Hl. Valentin

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Einleitung:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

herzlich willkommen zu unserem Festgottesdienst zu Ehren unseres ersten Diözesanpatrons. Ich muss gestehen, mir ist unser Bischof Valentin noch ein wenig fremd. Vielleicht geht es ja den meisten von uns so. Denn die Dinge, die wir mit einiger Sicherheit über ihn wissen können, sind wenige. Er war im 5. Jahrhundert tätig in der römischen Region Rätien, das weite Teile des heutigen Süddeutschlands umfasste, im Norden gleichsam eingefasst zwischen den Flüssen Donau und Inn. Auch Passau lag an dessen Rand und der Bischof sei auch hier gewesen, heißt es. Eine Erzählung aus dem 12. Jahrhundert, also viel später geschrieben, erzählt eher legendenhaft, dass Valentin hier in Passau die heidnische Bevölkerung missionieren wollte, diese ihn aber vertrieben habe. Er ist wohl im heutigen Südtirol verstorben. Sein Todestag ist aber aus einem anderen, älteren und weniger legendenhaften Bericht, einigermaßen gesichert der 7. Januar gewesen. In der Nähe von Meran gab es eine Kirche mit seinen hoch verehrten Reliquien, die von dort zunächst nach Trient kamen und die der Bayernherzog Tassilo im Jahr 764 hierher nach Passau in die Bischofskirche überführen ließ. Seither sind sie hier.

Und auch wenn Vieles von diesem Bischof im Dunkel bleibt, so ist er dennoch ein Beispiel für eine sehr schöne christliche Erfahrung. Nämlich von der, dass gläubige Menschen so tiefe Spuren in der Geschichte von anderen hinterlassen, dass sie noch sehr lange nachher Verehrung genießen, selbst dann, wenn die einzelnen Lebensdaten in den Hintergrund rücken. Vergleichen Sie es mit den Aposteln. Wir wissen, dass es zwölf waren, wir wissen über einige viel, über andere sehr wenig. Nicht mal die Namensaufzählungen in den Texten der Schrift sind völlig identisch. Fast alle sind für ihren Glauben gestorben. Dennoch wissen wir zu den meisten sehr, sehr wenig. Und doch ist unsere Kirche, die apostolische Kirche, aufgebaut auf dem Fundament der Apostel. So wie die Apostel für die Universalkirche, ist Valentin ein Apostel der Kirche von Passau. Einer, der mit seinem Glauben bis heute nachwirkt.

Und so wollen wir unser Bistum in diesem Gottesdienst, dankbar für sein Leben und seinen Glauben, erneut seiner Fürbitte anvertrauen. Und mit ihm zusammen den Herrn um sein Erbarmen anrufen.

Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

die Texte, die die Kirche uns für den heutigen Festtag unseres Bistums schenkt, sind Texte, die man auf einen Missionar hin lesen kann, der Valentin offenbar war. Zwar waren die Menschen in Rätien zu seiner Lebenszeit im 5. Jahrhundert wohl überwiegend bereits Christen, aber vermutlich gab es trotzdem noch heidnische Riten und Bräuche. Vor allem gab es wohl eine christliche Irrlehre, die im Laufe der Geschichte zwar überwunden wurde, die aber immer wieder zurückkehrt – den so genannten Arianismus. Sie geht auf einen Priester namens Arius im frühen vierten Jahrhundert zurück und konnte sich trotz Verurteilung auf den ersten Konzilien bis ins 7. Jahrhundert hinein offiziell halten, vor allem bei vielen Germanenstämmen.  Der Arianismus lehrt, sehr knapp gesagt, dass der Vater alleine Gott ist und sonst niemand. Christus ist als Messias vom Vater geschaffen worden, als ein besonders herausragendes Geschöpf. Aber er ist eben Geschöpf und nicht vom selben göttlichen Wesen, wie der Vater. Es ist sehr wahrscheinlich und es steht in einigen Berichten, dass sich auch der Bischof Valentin hier bei uns mit dieser Irrlehre auseinandergesetzt und den wahren Glauben verteidigt hat.

