Priesterjubiläum

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

die erste Lesung des heutigen Tages beginnt erschütternd, bedrohlich, lebensbedrohlich. Herodes lässt aus der jungen Kirche einige verhaften und Jakobus, einer der Jünger aus dem engsten Kreis um Jesus, wird hingerichtet. Er ist der erste unter den Aposteln, der das Martyrium erleidet. Auch Petrus wird ins Gefängnis geworfen und unter schärfsten Bedingungen in Ketten gelegt und so eng bewacht, dass die Wachsoldaten sogar neben ihm schlafen. Die Erzählung berichtet dann im Fortgang von der wunderbaren Errettung des Petrus durch den Engel Gottes – die Gemeinde hatte inständig dafür gebetet. Aber auch von Petrus wissen wir: Auch er stirbt der Überlieferung gemäß später am Kreuz, Jesus selbst hatte das in ihrer letzten Begegnung, die das Johannes-Evangelium schildert, schon angedeutet.

Die Zeiten sind also schwierig für die junge Kirche, ganz besonders für ihre Leiter. Das Interessante für uns ist freilich, dass die Kirche offenbar gerade unter solch schwierigen Bedingungen wächst. Auch Paulus, den wir heute ebenfalls feiern, durchlebt in seinen Missionsreisen ja alles andere als dauerndes Wohlwollen. Es ist eher das Gegenteil: Paulus sitzt häufig im Gefängnis, wird gefoltert, verprügelt, gesteinigt, erleidet Schiffbruch und erlebt den Abfall von vielen seiner ehemaligen Gefolgsleute. Aber auch Paulus erlebt dennoch zugleich: Das Evangelium breitet sich aus. Es ist voller Kraft, es dringt in die Herzen der Menschen ein und wirkt Bekehrung.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst. Viele von Ihnen haben die letzten Jahrzehnte in unserer Kirche als Zeiten großer Wandlungen erlebt. Die 60er Jubilare sind sogar noch vor dem Konzil geweiht worden, da war das Erleben eines Einschnitts durch das Konzil wohl noch größer als bei all denen, die als 50er Jubilare im Jahr des Konzilsendes geweiht wurden. Und viele weitere von Ihnen hatten ihre Priesterweihe dann bald danach. Aufbruchstimmung allenthalben, ein neues Pfingsten wurde immer wieder gesagt und als Vergleich für dieses Ereignis herangezogen. Wie viele neue Möglichkeiten hat das Konzil uns geschenkt in einer neuen Zeit, in einer Zeit, in der wir bei uns in der Gesellschaft zugleich Frieden und Wohlstand, unglaubliche technische Fortschritte, die Sicherung der sozialen Systeme und vieles mehr erleben durften.

Und dennoch erleben wir mitten in diesen neuen, äußerlich so guten Bedingungen schon lange einen Prozess der Transformation von Kirche. Wir erleben einen Abbruch von Traditionen, einen Verlust von Glauben und in den Augen vieler auch von Glaubwürdigkeit der Kirche. Der Schub der anhaltenden Säkularisierung macht uns zu schaffen. Früher so selbstverständliche Weitergabe von Gläubigkeit an die nächste Generation geht eben längst nicht mehr so selbstverständlich. Wir diskutieren in der Theologie längst auch die Frage nach dem Priesterbild von heute. Was ist ein Priester heute. Und wie geht Gemeindeleben, Pfarreileben heute? In welche Rolle sollte ein Priester schlüpfen, wie sollte er sie ausfüllen?

Liebe Brüder im priesterlichen Amt: Zunächst einmal möchte ich Ihnen von Herzen danken, dass Sie in diesen Umbruchszeiten der letzten Jahrzehnte treu geblieben sind, dass Sie allesamt das Ihre getan haben, um mitzugestalten, um in unserem Bistum ein Beitrag für lebendige Kirche zu sein. Wir wissen es alle, wie viel an der Leitung hängt. Und wir wissen auch, dass so mancher von uns mit den großen und kleineren äußeren und eigenen Umbrüchen nicht so gut zurecht gekommen ist und den priesterlichen Dienst verlassen hat. Aus welchen Gründen auch immer. Ich möchte Sie herzlich einladen, auch diese Brüder immer neu in Ihr Gebet einzuschließen. Aber Sie, die Sie heute hier sind, um Danke zu sagen, haben sicherlich während diesen unruhigen Zeiten auch manche Krisen durchlebt. Krisen, die Sie haben fragen lassen nach dem Sinn des Ganzen; Krisen aufgrund von Frustrationserfahrungen im Blick auf abnehmende Kirchenpraxis in allen Altersstufen der Gläubigen; Krisen im Blick auf die eigene Lebensführung und die Herausforderungen des zölibatären Lebens und anderes; Krisen aufgrund von innerkirchlichen Konflikten und Richtungsstreits, Krisen aufgrund struktureller und bürokratischer Beschwernisse und anderes mehr. Wir wissen, dass wir in Krisen reifen und scheitern können und manchmal ist es beides.

