Martinsfest und Altarweihe Höherskirchen in Limbach bei Lindau

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

der erste Satz des Evangeliums von heute enthält eine Glaubenswahrheit, die wir zwar häufig beten, die aber oft in den Hintergrund gedrängt oder gar verdrängt wird. Es ist die gläubige Überzeugung der Kirche, dass unser Herr Jesus wiederkommen wird. Und zwar nicht einfach als freundlicher Wanderprediger in Birkenstocksandalen und Ökogewand, sondern als König in Herrlichkeit und als Richter der Welt. Es ist wahr, es gab zur Zeit Jesu und bald danach, die Überzeugung, dass das bald geschehen werde, dass es sich nur um wenige Monate oder Jahre handeln würde, dann würde alles zu Ende gehen und Jesus würde endlich wiederkommen.
Die Kirche ist hier auch durch einen Lern- und Vertiefungsprozess gegangen. Wir wissen nicht, wann es sein wird, aber wir werden im Evangelium immer wieder darauf hingewiesen, dass es plötzlich sein kann, dass es unerwartet kommen kann. Es kann sich genau so unerwartet ereignen wie unser persönlicher Tod – und auch hier – so ist die Überzeugung, werden wir unserem Herrn als Richter begegnen. Nicht erst am Ende der Welt, auch an unserem persönlichen weltlichen Ende. Und wir beten in jedem Glaubensbekenntnis: „der wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten.“
Nun muss uns dieser Gedanke nicht unbedingt in Panik bringen, aber in eine heilsame Unruhe versetzen darf er uns schon. Zumal uns Jesus im heutigen Evangelium auch Kriterien schenkt, nach denen er richten wird. Hast Du den Hungernden, den Kranken, den Armen, den Obdach suchenden, den Gefangenen gedient? Mehr noch, hast Du in ihnen Christus erkannt? Den armen Christus, der der Bruder der Armen ist? „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt uns der Herr.
Aber wie geht das? Ist das so leicht, Christus zu erkennen in den Anderen, besonders in den Armen, so wie es Ihr Kirchenpatron der Hl. Martin getan hat? Wir alle spüren doch in uns oftmals Widerstand, wenn es um ehrliche Nächstenliebe geht, die über den Kreis unserer liebsten Verwandten oder Freunde hinausgeht. Wir alle haben eher ein Herz, das zunächst auf den eigenen Vorteil schaut und nicht auf den des Armen oder Geschlagenen. Aber Christus erkennen im Anderen bedeutet genau diesen engeren Kreis zu überschreiten, diesen engeren Kreis von Gefühlen und Gedanken, die zuerst mal meine Angelegenheiten betreffen. Sind wir erkenntnisfähig für die Not der Anderen, so dass wir sie wirklich in ihrer Würde erkennen, in ihrem Recht und Anspruch auch Zuwendung? Liebe Schwestern und Brüder, die Asylfrage, die wir in unserem Land gerade so sehr diskutieren, ist auch eine Art Nagelprobe für unsere Sensibilität für Menschen in Not. Erkennen wir im Anderen, im Flüchtling Christus, auch dann noch wenn er gar nichts mit unserer Kultur zu tun hat und zum Beispiel Moslem ist? Die Gretchenfrage ist also: Wie erkennen wir ihn, oder besser: Wie wird unser Herz bereit und offen und damit Seinen Herzen ähnlich?
In einem Bild gesprochen, liebe Schwestern und Brüder, geht das dann, wenn Christus selbst als Fundament und gewissermaßen als Altar in ihrer Seele aufgerichtet ist. Diese schöne Martinskirche hier in Höherskirchen hier hat nun einen neuen, schönen Altar. Der Altar ist die Mitte der Kirche, der in Stein befestigte, unverrückbare Ort der Hingabe Jesu. Hier feiern wir seinen Tod und seine Auferstehung im eucharistischen Geheimnis, hier konkretisiert sich alles, was wir glauben und wem wir glauben. Hier ist dichteste Gegenwart Gottes in unserem Leben. Nimm diesen Altar hier raus, hör auf die Hl. Messe hier zu feiern – und diese Kirche ist nicht mehr Kirche im eigentlichen Sinn. Aber Paulus sagt uns: Ihr seid nicht nur als äußere Gemeinschaft Kirche, die man hier sehen und anfassen kann. Ihr seid auch in Euch Tempel des Heiligen Geistes. Sie alle, Schwestern und Brüder, wissen, dass man hierher zum Gottesdienst kommen und völlig ohne Bezug teilnehmen und wieder nach Hause gehen kann. Daher gilt umgekehrt: Wir werden umso mehr Kirche, umso mehr auch unser eigenes Inneres, unserer innerer Tempel mit dem übereinstimmt, was wir hier auch im äußerlich sichtbaren Ritus feiern. Und der äußerlich sichtbare Ritus vollzieht sich auf dem Altar. Der Altar ist selbst Bild für Christus, für die unverrückbare Mitte der Kirche. Andere Bilder der Schrift sagen: er ist das Fundament für alles, oder er ist der Eckstein, der den ganzen Bau zusammenhält. Und an einer Stelle sagt die Schrift auch: Er, Jesus, ist selbst der Altar! Deshalb verehrt der Priester den Altar beim Einzug auch mit einem Kuss. Es ist die Hinwendung zu Christus, der die Mitte von allem ist. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wenn es um Übereinstimmung von innen und außen geht, dann ist unsere Frage. Steht in unserem inneren Tempel ein Altar, unverrückbar? Ist das Opfer Christi und seine Auferstehung, ist er selbst der, den wir mit dem Kuss unseres Herzens in uns Raum geben? Ist er auch für uns der Mittelpunkt, der Sinn von allem, der Orientierungspunkt, an dem unser Leben, Sprechen, Handeln sich ausrichtet?
Stellen wir uns vor, er würde morgen wiederkommen. Würde ich ihn erkennen? Und zwar nicht einfach äußerlich an seinem äußeren Erscheinungsbild, das der Evangelist mit „Herrlichkeit“ beschreibt. Nein, würde ich ihn innerlich erkennen? Gäbe es da ehrliche Verwandtschaft, Bruder- und Schwesternschaft? Sie wissen, dass es das manchmal gibt, dass Menschen sich gegenseitig von innen her erkennen, weil sie einfach spüren: da ist ein anderer, der denkt oder fühlt ganz ähnlich wie ich. Haben wir unser Herz trainiert oder besser: von seinem Geist trainieren lassen, damit es eine Erkenntnis Jesu von Herz zu Herz gibt? Wenn dies in uns wächst, meine Lieben, dann werden wir auch allmählich und mehr und mehr in die Lage versetzt, den Herrn auch im Anderen, im Armen, Kranken, Benachteiligten zu erkennen, weil auch sie seine Geschöpfe sind und wie er selbst sagt: die Geringsten seiner Brüder und Schwestern.
Unser Altar, den wir also heute hier weihen dürfen in dieser Martinskirche, unser Altar ist der Mittelpunkt unserer Kirche, der Mittelpunkt dessen, was wir im christlichen Leben feiern und bekennen dürfen: Die Liebeshingabe Jesu für uns. Wir werden in den Altar auch gleich eine Reliquie von Bruder Konrad einsetzen, unserem Diözesanpatron. Die Kirche sagt in ihrem Sprachgebrauch, ein Heiliger werde zur Ehre der Altäre erhoben. Das bedeutet nicht, dass die Reliquie erst den Altar macht. Es bedeutet, dass wir der gläubigen Überzeugung sind, dass die Heiligen so in der Herzensnähe zu Christus leben, dass sie auch für uns und mit uns Beter und Fürbitter sein können. Auch Bruder Konrad ist in seinem Leben im übertragenen Sinne ein Altar geworden, ein verlässlicher Ort der Gegenwart Jesu. Die Menschen haben an ihm gespürt, wie Jesus selbst ist. Weil er ihn erkannt und geliebt hat – und weil er ihn deshalb auch in den Armen erkennen und lieben konnte.
In der Heiligen Schrift finden wir öfter das Motiv, dass die Gebete der Menschen vom Altar her zu Gott hinaufgetragen werden. Im Buch der Offenbarung etwa lesen wir: „Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen.“ Der Altar wird nachher auch mit Chrisam gesalbt, weil Christus selbst der Gesalbte Gottes ist und wir verbrennen den Weihrauch auf ihm. Christus ist ein Ganzbrandopfer aus Liebe. Und unsere Gebete und Anliegen, die wir hier zusammen mit dem Messopfer auf den Altar legen, werden umso inniger und kraftvoller, je mehr Christus auch in uns sein Feuer entzünden darf. Das Feuer seiner Liebe. Er hat uns zuerst geliebt. Und er wartet jeden Tag neu auf unsere Antwort – er will von uns erkannt und geliebt werden und er will, dass wir ihn auch in den anderen Menschen erkennen. Zu seinem Lob und zum Heil der Menschen. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

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