Gottesdienst für die Priesterjubilare

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Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Jubilare,

der zweite Timotheus-Brief, aus dem die erste Lesung heute entnommen war, ist offenbar ein sehr persönliches und bewegendes Zeugnis des Apostels Paulus. Bevor wir da hineinsehen, lassen wir doch einmal die Bilder an unserem geistigen Auge vorbeiziehen, die uns kommen, wenn wir an Paulus und seine Leistung denken. Oft fallen einem dann die Darstellungen ein, wie er vom leuchtenden Blitz getroffen vor Damaskus vom Pferd fällt und dem Herrn begegnet. Und oft scheint uns dann die nachfolgende Geschichte vor allem eine Heldengeschichte zu sein. Paulus, der große Apostel der Christenheit, der Gründer so vieler Gemeinden, Missionar der Völker. Und wenn Sie schon einmal in Rom waren, da steht er in seiner Grabeskirche St. Paul vor den Mauern in Gestalt einer mächtigen Statue im Innenhof vor dem Eingang, der bärtige, große Prophet mit dem Schwert und dem Buch in der Hand, der Held eben.

Liebe Schwestern und Brüder, der 2. Timotheus-Brief, der sehr wahrscheinlich Zeugnis von der letzten Lebensphase des Paulus gibt, spricht eine völlig andere Sprache. Paulus ist im Gefängnis, gefesselt, wie ein Verbrecher sagt er. In der Provinz Asien schreibt er, seien alle von ihm abgefallen. Timotheus bittet er, beim Besuch den Mantel mitzubringen, vermutlich naht ein kalter Winter. Er berichtet von Menschen, die ihm Böses angetan hätten, er berichtet davon, wie viel er für das Evangelium gelitten hat.

Um das Ganze noch zu ergänzen, würde ich gerne noch aus dem 2. Korintherbrief zitieren, wo Paulus im 11. Kapitel in seiner Narrenrede folgende Widerfahrnisse im Blick auf Menschen aufzählt, die sich als Apostel aufspielen. Er schreibt: „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße.“

So, liebe Schwestern und Brüder, so sieht also das Leben des heldenhaften Apostels Paulus aus. Und von hier aus haben wir nun eben in der Lesung gehört: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten“.

Ich möchte mit Ihnen ein wenig über dieses Wort, die Treue nachdenken. Was ist das eigentlich? Wir wissen es natürlich, aber wenn wir es genauer erklären sollen, dann zeigt es sich als ein Phänomen, das viel tiefer in unsere Existenz hineinreicht, als wir ahnen. Treue kann man beschreiben als das Halten eines Versprechens. Und ein Versprechen kann man ausdrücklich, mit Worten geben, oder unausdrücklich, einfach weil eine bestimmte Beziehung so gewachsen ist, dass man mit seinem Verhalten schon eine Art Halten des Versprechens zum Ausdruck bringt. Der Mensch ist nun das einzige Wesen, das wir in dieser materiellen Welt kennen, das ein Versprechen halten kann.  Ein Versprechen halten, bedeutet: Ich will treu zu meinem Wort stehen, selbst dann, wenn es schwer wird. Und schwer werden kann etwas zum Beispiel, wenn irgendwas von meinen momentanen Bedürfnissen dagegen steht. Vor einiger Zeit hatte ich mit einem Jugendlichen eine Vereinbarung über einen Kino-Besuch, der einige Tage später stattfinden sollte. Ich kam hin, der Jugendliche war nicht da. Der Grund: eine halbe Stunde vorher war ihm jemand mit dem Angebot begegnet war, eine – wie er mir später sagte „geile Pizza zu verdrücken“. Pädagogisches Ziel ist es aber, einem jungen Menschen Verbindlichkeit beizubringen, damit er ein verlässlicher Mensch wird. Und Verbindlichkeit oder Verlässlichkeit sind Begriffe, die sehr verwandt sind mit der Fähigkeit, Versprechen zu halten.

Ein zweites kommt noch hinzu: Wir sind zuerst antwortende Wesen. Wir begegnen Menschen, Situationen, Dingen und wir reagieren darauf. Und jeder von uns weiß, dass es möglich ist, angemessen oder unangemessen zu reagieren; man kann in einer Begegnung so antworten oder so. Man kann mit einer Sache so umgehen, dass wir sagen: Er wird dieser Sache oder dieser Person gerecht, oder eben nicht. Ein Mensch antwortet nicht nur, sondern er verantwortet etwas oder jemanden. Er übernimmt Verantwortung. Und im Begriff Verantwortung steckt auch schon wieder drin, dass wir im Grunde darauf angelegt sind, unser Leben und alles, was uns begegnet angemessen zu verantworten. Aber das geht nur, meine Lieben, wenn wir im Herzen die Fähigkeit zur Treue kultivieren und wachsen lassen. Es gibt Situationen und Dinge, die brauchen natürlich weniger Antwort, weniger Verantwortung, weniger Treue. Aber wir alle kennen Begegnungen oder Erfahrung, da wissen wir, jetzt müssen wir mit unserem ganzen Herzen eine Antwort geben. Und diese Antwort verpflichtet uns, sie bringt unsere Fähigkeit zur Treue hervor.

Eine meiner tiefsten Sorgen im Blick auf junge Menschen ist tatsächlich die Frage, wo und wie lernen junge Menschen die Fähigkeit zu Verantwortung und Treue? Denn diese Fähigkeit zur Treue, die bringt das hervor, was uns zu wirklichen Menschen, was uns zu Personen macht. Denn stets dem bloßen Trieb, dem unmittelbaren Wunsch, dem spontanen Bedürfnis folgen zu wollen oder gar zu müssen, das bleibt unreif hinter dem zurück, was uns eigentlich als Menschen auszeichnet.

Ich habe einmal ein Bonmot von einem Philosophen gelesen, der gesagt hat: Im Grunde ist die einzige echte Tugend die Treue und die einzige Sünde der Verrat. Ich finde das sehr erhellend, denn ich glaube, er wollte damit sagen, dass sich eigentlich jede Sünde auf so etwas wie Treulosigkeit oder Verantwortungslosigkeit zurückführen lässt.

Von hier zurück zu Paulus: Ich habe die Treue gehalten. Und wie er sie gehalten hat, und durch welche Abgründe seines Lebens hindurch. Er hat die Treue gehalten. Wem? Seinem Herrn und seinem Evangelium, das er zu verkündigen hatte. Und wenn wir noch kurz ins Evangelium hineinhören, dann spüren wir, dass Paulus im Grunde ein Leben geteilt hat, wie das seines Herrn. In diesem Evangelium sagt er nämlich: Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Paulus hatte offenbar viele Orte, aber keinen, wo er letztlich sein Haupt hinlegen konnte. Und dennoch ist er – auch im zweiten Timotheus-Brief – immer noch voller Glaube, voller Klarheit und voller Zuversicht. „Ich habe den guten Kampf gekämpft. Der Herr stand mit zur Seite und gab mir Kraft. Er wird mich retten und heimführen in sein himmlisches Reich.“

Paulus lebt jetzt schon innerlich in diesem Reich, deshalb kann er die äußerlichen Leiden und Niederlagen gut ertragen.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, mit den langjährigen Jubiläen. Sie haben die Treue gehalten. Sie sind Priester Ihres Herrn, die seit Jahrzehnten im treuen Dienst stehen. Ich danke Ihnen von Herzen für dieses Zeugnis. Ich bin sicher, dass eigentlich alle unter Ihnen auch schwere Zeiten durchmachen mussten. Zeiten von Ringen, Leiden, vielleicht von Glaubenskämpfen, vielleicht im Ringen um Ihre Gelübde. Sie haben gekämpft und sind im Ringen um Ihre Treue reifer und tiefer geworden. So sind wir Menschen eben, ohne Kampf keine Reifung. Ich danke Ihnen daher von Herzen für Ihr Zeugnis der Treue. Bei uns Priestern hat das noch einmal eine ganz besondere Dimension. Wir geben unser Versprechen vor dem Bischof. Aber der Bischof vertritt den Herrn. Er nimmt es stellvertretend für Jesus entgegen. Das heißt: Im Grunde haben wir unsere Versprechen einem gegeben, den wir nicht sehen. Es ist kein Eheversprechen an eine Partnerin, die aus Fleisch und Blut vor unseren Augen stünde. Es ist ein Versprechen, das wir im Glauben gegeben haben – und das macht auch Ihre Treue und Ihr Ringen um diese Treue so kostbar. Freilich: Wir bleiben gebrechliche Wesen. Wir bleiben auch wieder wie Paulus Menschen, die auch im Fleisch unterwegs sind, also mit einer Seite in uns, die von Gott im Grunde nichts wissen will. Das gibt es bleibend. Und damit gibt es bleibend die Neigung in jedem von uns, uns doch in dieser Welt festzumachen, mehr als am Herrn. Es gibt die Neigung nach dem bleibenden Ort für unser Haupt in dieser Welt. Liebe Brüder, ich möchte Sie zugleich einladen: Lassen wir uns von Jesus immer neu herausfordern und uns von IHM sagen: „Ich bin Dein Lohn, ich selbst bin es, der Dir den Ort verschafft, wo Du ausruhen und Dein Haupt hinlegen kannst. Ich will, dass Du mir nachfolgst und nicht mit halbem oder gar ganzem Herzen an den vergänglichen Dingen hängst.“ Auch dazu sei dieser Tag eine Erinnerung.

Liebe Brüder im treuen priesterlichen Dienst, wie schön, dass es Sie gibt und dass Sie ein Zeugnis davon geben, dass priesterliches Leben erfüllt sein und gelingen kann. Wie schön, dass Sie treu geblieben sind. Ich danke dem Herrn von Herzen dafür und erbitte von Ihm den Segen für Sie alle. Gleichzeitig darf ich auch Sie um Ihr Gebet darum bitten, dass auch Ihr Bischof sich an Ihrer Treue ein Beispiel nehmen möge und den guten Kampf in diesem Dienst aufnimmt und kämpft und wirklich die Treue bewahrt. Amen.

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