Vater und Mutter – oder: Mit wem sind wir eigentlich verwandt?

Predigt beim Nightfever-Abend zur Eröffnung der Maria-Hilf-Woche am Fest der Geburt Johannes des Täufers

Liebe Schwestern und Brüder,

die Szene im Evangelium ist ganz rätselhaft: Wir hören über die Umstände der Geburt des Täufers. Sein Vater Zacharias war stumm. Er hatte damals dem Engel Gabriel nicht wirklich geglaubt, der ihm im Tempel prophezeit hatte, seine Frau werde schwanger werden. Seine Frau Elisabeth war schon betagt, wie es hieß. Und seine Zweifel ließen Zacharias verstummen. Als das Kind geboren war, wollten ihm die Verwandten einen Namen geben: Wie üblich den Namen des Vaters, wie üblich in der biologischen Linie. Aber Vater und Mutter geben ihm den Namen Johannes, das heißt übersetzt: Gott ist gnädig. Im selben Augenblick, in dem er diesen Namen bestätigt,  kann Zacharias wieder sprechen und er preist Gott und beginnt prophetisch zu sprechen.

Johannes ist der Vorläufer Jesu. Und manches an ihm weist schon auf Jesus hin. Sein Name erweist ihn als Kind Gottes, er ist mehr als nur das Kind seiner Eltern. Er kommt von Gott. Die Menschen fragen sich schon im Evangelium: Was wird nur aus ihm werden, denn es war deutlich, dass die Hand Gottes mit ihm war. Von Anfang an umgibt diesen Mann das Geheimnis Gottes und er wird sein Leben ganz in den Dienst Gottes stellen und in den Dienst Jesu, den er ankündigt, dem er begegnet, den er tauft. Johannes wird den prophetischen Satz ausrufen im Blick auf Jesus: Er muss wachsen, ich muss kleiner werden. Und der Satz wird sich buchstäblich und dramatisch erfüllen. Johannes wird schließlich geköpft, weil er für die Wahrheit eingetreten ist. Aber im Himmel leuchtet sein Lebens- und Glaubenszeugnis nun so deutlich, dass er einer der ganz wenigen Heiligen ist, die im Kalender unserer Kirche zwei Gedenktage haben, seine Geburt und sein Martyrium.

 Johannes der Täufer und Maria

Liebe Schwestern, liebe Brüder, für mich ist es ein wunderbarer Zufall, dass wir mit diesem Fest und diesem großen Heiligen nun unsere erste Mariahilf-Woche eröffnen dürfen. Denn das Geheimnis der Mutter des Herrn und des Johannes sind ja tief ineinander verwoben. Der Evangelist Lukas erzählt uns die Ankündigung der Geburt des Täufers und die Ankündigung der Geburt Jesu, beide Male durch den Engel Gabriel, ganz parallel und nebeneinander. Nur anders als Zacharias glaubt Maria dem Engel und singt gleich ihr Loblied auf Gott. Und während die Theologen sagen: Johannes der Täufer ist gewissermaßen der Abschluss des Alten Testaments, der letzte der großen Propheten des Alten Bundes, so geht mit Maria schon das ganz Neue los. Sie ist die neue Schöpfung, sie gibt dem Neuen in sich ganz Raum, sie ist offen für die Ankunft des Erlösers, der aus ihr geboren wird.

Wir feiern heute also mit Johannes die Ankündigung des Neuen und mit Maria auch die wirkliche Ankunft des Neuen. Und wir beten hier und heute miteinander, dass das Neue in uns und um uns immer tiefer Wirklichkeit werde. Was ist das Neue? Schauen wir zuerst auf den Wunsch der Verwandten des Johannes: Sein Name soll Zacharias sein, wie der Vater. Sie wünschen sich eine Fortsetzung des Familienwachstums. Es soll geschehen, wie es immer geschehen ist. Der Junge wird der Stammbaumträger der Familie sein und die Dinge so weiterführen, wie bisher. So weit so gut. Aber mit der Zusage des Zacharias, der Junge möge Johannes heißen, wird schon deutlich: Er gehorcht Gott mehr als den Menschen. Er glaubt und vertraut, dass es wirklich möglich ist, dass Gott in ein Leben eingreift und es so für sich in den Dienst nimmt, dass es die normalen Familienbande einfach überschreitet.

 Kinder unserer Eltern und Kinder Gottes

Liebe Schwestern und Brüder, im Grunde ist so etwas auch schon in jedem einzelnen von uns geschehen. Die allermeisten von uns, die heute Abend hier sind, haben einen christlichen Namen empfangen, wir sind getauft im Heiligen Geist im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Damit wird deutlich gemacht: Wir alle sind zwar Kinder unserer Eltern, aber wir sind zugleich mehr als das, viel mehr. Wir gehören zu Gott, wir haben einen Namen, der christlich ist, das heißt einen Namen, der sich auf Christus bezieht. Wir heißen Christen. Wir sind gesalbt auf ihn ihn. Wir tragen also auch seinen Namen. Wir sind in gewisser Hinsicht schon aus Gott geboren. Diese Wirklichkeit reicht so weit in unsere inneres Leben hinein, dass Paulus sagt: Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung. Und im Johannes-Evangelium sagt uns Jesu: Wer nicht von neuem, von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.

Die Spannung bei mir und uns allen, die in solchen Aussagen drin liegt, ist die folgende: Wir sind alle Kinder unserer Eltern, wir sind alle Kinder der Natur, wir sind auch Kinder unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Einerseits ist das bei jedem von uns so. Andererseits sind wir im Glauben Menschen, die wirklich zu Gott gehören, die auf seinen Namen getauft sind. Und die Spannung ist die: Wie sehr ist diese zweite Wirklichkeit nur ein blasser Gedanke, nur ein bisschen Glaube? Oder wie sehr zeigt sich diese Wirklichkeit schon real in unserem Leben. Spürt man uns an, kennt man an uns, zu wem wir im Innersten gehören? Ist der in uns gelegte Same schon so gewachsen, dass es wirklich schon einen spürbaren Unterschied macht? Oder hat uns unsere eigene Herkunft und Umgebung so im Griff, dass sie das Neue verdeckt oder am Boden hält.

Wenn wir als Kinder Gottes leben, meine Lieben, dann bekennen wir zum Beispiel, dass Gott wirklich unser guter Vater ist, er der Allmächtige, der das All trägt, der unfassbare Majestät und Heiligkeit ist, er ist unser liebevoller, guter Vater, der mich wirklich kennt und liebt. Glauben wir das? Wenn wir Kinder Gottes sind, dann ist Jesus wirklich unser Bruder und unser Herr. Durch ihn und das Vertrauen auf Ihn und unsere Nähe zu ihm, sind wir ja erst Kinder des Vaters geworden. Wir wollen zu Ihm gehören. Wollen wir das? Und wenn wir Kinder Gottes sind, haben wir in Maria auch eine Mutter. Sie ist die Kirche, der Wohnort Gottes in der Welt und tatsächlich ist sie diese Mutter auch in uns und für uns. Ist uns das klar? Ist dieses neue, die neue Familie, die neuen Verwandtschaftsverhältnisse tatsächlich auch Realität unseres Glaubens? Oder besteht unser Glaube in ein paar frommen Gedanken, einem mehr oder weniger regelmäßigen Kirchenbesuch und ansonsten bleiben wir das, was wir immer schon waren? Unterscheidet sich unser Leben von dem der anderen, weil wir wirklich Kinder Gottes sind, neu geboren?

 Überforderung?

Nun werden Sie vielleicht sagen, liebe Schwestern und Brüder, was ich da rede, das sei ja eine Überforderung und ob man das denn so ernst nehmen müsse. Nun, zunächst glaube ich, dass die Tatsache, dass es vielleicht nicht mehr viele Menschen wirklich ernst nehmen, den Zustand unseres gläubigen Lebens insgesamt kennzeichnet. Wir leben vielfach in einer Atmosphäre von fehlendem Glauben, wir tun uns schwer wirklich zu vertrauen, dass Gott da ist und unser Leben erneuern will und kann, dass er uns wirklich neu machen will. Wir trauen ihm allzu oft wenig zu und trauen dafür viel mehr der Schwerkraft unserer eigenen Natur, unserer Verwandtschaftsverhältnisse, unserer Gesellschaft. Aber tatsächlich, liebe Schwestern, liebe Brüder, waren die Pioniere des Glaubens zu allen Zeiten diejenigen, die gewusst haben aus tiefstem Herzen, dass es Gott ist, dass es Jesus ist, der ihr Leben bestimmt und trägt und in der Hand hält und neu macht.

Meine Lieben, wenn wir heute hier sind, dann feiern wir Johannes den Täufer, diese Urgewalt der Ankündigung von Jesus. Aber wir feiern einen, der gesagt hat, ich taufe euch nur mit Wasser. Nach mir kommt einer, der tauft Euch mit Feuer und mit Heiligem Geist. Der macht euch wirklich neu. Und alle Frauen und Männer der Kirchengeschichte, die sich von Jesus haben wirklich ihr Herz erobern lassen, die haben in der Kirchengeschichte genau dieses immer neu bestätigt: Er macht alles neu. Er gibt unserem Leben seinen tiefsten Sinn zurück. Er gibt uns neue Identität zurück. Wir sind nicht mehr einfach hin- und her geschmissen zwischen alledem, was die Welt, die Gesellschaft, die Verwandten von uns erwarten, wir sind auch nicht mehr einfach nur Opfer unserer Triebe und Neigungen und oberflächlichen Bedürfnisse. Wir dürfen anfangen aus seinem Geist neu zu leben. Weil wir vertrauen, dass er der Gott des Lebens ist. Und auch wenn dieser Glaube bei vielen von uns noch nicht allzu ausgeprägt ist, so hat er doch schon angefangen. Und wir sind heute hier, um uns darin stärken zu lassen uns von ihm lieben zu lassen. Wir lassen uns stärken von der Erfahrung: Jesus lebt. Wir lassen uns stärken von der Erfahrung: Wir sind Geschwister in Gott, wir gehören zu Jesus. Wir lassen uns stärken in der Erfahrung, wir sind Kinder der einen Mutter, die unsere Hilfe ist. Sie hilft uns, näher zu Jesus zu finden. Sie hilft uns dabei, Ihn zu lieben, sie hilft uns, unsere Herzenstüre aufzumachen für das Ereignis des Neuwerdens für Christus. Sie ist hier, Jesus ist hier, sein Geist ist hier und eint uns zu Geschwistern!

Meine Lieben, lassen Sie uns diese erste Maria-Hilf-Woche unseres Bistums beginnen mit erwachender Sehnsucht und mit der Freude darüber, dass wir zur Kirche, zur Mutter Gottes und vor allem zu Jesus gehören dürfen. Dass wir wirklich Geschwister sind; und helfen wir einander im Geist zu wachsen, der uns das Vertrauen schenkt, dass Jesus wirklich gekommen ist, um uns durch seine Barmherzigkeit neu zu machen: froh und frei und tief, mit der Kraft der Liebe und mit der Kraft des Glaubens.

 Sich segnen lassen oder zum Beichten gehen?

Und wenn Sie heute Abend in sich spüren: Da gibt es in mir viel Unglauben oder es gibt wirklich Dinge, die mich hindern zu vertrauen. Es gibt Negatives in mir, was mich bindet. Es gibt Abhängigkeiten, es gibt schlechtes Verhalten, Neid, Zorn, Getratsche und anderes mehr, dann lade ich Sie ein: Gehen Sie zu Menschen, die für Sie beten, heute Abend hier im Dom. Oder gehen Sie zu einem Priester, suchen Sie das Gespräch. Vielleicht bitten Sie auch um die Beichte, legen einfach alles vor Gott und bitten ihn: Herr, ich tu mich schwer mit dem Vertrauen, dass du da bist und mitgehst und mein Leben trägst  und verwandelst. Es gibt zu viel, was mich an mich selbst bindet. Es gibt zu viel, was mich hindert, frei zu werden in Dir, und zu lieben und zu vertrauen. Wenn Sie ehrlich sind, offenen Herzens, dann werden Sie erfahren: Er kommt mir schon längst entgegen wie der Vater des verlorenen Sohnes. Er wird Sie voller Barmherzigkeit innerlich umarmen und Sie erfahren lassen: „Ich bin schon da. Ich geh schon mit. Vertraue mir und ich werde Dir immer neu Wandlung schenken.“ Diese Maria-Hilf-Woche, liebe Schwestern, liebe Brüder, die möge uns neu sehend machen, dass wir in der Gemeinschaft der Glaubenden der Kirche von Passau zum Allerhöchsten gehören dürfen, der unser liebender Vater ist. Und der uns sendet, der Welt immer neu zu zeigen, von welcher Barmherzigkeit wir selbst berührt sind und wie wir diese Barmherzigkeit an andere verschenken können. Lassen Sie uns dazu aufbrechen. Amen.