Gedenktag Don Boscos auf Mariahilf

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

es gibt eine Geschichte von Don Bosco, eine kleine Episode, die uns hilft, etwas von dem zu verdeutlichen, worum es uns in unserem Umgang mit jungen Menschen gehen kann. Wir sind in Turin im Jahr 1848. Don Bosco geht in einen Friseurladen, um sich rasieren zu lassen. In einer Ecke des Ladens sieht er den Lehrling stehen, der offensichtlich noch recht jung und am Anfang seiner Ausbildung ist. Don Bosco sieht den Burschen und sagt zum Meister laut: „Einmal rasieren bitte, aber vom Lehrling!“ Der Meister zuckt zusammen und der Lehrling erst recht. Der Meister sagt: „Sie wissen nicht, was Sie da verlangen, Hochwürden! Der Junge hat noch nie ein Rasiermesser in der Hand gehabt“. Don Bosco sagt nur: „Einmal muss er ja anfangen, nicht wahr?“ Und dann zu dem Jungen: „Auf geht’s! Frisch ans Werk und nicht gezittert! Nur die Nase musst du mir dran lassen.“ Unter dem sorgenvollen Blick des Chefs und behutsam von Don Bosco angeleitet, macht sich der Junge daran, seinen Gast einzuseifen und zu rasieren. Sicher, am Ende gibt es die eine oder andere kleinere blutige Stelle, aber fürs erste Mal eigentlich ganz passabel. Don Bosco hat den jungen Mann anschließend gemessen an seinen Fähigkeiten ehrlich gelobt. Und ich meine, er hat so sicher seinen Teil dazu beigetragen, dass aus dem Burschen später ein guter Friseur und Barbier wurde.

Diese Episode, Schwestern und Brüder, ist äußerlich gesehen eigentlich belanglos. Eine kleine Begebenheit und doch könnte es sein, dass gerade mit so einer geringfügigen Geste für den Jugendlichen etwas richtig Bedeutendes passiert ist. Vielleicht denken Sie einmal an Ihr eigenes Leben zurück, an Ihre eigene Kindheit oder Jugend. Haben Sie jemanden in Ihrem Leben gehabt, der Sie gemocht hat und der Ihnen deshalb etwas zugetraut hat – und sei es vielleicht äußerlich noch so unbedeutend? Ich kann mich jedenfalls für meine Jugend an Situationen erinnern, in denen immer wieder mal wohlmeinende Menschen mit dem Herz am rechten Fleck mir etwas zugemutet und zugleich zugetraut haben. Sie haben herausgefordert und doch nicht überfordert. Sie haben ermutigt, aber nicht frustriert. Sie haben mit dem Herzen gesagt: „Ich glaub, Du kannst das. Versuch es mal.“ Und im Probieren habe ich dann selbst gespürt: „Ja, es geht. Das ist gut!“ Und ich darf ehrlich sagen: Solche Momente waren bisweilen Wegmarken in der Frage, wohin der Weg meines Lebens gehen kann. Sie haben mir immer wieder geholfen, ein Stück klarer zu sehen.

Wir sagen ja zurecht: Wer einen anderen Menschen mit dem Herzen anschaut, der erkennt mehr. Das heißt, wenn uns ein Mensch mit dem Herzen anschaut, dann kann es auch sein, dass er manchmal mehr über uns erkennt, als wir selbst in uns sehen. Die Herzensschau erspürt nämlich manchmal, was ein Mensch in sich hat, was er hervorbringen könnte, was aus ihm werden könnte. Etwas, das der Angeschaute selbst bei sich vielleicht noch gar nicht sieht, aber was in ihm steckt. Und wenn es dann im Leben eines jungen Menschen einen anderen Menschen gibt, Eltern, Lehrer, Erzieher, gute Freunde, Menschen, die einem Jugendlichen etwas zutrauen – und zwar deshalb, weil sie etwas in ihm erahnen und spüren, was da an Potential sein könnte – wenn es solche Menschen gibt, dann ist es möglich, dass ein junger Mensch zu etwas Neuem bewegt wird, was aber zugleich zutiefst zu ihm gehört. Er erlebt sich als fähig, als wertvoll, er erlebt, dass er etwas in sich hat, was er beitragen und einbringen kann in sein Leben und in das der Anderen. Er erlebt bewusst oder unbewusst: „Es ist gut, dass ich da bin.“ Er erlebt ein inneres Ja zu seinem Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin überzeugt, dass es im Leben von jungen Menschen von größter Wichtigkeit ist, ein solches Ja zu ihrem Leben immer neu spüren zu dürfen. Es geht dabei nicht einfach nur um äußere Anerkennung. Die kann sehr schnell zur Eitelkeit verführen und innerlich hohl oder danach süchtig machen. Es geht viel mehr darum, dass eine Bejahung durch andere uns mit einer tiefen Wirklichkeit in unserer Seele in Berührung bringt. Es ist eine Wirklichkeit, die wir oft nicht wahrnehmen, nicht realisieren, von der wir uns selbst oft genug abschneiden. Es ist die Wirklichkeit in uns, die selbst ein einziges, großes, tiefes, lauteres Ja zu uns Menschenkindern ist. Und zwar trotz alledem, was diese Welt auch an Verneinung für uns hat. Wir leben zum Beispiel in einer Leistungsgesellschaft und in einer Konsumbefriedigungsgesellschaft, in einer Gesellschaft, die dem äußeren Schein viel zu viel Bedeutung gibt. Wir leben in einer Gesellschaft, die unaufhörlich vergleicht; wir leben in einer Gesellschaft, in der es Neid gibt, falschen Ehrgeiz, Lüge, Egozentrik und Bosheit. Alles das gibt es und vieles mehr. Und alles das ist geeignet, uns zweifeln zu lassen an der Tatsache, dass es ganz tief in uns ein unfassbar klares, liebevolles Ja zu uns gibt. Ein Ja, das zu jedem Einzelnen von uns sagt: „Es ist gut, dass Du da bist. Du bist mein geliebtes Kind. Ich habe Dich geschaffen. Ich habe Dich erlöst und will Dich immer neu erlösen, ich will Dich an mich ziehen, damit Du aus meiner Freude und aus meiner Gegenwart lebst, voll Vertrauen, wie ein Kind. Geh nur, Du kannst aus meinem Ja, aus meiner Zusage leben.“

Liebe Schwestern und Brüder, als Christinnen und Christen sind wir die Erstberufenen, dieses Ja einander und jedem Menschen zuzusprechen. Wir sind berufen, uns gegenseitig zu zeigen, dass wir unvergleichliche, geliebte Kinder Gottes sind. Wir sind berufen, mit unserem Leben in eine Antwort aufzubrechen, die aus diesem Ja lebt, das Gott zu uns spricht.
Mein Ordensvater Don Bosco war ein Meister darin, vor allem jungen Menschen dieses Ja zuzusprechen. Er war ein Meister der Herzenserkenntnis. Er war innerlich so bei den jungen Menschen, dass sie gespürt haben: „Der meint es gut mit mir. In der Gegenwart Don Boscos kann ich selbst entdecken, dass ich gewollt bin, dass ich gut bin, dass ich etwas kann; dass das Leben wert ist, entdeckt zu werden und bejaht zu werden.“ Don Bosco kannte zutiefst das Geheimnis der Freude, von der in der Lesung aus dem Philipperbrief die Rede war. Paulus ruft darin die Philipper mehrmals auf: „Freut euch!“ „Freut euch zu jeder Zeit!“. Warum? Die Antwort: „Der Herr ist nahe.“ Don Bosco lebte aus der Nähe des Herrn. Er lebte aus dem ganz großen Ja, das Gott in sein Leben hinein gesprochen hat. Er wusste, dass der Vatergott dieses Ja durch seinen Sohn ein für alle mal und unverlierbar von neuem in die Welt hinein gesprochen hat. Und er wusste, dass die Mutter dieses Sohnes ebenfalls immer neu zur Seite stand, als Helferin der Christen, um das große innere Ja zu seinem Leben nicht mehr zu verlieren, – sondern im Gegenteil immer mehr zu vertiefen. So konnte Don Bosco selbst zu einem Menschen werden, der das Ja im anderen und die Freude am Leben im anderen wecken, bekräftigen und vertiefen konnte. Er selbst hatte durch Jesus das Geheimnis der Gotteskindschaft in seinem eigenen Leben zutiefst verinnerlichen dürfen; Kind des Vaters, Kind der Mutter Gottes. Und er konnte so getragen den übrigen Menschenkindern zeigen, zu wem sie auch in der Tiefe ihres Herzens gehören. Er war deshalb im besten Sinn des Wortes auch ein Berufungserwecker. Denn es ist bei ihm fast ein und derselbe Vorgang, sich als Kind Gottes erfahren zu dürfen und dabei immer mehr auch zu verstehen, welchen Weg der Vater mit seinem Kind gehen will. Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus die Kinder in die Mitte stellt und dabei die Menschen lehrt: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Und Jesus sagt schon im nächsten Satz: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“

Für Don Bosco war auch beides im Grunde ein einziger Vorgang: einerseits selbst an der Seite Jesu zu lernen immer mehr ein Gotteskind zu werden und andererseits zu lernen, die Kinder und jungen Menschen gern zu haben. Weil er sich selbst so sehr als Kind Gottes bejaht wusste, konnte er die jungen Menschen so tief bejahen, sie aufnehmen und sich von ihnen immer neu herausfordern lassen. Wie oft hat er sich bei den Jugendlichen bedankt, obwohl doch eigentlich gerade sie ihm so viel verdankten. Aber Don Bosco hat gewusst: die Jugendlichen haben ihm geholfen, ein Liebender zu werden. Er hat sich von Gott zu ihnen gesandt gewusst und er hat sich von ihnen herausfordern lassen, sie zu lieben. Und so ist er im Herzen immer jung, immer Kind Gottes geblieben, damit die jungen Menschen in seinem jung gebliebenen Herzen so viel Raum einnehmen konnten.

Sie alle wissen, dass ich Salesianer Don Boscos bin und Sie alle wissen auch, dass wir uns in der Kirche oft nicht leicht tun mit den jungen Menschen. Sie leben halt ganz oft nicht mehr so, wie wir als Kirche uns das vorstellen. Aber das macht zuerst mal gar nichts. Wir sollen und dürfen uns trotzdem zuerst einmal an ihre Seite stellen mit Geduld, mit Liebe, mit Vernunft, mit Vertrauen. Gott steht ja auch schon an dieser Seite und wir müssen den jungen Menschen erst einmal zeigen, dass sie bejaht sind, dass es gut ist, dass es sie gibt. Und wenn sie sich dann von dieser Liebe einmal tatsächlich berühren lassen, dann hat der Heilige Geist schon begonnen, in ihnen zu wirken. Dann werden sie wie von selbst auf die Spur ihres großen Ja finden, das Gott zu ihnen gesprochen hat und dann werden sie auch die Kraft bekommen immer mehr so zu werden, wie Gott sie gedacht hat. Die Liebe liebt im anderen hervor, was in ihm schon da ist. Und sie geht mit und hilft bei diesem Geburtsprozess hinein in ein Leben, das in der Lage ist, den Willen Gottes zu hören und ihm zu folgen. Das ist nach meiner Überzeugung das wichtigste Geheimnis der Pädagogik Don Boscos. Und das können wir alle immer neu von ihm lernen. Heiliger Don Bosco, bitte für uns. Amen.

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