Ostersonntag im Passauer Stephansdom

Liebe Schwestern und Brüder im österlichen Glauben,

welche Wirkung hat die Auferstehung Jesu für einen glaubenden Menschen? Ich möchte drei Aspekte erläutern aus der Rede des Petrus, die wir in der ersten Lesung gehört haben. Zunächst erklärt Petrus, dass die Jünger mit Jesus nach seiner Auferstehung gegessen und getrunken haben. Damit ist für uns das Folgende ausgedrückt: Für die Apostel war völlig klar, dass die Begegnung mit dem Auferstandenen keine Einbildung war, kein nur innerseelischer Vorgang, auch keine psychische Massensuggestion. Nein, der Auferstandene war da, anfassbar, greifbar. Sie sind ihm sehr konkret begegnet. Und es war diese Begegnung, die ihr Leben noch einmal umgestürzt hat. Am Karfreitag schien ja zunächst alles aus. Alles zu Ende. Die größte Pleite ihres Lebens: der, den sie für den Messias gehalten, auf den sie alle Hoffnung gesetzt hatten, er war wie der letzte Verbrecher den qualvollsten Tod gestorben, der denkbar war.

Aber jetzt stehen sie auf, voller innerer Kraft, erfüllt vom Heiligen Geist und sie geben Zeugnis davon. Petrus beschreibt in seiner Predigt von heute zwei weitere Dinge über ihn: Erstens er ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten. Anders gesagt: An ihm entscheidet sich alles, das Schicksal eines jeden Menschenlebens wird von ihm her entschieden. Er ist der Schöpfer, er ist der Erlöser und er ist der Richter. Das christliche Bekenntnis lautet bis heute: Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Natürlich, Schwestern und Brüder, stellt sich uns dann die Frage: Was ist mit den Nichtglaubenden oder mit denen, die ihn nie kennen lernen konnten. Die Antwort der Kirche ist: Erstens haben wir den Auftrag, die anderen mit ihm bekannt zu machen. Aber zweitens dürfen wir vertrauen, dass sich die erlösende Wirkung seines Todes durch die Kirche weiter erstreckt als nur auf die unmittelbaren Kirchenmitglieder. Es gibt einen geheimnisvollen Zusammenhang in der Menschheitsfamilie. Die Kirche betet und kämpft und leidet für alle, für alle Menschen. Und wer weiß, wer alles auf der Welt gerettet wird durch die Kirche Christi, weil da Jünger Jesu geliebt und gelitten und gebetet haben. Und ich bin sicher, das wird auch für uns gelten. Sollten wir uns einst im Himmel beim Auferstandenen sehen, was ich für uns alle sehr hoffe, dann bin ich sicher, werden wir uns wundern, wenn wir erkennen dürfen, wer da alles in Jesu Namen für uns gebetet, geliebt und gelitten hat. Aber dies gesagt, bedeutet es dennoch: An Jesus entscheidet sich alles. Kein Mensch kommt zum Vater, es sei denn durch ihn, sei es direkt oder indirekt. Er ist der Retter und der Richter der Welt.

Das zweite Merkmal, von dem Petrus spricht: Jeder, der an Jesus glaubt, empfängt durch seinen Namen die Vergebung der Sünden. Liebe Schwestern und Brüder, das ist ein heikler Punkt für unsere heutige Zeit und unsere heutige Kirchensituation, heute einfach schwer verständlich. Die Menschen der Antike aber waren, soweit wir das wissen, viel leichter erreichbar mit so einer Botschaft. Allzu sehr sah man sich damals verstrickt in innere und äußere Kämpfe, in die Mächte des Schicksals, die die Menschen bedrängt und verführt haben. Allzu sehr wusste man über sich, dass man im Grunde ein viel besserer, ehrfürchtigerer Mensch sein könnte. Ein Mensch in tieferer Liebe, in größerem Vertrauen, ein Mensch mit reinerem Herzen.

Und die Jünger Jesu waren tief beseelt von der echten Erfahrung: Mit Jesus, im Geist des Auferstandenen, kann ich ein neues, ein besseres Leben führen. Weil mir alle meine Verstrickungen, alle meine Fehler, meine schlechten Taten und Gedanken, weil mir alle innere Unreinheit und Unehrlichkeit, all mein Neid und Geiz und Zorn – weil mir all das und mehr einfach verziehen wird. Ja, es stimmt wirklich. Er, der Auferstandene erwirkt die Vergebung der Sünden, den Neuanfang. Und weil die Lieblosigkeit der Herzen etwas ist, was eigentlich zum Tod führt, ist umgekehrt die Erfahrung der neuen Liebesfähigkeit neuer Weg ins Leben. Ins Leben mit Jesus.

Wir tun uns heute unter anderem deshalb schwer mit einer solchen Erfahrung, weil es in einer freien Gesellschaft wie der unseren mit so viel Spielraum für jeden zugleich ungeahnte Möglichkeiten gibt, sich selbst zu rechtfertigen. Für alles, was man tut. Unglaublich viele Egoismen bekommen ein verdeckendes Mäntelchen, zum Beispiel weil sie im Namen der Selbstverwirklichung daher kommen dürfen. Sünde ist keine echte Kategorie mehr in einer Zeit, in der jeder alles ausprobieren, alles anschauen, mit allem Geld verdienen darf. Der Preis, den wir zahlen ist hoch: Die beständige Suche nach Maximierung von Selbstsein und Genuss führt im Grunde zur Maximierung von Seelen- Leere, von innerem Getriebensein. Und sie führt zur Gefangenschaft im Netz meiner vordergründigen Bedürfnisse. Auch wenn es umgangssprachlich nicht mehr Sünde heißt: Aber meine Egozentrik hält mich dennoch gefangen und bräuchte dringend Befreiung und Vergebung.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben: Als Christen dürfen wir der Überzeugung sein und immer mehr in die Überzeugung finden: Jesus ist die Antwort. Seine Auferstehung von den Toten ist die Antwort. Die Antwort auf alle unseren offenen und verdeckten Sehnsüchte. Die Welt in sich selbst, die Welt ohne ihn, hat niemals so viel Sinn zu bieten, dass unser Herz davon alleine gestillt würde. Ohne ihn ist unser Herz dazu verdammt, entweder immer noch gieriger oder immer noch verzweifelter zu werden.

Jesus ist die Antwort, die umfassende, die bestmögliche, die einzige Antwort. Der Jubel, der seit zweitausend Jahren am Ostermorgen erklingt, ist genau deshalb so groß, so laut, so intensiv: Weil in ihm, in seiner Auferstehung die Antwort liegt. Und er bietet sie uns an, jedem, der an ihn von Herzen glaubt: Er schenkt uns unfassbaren Sinn, unerhörte Wahrheit, unglaubliche Liebe. Er befreit in einer Weise, die das Leben hell macht und tief und schön. Er hat für uns den Tod besiegt und damit alles, was uns in unserer Seele zerstören und tot machen will, alle Mächte, die uns das schnelle Gute vorgaukeln aber am Ende doch nur illusionärer Schein sind und niemals satt machen. Er, der Gottessohn, lebt und wer an ihn glaubt, kommt nicht ins Gericht, sondern bei dem fängt das Leben, das neue Leben an.

Wir alle sind auf ihn getauft, auf seinen Tod und seine Auferstehung. Wenn wir ihm verbunden bleiben, gehören wir vom ersten Moment der Taufe zur Gemeinschaft der Gottesfamilie; zu einer Versammlung, in der es mehr Schönheit und Wahrheit und Liebe gibt, als unser Herz sich ausdenken kann. Die ersten Spuren davon schenkt er uns immer neu in der Erfahrung seiner Gegenwart schon in dieser Welt. Aber wenn wir einst ganz bei Ihm sein werden, werden wir nie mehr aufhören wollen, im Herzen unser Halleluja zu singen. Der König lebt. Und wir mit ihm. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau