Feier anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Seraphischen Liebeswerks

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

an Festen wie diesem, bei dem es um das Wohl der Kinder geht, hören wir öfter das Evangelium, in dem Jesus die Kinder segnet. Es ist wunderbar, dass er das tut und die Begründung mit der er es tut, ist ebenfalls wunderbar, aber für uns Erwachsene ist sie, ehrlich gesagt, ziemlich erschreckend. Denn der Evangelist Matthäus, der uns das aufgeschrieben hat, hat es nicht zuerst für die Kinder aufgeschrieben, sondern für uns. Und wir müssen da einen Satz lesen, den wir mit unserem erwachsenem Kopf und unserem erwachsenem Herz allzu leicht überlesen: Da steht also die Nachricht an uns gerichtet: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hinein kommen“. Buchstäblich gelesen heißt das, Jesus gibt uns hier ein Ausschlusskritierium an für das, was da Reich Gottes heißt; für das also, was unsere eigentliche Heimat ist, ein Reich des Friedens, der Liebe, der Freude. Ein Reich, in dem Gott selbst herrscht, in dem er selbst die Mitte, das Maß und das Ziel allen Handelns ist. Im Glauben sind wir darauf hin unterwegs, im Glauben hat es auch schon begonnen, es wächst in uns und unter uns. Es ist aber nicht zu verwechseln mit ein wenig Nettigkeit und mehr Solidarität. Reich Gottes ist in der Verkündigung Jesu das Reich, das beginnt, wenn Gott Vater selbst oder Christus selbst die Herrschaft in unserer Seele übernommen hat. Und das, so sagt er uns mit diesem Satz, das kann sich im Grunde erst ereignen, wenn wir das Geheimnis des Reiches Gottes wie ein Kind annehmen. Wie nimmt ein Kind das an? Wie begegnet ein Kind der Welt? Wir würden sagen: ein normales Kind ist offen, ist voller Vertrauen im Blick auf diejenigen, die sich um es kümmern, ein einigermaßen normales Kind ist im Grunde fast immer gut drauf, voller Energie, Kinder rennen ja meistens, oder springen. Sie gehen jedenfalls nicht bedächtig; ein normales Kind kann sich an so vielem freuen, kann sich mit so vielem einfach beschäftigen, ohne dass es gleich einen unmittelbaren geldwerten Nutzen findet, ein normales Kind kann hingegeben sein ans Spiel, selbstvergessen, ein normales Kind schläft den seligen Schlaf des Gerechten, weil es weiß, dass Mama und Papa da sind. Ein Kind ist voll Staunen, Neugierde, Erwartung an die Welt um es herum. Solche Grundvollzüge und Haltungen, Schwestern und Brüder, meint unser Herr wohl, wenn er uns erinnert, dass wir ein kindliches Herz brauchen, um das Reich Gottes für uns zu erschließen, aber nun eben nicht einfach nur im Blick auf die Welt, sondern im Blick auf Gott. Denn die Tatsache, dass wir als Erwachsene nicht mehr einfach so unschuldig naiv auf die Welt blicken wie ein Kind, hängt ja damit zusammen, dass die Welt doch nicht einfach nur rosig ist und nur gut. Die Welt, die anderen Menschen, bringen eben auch Enttäuschung, Lüge, Verletzung, Gefahr, Verlust. Die Welt macht manchmal auch Angst. Und solche Erfahrungen machen uns Erwachsene einerseits weltlich klüger, wir durchschauen die Dinge schneller, sind nicht mehr einfach nur naiv. Aber sie bergen auch die Gefahr, dass sie unser Erwachsenenherz härter machen, weniger beweglich, weniger offen, weniger unmittelbar. Aber genau das bräuchten wir im Blick auf die Tiefenerfahrung von Wirklichkeit. Sehnen wir uns als Erwachsene nicht manchmal danach, das Weihnachtsfest wieder wie ein Kind erwarten zu dürfen, angerührt zu werden vom Glanz der Lichter, von der Überraschung der Geschenke, von der Atmosphäre des Heimeligen aber zugleich des Heiligen an diesem Fest? Ist unser Erwachsenenherz nicht eher allzu oft mit viel zu viel Sorge erfüllt und nicht selten mit dem Wunsch, dass Weihnachten hoffentlich bald vorbei sein möge?

Also, wenn wir nicht werden wie die Kinder, werden wir nicht ins Himmelreich gelangen? Und damit wenden wir unseren Blick noch einmal zum Kind, zu unseren Kindern hin. Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich. Jesus sagt uns: Kinder leben in ihrer Herzens- und Vertrauenshaltung irgendwie schon darin, nicht reflektiert, sondern in einer grundsätzlichen Herzenshaltung. Jesus warnt an anderer Stelle auch einmal, den Kindern Böses zu tun, denn ihre Engel würden im Himmel stets das Angesicht des himmlischen Vaters sehen. Was ist damit gesagt: Meine Deutung wäre, ein Kind ist so unmittelbar im Verhältnis zu den tieferen Dimensionen von Wirklichkeit, dass es intuitiv um die Dimension des Geheimnisses weiß, in dem man ursprünglich daheim ist. Die kindliche Welt ist noch nicht im schlechten Sinn entzaubert. Wirklichkeit ist noch tief und geheimnis- und bedeutungsvoll.

