Glockenweihe in Aldersbach

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wie ruft Gott? Wie ruft Gott heute in unser Leben hinein? Ruft er überhaupt noch? Und wenn er noch ruft, sind wir noch in der Lage, diesen Ruf zu hören?
Aus der Überzeugung meines Glaubens und aus der Hl. Schrift heraus würde ich sagen, ja natürlich, Gott ruft in unser Leben. Er tut es immerfort. Im der Schrift sagt er einmal selbst: „Ich stehe an der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“ (Offb 3,20). Aber wie klopft er, wie kann ich ihn hören?

In jedem Fall, liebe Schwestern und Brüder, geht es um Achtsamkeit, um Sensibilität für diese Stimme. Und die ist uns zwar grundsätzlich gegeben, aber eben nicht so, wie wir einfach nur hören, sondern eher so, wie wir lauschen, wie wir hinhören. Unser Hören will also trainiert werden. Waren Sie schon einmal mit einem Experten für Vogelkunde und Vogelstimmen in der Natur? Dann werden Sie wissen, was ich meine: So ein Mensch, der die Natur und die Vögel liebt, der ist im besten Sinn des Wortes hellhörig geworden für die verschiedenen Stimmen der Tiere. Der geht mit Ihnen durch den Wald und Sie selbst als Nichtfachmann hören kaum etwas oder nur ein Durcheinander und er wird Sie führen und hinweisen und sagen: Hör hin, da singt dieser Vogel oder jener. Er kennt die Stimmen. Und ein besonders guter kennt manchmal sogar den einzelnen Vogel in seiner Nähe, er kann manchmal sogar die Individuen derselben Art unterscheiden.

Nun, so ein Mensch hat geübt, diese Stimme zu hören. Und sein Üben war nicht nur ein methodisch-technisches Wiederholen von Stimmen auf dem Tonband. Vielleicht auch das, aber sein Üben war verbunden mit Faszination für die Tiere, mit Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen. Sein Üben ging oft wie von selbst, weil er Herz und Ohren offen hatte für die Vogelstimmen.

Liebe Schwestern und Brüder, Gott sagt, dass er uns ins Herz spricht. Aber wir wissen aus der langen Tradition des geistlichen Lebens und unseres Glaubens, dass er meistens leise spricht, dass er selbst Liebe ist, dass es deshalb ein werbendes, zärtliches Sprechen ist. Sie kennen die Geschichte des Propheten Elja, der nach seinem langen Marsch durch die Wüste Gott begegnet – und Gott ist eben nicht im Gewitter, nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, sondern im leisen Säuseln des Windes. Die Frage ist also: Sind wir geübt im Hören der Stimme Gottes in unser Leben? Haben wir ein inneres, sensibles Organ dafür bekommen, wie er in unser Herz hinein sprechen will? Oder gibt es in uns, in mir und dir, nicht auch viel Ablenkung und Abwehr? Wir glauben, dass Jesus gekommen ist, damit er die wichtigste Beziehung unseres Lebens wird. Mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft will er geliebt werden. Wir sagen es, wir hören es. Aber vollziehen wir es mit? Sind wir Jesus-Kenner? Jesus-Hörer, Jesus-Freunde? Kennen wir seine Stimme, wenn er klopft?

Oder kennen wir nicht viel eher das folgende: Die Zeit vor dem Fernseher fliegt dahin, dieselbe Zeitspanne im Gottesdienst scheint quälend lang. In der Zeitung und im Internet lesen wir täglich, in der Bibel, dem Wort Gottes so gut wie nie. Mein Gebet soll nur so lang wie nötig, aber so kurz wie irgend möglich sein, die Party mit den Freunden kann aber nie lang genug sein. Die 50 Euro für das neue T-Shirt sind selten zu viel, aber die 5 Euro für die Kollekte sind in jedem Fall die Obergrenze.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will mit solchen Fragen nicht anklagen, weil ich dieselben Regungen in mir kenne. Aber meine Frage ist: Was geschieht, damit wir wieder neu Hörer seiner Stimme werden? Wie üben wir es ein? Wenn er tatsächlich die wichtigste Beziehung unseres Lebens sein will, warum ist uns dann so vieles so oft so viel wichtiger? Ist das nicht erstaunlich?

