Gedanken zu Kirchenaustritten

In Wortmeldungen von Pressestelle1 Kommentar

Bedrückende Zahlen nach der Zeitungslektüre heute morgen: Rekord bei den Kirchenaustritten in ganz Deutschland. Auch wir im Bistum Passau sind deutlich betroffen, es schmerzt uns sehr, das im Jahr 2014 insgesamt 2740 Menschen in unserem Bistum aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Ein ganz kleiner Lichtblick, was unser Bistum betrifft: Mit 0,57 Prozent von der Gesamtzahl der Gläubigen haben wir prozentual gesehen deutschlandweit den niedrigsten Rückgang. Wohl ein Zeichen dafür, dass der seit langem anhaltende Entfremdungsprozess vom Glauben in unserem überwiegend ländlichen und noch stark volkskirchlich geprägten Bistum etwas langsamer vonstatten geht als anderswo. Dennoch: Wir gehören als Kirche alle zusammen, wir sind „ein Leib“, daher sind für uns sowohl unsere eigenen Zahlen, wie die Zahlen der Kirche in Deutschland und darüber hinaus insgesamt natürlich sehr schmerzlich.

Aber welche Antwort geben wir heute auf die Frage: Was ist eigentlich Kirche? Sind wir zuerst:
  • der Papst, die Bischöfe, die Priester, die Laien… eine straff organisierte Hierarchie von oben nach unten?
  • oder ein sozial tätiger Träger der Wohlfahrt in ganz vielen Bereichen und für ganz viele Menschen am Rand?
  • oder einfach eine Gemeinschaft von Leuten, die ihren Glauben leben und feiern wollen?
  • oder eine Vielzahl von Organisationen, Verbänden, Vereinen, Gruppen, die bestimmte soziale, politische, kulturelle, ökologische und andere Anliegen vertreten?

Alles das und mehr ist Kirche auch. Aber meine Antwort ist: Kirche ist zuallererst Wohnort Gottes in der Welt. Christus, der Gottmensch, wohnt in seiner Kirche. Zuerst und zutiefst in der Mutter des Herrn, die bleibend unter uns gegenwärtig ist und bleibt – und uns immer neu in die Nähe zu ihrem Sohn führt. Dann wohnt er in ausnahmslos jedem Menschen, aber in besonderer Weise in denen, die auf seinen Namen und in seinem Geist getauft sind – und die kraft ihrer Taufe zu seiner Kirche gehören. Sie hat er in seine Kirche gerufen, damit sie durch seine Gegenwart immer mehr zu Menschen werden, die ihm ähnlich sind. Und die deshalb Menschen voll Glauben, Hoffnung und Liebe sind, voller Freude und innerer Freiheit, dass sie zu ihm gehören dürfen. Christen, die zu Jesus gehören und das auch innerlich vollziehen, sind Bekehrte, und sie wissen um die Notwendigkeit ständiger Bekehrung. Sie sind Menschen, die sich aus Sünde und Tod befreit wissen. Sie sind Menschen, die spürbar aus seiner Kraft leben und daher z.B. auch schwierigste Situationen ihres Lebens mit Ihm bestehen können. Es sind Menschen, die aus einer Quelle leben, die nicht mehr tot zu kriegen ist. Es sind Menschen, die mit ihrem Sprechen und Handeln ausdrücklich und unausdrücklich Jesus preisen – weil sie ihn kennen und lieben. Das ist also das erste: Kirche als Wohnort Gottes in der Welt sind alle die, die zu Jesus gehören und aus seiner Gegenwart leben, die aus seinem Wort leben, aus seinen Sakramenten, aus einem persönlichen Beziehungsleben mit ihm. Alles andere, alles Engagement, alle soziale und sonstige Aktivität folgt aus dieser Zugehörigkeit zum Herrn. Daher: Alles das ist auch Kirche! Gott sei Dank. Aber wir dürfen nicht dieses erste vergessen und in der Folge nur mehr das, was daraus folgt, zum Inbegriff von Kirche erklären. Dann bleibt Aktivität ohne inneres Herz, dann bleibt Struktur ohne Inhalt, dann bleibt Macht ohne geistlich erfahrene Vollmacht Jesu. Kirche wird dann herzlos und leer.

Ich bin sehr froh, dass ich auf vielen Wegen durch das Bistum immer wieder Menschen begegnen darf, die gläubig um dieses Geheimnis wissen. Sie wissen dann aber auch, dass Menschen, die die Kirche verlassen, real Gefahr laufen, sich von Christus zu trennen  und damit von dem, der das Leben selbst ist. Die Sorge um die Menschen, die uns verlassen, ist also nicht zuerst die Sorge darum, dass wir quantitativ kleiner werden; auch nicht darum, dass wir weniger Kirchensteuer einnehmen oder gesellschaftlichen Einfluss verlieren oder ähnliches. Es ist die Sorge darum, dass sich Menschen vom Wohnort Gottes in der Welt abschneiden und damit von der Quelle ewigen Lebens. Es ist die Sorge, dass die Menschen dann nur noch diese Welt und sonst nichts mehr haben. Aber wer wirklich auf sein Herz hört und nach der Sehnsucht des Herzens fragt, der spürt: Es muss doch mehr als alles geben, mehr als nur diese Welt! Dieses mehr ist Jesus. Er ist mehr als alles, „er trägt das All“ (Hebr 1,3). Ich möchte daher einladen, für alle zu beten, die uns verlassen: dass sie den, der das All trägt, nicht verlieren. Und für alle, die bleiben: dass sie immer mehr Wohnort dessen werden, der das All trägt – und ihn mit ihrem Leben preisen.

Kommentare

  1. Johannes Schäfer

    „Es ist die Sorge darum, dass sich Menschen vom Wohnort Gottes in der Welt abschneiden und damit von der Quelle ewigen Lebens.“
    Das Gleichnis vom barmherzigen Vater gibt mir Optimismus in dieser Hinsicht.

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