Aber, und das ist das Problem unserer Welt, jede Kinderseele, die so offen vor uns liegt und sich ausstreckt auf das Gute und Schöne, ist zugleich ungeheuer verführbar und verletzlich. Wir wissen heute, welche Schäden Kinder davon tragen, die schon früh Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen erleiden müssen. Wir wissen, dass manche Kinder davon einen Schaden davon tragen, der im Erwachsenenalter kaum mehr zu beheben ist.  Wir wissen, wie intensiv und verletzend sich Trennungen der Eltern oft in ein Kinderherz einschreiben, wir wissen, wie früh und intensiv sich ein Kind, das nicht bedingungslos geliebt wird, Taktiken andressiert, um sich Zuwendung erheischen und emotional überleben zu können. Kurz und gut, liebe Brüder und Schwestern, wir wissen, wie sehr Kinder und Jugendliche unsere ehrliche und offene Zuwendung und Fürsorge brauchen.

Und sie brauchen es zuerst einmal vor allem um Ihretwillen, einfach weil sie Kinder, weil sie jung, weil sie verletzlich sind. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wir brauchen diese Zuwendung zu den Kindern auch. Wie sonst sollten wir in unserem Leben die Erinnerung wachhalten, in welcher Verfassung unser Herz sein sollte, wenn wir nicht lebendigen Umgang mit Kindern hätten? Wie sonst sollten wir das tiefe Geheimnis des Vatergottes, von dem uns Jesus verkündet hat, von innen her erspüren können, wenn nicht am Beispiel von Kindern und ihren offenen Herzen?

Ich denke, angesichts des Jesuswortes kann man vermutlich folgendes sagen: Das Maß einer aufrichtigen Sorge einer Gesellschaft um ihre Kinder sagt zugleich etwas über das Maß an Gottfähigkeit dieser Gesellschaft, weil es etwas sagt darüber, wie die Menschen sich einfühlen und erahnen können, welches Geheimnis ihnen durch ein Kinderherz entgegenkommt. Sind wir auch heute in der Lage, Schwestern und Brüder, unsere Kinder so gut es geht davor zu bewahren, dass ihre Familien zerbrechen, dass sie Spielball moderner wirtschaftlicher Produktionsprozesse werden, dass sie in einem medialen Rausch nur noch lernen, Bedürfnisse schnell zu befriedigen, und mehr noch, dass sie Gewalt und Missbrauchserfahrungen erleiden?

Als ich jüngst zusammen mit anderen neuen Bischöfen Papst Franziskus begegnen durfte, hat er uns zugerufen: Kümmert euch vor allem um die Alten und um die Jungend. Die Alten sind unsere Wurzeln und die Kinder und Jugendlichen unsere Flügel.

Ich bin Ihnen allen, liebe Kapuziner und liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Seraphischen Liebeswerkes von Herzen dankbar, dass Sie sich um das Wohl von Kindern und Jugendlichen annehmen! In jedem Kind, in jedem Jugendlichen steckt ein guter Kern, hat mein Ordensvater Don Bosco immer gesagt, auch wenn er noch so verdorben oder verwahrlost erscheint. Die Liebe, von der in der ersten Lesung die Rede war, die Liebe, die aus Jesus kommt, die sieht mehr als nur unsere Augen. Die Liebe zu Kindern und Jugendlichen, die aus seinem Wunsch kommt, die Kinder zu segnen, die sieht auch, was in einem jungen Menschen steckt, auch wenn es vielleicht noch gar nicht zum Vorschein gekommen ist. Die Liebe hat Augen, sie sieht in die Tiefe! Und sie ist deshalb so sehr mit dem Herzen von Kindern verwandt.

Ich darf Sie alle bitten, liebe Schwestern und Brüder, helfen Sie mit, dass unsere Gesellschaft weiterhin Flügel hat und nicht müde wird; helfen Sie also mit, dass unsere Kinder und Jugendlichen in ihrem Erwachsenwerden etwas von dem Vertrauen in die Welt bewahren dürfen, das ihnen als Grundausstattung von unserem Herrgott mitgegeben wurde. Helfen wir mit, dass unsere Kinder und Jugendlichen zu frohen und verantwortungsvollen und gläubigen Erwachsenen heranwachsen dürfen. Und allen, die das hier im Seraphischen Liebeswerk schon längst tun, danke ich von ganzem Herzen. Gott segne dieses Werk! Amen.

 

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