Besuch des Hospiz in Niederalteich

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Patientinnen und Patienten, liebe Angehörige hier im Hospiz in Niederalteich,

wir sind in der Fastenzeit oder in der österlichen Bußzeit, wie wir unzweideutig auch in den Texten gehört haben, die uns die Liturgie der Kirche heute schenkt. Warum Fastenzeit, warum Bußzeit, was ist Buße? Eine Möglichkeit, die Buße zu deuten, steckt in der Antwort Jesu auf die Frage: Warum fasten deine Jünger nicht? Jesus sagt – und ich liefere jetzt schon eine Deutung, keine wörtliche Antwort von ihm – Jesus sagt: „Jetzt bin ich bei ihnen, jetzt ist der Bräutigam da, jetzt ist Hochzeit.“ Jesus bezeichnet sich öfter selbst als Bräutigam und der Sinn seines Kommens war und ist es, die Braut heimzuführen ins Reich Gottes, ins Reich des Vaters. Und die Braut ist die Kirche, die Braut ist die Gemeinschaft der Menschen, die sich zu ihm bekennen, die zu ihm gehören. „Jetzt gerade, sagt Jesus also zu den Umstehenden, jetzt gerade ist Festzeit, Zeit der Zusammenführung aller, Zeit der Vereinigung. Ich bin da und nehme die Menschen mit zum Vater. Aber, so fügt er hinzu, es wird eine Zeit kommen, da wird ihnen der Bräutigam wieder genommen sein, dann werden sie fasten.“

Liebe Schwestern und Brüder, wir leben in dieser zweiten Zeit: Der Bräutigam ist uns genommen, denn er ist uns nicht unmittelbar sichtbar. Auch wenn uns in der Kirche Zeichen seiner Gegenwart geschenkt sind: Im Wort Gottes, in der Eucharistie, im Sakrament der Vergebung der Sünden, in der gläubigen Gemeinschaft und in anderem mehr. Aber wir sehen ihn nicht, wir hören ihn nicht unmittelbar. Wir sind gerufen zu glauben, zu vertrauen, dass er da ist und dass er uns entgegen kommt.

Nun ist es aber zugleich so, dass sich schon zur Zeit Jesu viele gewehrt haben gegen seinen Anspruch. Sie haben sich gewehrt gegen seinen Ruf zur Umkehr, gegen seine Aufforderung sich nicht zu sehr zu sorgen um Essen, Trinken, Kleidung, Materielles insgesamt. Es gibt ja in uns allen etwas, das will festhalten, mit allen Mitteln, an dem, was uns in dieser Welt Sicherheit zu versprechen scheint; Kontrolle, Lustgewinn, Ansehen und vieles mehr. Es gab und gibt heute in uns Menschen die Neigung, Jesus nicht zu glauben, es gibt die Neigung in uns, dass wir ihn uns am liebsten vom Hals halten wollen. Buße, Fastenzeit, Umkehr heißt also auch: Die immer wieder erneuerte Einübung in das Vertrauen, dass Jesus alleine Rettung bringt. Es bedeutet die Wahrnehmung, dass er selbst der Herr meines Lebens ist und sein will. Nicht, weil er uns etwas wegnehmen will, was er uns nicht gönnen würde, sondern einfach weil er uns ins Leben, in die Fülle führen will.

Buße und Umkehr bedeutet also: Mich und mein Leben Ihm zu übergeben, damit Er es heimführe ins Reich des Vaters. Im Grunde, liebe Schwestern und Brüder, haben die Christinnen und Christen durch die Geschichte hindurch immer gewusst und gesagt, dass der Weg des Glaubens so etwas ist wie eine ars moriendi, eine Kunst des Sterbens. Wir lernen, wir üben ein, das eigene Leben Jesus zu überlassen. Warum? Nicht Sterben um des Sterbens willen, sondern damit er es dorthin führen möge, wo das eigentliche Leben ist. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, sagt Christus. Und dieses Leben mit Ihm ist jetzt schon angebrochen für alle, die es wagen, Ihm voller Vertrauen zu folgen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, vielleicht haben Sie sich in der letzten Zeit einmal gefragt, warum wir von der Kirche uns so stark für den Schutz des Lebens engagieren, und das heißt auch für den Schutz des Lebens vom Moment der Empfängnis bis zum letzten Atemzug eines Menschen. Wir tun es, weil wir glauben, dass schon dieses Leben im Hier und Jetzt eine Gabe ist, ein Geschenk ist, über das wir nicht so verfügen könnten, dass wir es aus eigenen Motiven einfach zurückweisen oder zurück geben könnten. Wir glauben, dass es als Gabe zugleich auch Aufgabe ist. Und eine der vornehmsten Aufgaben für uns als Kirche heißt: Wir wollen helfen, dass die Menschen durch die Gabe dieses Leben hindurch wahrnehmen lernen, dass es ein Leben darüber hinaus gibt. Ein Woher und Wohin dieses hiesigen Lebens. Es gibt einen Geber der Gabe!

Wir wollen selber immer mehr vertrauen lernen und helfen, dass auch andere vertrauen lernen, dass es einen Vater des Lebens, einen Vater aller Menschen gibt. Wir wollen helfen, dass Menschen wieder vertrauen lernen, dass sie selber Kinder dieses Vaters sind – und zwar egal was kommt. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, sagt Jesus, könnt ihr nicht in das Himmelreich gelangen. Aber warum gibt es denn diesen Zusammenhang zwischen dem Himmelreich, dem Reich des Vaters und der Notwendigkeit, in diesem Leben in die Vertrauenshaltung eines Kindes zu finden?

Eben weil es in uns diese Neigung gibt, alles selbst zu kontrollieren, alles selbst festzuhalten und zwar mit allen Mitteln, die uns in diesem Leben gegeben sind. Ein Kind aber überlässt sich. Es vertraut, dass es versorgt wird. Christliches Leben als ars moriendi, als Einübung ins Sterben, heißt also auch: Einübung ins Sich-überlassen wie ein Kind.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, als Christen sind wir an einer Einrichtung wie diesem Hospiz deshalb so interessiert und viele sind auch besonders in diesem Bereich engagiert, weil hier etwas von dem deutlich wird, worauf unser ganzes gläubiges Leben überhaupt zielt. Unser ganzes gläubiges Leben wird von uns als Übergang verstanden, als Übergang ins Leben mit Jesus und dem Vater. Und in einer Einrichtung, in der dieser Übergang begleitet wird, leiblich, seelisch, geistig, geistlich, dort machen wir in ganz besonderer Weise deutlich, dass wir diese Hoffnung haben, ja, dass wir gläubige Gewissheit haben dürfen: Wir können lassen und uns überlassen. Wir gehen dem Herrn entgegen, der für uns gestorben ist, damit wir in ihm und mit ihm zum Vater gehen, in sein Reich. Ein Hospiz wie dieses macht deutlich: wir vertrauen, dass das neue Leben schon jetzt beginnt und schon begonnen hat.

Deshalb noch einmal, meine Lieben, gläubiges Leben heißt: Sterbenlernen ins Leben, Fastenzeit heißt wieder neue Einübung von Sterben ins Leben, Hospiz heißt Einübung des Sterbens ins Leben. Wir gehen Ostern entgehen. Alle. Dieses Vertrauen dürfen wir haben, dieses Vertrauen wünsche ich Ihnen allen von Herzen. Und allen, die hier engagiert sind, danke ich von Herzen. Jedes Engagement für die Kranken ist nie nur Einbahnstraße. Die Engagierten wissen, dass sie zugleich auch Empfangende sind. Es ist im Blick unseres Glaubens ja tatsächlich so: Jeder Mensch ist dem anderen immer zugleich Kranker und Krankenpfleger, Sonne und Sonnenblume, Geber und Empfänger. Gott segne Sie alle. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

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