Warum erwähne ich diese verkehrte Lehre im heutigen Kontext? Ich denke, weil der Glaube an Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch zu allen Zeiten eine Herausforderung war und bleibt. Ich bin sicher, es gibt auch heute nicht wenige unter uns Getauften, die gefragt nach Christus, vielleicht in Richtung des Arius antworten würden: „Ja, er war schon ein ganz Großer, ein ganz Besonderer.“ Und wenn man weiter fragen würde: „Ja, aber war er Gott? War er Gottes Sohn?“ Dann würden dieselben wohl sagen: „Gottes Sohn kann man vielleicht schon sagen, denn wir sind doch alle Kinder Gottes, nicht wahr? Aber an ihm kann man das vielleicht besonders gut sehen.“ Und wenn man insistieren würde mit der Nachfrage: „Ja, aber jetzt mal ganz im Ernst: Glaubst Du, dass Christus wirklich Gott war und ist und bleibt, eines Wesens mit Gott Vater? Allmächtig, Schöpfer des Himmels und der Erde?“ Dann würden wohl nicht wenige von diesen sagen: „Na ja, Gott im ganz engen Sinn, das kann man vielleicht heute so nicht mehr sagen.“ Liebe Schwestern und Brüder, ich bin aus vielen Gesprächen und Erfahrungen überzeugt, dass es in diese Richtung gehen würde, und vielleicht auch bei nicht wenigen unter uns.

Und wenn es so ist, dann stelle ich mich leidenschaftlich gern unter das Patronat von Bischof Valentin, der versucht hat, als Missionar diese Lehre zu überwinden. Auch mit dem Risiko, dass er von den Passauern verjagt wurde. Denn im Ernst: ein starker Glaube an die Gottheit Christi ist das, woraus die Kirche letztlich lebt und wächst. Wie aktuell das ist, möchte ich gerne zeigen. Wir diskutieren derzeit in unserem Land intensiv über den Islam und seine Herausforderungen für dieses Land und auch für uns als Christen. Ich würde die These vertreten wollen, dass überall dort, wo Christinnen und Christen tief in ihrer gläubigen, christlichen und kirchlichen Identität verwurzelt sind, dort können sie in großer Freiheit, in Liebe und Demut, aber auch mit großem Freimut und Dienstbereitschaft jedem Menschen begegnen, der anders und anderes glaubt.

Aber nun: Wie würden Sie einem Muslim antworten, wenn Sie gefragt würden: „Wo in der Bibel steht denn eigentlich, dass Jesus Gott ist? Wir im Koran bekennen ihn auch als Propheten wie Ihr auch. Aber Gott, das gilt nur von dem einen, von Allah. Kannst Du mir zeigen, wo das mit Jesus steht? Oder kannst Du mir sagen, warum Du das glaubst?“

Liebe Schwestern und Brüder, nur ein paar Hinweise, welche Antwort man hier geben könnte: Die erste ist die vom Weihnachtsevangelium. Hier steht bei Johannes im Prolog: „Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott und alles ist durch das Wort geworden.“ Und es heißt weiter: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Christus ist der Gottmensch. Hier steht es. Und Sie können weiterhin sagen: Mein Gott, an den ich glaube, hat Tote erweckt. Er hat Hunderte von unheilbar Kranken geheilt, er hat Dämonen ausgetrieben und er hat Sünden vergeben. Die Sünde, Schwestern und Brüder, ist ein Problem zwischen Gott und Mensch. Niemand kann Sünden vergeben, außer Gott, und eben das werfen ihm die Juden in der Schrift vor. Er tut es trotzdem. Jesus kommt und erklärt seinem eigenen jüdischen Volk: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“ Liebe Schwestern und Brüder, das Gebot Vater und Mutter zu ehren ist unter den zehn Geboten das Vierte. Die ersten drei beziehen sich auf die Gottesverehrung, den Gottesnamen und den Sabbat Gottes. Das vierte ist gleichsam das allererste unter den Geboten des sozialen Zusammenlebens. Und hier erklärt tatsächlich ein Mensch, ihn zu ehren sei wichtiger als Vater und Mutter zu ehren. Weiter: Da ist einer, der erklärt, dass man sein Leben für ihn verlieren soll, andernfalls werde man es nicht gewinnen. Weiter: da ist einer, der von sich sagt: „Ich bin mehr als der Tempel.“ Oder: „Ich bin Herr über den Sabbat.“ Oder: Da ist einer, der sich das Heilige Gesetz vornimmt, das Mose den Israeliten gegeben hat, direkt von Gott. Und er legt es neu aus: „Euch ist gesagt worden, Auge für Auge, Zahn für Zahn, ich aber sage Euch: Leistet dem, der euch Böses tut keinen Widerstand.“ Und vieles mehr in dieser Art. Da ist einer, der von sich selbst nicht nur sagt: „Ich sage immer die Wahrheit.“ Er sagt vielmehr: „Ich bin die Wahrheit und der Weg und das Leben.“ Er sagt von sich auch nicht: „Wenn ihr fest an Gott glaubt, dann kommt ihr vielleicht in den Himmel.“ Er sagt vielmehr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Schließlich ein letzter Hinweis, auch wenn noch viele möglich wären: Als Thomas dem Auferstandenen begegnen und seine Finger in seine Wunden legen darf, da fällt er in die Knie und bekennt: „Mein Herr und mein Gott.“ Und Jesus sagt nun nicht, lieber Thomas, alles ein Irrtum, ich bin nur ein prophetisch begabter Rabbi. Jesus akzeptiert diese Anrede und er akzeptiert Anbetung. Wer außer Gott könnte Anbetung akzeptieren?

