Uns fehlt es an Heiligkeit

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Kann es gelingen, die galoppierende Säkularisierung anzuhalten? Passaus Bischof Stefan Oster ist da skeptisch. Aber Gott liebe kleine Anfänge, ist er sich sicher. Ein Interview mit der Tagespost vom 4. Januar 2018 mit Fragen von Oliver Maksan
Herr Bischof, in Augsburg soll Anfang Januar auf der Mehr-Konferenz ein Signal zum missionarischen Kirchesein gesetzt werden. Nun schreitet die Säkularisierung galoppierend voran. Siehe Ehe für alle. Kann es da überhaupt gelingen, diesen Trend umzukehren? Soziologisch scheint dies unmöglich.

Ja, soziologisch ist es tatsächlich sehr, sehr schwierig. Aber wir rechnen nicht und vor allem glauben wir nicht nur soziologisch, sondern wir rechnen mit Gott und mit seiner Gnade. Ich denke aber tatsächlich auch nicht, dass wir gleich eine Art breite Gegenbewegung bekommen, die die Säkularisierung zum Halten bringen könnte. Die wird weitergehen. Ich glaube aber andererseits auch, dass Gott die kleinen Anfänge liebt, von Menschen, die sich entschieden haben für Ihn, die sich in kleinen Gruppen zusammentun, die wirklich Glaubensgemeinschaft leben wollen und die die Sehnsucht haben, dass viele andere Menschen auch wieder oder ganz neu zu Christus finden. Aus solchen Zellen – so meine ich – wird sich Kirche von innen nach außen nach und nach wieder erneuern und dann auch wieder die Vielen erreichen. Und etwas davon erleben wir ja jetzt schon. Auch auf Konferenzen wie der Mehr in Augsburg. Aber auch nicht nur dort.

Gibt es von Evangelium und Kirchengeschichte so was wie ein Rezept für erfolgreiche Mission? Und was darf man auf keinen Fall tun?

Es gibt jedenfalls keine Mission ohne Gebet, ohne aufrichtiges Sein-vor-Gott. In der tiefen Sehnsucht, ihn tiefer zu kennen und zu lieben, und ihn zu loben und zu preisen, einfach weil er Gott ist. Und Menschen, die sich neu von Jesus berühren lassen, die kommen meistens über andere schon Berührte, über Zeuginnen und Zeugen, die den ausstrahlen, den sie kennen und lieben, also über Beterinnen und Beter. Und ich denke zudem, es gibt keine Mission ohne die Erfahrung lebendiger Gemeinschaft, die geeint ist von Christus. Und es gibt sicher auch keine Mission ohne den Wunsch und die Fähigkeit, hinauszugehen, etwas zu wagen und an die Ränder zu gehen, sich um die Marginalisierten zu sorgen.

Jedes Jahr tritt eine Großstadt aus der Kirche aus. Hat sich schon überall in der Kirche Deutschlands herumgesprochen, dass wir Missionsland sind? Oder beruhigt man sich lieber mit der starken institutionellen Präsenz in der Gesellschaft?

Ich denke nicht, dass man sich damit einfach beruhigt. Es sieht doch jeder Verantwortliche, was los ist. Ich glaube eher, dass wir häufig auch Hilflosigkeit erleben. Ich denke, viele Menschen hierzulande haben viele Jahrzehnte in einer Form des Glaubens gelebt oder leben darin, in der man um die Frage nach der eigenen Entschiedenheit für Christus gut herumkommt, und damit auch um die Frage, welche konkreten Konsequenzen es eigentlich für mein Leben hat, dass ich Christ bin. Eine Haltung mit fehlender persönlicher Entscheidung für Christus, verbunden mit dem Glauben, man sei schon irgendwie Christ, ist dann aber auch viel bereiter, auch schlechte Kompromisse mit dem gesellschaftlichen Mainstream einzugehen, als jemand, der ausdrücklich weiß und bekennt, zu wem er gehört; und der deshalb nicht schon alles nur deshalb für christlich hält, nur weil es ethisch passabel ist – oder weil „die Gesellschaft“ oder „die öffentliche Meinung“ es für richtig halten. Im ersten Fall der weniger Entschiedenen tritt dann auch die Erfahrung von Kirche als Glaubensgemeinschaft, als Werkzeug Gottes, als Braut Gottes – mit verbindlichen Aussagen und Prinzipien für Glauben und Lebensführung zurück. Man weiß dann im Grunde kaum noch, wer oder was Kirche ist. Und es ist sehr schwer, das in der Breite deutlich zu machen, etwa medial. Menschen müssen es erst wieder erfahren, dass Kirche Ort und Gemeinschaft der Gegenwart Gottes ist – und erst von dort her lernt man auch wieder verstehen, was sie theologisch ist.