Im heutigen Evangelium wird das, wovon ich zu reden versuche, von Jesus selbst mit einem ungeheuerlichen Begriff vertieft: Ich habe euch Freunde genannt! Und wie beschreibt er die Freundschaft zu den Seinen? Zu den Jüngern? Zu uns als Getauften? Er unterscheidet zwischen Sklaven und Freunden. Der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut. Er steht irgendwie daneben, sieht ihn handeln und ist bestenfalls manchmal Befehlsempfänger, ohne zu wissen wofür und warum. Der Freund aber weiß was sein Freund tut. Er kennt die inneren Beweggründe des Freundes. Und Jesus beschreibt diese Beweggründe wir folgt: „Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“. Hier können wir stockend und staunend innehalten, meine Lieben, und uns fragen: Wissen wir von unserem Herzen her, was Jesus innerlich bewegt hat, was er vom Vater gehört und an uns, seine Jünger weitergegeben hat? Sind wir dadurch in die Freude gekommen, von der er heute ebenfalls im Evangelium spricht. Die Erfahrung der Freude, die die Freundschaft mit Jesus schenkt, weil wir ihn kennen, seine Stimme kennen, sein Herz kennen – und weil wir deshalb neu befähigt werden, auch unsere Schwestern und Brüder und uns selbst zu lieben?

Liebe Schwestern und Brüder, einen Apell, den ich als Bischof immer neu an Sie und uns alle richten mag, lautet also: Lasst uns miteinander Räume, Orte, Gemeinschaften von Begegnung suchen, in denen wir lernen, wirklich zu beten, in denen wir lernen, auf seine Stimme zu hören, sein Wort der Schrift zu verinnerlichen, in denen wir ein Gespür dafür einüben, wer er ist, und wie er zu uns spricht. Wir fragen uns, warum wir zu wenig Berufungen zur Ganzhingabe an Jesus, zum Priester- und Ordensberuf haben? Die Antwort ist im Grunde vermutlich ganz einfach: Weil uns der Glaube, das Vertrauen abhanden kommt, dass Gott wirklich gegenwärtig ist, dass er in unser Herz spricht und weil wir dann womöglich nicht mehr genug geübt und gelernt haben, diese Stimme zu hören. Als Einzelne und als Gemeinschaft.

Wohlgemerkt, Schwestern und Brüder, diese Stimme führt – wenn wir sie hören, auch immer in die Umkehr, keine Frage, sie führt auch dahin, manches zu bereuen, manches zu lassen. Aber die Verheißung Jesu ist Freundschaft, ist vollendete Freude, ist Liebe. Er will, dass wir das Leben in Fülle haben; während wir dazu neigen, das Wort Lebensfülle mit allem Möglichen in Verbindung zu bringen, nur nicht mit Jesus.

Wir weihen heute für dieses großartige Gotteshaus sechs neue Bronzeglocken und ein Turmkreuz. Die Glocken und das Kreuz sind Zeichen. Sie haben eine Verweisfunktion. Sie zeigen hin auf etwas anderes. Mit dem Ruf der Glocke ist es aber ein wenig wie mit dem Ruf Gottes. Es kann sein, dass er in unserem alltäglichen Leben nur eines unter vielen Geräuschen wird, das irgendwie so selbstverständlich wird, dass wir es gar nicht mehr hören. So wie bei Menschen, die an der Straße wohnen, das Geräusch der vorbeifahrenden Autos nicht mehr wahrnehmen. Es kann aber auch sein, und das wünsche ich uns sehr für den heutigen Tag und darüber hinaus, dass wir durch den Klang der Glocken von neuem sensibel werden für ihren Ruf oder besser für ihren Rufer.

Wir können beispielsweise jedes Mal beim Klang der Glocken innehalten und uns mit unserem Schöpfer in Verbindung setzen, ihm danken und ihm unser Leben mit allen Freuden und Sorgen neu anvertrauen. Das wäre eine Übung, liebe Schwestern und Brüder, die uns helfen kann, von neuem sensibel zu werden, für seine Stimme und seinen Ruf. Das Kreuz, das wir segnen, ist schließlich das Zeichen seiner Ganzhingabe an uns. Wir erinnern uns, was er für uns getan hat und dürfen bei der Begegnung mit diesem und anderen Kreuzen, ebenfalls von Herzen dankbar sein und es kann uns Anlass zur Besinnung sein auf die Frage, was wir den bereit sind, für ihn zu geben.

Und so wünsche ich uns allen sehr, dass wir hier und heute nicht nur ein schönes, prächtiges äußeres Fest feiern. Das darf und soll es sein, aber noch schöner wäre es, wenn dieses Fest auch mit unserem Inneren zusammenklingen würde, mit unsrer Freude an Gott und unserer Sehnsucht danach, seinen Ruf und seine Stimme zu hören. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau