Es geht immer um die Liebe – auch in den innerkirchlichen Flügelkämpfen.

In Glauben erklärt, Verschiedenes, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Grußwort zu einem Tagungsband anlässlich der  3. Internationalen Tagung zur Theologie des Leibes von Papst Johannes Paul II.  in Eichstätt.

Es geht um die Liebe. Es geht im Christentum immer und vor allem um die Liebe – und wir werden von unserem Herrn am Ende unseres Lebens nach dem Maß unserer Liebe beurteilt werden. Gleichzeitig ist das Wort „Liebe“ beides – ein Wort, das jeder zu verstehen und recht zu gebrauchen meint. Und zugleich – neben oder nach dem Wort Gott – das am meisten missverstandene und missbrauchte Wort der Welt. Jeder weiß, was Liebe heißt und doch ist der Mensch in seiner Liebes- und Beziehungsfähigkeit am meisten verwundet und gebrochen. Und er versucht deshalb alles Mögliche zu „Liebe“ zu erklären, was am Ende dann doch nur heimlicher Ausdruck versteckter Egozentrik ist: Ich will dich schon lieben, sagen wir, aber bitte unter meinen Bedingungen. Oder: Ich liebe dich, aber insgeheim nur solange du so bist, wie ich es erwarte. Wir wollen Liebe, aber unter unseren eigenen Bedingungen. Wir wollen selbst bedingungslos geliebt sein, und doch glauben wir, uns Liebe durch Charme und Schönheit, durch Intelligenz, Leistung und Reichtum verdienen zu können. Wir glauben, lieben zu können – und meinen um das Versprechen der Treue, um das bisweilen leidvolle Ertragen des Anderen herumkommen zu können. Wir meinen bisweilen den Fernsten in Not durch Spenden zu lieben und tun uns doch am allerschwersten mit dem Allernächsten in Not.

Raus aus der Not durch den Gekreuzigten

In der christlichen Offenbarung wird uns gezeigt und geholfen, wie wir aus dieser Not, aus dieser Vielzahl von Widersprüchen, aus dem bloßen Schein von Liebe herauskommen können: durch den Erlöser, der am Kreuz gezeigt hat, was wirkliche Liebe aus seiner Sicht heißt, nämlich letztlich Hingabe der eigenen Person. Das Gut des Anderen wollen – aber als Anderen, das ist eine christliche Beschreibung von „Liebe“. Und der Erlöser hat es uns nicht nur gezeigt, sondern durch das Geschenk seiner Gnade, hat er uns auch dazu befähigt – sofern wir mit Ihm in Verbindung bleiben und lernen, Ihn selbst zu lieben.

Liebe ist nicht gleich Liebe

Die erste, die ursprünglichste Liebe in der Menschheitsgeschichte ist die zwischen Mann und Frau, die zugleich auf Lebensweitergabe hin geordnet ist. Sie ist froh, sie ist tief, sie ist sinnlich und leiblich. Sie kann ekstatisch sein, aber ist eben oft auch nur ganz normal, ganz alltäglich. Sie ist Quelle von Freude und Glück, ebenso wie sie Quelle von Raserei, Wahnsinn und Grund zum Mord war und ist. Liebe ist nicht gleich Liebe. Jede Liebe bedarf der Vertiefung, der Reinigung, der Reifung. Sie wächst und sie wächst in rechter Weise durch die Gnade Gottes – und durch das Verstehen des eigenen Menschseins und des Menschseins generell.

Die Flügelkämpfe in der Kirche – bestimmt durch Themen zur Geschlechtlichkeit

In der Kirche ringen wir seit langem zwischen konservativ und liberal oder progressiv, zwischen vermeintlich nur bewahrend und vermeintlich fortschreitend. Und es ist kein Zufall, dass die Kernthemen dieses Ringens fast immer direkt oder indirekt damit zu tun haben, wie wir Geschlechtlichkeit und Sexualität verstehen. Ob die Frage nach dem Zölibat, nach der Bewertung von gleichgeschlechtlichen Verbindungen, nach der Ordination von Frauen, nach dem Sex vor oder außerhalb der Ehe, nach dem Kommunionempfang von Menschen in zweiter Verbindung nach einer sakramental gültigen Ehe, nach der Bewertung des Unterschieds von Sex und Gender – immer geht es direkt oder indirekt um ein Verstehen des Menschen als geschlechtliches Wesen.

Wie verstehen wir Erlösung?

Warum ist es kein Zufall, dass diese Fragen im Mittelpunkt der Richtungskämpfe stehen? Aus meiner Sicht deshalb, weil sich an ihnen auch entscheidet, wie wir Erlösung im Hier und Heute, in konkreter Verfassung und Leiblichkeit verstehen. In Jesus ist Gott Fleisch geworden, um unser ganzes Menschsein – und das heißt auch unsere Leiblichkeit zutiefst zu bejahen und zu integrieren. Als leibliche Wesen können wir nicht anders als all unser Denken, Sprechen und Handeln als eben leibliche Wesen zu vollziehen. Das heißt: Auch all unsere Versuche zu lieben, schließen immer und ohne Ausnahme unseren Leib ein. Wir können nie leiblos lieben. Aber zugleich spüren wir alle, dass leiblich lieben immer zugleich Herausforderung und Verantwortung bedeutet. Wir haben gute Gefühle und Antriebe und wir haben zugleich ein Triebleben, das zur Verselbständigung neigt – und dazu neigt, den Anderen für die eigenen Zwecke nur zu benutzen und zu gebrauchen. Der Mensch ist ein gebrochenes und erlösungsbedürftiges Wesen – und der Riss dieser Gebrochenheit zieht sich mitten durch seine leibseelische Liebesfähigkeit und damit mitten durch seine Sexualität. Sie ist uns damit – wie jeder Trieb – geschenkt und zugleich aufgegeben als Wachstums- und Reifungsaufgabe. Sie braucht Integration und Verwandlung – und kann damit nicht einfach so bleiben wie sie ist. Leiblichkeit, Emotionen, Sexualität sind also Lernfelder unseres Lebens, Lernfelder für unsere große Lebensaufgabe: als Menschen mit Leib, Seele und Geist wirklich Liebende zu werden.

Der gesellschaftliche Druck wächst

Der große Druck, der in einer Gesellschaft wie der unseren heute auf die Kirche ausgeübt wird, hängt gerade mit den unzähligen Liberalisierungstendenzen in Sachen Sexualität zusammen. Die Themen „Ehe für alle“, die Gender-Debatte, die umfassende Sexualisierung in allen verfügbaren Medien, eine Art Siegeszug der Pornographie als ein kaum noch tabuisiertes, dafür allzeit verfügbares Thema und anders mehr vollziehen sich gesellschaftlich im Grunde gänzlich jenseits eines katholisch tradierten Menschenbildes und dessen Blick auf diese Themen. Gleichwohl stehen auch Ahnung oder Wissen darum, wie die Kirche hier denkt, häufig noch im Hintergrund der Debatten – und führen nicht selten gerade deshalb zu umso heftigeren Attacken gegen unser überliefertes Verständnis von der Würde des Menschen als Person.

Sexualität und Verantwortung

Im Kern geht es bei Liberalisierung von Sexualität heimlich oder offen nicht immer aber auch nicht selten um die Entkoppelung von (vermeintlicher) Liebe und Lust von Verantwortung – Verantwortung für den anderen, für mich selbst, für die eigene Leiblichkeit, um Verantwortung vor Gott. Oder anders gesagt: Ein liberales Verständnis von Sexualität will christlich gesprochen allzu häufig um das Kreuz in der Liebe herumkommen, also um das Sterbenmüssen des eigenen Ego um des neuen Lebens und des Anderen willen. Kann ich also so bleiben und lieben wie ich bin – oder will Gott, dass ich ein Liebender werde in seinem Sinne. Vermeintlich moderne, liberale Theologien wollen dann eben nicht selten dies rechtfertigen: dass Gott am Ende doch nur dasselbe wollen kann, was ich auch will: „so lieben, wie ich will, er hat mich ja so geschaffen, wie ich bin.“ Hier aber läge ein Trugschluss: Gott hat uns in unserer armseligen Liebesfähigkeit gerade nicht so geschaffen, wie wir sind; sondern er will uns durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu zu liebesfähigen Menschen in seinem Sinne befreien und erlösen. Und zwar ganz: mit Leib, Seele und Geist.

Die fehlenden Antworten

Gläubige, die der Liberalisierung von Sexualität eher traditionell begegnen wollen, haben aber allzu oft Begründungsprobleme, es fehlt vielfach eine breit rezipierte tiefe, authentisch christliche Anthropologie, die sich auch heutigen Fragen nach dem Menschen als geschlechtlichem Wesen stellen kann. Daher neigen traditionsorientierte Gläubige vor allem zur Betonung der überlieferten Normen, ohne sie wirklich anthropologisch begründen zu können. Dann stehen Forderungen nach Liberalisierung gegen Forderungen nach Bewahrung der Normen. Und so wird der Graben des gegenseitigen Nichtverstehens eher vertieft als überwunden.

Die Theologie des Leibes von Papst Johannes Paul II

Der bedeutendste und nachhaltigste philosophisch-theologische Beitrag zur Überwindung des Grabens, zum tieferen Verständnis der menschlichen Person als geschlechtlichem Wesen sind aus meiner Sicht die Einsichten, die uns Papst Johannes-Paul II. vor und während seines Pontifikates geschenkt hat. Sie sind eine umfassende Philosophie und Theologie der menschlichen Person und wurden im Blick auf die Liebesfähigkeit und Sexualität des Menschen unter dem Stichwort „Theologie des Leibes“ weltweit breit rezipiert. In Deutschland aber ist die systematische Erschließung dieses Beitrages eher das wenig rezipierte Spezialgebiet von Einzelnen geblieben. Umso schöner, dass es nun seit einigen Jahren an der Katholischen Universität Eichstätt, organisiert vom Verein „Knotenpunkt“, das Bemühen gibt, die Fruchtbarkeit dieses Beitrages von Papst Johannes Paul in seiner Weite und Tiefe einem breiteren Publikum bekannt zu machen, international, interdisziplinär und so praxisrelevant für das je eigene Leben, dass sich jeder der zahlreichen Teilnehmenden ansprechen lassen kann und konnte. Bei der letzten Tagung konnte ich dabei sein und bin ausgesprochen froh über diese Initiative und den Veranstaltern und Mitwirkenden sehr dankbar dafür. Möge auch dieser vorliegende Tagungsband seinen Weg machen und dazu beitragen, den Reichtum der Theologie des Leibes zu erschließen in einer Zeit, in der die Menschen viel, viel mehr über die Welt zu wissen scheinen als je zuvor – aber ganz offenbar immer weniger echte Wahrnehmung und Erkenntnis von sich selbst und ihrem Person-sein haben. In diesem Sinne wünsche ich auch für die weiteren Tagungen zum Thema jetzt schon Gottes reichen Segen.

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