Feier zum 30-jährigen Jubiläum des Ministrantenreferates im Bistum Passau

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Liebe Freundinnen und Freunde dieses Hauses und des Ministrantenreferates,

meine allererste Begegnung mit diesem Haus war der Abend, den ich hier mit vielen Leuten am 10. April feiern durfte: Es war der Abschluss am Tag meines ersten Wegs hinein in die Diözese, nachdem eine knappe Woche vorher die Bischofsernennung bekannt gegeben worden war. Zusammen mit einem Bus voller überwiegend junger Freunde aus Benediktbeuern, durfte ich mich von dort aufmachen zunächst nach Altötting zur Gnadenmutter, dann nach Passau in den Dom und schließlich hierher nach St. Maximilian. Einige von Ihnen und Euch waren ja auch dabei. Und wir Benediktbeuerer waren schon damals sehr berührt von der festlichen Atmosphäre und der großartigen Gastfreundschaft nach einem wahrhaft denkwürdigen Tag hier im Haus. Ein freudig-entspannter Ausklang wurde uns da beschert. Und schon da haben mir die ersten Leute erzählt: Hier ist also das Ministrantenreferat. Ich konnte mir noch nicht allzu viel vorstellen, aber nicht allzu viele Wochen später hatte ich dann ausgiebig Gelegenheit, gleich eine geballte Ladung qualitätsvoller Arbeit dieses Hauses am eigenen Leib miterleben zu dürfen. Die große Romwallfahrt, die vor allem Sie beide, Herr Winichner und Frau Drexler zusammen mit Domkapitular Auer verantwortet haben und bei der Sie große Unterstützung von zahlreichen Helferinnen und Helfern, Begleiterinnen und Begleitern hatten. 2000 Minis nach Rom zu verschaffen und diesen jungen Menschen eine Intensiv-Erfahrung von Kirche, Glaube und Gemeinschaft zu ermöglichen, ist fast unbezahlbar. Ich war richtig bewegt von diesen Tagen mit den jungen Leuten und darf sagen, dass Sie und natürlich auch die Jugendlichen mir geholfen haben, allmählich und immer mehr mein Herz an mein neues Bistum zu verlieren. Es war ziemlich spontan nach der Begegnung mit so vielen jungen Menschen, dass ich im Schlussgottesdienst der Ministrantenwallfahrt erklärt habe, wir seien „das coolste Bistum Deutschlands“. Aber so ist es eben mit Vätern oder auch mit Müttern: Wir finden die eigenen Kinder fast immer am tollsten! Und so geht es mir auch als Bischof.

Wir alle wissen ja, dass wir im Blick auf Kirche und ihr Verhältnis zu jungen Menschen in keinen leichten Zeiten leben. Und daher schaue ich gerne und mit großer Wertschätzung auf diese Arbeit, in der Sie liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Praktikantinnen und Praktikanten, FSJler und Ehrenamtliche, offenbar mehreres zusammen bringen: Den Glauben vertiefen helfen, Gemeinschaft wachsen lassen und trotzdem auch das Lebensgefühl junger Menschen treffen und ansprechen. Hier im Haus, so mein Eindruck, hat der Glaube kein altbackenes Gesicht, sondern ein frohes. Und hier arbeiten Menschen für andere Menschen, die es mit lebendiger Überzeugung tun. Dafür danke ich allen, die hier so engagiert mitwirken, von Herzen.

Es mag ja manchmal ganz anders aussehen, meine Lieben, aber die Texte des heutigen Tages zeigen uns, dass der Glaube auch Gelassenheit lehrt und gar nichts mit verkrampfter Gesetzlichkeit zu tun haben braucht. Im Brief an die Galater erinnert Paulus an das bedeutsame Wort, das über Abraham gesagt wurde: „Er glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet“. Ich glaube man kann sagen, dass Paulus aus diesem Satz so etwas wie den Kern, das Herzstück seiner Theologie und der christlichen Glaubenserfahrung findet. Wie ist das gemeint? Nun, wir alle strengen uns tagtäglich an, um einigermaßen passable Menschen zu sein. Aber haben Sie schon einmal versucht, alles, jede einzelne Handlung, sogar jeden Gedanken ihres Herzens einfach nur gut und wahr sein zu lassen? Ohne Falsch, ohne Neid, ohne Groll, ohne Zorn, ohne heimlichen Selbstbetrug, ohne was anderes scheinen zu wollen, als man ist. Einfach nur: ein gutes, reines Herz? Ich sag Ihnen, wenn Sie damit am zum Beispiel am Morgen beginnen wollen und durch die ersten zehn Minuten passabel durchkommen, herzlichen Glückwunsch! Ich glaube trotzdem nicht, dass es dann schon perfekt wäre. Es geht nicht. Und vermutlich wird es so sein: Je mehr Sie sich anstrengen, ganz gut sein zu wollen, desto mehr werden Sie merken, wie Sie hinter Ihrem Anspruch zurückbleiben. Und das Schlimme ist: Wenn man es trotzdem will, aber nicht schafft, dann fängt man an zu heucheln. Man kennt ja den Anspruch an sich und man will ganz ungern zeigen, dass man scheitert. Man neigt zum Pharisäertum.

Denn wie gern werden wir für unsere moralischen Qualitäten gelobt!? Wie gerne strengen wir uns deshalb an, damit wir gelobt werden!? Wie gerne also würden wir auch zum lieben Gott hintreten und sagen: „Lieber Gott, schau mal, was ich für ein toller Bursche bin. Jetzt kannst Du doch gar nicht anders, als mich zu mögen und Dich mit Deiner Gnade zu überschütten. Bin ich nicht großartig tugendhaft?“

Meine Lieben, ich habe ein wenig überzeichnet, aber täuschen wir uns nicht: Ein starker Anteil von diesem Versuch, sich selbst gerecht zu machen, sich selbst zu rechtfertigen, steckt in uns allen. Aber je mehr wir es versuchen, desto mehr nimmt die Verkrampfung zu.

Und Paulus hat meines Erachtens ziemlich genau das im Sinn an den Stellen, an denen er so negativ über das spricht, was er „Gesetz“ nennt. Wir haben im Kopf ein „Du musst“ und „Du sollst“ – und wir meinen, wir könnten uns aus eigener Leistung den Preis für den besten „Du sollst-Erfüller“ verdienen. Was antwortet Paulus darauf? Das ist alles eitel, führt letztlich nur zur Selbstgerechtigkeit.

Was ist also ist seine Antwort? „Abraham glaubte und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet“, heiß es in der Lesung. Die Antwort ist: Wenn wir in die Erfahrung hineinfinden, dass es Gott gibt, ja, dass er mich persönlich kennt und mein Leben trägt, wenn wir ihm vertrauen, dann anerkennt uns Gott schon als gerecht. Wenn wir lernen, uns ihm zu überlassen, dann darf er seinen Geist in uns hineingießen, dann werden wir von innen her neu, dann lernen wir zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Aber dann fragen wir nicht mehr: Bin ich jetzt schon gerecht, habe ich es endlich geschafft? Vielmehr lernen wir zu leben wie ein Kind, das einfach weiß, dass der Vater es mit einem tiefen Blick der Liebe ansieht. Und es ist dieses Vertrauen, das uns wachsen lässt, das uns dankbar macht, das uns Ansporn ist. Es ist dieses Vertrauen, das uns hilft, ein bloßes Gesetzesdenken zu überwinden, weil dies allzu schnell zur Selbstgerechtigkeit führt. Wer sich geliebt weiß, wer vertrauen kann, der kann auch Antworten geben.

Sicher, meine Lieben, ist das ein wenig ideal gesprochen. Wir sind ja nicht immer selbstverständlich im Glauben und in diesem Vertrauen, dass Gott uns liebt. Wir brauchen daher manchmal auch so etwas wie das Gesetz des „Du sollst“. Manchmal sagt zum Beispiel einfach nur das Gesetz: „Du sollst die kranke Oma besuchen“. Sie wartet vielleicht auf Dich, obwohl Du keine Lust hast und gerade gar nicht viel Liebe in Dir spürst. Aber Du gehst trotzdem hin. Und dann bist Du da und siehst vielleicht, dass sie sich freut, ihr kommt in ein schönes Gespräch und am Ende denkst Du gar nicht mehr, dass Du ein „Du sollst“ erfüllt hast. Du bist einfach gern da bei ihr.

In diesem Fall hat Dir das Gesetz, das „Du sollst“ in die Liebe hinein geholfen. Du hast es gleichsam hinter Dir gelassen, wie eine Leiter, auf der man hinaufsteigt und wenn man oben ist, kann man in Ruhe auf dem Dach umhergehen. Umgekehrt: Wenn Du nur aus „Du sollst“ hingehst, nur aus Pflichtgefühl und gar keine Lust hast und auch bei der Oma gar nicht in die Freude findest, dann sagt auch die Oma irgendwann „bleib mir am besten gestohlen“. Und auch das ist die Erfahrung des Paulus mit dem Gesetz: Das Gesetz allein macht es nicht, aber manchmal hilft es uns eben doch, wenn es zur Liebe führt. Wir könnten alle Vorschriften der Bibel, jedes Gesetz dem Buchstaben nach erfüllen, sagt Paulus, wenn wir die Liebe nicht hätten, wäre es nullkommanull, gar nichts. Daher: Ein verkrampftes „Du sollst“ ist kein Glaube. Der wirkliche Glaube ist Gottvertrauen, das dankbar und gelassen macht. Wir vertrauen, dass er uns das reine Herz immer mehr schenken will – und dass wir das gar nicht alleine machen brauchen. Wir sind nur aufgerufen zu antworten auf diese Liebe. Jesus hat uns heute im Evangelium gesagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten tragt, ich will euch Ruhe verschaffen.“ Wenn wir bei Ihm sind, bei Jesus, wenn wir ihn kennen lernen und lieben lernen, weil er wirklich als einziger Mensch wert ist, mit ganzem Herzen, ganzer Kraft, ganzer Seele geliebt zu werden, dann spüren wir, wie im Herzen Frieden einkehrt und wie wir fähig werden, selbst gut zu werden und den anderen auch gern zu haben und uns selbst. Nicht aus eigener Leistung, sondern weil wir Jesus im Herzen haben, der uns Ruhe verschaffen will.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Ministrantenreferat. Ich danke von Herzen für jede Mühe, ich danke vor allem dafür, dass ich den Eindruck habe, dass diese Mühe mehr ist als nur bemüht, mehr ist als nur der Versuch, ein Gesetz zu erfüllen. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass Ihr als Mitarbeiter selbst die Sehnsucht in Euch habt, den Herrn zu suchen und kennen zu lernen. Mehr noch, ich habe den Eindruck, dass die meisten von Euch wohl auch sagen können: Ja, wir sind schon berührt, wir haben schon Vertrauen, schon Glauben, wir fühlen uns beschenkt und wir freuen uns deshalb, diesen Glauben an die Ministrantinnen und Ministranten unseres Bistums weitergeben zu dürfen. Wir freuen uns, sie auf diesem Weg in die Kirche, in den Glauben, in die Gemeinschaft und letztlich zu Christus begleiten zu dürfen.

Ich bin froh und auch ein wenig stolz als Bischof darüber, so ein Haus und so ein Ministrantenreferat in der Diözese zu haben. Die Kinder und Jugendlichen, die Ihr ansprecht und begleitet, sind ein wichtiger Teil unserer kirchlichen Jugend, die wiederum eine Hoffnung unserer Kirche sind. Als ich im September beim Kurs der neuen Bischöfe in Rom war, hat uns Papst Franziskus in einer bewegenden Rede zu Folgendem ermahnt. „Kümmert Euch besonders um die Jugend und um die alten Menschen. Die alten Menschen sind unsere Wurzeln und die Jugendlichen, das sind unsere Flügel.“ Ich danke Euch also, dass Ihr mit Eurer Arbeit im Auftrag des Bischofs dazu beitragt, dass der Diözese ihre Flügel gestärkt werden.

Und ich möchte uns alle nun einladen, uns selbst stärken zu lassen, bei dem, der uns im Evangelium zu sich gerufen hat, damit wir bei ihm Gelassenheit finden und Frieden. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

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