Ich weiß aber auch, liebe Brüder, und das freut mich besonders, dass viele, viele Gläubige bei vielen Gelegenheiten meiner Besuche im Bistum immer wieder äußern, wie froh sie über ihren Pfarrer sind, und dass sie einen richtig guten haben. Sie werden so oft so sehr wertgeschätzt dafür, dass Sie da sind und Ihren treuen Dienst tun. Dafür danke ich Ihnen von Herzen.

Liebe Brüder, wenn Sie mich fragen, wohin die Kirche in Zukunft geht – und welchen Beitrag wir alle als Seelsorger heute dazu leisten können, dann will ich nur sehr knapp den Versuch einer Antwort machen. Zunächst: Ich bin überzeugt, dass uns die gegenseitige Einteilung und Zuordnung in liberal und konservativ wenig helfen wird. Sicher gibt es Unterschiede unter uns, aber weder die einseitige Beharrung auf Lehre ohne dazu passende Praxis, noch die liberale Praxis ohne dazu passende Lehre wird uns wirklich helfen. Ich glaube, dass das, was helfen wird, so etwas wie die neue Hinwendung zu Jesus sein wird, weder links, noch rechts, sondern tief. Weder liberal noch konservativ, sondern radikal, wurzelhaft; weder überwiegend dogmatisch noch überwiegend praktisch, sondern heilig. Ich glaube, wir alle haben immer neu die Demut nötig, Jesus wirklich zu suchen, ihn wirklich neu zu entdecken, ihn zu kennen und ihn zu lieben um uns wieder neu senden zu lassen – zu denen, die uns wirklich brauchen. Und zu denen, die ihn ebenfalls suchen. Ich glaube, dass alles, buchstäblich alles, von der Qualität und Intensität unserer eigenen persönlichen und gemeinschaftlichen Beziehung mit Jesus abhängt. Wie leben wir mit IHM und wie nehmen wir die Menschen mit hinein in diese unsere erste Beziehung? Das ist die zentrale Frage, deren Antwort uns dann auch befähigt, nicht nur bei ihm, sondern auch bei denen zu sein, die auf unseren Dienst warten und ihn brauchen.

Um auf unsere Lesungen von heute zurück zu kommen: Wir wissen, dass Petrus, der Fels, ein schwacher Mensch war, manchmal ein Lautsprecher, manchmal ein Feigling. Und doch hat Jesus etwas in ihm gesehen und hervor geliebt, das aus ihm dann tatsächlich den Felsenmann und den Martyrer gemacht hat, den wir verehren. Und auch Paulus betont immer und immer wieder: Ich bin schwach, aber Jesus in mir ist stark. Er, Jesus, wirkt alles in allem. Und in welcher unglaublichen Fruchtbarkeit haben die beiden dann tatsächlich in unserer Kirche gewirkt. Liebe Brüder: die Radikalität, von der ich spreche, bedeutet: immer wieder neu hineinfinden in ein Verhältnis zu Jesus, den ich ernst nehme in dem, was sein Wort über ihn erzählt. Er ist nicht nur der Nette, er ist nicht nur das hingeschlachtete Lamm, er ist auch der Löwe von Juda, der mit dem Hauch seines Mundes tötet. Er ist der absolut Liebende ebenso wie der wiederkommende Richtende. Er ist es, der uns verwandeln will und kann in der Kraft seines Geistes. Aber: Glaube ich das wirklich, traue ich Ihm das zu? Glaube ich, dass Jesus mich auch nach 60,50,40,30,25 oder wie bei mir 14 Priesterjahren immer noch ganz konkret wandeln kann? Mein Herz erneuern kann? Jeden Tag? Ich bin überzeugt: In dem Maß, in dem ich ihm das glaube, in dem Maß, in dem ich es ihm voller Vertrauen entgegenhalte, wird das Wunder an uns und in unserer Kirche neu geschehen. Wie oft, immer und immer wieder, antwortet Jesus auf die Bitten um Heilung: dein Glaube hat dir geholfen. Glaube heißt also auch: Ernstnehmen, dass Jesus, und am Ende nur Jesus allein, uns wandelt und uns befähigt, in ihm neue Menschen zu werden. Und dieser Prozess von Wandlung hört nie auf, ob ich gestern getauft worden bin, oder ob ich seit 60 Jahren Priester bin. Jesus will unser Herz und er will es ganz. Das Wunder der Erneuerung von Kirche hat in Ihm längst begonnen. Aber er sucht immer neu Herzen, in denen er es weiterwirken kann. Bitten wir ihn jeden Tag neu: Herr, stärke meinen Glauben und forme mein Herz nach deinen Herzen.

Liebe Mitbrüder, noch einmal von Herzen Dank für Ihren treuen Dienst. Danke für alles Gute, was Sie für Sein Reich und seine Menschenkinder gewirkt haben in ihren Jahren als Priester und was Sie noch wirken. Und beten und bitten Sie den Herrn mit mir zusammen voller Vertrauen, dass die Kirche von Passau immer wieder von neuem seine machtvolle und fruchtbare Gegenwart glaubt und erfährt. Und beten wir auch füreinander. Danke für alles. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau