt zu mir, ich werde euch Ruhe verschaffen, Ruhe für eure Seele.

Warum ist das so, liebe Schwestern und Brüder? Es ist so, weil unser Herz nicht dafür geschaffen ist, alles alleine zu schultern. Unser Herz ist nicht dafür geschaffen nur diese Welt in sich aufzunehmen, mit allem, was dazu gehört – und sonst nichts. Es ist nicht dafür geschaffen, sich nur auf diese Welt zu beschränken. Und wenn es sich nur auf diese Welt beschränkt, dann stirbt es ab, dann kreist es nur egoistisch um sich selbst und seine Probleme, dann hört es irgendwann auf zu atmen. Das haben wir von Paulus in der zweiten Lesung gehört, wenn er sagt: „Wenn ihr nur nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben.“ Aber unser Herz ist dafür geschaffen, in einem anderen, in einem Größeren zu ruhen.

Denken Sie an kleine Kinder oder daran, als Sie selbst ein Kind waren. Wenn Sie allein gelassen waren, hat Sie die Welt  ganz schnell überfordert, zum Beispiel wenn Sie sich weh getan hatten oder krank waren. Aber wenn dann die Mama da war oder der Pappa, dann war irgendwie alles gut. Dann konnten sie ihr Herz bei ihrem Vater, ihrer Mutter ausruhen lassen; und dann mussten Sie nicht alles allein schaffen. Und dann konnten Sie sich auch ganz schnell wieder neugierig der Welt zuwenden.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir dieses Geheimnis im Glauben ergreifen, dann haben wir schon in dieser Welt wirklich den Zugang zum Vater, den Zugang zu einer Wirklichkeit, die größer und schöner und wirklicher ist als alles, was wir vordergründig gerne für die ganze Wirklichkeit halten.

Und das ist auch unser Zeugnis, das ist Ihr Zeugnis als Christinnen und Christen in der Welt der Arbeit. Die Arbeit ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Arbeit. Arbeit ist ein sehr wichtiger Aspekt an unserem Leben, der uns hilft, ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben zu führen. Aber unser Zeugnis als Christen ist es auch, dass es mehr gibt als bloße Arbeit. Wir können als Glaubende ein Zeugnis dafür geben, dass wir mitten in dieser Welt, auch in der Welt der Arbeit mit allem, was uns darin bereichert, aber auch mit allen Mühen und Plackereien, mitten darin kennen wir einen inneren Zugang zur Quelle von Frieden, von Gelassenheit und Vertrauen. Wir sind auch in der Arbeit nicht allein, Schwestern und Brüder, sondern getragen von einem Gott, der uns zusagt, dass wir in Ihm das Leben haben – und eben nicht zuerst oder gar ausschließlich in der Arbeit. Und wenn das unsere Grunderfahrung ist, dann wird es in der Konsequenz nur  selbstverständlich, dass wir uns dafür einsetzen, dass Arbeit auch für andere menschenwürdig gestaltet wird, dass es gute Arbeit gibt, dass nicht ausgebeutet wird und dass auch die Schwächeren oder weniger Leistungsfähigen mitkommen können und teilhaben können am Arbeitsleben aller in unserer Gesellschaft in Deutschland aber eben auch in einem zusammen wachsenden Europa.

Liebe Schwestern und Brüder, ich danke Ihnen allen von Herzen für jeden Einsatz und jedes Zeugnis, das Sie als Katholiken in der Welt der Arbeit geben. Ich danke der KAB, dass sie auch politisch in diesem Sinne mitgestaltet. Ich danke Ihnen, dass Sie in das Ringen um die soziale Gestalt des Arbeitslebens die christliche Stimme erheben und mitbauen an einer humanen Welt der Arbeit. Nicht der Mensch ist für die Arbeit da, sondern die Arbeit ist für den Menschen da und die Menschen sind für Gott da und füreinander. In diesem Sinne erbitte ich für Sie alle und ihr so wertvolles Wirken in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung der Diözese den reichen Segen Gottes. Amen.

 

 

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