Pastoraltagung in der Diözese Passau

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese,

Sie haben sich in diesen Tagen die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Seelsorge gestellt; eine Frage, die so sehr ins Herz unseres christlichen Lebens zielt, eine Frage, von der die Zukunft der Kirche, vor allem ihre Fruchtbarkeit entscheidend abhängt. Und es ist eine Frage, das müssen wir alle zugeben, eine Frage, mit der wir alle ein Problem haben. Jeder und jede Getaufte ist immer nur mehr oder weniger glaubwürdig und wir sind es deshalb nur mehr oder weniger, weil der Glaubwürdigste von allen unser Herr selbst ist – und weil deshalb alle Formen unserer Glaubwürdigkeit an unserer Ähnlichkeit zu Ihm ihr Maß zu nehmen haben.

Aber wenn es so ist, dass Er der Glaubwürdigste von allen war und ist, dann können wir uns fragen: Haben sie Ihm deshalb schon alle geglaubt? Die Antwort steht im heutigen Evangelium. Sie haben ihm nicht geglaubt, sie wollten ihm vermutlich nicht glauben – und irgendeine dunkle Seite in ihrem Herzen hat dann gesagt: „Der ist bestimmt nicht so, wie er scheint, der ist bestimmt selbst vom Teufel besessen, vermutlich sogar vom Oberteufel selbst.“ Wir hören es im Evangelium im Wortlaut: „Mit dem Anführer der Dämonen treibt er die anderen Dämonen aus.“

Wenn nun aber schon der Allerglaubwürdigste selbst für den Allerunglaubwürdigsten, den Lügner schlechthin gehalten wird, woran liegt dann so etwas?  Und ist dann nicht all unser Ringen um Glaubwürdigkeit Makulatur? Weil wir am Ende sowieso nichts daran ändern können,  wie uns die Leute einschätzen?

Nun, die Antwort zielt wohl in die Mitte, die auch Paulus im Sinn hat, wenn er für uns in der Ersten Lesung über das schwierige Verhältnis von Gesetz und Glauben nachgedacht hat. „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet“, heißt es da. Gerecht aus Glauben, eine Formulierung, die natürlich Martin Luther geliebt habt! Für unsere Frage nach der Glaubwürdigkeit bedeutet das in jedem Fall, ob einer als würdig angesehen wird, dass ihm geglaubt wird, das hängt zunächst und vor allem mit seiner Gottesbeziehung zusammen. Von der Frage, ob er Glauben hat, ob er im Glauben geht und steht. Das Gegenteil von Sünde ist nicht nämlich nicht einfach die Übung der Tugend, die macht alleine noch nicht gerecht, weil wir am Ende nicht wissen, warum einer tugendhaft ist. Das Gegenteil von Sünde ist nach Paulus der Glaube, es ist das Vertrauen, dass es einen Gott gibt, dem ich alles verdanke, auf den hin ich mich verlassen kann und der allein mich recht macht, der allein mich rechtfertigt. Die Übung der Tugend ist nicht zu vernachlässigen, aber erst wenn einer deshalb tugendhaft handelt, weil in seinem Herzen Gott selbst Einzug gehalten hat, erst dann wächst von innen her das, was Glaubwürdigkeit heißt.

Die Folge davon ist übrigens: ein Mensch, der aus Gott versucht zu leben und zu handeln, der muss nicht dauernd fragen, bin ich jetzt glaub-würdig. Er muss auch nicht ständig fragen, was muss ich jetzt machen, damit andere mich für glaubwürdig halten? Er fragt: „Gott, Du lebst und wirkst in meinem Herzen, was ist Dein Wille? Und zwar unabhängig von dem, was die Erwartungen der Menschen mir jetzt am meisten nahelegen?“

Die Frage, ob und wie einer glaubwürdig ist, entscheidet also letztlich der Herr selbst. Für uns bleibt die Frage: können wir das denn gar nicht beurteilen? Wenn die Rolle der Erwartungen keine Rolle spielen soll? Nun, die Antwort, die die Schrift und ihre Lehre vom Menschen darauf gibt, ist: Es gibt einen Sensus dafür, ob ein Mensch wirklich aus dem Glauben lebt und handelt, oder ob er andere, vielleicht sogar egoistische Interessen verfolgt, auch wenn es nach Tugend aussieht. Paulus unterscheidet im ersten Korintherbrief zwischen dem fleischlich gesinnten, dem sarkikos, und dem geistlich gesinnten, dem pneumatikos. Und er sagt sogar, der eine, der fleischlich oder nur irdisch gesinnte, der kann den anderen, den geistlich gesinnten gar nicht verstehen. Es gibt eine Art strukturelle Unfähigkeit. Es kann also sein, dass der glaubwürdigste Mensch von allen, in einer Umgebung von nur fleischlich gesinnten, am wenigsten erkannt und deshalb womöglich verworfen wird. Wir haben in unserer Geschichte der Kirche auch zahlreiche heilige Männer und Frauen, die gar nicht erkannt oder gar völlig verkannt worden sind, und deren Größe man oft erst viel später verstanden hat.

Aber andererseits, Schwestern und Brüder, unser fleischlich gesinntes Herz ist nicht völlig gebrochen, in ihm ist trotz aller Gebrochenheit auch die Sehnsucht nach Wahrheit, nach ungeheuchelter Liebe, nach tiefem Vertrauen geblieben. Und es gibt die Möglichkeit, dieser Sehnsucht zu folgen, ihr auf der Spur zu bleiben. Und es gibt deshalb für uns alle die Möglichkeit, ein heiliges, ein wirklich glaubwürdiges Leben auch zu erkennen. Und ich denke, sobald ein Mensch ein solches Leben einmal erkannt hat, im selben Augenblick empfindet er es auch als ungeheuer anziehend. Er erkennt: Hier handelt ein Mensch nicht so und so, weil es alle erwarten, sondern weil er Gott wirklich kennen und lieben gelernt hat. Er lebt und spricht und handelt aus Gott. Nicht immer, er bleibt ein gebrochener Mensch, aber immer mehr, immer öfter, immer tiefer. Unsere Glaubwürdigkeit, liebe Schwestern und Brüder, wächst also nicht zuerst, indem wir lernen auf Erwartungen anderer zu schauen und Rücksicht zu nehmen. Sie wächst, wenn wir auf den Herrn schauen und uns von Ihm anschauen lassen – und aus dieser Erfahrung des Lebens unter seinem Blick wächst auch die Fähigkeit, den anderen Menschen oder Situationen so zu beurteilen, dass wir verstehen, was es jetzt wirklich braucht für den anderen oder für diesen Augenblick. Und manchmal wird es das sein, was die Menschen erwarten, dann sind sie zufrieden. Manchmal wird es die Menschen überraschen, dann lassen sich die einen mitnehmen, die anderen nicht, weil wir nicht ihren Erwartungen entsprechen. Und manchmal wird es die Menschen schlicht überfordern, dann sind sie vielleicht ein wenig ratlos zurück gelassen, aber dann haben sie immer noch die Möglichkeit, ihrer Sehnsucht Raum zu geben, dem, was sie da an Wahrheit und Licht erspürt haben.

So möchte ich sie herzlich einladen, in der Frage der Glaubwürdigkeit zuerst auf den zu schauen, der einen Akt radikalster Glaubwürdigkeit begangen hat. Paulus sagt, dass er für uns am Kreuz „zur Sünde geworden“ ist. Das haben die wenigsten damals verstanden. „Den Griechen eine Torheit, sagt Paulus, den Juden ein Ärgernis.“ Uns aber, die wir schon von Ihm berührt sind, ist das Kreuz Gottes Kraft und Gottes Weisheit, Gottes glaubwürdigstes Zeichen dafür, wie sehr er uns liebt. Amen.

 

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