Eucharistiefeier mit PhilosophiedozentINNen der Katholischen Theologischen Fakultäten oder Institute im deutschsprachigen Raum

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Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe ehemalige Kolleginnen und Kollegen,

die Lesung aus dem Buch des Propheten Jeremia ist herausfordernd für uns, ebenso wie der Psalm 1, der Als Antwort auf die Lesung in der heutigen Liturgie gebetet wird. Beide Texte sprechen von zwei grundsätzlichen Wegen, hier bei Jeremia wird die Unterscheidung gemacht: Gesegnet wer auf den Herrn vertraut, das ist der eine Weg, dagegen nennt er verflucht denjenigen auf dem anderen Weg, der auf Menschen vertraut, der auf schwaches Fleisch sich stützt.

Im ersten Psalm ist der Gesegnete ebenfalls der, der auf den Herrn sich verlässt, während der andere der so genannte Frevler ist, der im Kreis der Spötter sitzt und den Weg der Sünde wählt. Beide Texte finden Widerhall in vielen Texte des Neuen Testaments, etwa bei Jesus, wenn er davon spricht, dass es einen Weg durch ein enges Tor gibt, durch das man sich mit allen Kräften bemühen müsse hineinzugelangen, während die Straße des Verderbens weit ist, auf ihr würden viele gehen. Die Schrift ist aus meiner Sicht insgesamt voll von dieser Alternative: Entweder gehen wir den Weg mit Gott und lassen uns von ihm ergreifen und retten oder wir sind verloren.

Freilich scheint es für die Autoren der Schrift offenbar noch weit selbstverständlicher und klarer, was denn der Weg Gottes sei und was nicht, als wir das heute vielleicht sehen können. Zu zahlreich sind ganz offenbar die Zugänge zu Glauben, zur Schrift, zur Theologie, zu individuell die Wege der Suche, der Denkansätze, der Philosophien, zu unterschiedlich die Überzeugungen und Stimmen über das, was eigentlich Heil und Unheil ist und was Heil und Unheil bewirkt. Schon in einer, in unserer eigenen Konfession sind sie so unterschiedlich, um nicht zu reden vom Gesamt der auf den Namen Jesu Getauften in allen Kirchen und christlichen Gemeinschaften.

Was führt zum Heil, was zum Unheil? Für mich kommt das Evangelium zu Hilfe. Es ist einerseits eine Bekräftigung der Möglichkeit der zwei Wege: Der kranke Lazarus wird in Abrahams Schoß aufgenommen. Ein schönes Bild dafür, dass Abraham der Vater des Glaubens ist, der auf seine Kinder wartet. Der Reiche dagegen leidet in der Unterwelt qualvolle Schmerzen, wie es heißt. Das Problem scheint offenbar, dass er nicht sehfähig geworden ist oder auch nicht sehfähig werden wollte. Wenn wir uns selbst betrachten, dann wissen wir ja alle, dass wir ein ganzes Paket aus mehr oder weniger bestimmten Bedürfnissen, Sehnsüchten, Wünschen, Gefühlen sind – und der Zustand von dem, was wir in theologischer Diktion Gebrochenheit nennen, führt dazu, dass wir meistens zuerst einmal uns und unsere drängendsten Bedürfnisse und Antriebe sehen, ehe wir in der Lage sind, den Blick des Herzens auf andere zu werfen.

Das Herz des Menschen, eines der Lieblingswörter der Schrift, kommt übrigens in der ersten Lesung ziemlich schlecht weg. Der Prophet sagt, es sei arglistig und schlecht, wer könne es ergründen. Und Jesus stellt sich später durchaus in diese Tradition und sieht dasselbe. Diese Herzensverkrümmung, von der auch Martin Luther gerne gesprochen hat, die lenkt also unseren Blick und natürlich auch unser Denken und Erkennen primär auf uns und unsere Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Was dann in der Erzählung des Evangeliums dazu führt, dass der arme Lazarus beim Reichen gar nicht in den Blick kommt.

Es ist übrigens ein interessantes Detail, dass der Arme, der von Gott gesehen wird, einen Namen im Text hat und der Reiche nur der Reiche genannt wird, also letztlich ein austauschbarer Egoist ist, wie alle anderen auch. Er verspielt es offenbar, wirklich in personale Beziehung einzutreten, mit Gott und dem Nächsten, wodurch das offenbar würde, was die Schrift den Namen nennt, nämlich zumeist eine sinnträchtige und geheimnisvolle Bezeichnung für die Unverwechselbarkeit und Einzigkeit eines von Gott Erwählten.

Wie ist das nun aber mit dem Denken, dem wir uns alle irgendwie verschrieben haben? Denn der Reiche denkt ja auch, nämlich an sich und sein Vergnügen. Ist sein Denken seiner Vergnügungssucht hörig, ist also sein Denken zur Hure Vernunft geworden, von der wieder Luther spricht? Und wenn ja, wie ändert sich Denken? Wie ereignet sich Metanoia, Umdenken, Hindenken zu Gott oder von Gott her? Was müsste passieren, dass wir alle miteinander der Falle entgehen, dass unser Denken, unser Erkennen bloße Erfüllungsgehilfen heimlicher, hintergründiger Interessen sind, nach Prestige, Macht, Einfluss, Genuss? Womöglich sogar im Namen akademischen Fortschritts. Mahnen wir nicht alle immer wieder mal intellektuelle Redlichkeit an, weil wir spüren, dass wir – obgleich Professoren und nicht ganz ohne Intelligenz – genauso gefährdet sind, bloße Interessensvertreter zu sein und nicht Diener der Wahrheit oder wenigstens Diener der Suche nach Wahrheit?

Die Schrift, besser unser Herr sagt, unser Denken müsse geläutert werden durch ihn, durch seinen Geist. Das, was die Schrift Herz nennt, brauche Reinigung und das Denken brauche dann Verankerung im Herzen. Ansonsten werde es losgelöst, sagt Paulus im Römerbrief. Er sagt es an der Stelle, an der er analysiert, dass diejenigen, die Gott in ihrem Herzen nicht danken und ihn nicht als Gott ehren in ihrem Denken der Nichtigkeit verfallen – und in der Folge Gefangene ihrer eigenen Unordnung werden.

Braucht unser Denken Licht aus dem Glauben, damit es als Denken ein Diener des Weges zum Heil und nicht zum Unheil wird? Ich bin der Überzeugung, dass es so ist – und ich meine auch, dass wir nicht allzu leichtfertig und auch nicht ohne Übung im Geistlichen der Überzeugung sein dürften, wir wären nicht gefährdet. Der Herr macht deutlich, dass die Liebe selbst das Kriterium sein wird, nach dem wir gerichtet werden, aber eine Liebe, die in der Lage war zu erkennen, nämlich Ihn, den Herrn, im Anderen, zum Beispiel im armen Lazarus oder auch zum Beispiel im Flüchtling vor meiner und unserer Tür. Amen.

 

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