Liebe Schwestern und Brüder, von hier würde ich mit Ihnen gerne einen Blick in die heutige Lesung werfen. Paulus schreibt an die Epheser, dass wir als Menschen ohne Taufe und ohne Christus Fremde gewesen seien. Und es stimmt. Die allermeisten von uns gehören nicht ursprünglich zum auserwählten Volk Gottes, zu Israel, die meisten von uns sind getaufte Heiden, Hinzugetretene. Aber wozu sind wir hinzu getreten? Der Epheser Brief schreibt: „Ihr wart einst in der Ferne, jetzt aber, durch das Blut Christi, seid ihr in die Nähe gekommen.“ Und wie beschreibt er diese Nähe? Er erklärt sie uns wie ein Haus: Wir sind „Hausgenossen Gottes“ geworden, durch Christi Tod. Wir sind „Mitbürger der Heiligen“ geworden, steht da. Wir stehen und wohnen in einem Haus, das die Apostel als Fundament mit aufgebaut haben. Und der Schlussstein oder auch das Herzstück des Ganzen ist Christus selbst, steht da. Er selbst ist das Zentrum der Kirche, der Erbauer der Kirche. Er ist der Garant, dass wir dazu gehören. Und dann heißt es im letzten Satz noch: „Durch Christus werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“. Liebe Schwestern und Brüder, wissen Sie, dass Sie nicht nur dazu berufen sind im Haus Gottes zu wohnen, sondern selbst eine Wohnung Gottes zu sein, selber Kirche zu sein? Er will in uns wohnen, Er will unser Leben prägend verwandeln, Er will uns, unsere Gedanken, unser Sprechen, unser Handeln immer mehr durchdringen. Er will, dass andere merken, in welchem Haus wir wohnen und er will, dass andere merken, von wem wir im Herzen bewohnt sind.

Liebe Schwestern und Brüder, ich halte diese Erfahrung, diese neue Identität unseres Lebens für die wichtigste Nachricht und das wichtigste Ereignis unseres Lebens. Und ich bin bereit, leidenschaftlich für dessen Verkündigung einzutreten. Wenn Christus Gott ist und wenn er uns alle zu seiner Wohnung, zur Wohnung seines Geistes erbauen will, dann ist keine Beziehung in unserem Leben wichtiger als die Beziehung zu Ihm. Dann geht es darum, immer mehr mit dem Herzen verstehen zu lernen, wer Christus ist. Es geht darum, Ihn immer mehr ins Herz zu schließen und es geht darum, aus dieser Beziehung heraus der Welt und den Menschen neu zu begegnen. Als frohe, als demütige, als liebende Menschen, jedem Menschen, egal was er glaubt und wie er glaubt. Wir können das, weil Er es auch gekonnt hat. Er hat sich verzehrt für alle. Und wir sind Seine Hausgenossen. Als Schwestern und Brüder aller Menschen. Denn wir haben unsere tiefste, unsere eigentliche Heimat bei Ihm in seinem Haus.

Wir in der Kirche von Passau feiern heute einen Patron, der diesem Geheimnis  der Kirche verpflichtet war – und der Jesu Gottheit vor den Menschen bekannt hat. Wir sind deshalb besonders am heutigen Tag  herausgefordert, uns zu fragen, ob und wie wir selbst wieder neu Zeuginnen und Zeugen dieses neuen Lebens werden und wie wir es immer mehr werden können. Heiliger Bischof Valentin, bitte für uns. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

 

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