Manfred Lütz hat die katholische Kirche in Deutschland als blockierten Riesen bezeichnet. Falls es so wäre: Wie macht man dem Riesen Beine? Sie selber halten das offene Wort für hilfreich. Beim BDKJ jedenfalls warnten Sie im Mai sehr deutlich vor einer Lightversion des Evangeliums.

Wenn überhaupt jemand „Beine macht“, dann ist es der Heilige Geist, der entzündet – und der hilft uns auch, das Evangelium immer wieder neu zu verstehen – vor allem auch in dem, was uns herausfordert. Was Sie in Ihrer Frage „Warnung“ nennen, sage ich nicht zuerst nur zu einzelnen Vertretern oder Akteuren in der Kirche, sondern hoffentlich zuerst zu mir selbst. Und dann im Grunde zu uns allen, die wir Kirche sind. Aber ja, dann bin ich natürlich dennoch der Meinung, dass wir alle immer wieder versucht sind, das Evangelium oder vielmehr Jesus selbst zu verharmlosen. Dabei war er alles andere als harmlos: Er war aus meiner Sicht die bewegendste und herausforderndste Person, die je über die Erde gelaufen ist. Er war aber auch die liebesfähigste, wahrhaftigste, freieste Person, die die Menschheit je gekannt hat. Und er war unglaublich hingegeben, aber zugleich eben darin auch ungeheuer fordernd. Und das Erstaunliche ist: Wir glauben, er lebt und will uns begegnen, jedem und jeder in der Kirche und über die Kirche hinaus – voller Wahrhaftigkeit und Liebe. Und diese Begegnung auch persönlich zu ersehnen, die inneren Räume des eigenen Herzens dorthin zu öffnen, aber sie auch reinigen und sich erheben zu lassen, in ihr die eigene Freiheit und Liebesfähigkeit neu zu finden – und einer solchen Begegnung gerade nicht auszuweichen – das ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Kern dessen, worum es heute geht. Biblisch heisst das wohl schlicht: die immer neue Bereitschaft zur Bekehrung.

Die Kirche in Deutschland ist sehr polarisiert. Ist das einer der Gründe, warum sie so wenig Ausstrahlungskraft hat?

Ja, sicher auch. Aber im Grunde kommt die Ausstrahlung nicht dadurch, dass man sich einem der Lager irgendwo zuordnet. Sie kommt meiner Ansicht nach aus der einenden Mitte in der Tiefe – und die heißt schlicht: Heiligkeit. Uns fehlt es an Heiligkeit. An Frauen und Männern, die die Wahrheit als hingebende Liebe leben und deren hingebende Liebe tief von der Wahrheit des Glaubens der Kirche durchdrungen und getragen ist. Wenn diese Tiefe und Mitte fehlt, entzweit sich Kirche – sehr karikierend gesagt – in bloße „Dogmatiker“ einerseits und bloße „Praktiker“  andererseits – jeweils in der schlechten Bedeutung des Wortes. Den einen geht es dann um Wahrheit ohne Liebe – und die tendiert zur Grausamkeit oder zur Karikatur ihrer selbst. Und den anderen geht es dann um Liebe ohne Wahrheit – und die tendiert zur großen Beliebigkeit. Aber in Jesus selbst sind der radikale Wahrheitsanspruch und die radikale Fähigkeit zur Hingabe versöhnt und zwar in der Form wirklicher Freiheit, im Daheim-sein im Vater, eben als Heiligkeit.

Warum entsenden die deutschen Bischöfe trotz Anfrage der Veranstalter keinen offiziellen Vertreter zur Mehr-Konferenz? Ist das nicht das falsche Signal?

Soweit ich sehe hat Bischof Timmerevers aus dem Bistum Dresden Meißen als von der Bischofskonferenz Beauftragter für die geistlichen Gemeinschaften einen sehr wohlwollenden und zustimmenden Brief geschrieben. Ich selbst werde aber auch mit Freude an einem Tag an der Konferenz teilnehmen – als Bischof von Passau.

(Bild: Lukas Barth, KNA)

 

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