Christi Himmelfahrt im Passauer Stephansdom

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in diesen Tagen vor Pfingsten geht es um den Heiligen Geist, um die Kraft Gottes, um den Geist Jesu. Am Tag, den wir heute feiern, hat Jesus diesen Geist jenen verheißen, die an ihn glauben, die auf ihn warten, die darum beten. Und er ist von ihnen gegangen, wie die Texte der Schrift erzählen. Er war ihnen plötzlich nicht mehr mit den Augen sichtbar, nicht mehr mit leiblichen Sinnen greifbar. Und ab diesem Ereignis, ab dem Zeitpunkt, wo er leiblich gesehen weg war, sind die Jünger einmütig im Gebet mit der Mutter des Herrn. Aber am Pfingsttag plötzlich, erleben sie dann etwas wirklich Neues. Sie erleben eine innere Wandlung, eine Kraft, eine Zusage, ein Vertrauen, so dass sie spüren: Jetzt ist in meinem Leben etwas Entscheidendes passiert. Eine Wende, ein Sich-öffnen von Möglichkeiten, eine Berührung mit innerer Tiefe und Weite nach oben. Eine Freude, die ich mir nicht selbst gemacht habe, ein Mut, der mich sprechen lässt, Zeugnis geben lässt, der mich hinausgehen lässt um anderen Menschen von Jesus, dem Erlöser zu erzählen.

Liebe Schwestern und Brüder, wie geht es uns in der Kirche mit solchen biblischen Geschichten, in denen so offen berichtet wird, dass etwas passiert ist, was die Herzen der Menschen verändert hat? Wie sehr sind wir für diese Erzählungen offen, oder mehr noch für die Wirklichkeit, die darin geschildert wird?

Eine Möglichkeit des Umgangs ist die, die ich beschreiben möchte als: Wir erinnern uns an Vergangenes und wenn wir es gut finden, dann erzählen wir es uns gegenseitig als eine Botschaft, die wir daraus lernen. Vielleicht als eine ethische Verhaltensregel, als guter Gedanke für den Tag. Ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, dies ist der durchschnittlich häufigste Umgang von uns mit solchen Texten. Da ist damals etwas passiert und das hat auch irgendwie eine Bedeutung für uns heute, die man im Leben anwenden kann, als Regel, als gutes Wort. Ein solcher Umgang mit der Geschichte ist im Grunde nicht verkehrt, aber vielleicht ahnen wir auch, dass es noch ein Mehr gibt, ein Darüber-hinaus im Umgang mit dieser Geschichte.

Eine solche zweite Möglichkeit, ein Darüber-hinaus, das ich zeigen möchte, ist es, die Wirklichkeit selbst, um die es da geht, irgendwie mit dem eigenen Leben in Berührung zu bringen oder in Berührung bringen zu lassen oder in sie hinein zu finden. Kann es sein, frage ich mich, dass die biblischen Geschichten über den Heiligen Geist von einer Wirklichkeit erzählen, die auch heute noch zutiefst relevant ist für jeden von uns? Und dass sie mehr ist als nur eine fromme Erzählung aus der Vergangenheit ist, die wir dann zu einer freundlichen Botschaft formen?

Ich habe vor einiger Zeit ein Gespräch mit einem Menschen gehabt, der an Gott glaubt, in der Kirche engagiert ist und der an einer staatlichen Stelle einen Arbeitsplatz hat. Er hat mir folgende Situation geschildert hat: Er hat Schwierigkeiten an seinem Arbeitsplatz und sieht keinen rechten Sinn mehr darin, er hat Schwierigkeiten mit den anderen Mitarbeitern und will eigentlich weg, er kämpft mit seiner privaten und familiären Situation, in seiner Ehe, und zudem ist er krank und nahe an der Depression. Wir haben dann darüber gesprochen, ob es für ihn neue Perspektiven geben könnte, einen Wechsel in mehreren Bereichen oder eine Verschnaufpause oder irgendeine Tätigkeit, die ihm mehr Freude machen könnte und so fort. Das heißt, unser Gespräch blieb auf der Ebene der Möglichkeiten, die man halt so miteinander andenkt, und die mehr oder weniger hilfreich sein könnten. Aber natürlich: solche Versuche sind Versuche, an den äußeren Lebensumständen etwas zu ändern.

Aber gleichzeitig habe ich damals aber auch gespürt, dass dieser Mann große Sehnsucht nach dem Mehr hat, von dem ich gesprochen habe, nach mehr Sinn, mehr Tiefe, mehr Freude am Glauben vielleicht…. Nun, zunächst ist er wieder gegangen. Und dann habe ich ihn etwa ein dreiviertel Jahr später wieder mal getroffen.

Und nun durfte etwas ganz Erstaunliches erleben: Der Mann war auf seiner Suche von einigen Begegnungen, Predigten, Gebetszeiten irgendwann so neu berührt worden, dass sich einerseits plötzlich, andererseits nach und nach sein ganzes Leben von innen her verändert hat. Er ist buchstäblich von der Tatsache berührt worden, dass Jesus lebt, dass er mit ihm geht, dass er Sinn schenkt und Freude. Und ich habe ihn gefragt, was er denn jetzt so mache: Und er sagte, im Grunde habe sich äußerlich gar nichts geändert. Er ist wieder oder immer noch am selben Arbeitsplatz, er ist aber innerlich mit den Mitarbeitern versöhnt, er ist immer noch mit seiner Frau zusammen, aber wieder viel versöhnter. Er hatte neuen Lebensmut und neue Lebenskraft. Und er hat äußerlich keine neue Perspektive mehr gesucht, denn die hatte er innerlich tief gefunden. Das Depressive, die Perspektivlosigkeit war weg und zwar dauerhaft weg. Und es hat ihn wirklich auch gedrängt zu erzählen, dass sein Glaube, sein Vertrauen, dass Jesus mit ihm geht und ihn trägt, dass das wirklich gewachsen ist. Er war von innen her so viel heller und heiler geworden, obwohl äußerlich im Grunde nichts passiert ist.

Das, liebe Schwestern und Brüder, diese Begegnung, war für mich ein kleines Pfingstwunder. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Geist Gottes wirklich wirkt, dass er gegenwärtig ist, dass er Leben erneuern und verwandeln will. Die Wunder, das Große, das Gott in unserem Leben wirken will, das wirkt er in uns. Sicher wird dieser Mann wieder zu kämpfen haben, sicher wird eine erste Euphorie auch verfliegen, aber ich bin sicher, wenn er die Beziehung zu Christus pflegt, wenn er betet, wenn er versucht, ihn in der Schrift kennen zu lernen, dann wird die Grunderfahrung bleiben und tiefer werden und voller Frieden sein.

Aber, vielleicht liebe Schwestern und Brüder, vielleicht sagen Sie jetzt: Das ist doch etwas, was einem passiert, was man nicht einfach machen kann. Und vielleicht sogar etwas, was man nicht einfach glauben kann. Ja, das stimmt. Man kann es nicht machen. Und sogar der Glaube daran wird geschenkt. Aber meine Frage ist: Suchen wir es denn, sehnen wir uns danach? Glauben wir das, was wir hier und heute feiern, nämlich dass Jesus da ist und uns innerlicher werden will, als wir selbst es sein können? Glauben wir, dass er in den Himmel aufgefahren ist, um uns allen seinen Geist zu senden, um uns allen nahe zu sein? Vertrauen wir darauf, dass auf dem Altar Wandlung geschieht für uns? Damit sich in uns etwas wandeln kann? Oder sind wir im Kopf und im Herzen eher Zuschauer, Außenstehende, die sich vielleicht an der schönen Mozart-Messe freuen und ansonsten warten, bis der Gottesdienst wieder vorbei ist? Ich sag das gar nicht anklagend, Schwestern und Brüder, ich erlebe auch mich und mein eigenes Herz selbst immer wieder auch unbeteiligt.

Aber mein Anliegen ist: Helfen wir uns gegenseitig in den Glauben. Erzählen wir die Glaubensgeschichten der Freude, die uns erneuern, die uns öffnen. Wecken wir unsere Sehnsucht, wecken wir den Geist des ehrlichen Gebetes neu, damit die Wirklichkeit des Geistes Gottes in uns neu einziehen kann, damit sie uns bewegen, begeistern und erneuern kann. Jesus sagt uns mehrmals, eindringlich: Wer bittet, der empfängt, wer sucht, der findet, wer anklopft, dem wird geöffnet. Das heißt, wir sollen bitten, sollen suchen, sollen anklopfen, sollen sagen: Herrn, mach bitte unser Herz auf, schließ uns auf, wir sehnen uns nach deiner Gegenwart, wir sehnen uns nach deinem Geist, der alles erneuern kann, der uns neu deine Schönheit, deine Liebe, deine Wahrheit zeigen kann, der uns berühren kann. Komm, Herr, komm in diesen Tagen vor Pfingsten in unser Herz und erneuere das Antlitz von uns und deiner ganzen Kirche. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau