Domlauf

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

das Evangelium von heute erzählt von einer Situation, in der ein Mensch läuft. Allerdings läuft er nicht rund um den Dom, wie gleich nachher einige von Ihnen. Der erwähnte Mann im Evangelium läuft davon. Er ist nämlich kein wirklicher Hirt seiner Herde, sondern nur ein bezahlter Knecht, wie es heißt. Der flieht, wenn er den Wolf kommen sieht. Der gute Hirt dagegen, vom dem Jesus im Evangelium erzählt, der läuft nicht, der läuft auch nicht weg. Der bleibt, der beschützt seine Herde und er gibt notfalls sein Leben für die Schafe. Wir Christen, liebe Schwestern und Brüder, wir glauben, dass Jesus unser guter Hirte ist, der sein Leben für die Schafe gegeben hat. Den heutigen Sonntag nennen wir deshalb auch den Sonntag des Guten Hirten. Wir beten insbesondere für Menschen, für Männer und Frauen, die sich von diesem Hirten rufen lassen und auch in den Dienst nehmen lassen. Als Priester, als Ordensfrauen und Ordensmänner, als Menschen eines gottgeweihten Lebens. Als Menschen, die mehr sind als bezahlte Knechte, als Menschen, die ihren Dienst ausdrücklich für ihn tun und nicht zuerst für Geld, sondern eben zuallererst für Gott und für die Menschen, zu denen Gott sie schickt. In unserer Welt und Gesellschaft dagegen arbeiten die Menschen häufig zuerst für Geld. Die differenzierte Arbeitswelt macht es oft fast nicht möglich, dass ein Mensch das arbeiten kann oder darf, was ihm auch noch Freude macht, was ihn auch noch mit echtem Sinn erfüllt, was er gerne macht und nicht immer unter Druck. Sehr oft sind Menschen frustriert oder über- oder unterfordert, oder wenig anerkannt in dem, was sie als Arbeit tun. Immerhin werden sie dann wenigstens bezahlt. Aber ihren Sinn finden sie woanders. Sie sind fast gezwungen bezahlte Knechte zu sein, denn sie identifizieren sich nicht mit dem, was sie tun müssen.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ich kenne Christinnen und Christen, die sind auch dort, wo sie hingestellt sind – und sei es am Fließband einer Fabrik – immer noch mehr als nur bezahlte Knechte. Ich kenne Menschen, die tun auch den scheinbar einfachsten Dienst mit der inneren Haltung: „Ich tu ihn für Christus. Ich habe hier zwar eine unscheinbare Aufgabe, aber ich habe Kollegen, die sollen spüren, dass ich es gut machen und nicht einfach nur absitzen oder hinter mich bringen will. Ich tue es für den Herrn. Und vielleicht merkt der eine oder die andere dann auch, für wen ich meinen Dienst tue.“

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht erscheint Ihnen so eine Haltung wie eine Art Ideal, das Sie kaum erreichen können: Das, was man tut, für Gott zu tun und es damit dann eben auch gut machen wollen und in den Dienst für andere stellen. Aber ich darf Ihnen ehrlich sagen: Wenn wir mit dem Herzen in eine solche Haltung hinein finden und ehrlich in ihr handeln können, dann ist das letztlich wirklich befreiend. Wenn Christus selbst ihr Freund ist und sie in allem, was sie tun, innerlich auf ihn bezogen sein können, dann werden sie frei von so vielem, von so vielen Zwängen, von Druck, von der Idee, dauernd Anerkennung von anderen bekommen zu müssen, von der Angst, versagen zu können, auch von der Schwierigkeit loslassen zu können. Dann haben Sie Ihren Sinn, Ihre Tiefe, Ihre Freude, dann sind Sie in einer inneren Haltung der Freiheit und des Friedens. Schauen Sie unseren Heiligen Bruder Konrad an, den wir in dieser Woche gefeiert haben: einfachster Dienst, immer nur Dienst. Oft verlacht, manchmal verspottet, immer in der Treue zu seinem Herrn. Die Leute, die einigermaßen sensibel waren, haben jedenfalls gespürt: Hier ist einer, der tut das, was er tut, in großer Freiheit, in großem Frieden und genau deshalb auch in großer Treue und Liebe.

Liebe Sportlerinnen und Sportler, die Sie heute hier sind: Warum laufen wir überhaupt? Warum trainieren wir. Sicher werden die meisten von Ihnen als guten Grund sagen: um fit zu bleiben. Und das ist ein richtig guter Grund! Gott hat uns einen Leib geschenkt, durch den wir in der Welt da sind, mit dessen Hilfe wir mit den Menschen in Beziehung treten. Er hat uns einen Leib geschenkt, der auch Ausdruck unserer Seele, unseres inneren Leben sein kann und soll. Und er ist es ohnehin, ob wir wollen oder nicht. Man sieht unserem Leib, unserem äußeren Ausdruck in der Regel an, wie wir uns innerlich fühlen; unsere Körpersprache erzählt von unserem inneren Befinden. Und die Lehre vom Menschen weißt seit langem, dass es eben auch die umgekehrte Wirkung gibt: ein gesunder oder fitter Leib wirkt auch auf unsere innere Verfassung zurück. Das behagliche Gefühl, sich nach intensivem Sport ganz spüren zu dürfen beispielsweise, tut auch der Seele und dem Geist gut. Daher haben Glaube und Kirche körperliche Betätigung immer auch hoch geschätzt. Der Leib ist ein Diener der Seele, er kann ihr in einem fitten Zustand helfen, im freien, frohen Zustand zu sein. Freilich, es gibt auch die Gefahr des Körperkultes, des übertriebenen Sportes. Es gibt die Gefahr, vor lauter Ehrgeiz alles der körperlichen Leistungsfähigkeit oder dem körperlichen Aussehen unterordnen zu wollen. Dann wird es in der Regel schief, dann dient das Seelenleben, der Geist, das Wollen und Denken dem Körper und eine natürliche Hierarchie ist dann verdreht, denn auch der Sport oder der Kult des eigenen Leibes kann zum Götzendienst werden.

Wir sehen daran: Der Mensch ist jedenfalls kein einfaches Wesen, schon gar nicht, wenn es um die Selbstbeziehung zu seinem Körper geht. Aber ein Volkslauf, wie der, den wir heute hier begehen, Breitensport rund um den Dom, ist ein wunderbarer Anlass, seine Fitness zu pflegen und in eine Form der Zufriedenheit zu finden, die der Seele Raum lässt, sich leichter um die Dinge zu sorgen, die ihr angemessen sind. Ich kenne jedenfalls auch Menschen, für die das Laufen eine wunderbare Gelegenheit zum Beten ist. Und ich halte das für gar nicht so abwegig, denn unsere Seele ist zwar im Leib zuhause und es ist gut, den Leib so zu erhalten, dass die Seele darin gerne wohnt. Aber die Seele selbst ist gemacht dafür mit Gott in Beziehung zu leben. Und wer weiß, vielleicht kommt ja der eine oder andere von Ihnen soweit, dass er sein Lauftraining wirklich als wertvolle Zeit für die Beziehungspflege mit Gott einübt. Dann wird es irgendwann wie mit dem geschilderten Arbeiter oder wie beim Bruder Konrad, dann laufen wir auch zuerst für den Herrn und die Dinge werden gleich leichter und freier und von viel Druck und vielleicht sogar vom falschen Ehrgeiz befreit. So kann sogar Laufen zur geistlichen Erfahrung werden. Ob es das für Sie nun wird oder nicht: Ich wünsche dem heutigen Domlauf und allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern jedenfalls ganz viel Freude und Segen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

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