Segnungsgottesdienst im Passauer Stephansdom

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

keiner von uns wird in diesem Leben an der Erfahrung von Leid, von Not, von Gebrechlichkeit vorbei kommen. Schon gar niemand am Tod. Diese Welt ist nicht heil, unser eigenes Leben ist nie ganz heil, unser Herz ist nie ganz heil – und deshalb heilungsbedürftig. Kürzlich habe ich die Aussage einer älteren Frau gehört, die darüber geklagt hatte, dass ihr eine schwere Krankheit zugestoßen sei – und das obwohl sie doch so häufig in der Kirche war und immer wieder gebetet habe. Deshalb glaube sie jetzt nicht mehr an Gott.

Liebe Schwestern und Brüder, Gott beantwortet nicht einfach eine bestimmte Zahl von Kirchenbesuchen und Gebeten, die wir uns als unsere Leistung anrechnen. Gott ist nicht von uns aus einfach steuerbar, nicht manipulierbar. Gott hat kein Interesse an einer Form von Religiosität, die religiöse Leistungen vor allem deshalb erbringt, damit sie dann einen persönlichen Vorteil davon hat. All das will Gott nicht.

Aber unser Glaube sagt uns: Gott antwortet auf Menschen, die ihn lieben. Er antwortet auf Menschen, die ihn suchen; er antwortet auf Menschen, die ein Herz für ihn haben. Im Psalm 91 sagt Gott zum Beter: „Weil er an mir hängt, will ich ihn retten; ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen.“ Gott sehnt sich nach Menschen, die an ihm hängen, weil sie ihn gern haben. Er sucht nach Menschen, die seinen Namen kennen, wie es hier heißt; Menschen also, die etwas von Ihm erkannt haben, die immer neu lernen, ihn zu lieben, die sich von ihm berühren lassen wollen. Und zwar zunächst einfach deshalb, weil er Gott ist, weil er wunderbar ist.

Und im Neuen Testament wollen Menschen zu Jesus gehören, weil sie spüren: Er hat Worte ewigen Lebens. Natürlich, liebe Schwestern und Brüder, natürlich ist diese Beziehung heilbringend und glückbringend auch für uns. Das darf auch so sein, und wir haben Sehnsucht nach Glück, alle. Aber es ist ein Unterschied, ob wir Gott zuerst für uns gewissermaßen benutzen oder ob wir ihn ehren, weil er Gott ist. Wenn es stimmt, dass Jesus in die Freundschaft zu sich einlädt, wie er im Evangelium sagt, dann weiß doch jeder, dass eine Beziehung, die man vor allem unter dem Gesichtspunkt des eigenen Vorteils eingeht, den Namen Freundschaft nicht verdient. Ein Freund ist einer, den man auch dann gern hat, wenn er einem gerade nichts bringt – im äußerlichen Sinn. Ja, mehr noch Freundschaft erweist sich oft erst dann als treu und tief, wenn sie einen auch etwas kosten darf, wenn man zum Beispiel Leid gemeinsam tragen kann, wenn man zusammen hält, wenn es schwer ist.

Im Grunde kann man sagen, dass sich auch unser Glaube gerade dann in seiner Qualität bewährt und sogar wächst, wenn es mal nicht so läuft, wie es mir passt. Wir haben in der Lesung vom Schicksal des Josef gehört, dem gläubigen Stammvater Israels, dem Lieblingssohn Jakobs. Seine eifersüchtigen Brüder verkaufen den Träumer, wie sie ihn nennen. Sie verkaufen ihn als Sklaven, nachdem sie ihn zuvor schon töten und in den Brunnen werfen wollten! Wo ist Gott bei Josef? Er wird erst Sklave, kommt als solcher ins ägyptische Herrscherhaus und dann noch einmal durch lügnerische Verleumdung ins Gefängnis. Wo ist Gott bei diesem gläubigen Mann, als er im Brunnen liegt, dann als er Sklave ist und dann als er im Gefängnis sitzt? Als ihm also Unglücke schwerster Art zugestoßen sind? Wo war Gott da? Josef hatte von Verheißungen Gottes geträumt, aber erst viel später versteht er besser und tiefer, wie Gott ihn hört, wie er ihn führt, wie er bei ihm ist und immer war. Erst spät schenkt er ihm Glück und Wohlergehen schon in diesem Leben, als der Pharao ihn zum Verwalter seines Reiches macht. Aber nicht dieses irdische Glück ist die wichtigste Seite des Planes Gottes für Josef, sondern dass er dadurch zum Retter für seine Familie, seine Brüder und sein Volk wird. Er ist Träger der Verheißung für Israel.

