Es geht immer um Beziehung! Pfingstpredigt 2016 im Dom

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wie verändern sich Menschen? Dieser Gedanke beschäftigt mich immer wieder neu – und vielleicht haben Sie auch aus meinem Mund schon eines meiner Lieblingsbeispiele aus der Erfahrung der Arbeit mit jungen Menschen gehört. Wenn Sie als Eltern oder Pädagogen zum Beispiel mit männlichen Jugendlichen zu tun haben und sich darum mühen, dass sie etwas Struktur in ihr Leben bringen, dass sie verlässlicher werden und vielleicht konzentrierter, dass sie vielleicht auch etwas mehr für die eigene Körperhygiene tun, dann machen sie häufig Frustrationserfahrungen. Der Kerl räumt einfach seine Bude nicht auf, oder er duscht zu selten, vor allem nicht nach dem Sport, was dann für die anderen unangenehm wird. Oder die Wahl seiner Kleidung macht Eltern auch nicht immer besonders glücklich….. Aber irgendwann gibt es eine Überraschung. Auf einmal, auf einmal gibt es diesen Moment – und wie von selbst ändert sich alles: Auf einmal ist aufgeräumt, er riecht gepflegter und steht tatsächlich manchmal vorm Spiegel um zu sehen, ob alles passt. Was ist passiert: Er hat ein Mädel gefunden, das er richtig gern hat und umgekehrt. Alles ist neu und es fühlt sich an wie ein Hohn auf alle unsere bisherigen pädagogischen Bemühungen. So einfach kann es gehen, denkt der Pädagoge – nur eben nicht mit mir. Und ja es wäre ja im Grunde auch einfach, wenn wir alle, jung und alt, von Anfang an richtige Herzensmenschen wären, wenn wir alle im Herzen verstehen und leben würden, wie sehr Beziehungen, vor allem gelingende Beziehungen für unser Leben prägend sind, wichtig sind. Wie sie Veränderung und Wachstum für uns auslösen können. Aber wir sind halt alle nicht einfach nur heil in unserem Herzen und auch nicht in unseren Beziehungen.

 

Und warum erzähle ich das heute, am Pfingsttag? Weil ich Ihnen deutlich machen will, dass Beziehungen schon unter uns Menschen so etwas wie einen gemeinsamen Geist, ein gemeinsames Verstehen bilden und darin auch verändernde Kraft liegt. Manchmal sagen wir: Die zwei, dieses Paar, die sind ein Herz und eine Seele, die verstehen sich, die denken oft in dieselbe Richtung, die haben ähnliche Interessen, die denken aneinander, die leiden und freuen sich miteinander und aneinander. Das heißt, sie leben in einem Raum von Beziehung, der durch eine besondere Offenheit füreinander ausgezeichnet ist. Der eine schaut irgendwie in das Herz des anderen, und zwar tiefer als ein Außenstehender. Da gibt es einen gemeinsamen Geist zwischen den beiden, eine gemeinsame Verbindung. Und es ist nicht einfach, da von außen hinein zu sehen.

Und wie spannend ist es erst, wenn ein junger Mensch einen anderen jungen Menschen, seinen neuen Partner zum Beispiel, zum ersten Mal in die eigene Familie mitbringt. Wenn die Beziehungen gut und die Menschen offen sind, dann kann die Hineinnahme gleich und gut gelingen. Aber dann ist normalerweise der eine Partner für den anderen die Brücke in dessen Familie, in diesen Beziehungsraum der Familie hinein. Wenn zum Beispiel sie den eigenen Vater sehr liebt und etwas an ihm mag, was andere nicht so leicht sehen, eröffnet sie vielleicht auch Ihrem Partner, von außen her kommend, den inneren Weg zum Herz des Vaters. Oder sie hilft ihn zumindest dahin, ihn besser zu verstehen. Sie nimmt ihn mit hinein in den Geist, der die Familie prägt und sie prägt.

Oder wenn er seine Partnerin mit zu seinem besten Freund mitnimmt. Wenn es gut geht und die Beziehungen schon einigermaßen reif sind, dann kann die Freundin mitfühlend mit dem Partner lernen, warum der den Freund so gern mag. Sie lernt mit seinen Augen sehen. Er nimmt sie mit hinein in diese Freundschaftsbeziehung, ins Innere, in den Raum der Beziehung. Er ist die innere Brücke für sie zum Freund hin.

 Beziehungen unter Menschen helfen, das Evangelium zu verstehen

Liebe Schwestern, liebe Brüder, dies sind Verstehenshilfen für das, was wir in den Lesungen und im Evangelium so tief über den Heiligen Geist gehört haben. Die Apostel leben in einer intensiven Beziehung, in einer tiefen inneren Bindung zu Jesus, zu ihrem Herrn. Aber er ist auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Er ist nicht einfach mehr da, er ist nicht mehr für die leiblichen Augen sichtbar. Aber er hat ihnen verheißen: „Ich gebe euch meinen Geist, durch ihn werdet ihr neu sprechen lernen. Betet, bleibt mit mir verbunden, wartet auf diese Kraft. Durch ihn, sagt Jesus, werdet ihr ganz neu von mir erzählen können. So, dass die Menschen spüren: Ihr habt mich im Herzen, nicht nur in Worten auf der Zunge. So, dass sie spüren, ihr lebt wirklich in Beziehung mit mir. Und ihr seid in mir vereint. Und ich bin da. Die neue Familie, die meine Kirche ist, ist in meinem Geist vereint. Dieser Geist wird Euch zusammen führen. Er wird euch helfen, einander zu erkennen.“ Die, die zu Jesus gehören, meine Lieben, denen er innerlich ist, die erkennen auch einander. Paulus spricht dieses Geheimnis einmal mit dem Bild vom Wohlgeruch Christi (2 Kor 2,15) aus. Die Freunde Jesu, die haben etwas an sich, was sie anziehend macht. Vielleicht auch bedrohlich, weil es so herausfordernd ist. Aber in jedem Fall geht von denen etwas aus, etwas, was mehr ist als das Normale.

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Und so hören wir heute an Pfingsten in der Apostelgeschichte, dass dieser Geist auf einmal wirklich gleichsam in der Luft lag, dass er die Menschen zusammengeführt hat, dass er ihre Herzen geöffnet hat und dass sie einander wirklich tief verstanden haben; so sehr, dass die Erzählung berichtet, sie konnten, obwohl äußerlich Fremde, die Apostel sogar in ihrer eigenen Sprache verstehen. Die Kirche eint, in ihr lebt der Geist der neuen Familie, der Jesus-Familie.

Und in der zweiten Lesung haben wir gehört, wie Paulus sagt, der Geist, den wir empfangen haben, der hilft uns zu verstehen, dass wir zu Gott im Himmel wirklich Vater sagen dürfen. Es ist ja der Geist Jesu, der Geist seines Sohnes, der Geist, der Sohn und Vater eint. Der Heilige Geist ist die Beziehung zwischen beiden, der Liebesraum. Und da nimmt uns Jesus mit hinein. Er ist unsere Brücke. Er zeigt uns den Vater und hilft uns, mit dem Herzen wirklich immer mehr und immer tiefer zu Gott „Vater“ zu sagen. Und zwar so, dass wir es auch wirklich im vollen Vertrauen sagen. Liebe Schwestern und Brüder, denken Sie einmal an den eigenen Vater oder vielleicht an einen Menschen, der ihnen wie ein Vater war oder ist und den Sie sehr gern haben. Und so wie Sie dessen Namen aussprechen, wenn Sie liebevoll an ihn denken, mit solcher Innigkeit und mit noch größerer Innigkeit dürfen wir zu Gott wirklich Vater sagen. Der Geist Jesu, der Heilige Geist, hilft uns dabei. Wir sind da mit hinein genommen in diese Beziehung.

 Es gibt auch in uns die Dimension, die Paulus Fleisch nennt

Freilich sagt Paulus im Römerbrief,  da gibt es noch die andere Seite in uns, die Seite, die vor allem eine Getriebene der eigenen egoistischen Bedürfnisse ist, die ihre Triebe nicht gerne kultivieren mag, die allzu stark trachtet nach dem bloß irdischen, dem nur materiellen, der schnellen Befriedigung und so fort. Diese Seite in uns nennt Paulus Fleisch. Sie will von Gott nichts wissen. Aber er ist der tiefen Überzeugung, dass uns der Geist Jesus hilft, da nicht hängen zu bleiben, sondern wirklich immer wieder neu nach Jesus zu streben, ihn zu lieben und durch ihn innerlich zum Vater zu kommen.

Im heutigen Evangelium hat Jesus das schließlich bestätigt. Er sagt den Jüngern in seinen Abschiedsreden, dass er geht, aber dass er und der Vater den Beistand schicken werden, den Geist. Und dann sagt er: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr an dem festhalten, was ich gesagt habe. Und wenn ihr mich liebt, werdet ihr vom Vater geliebt werden und wir werden bei euch, in euch wohnen.“ (Joh 14,23)

Liebe Schwestern und Brüder, es geht bei dem, was Jesus uns allen schenken will, immer um Beziehung, um die Qualität von Beziehung, um den inneren Raum, den Beziehung eröffnet. Es geht um den Heiligen Geist. Und die Jünger haben diesen Geist am heutigen Tag so stark, so intensiv erfahren, dass sie getragen von dieser Kraft, von dieser Qualität in tiefer Gewissheit waren, dass Jesus mit ihnen ist. Dass der Vater sie liebt. Bei-geistert, voller Feuer und auch geeint. Und deshalb konnten und wollten sie hinausgehen und jedem davon erzählen und jeden mit dieser Wirklichkeit bekannt machen, in die sie selber hineinfinden durften. In die Gegenwart Jesu, in die Beziehung zum Vater, in der Kraft und Freude des Geistes. Und sie haben immer neu darum gerungen, auch miteinander, dass es wichtig ist, in dieser Beziehung zu bleibe. Paulus sagt am Ende eines seiner Briefe streng: „Wer den Herrn nicht liebt, der sei verbannt.“ (1 Kor 16.22) Das heißt im Grunde, er gehört nicht zu uns. Er ist draußen. Wir sind die Gemeinschaft derer, die in dem Geist der Liebe zu Christus, der Liebe zum Vater verbunden sind. Und die auch dadurch, dass wir hier sind und miteinander beten, einander helfen, darin zu bleiben mit Maria, der Mutter, derjenigen, die voll des Geistes war und ist.

 Der Geist und die Wirklichkeit der Kirche von Passau heute

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Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich bin zutiefst überzeugt, dass wir hier in unseren Texten nicht nur legendenhafte, historische Berichte gehört haben. Sondern das Evangelium erzählt von einer Wirklichkeit, die im Grunde auch unsere ist. Wenn wir uns nach ihr sehnen, wenn wir uns voller Vertrauen nach ihr ausstrecken. Wenn wir uns immer neu öffnen. In der Kraft des Heiligen Geistes wird Jesus gleich nachher in der Eucharistie gegenwärtig. In der Kraft des Geistes sind wir hier vereint. Ich sehne mich danach, dass diese Kraft in unseren Herzen, in den Herzen vieler, die auch Jünger sein wollen, neu erwacht, neu entfacht wird. Ich sehne mich danach, dass es in der Kirche von Passau immer mehr Menschen gibt, die wirklich lernen wollen, Christus zu erkennen und zu lieben, die wirklich von Herzen überzeugt sind, dass Gott ihr guter Vater ist. Und ich träume davon, dass wir neu eine Kirche werden, in der Menschen hinausgehen, um anderen von der Wirklichkeit des Geistes und der vergebenden und verwandelnden Kraft des Glaubens an Jesus erzählen können – wie die Apostel am heutigen Tag. Paulus ist übrigens im Römerbrief ziemlich deutlich: Wenn wir in der Dimension stecken bleiben, die er Fleisch nennt, die sich zuerst um sich selbst dreht, die nichts von einer Beziehung zu Christus wissen will, dann sagt er: dann müssen wir sterben (Röm 8,13). Aber alle, die wir im Geist leben, die gehören zu einem Leben, das nie mehr aufhört, ein Leben, in dem wir uns alle, als Geschwister Jesu und Kinder des einen Vaters erkennen. Und so bitten wir schließlich voller Intensität: Komm, Heiliger Geist. Komm in unsere Kirche, komm in unsere Herzen und erneuere unser Angesicht, das Angesicht deiner Kirche und lass uns deine wahrhaftigen und barmherzigen Zeugen sein in dieser Welt von heute. Amen.