Gott geht mit uns alle Wege mit, liebe Schwestern und Brüder. Das dürfen wir glauben, daran dürfen wir festhalten. Er will unser Heil, für jeden einzelnen von uns. Und viele von Ihnen, die heute Abend hier sind, von denen weiß ich, ein Kreuz zu tragen haben, oft ein schweres Kreuz. Krankheit, materielle Not, Beziehungen, die zerbrechen, Schwierigkeiten in Familien, zwischen den Generationen, alles das gibt es unter uns, wir sind hier mitten im richtigen Leben!

Und unser Glaube und der Segen, den wir hier erbeten und erhoffen, der sagt uns zu: Gott ist da und bleibt da, er verlässt Dich nie, auch nicht in den schwierigsten Situationen Deines Lebens, auch nicht in solchen, in denen Du Dich wie Josef im Gefängnis fühlst oder in der Sklaverei: im Gefängnis deiner Krankheit, in der Sklaverei mancher Sucht oder Leidenschaft, im Gefängnis mancher Lebenssituation in der Arbeit, im Privaten. Gott verlässt Dich nicht. Das Geheimnis unseres Glaubens sagt uns: Du kannst gar nicht so tief sinken, dass Du nicht in die liebenden Arme Gottes fallen könntest, egal wie tief Du fällst. Gott ist barmherzig, unfassbar barmherzig. Er will dein Heil. Aber das Heil besteht zuerst und zuletzt darin, dass er uns seine Freundschaft anbietet – und dass wir glauben, dass wir vertrauen können, dass er unser Freund ist und bleibt, egal, was kommt. Das ist das Heil, liebe Schwestern und Brüder, und wenn wir daran mit dem Herzen festhalten, dann wird jeder von uns am Ende unseres Lebens sagen können: Er hat alles gut gemacht. Er war immer da, er hat uns nie verlassen.

Wir bitten gleich nachher um Segen und Heil, wir bitten, dass er unsere Herzen erreicht und berührt und sie mit Geist erfüllt und mit dem Glauben, dass er wirklich da ist. Und wir bitten ihn auch, dass er unsere Not lindert, dass er uns an Leib und Seele heilt und Heil schenkt. Wir dürfen zu ihm kommen wie die Kinder und wir dürfen um alles bitten. Und er ist unser Vater, der uns gibt, was uns hilft. Kein Vater, das weiß jedes Kind, erfüllt jeden Wunsch des Kindes. Weil mancher Wunsch eben auch der eines Kindes und manchmal sogar kindisch ist. Aber ein Kind, das mit einem guten Vater heranwächst, weiß: Er macht alles gut, auch wenn es nicht alles bekommt, was es will. Und das Kind hört trotzdem nicht auf zu bitten. Auch das will der Vater.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich glaube fest, dass Jesus auch in unseren Glauben und in unsere Sehnsucht hinein Wunder wirken will, Wunder der Umkehr und Erneuerung, Wunder der Wandlung unserer Herzen und das Wunder der Heilung an Leib und Seele. Wir wollen ihn voller Vertrauen darum bitten, dass er uns in dieser Feier und auch danach mit Seinem Segen überschütten möge. Und wir sind voller Dank, dass er uns schon jetzt, in dieser Eucharistie das größte Geschenk macht, dass er zu geben hat. Sich selbst, in seinem Leib und Blut. Danke, Herr, dass Du da bist und dass wir an Dich glauben dürfen und dass Du uns nie verlässt. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

 

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