Tag der Ehejubilare

Liebe Ehejubilare, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wir haben in vielen Jahrhunderten des Nachdenkens über Gott und die Welt in unserer christlichen Tradition eine Art Ehren- oder Würdebezeichnung für den Menschen gefunden. Sie lautet: der Mensch ist Person. Person bezeichnet ein vernünftiges Wesen, das frei ist und das ein einzigartiges, unersetzbares, unvertauschbares Individuum ist, mit einzigartiger Würde. Und diese Einsicht was eine Person auszeichnet, ist uns auch zugewachsen in der christlichen Frage nach Gott. Wir haben zum Beispiel die Formulierung, dass der Gott, an den wir glauben einer ist, ein einziger. Aber er ist es in drei Personen. Die Würde, die ein Mensch in seinem Personsein hat, kommt nach unserer Überzeugung davon, dass er Gottes Ebenbild ist, dass Gott ihn geschaffen hat in einer bestimmten Ähnlichkeit zu ihm selbst. Freiheit, Würde, Vernunft, Liebesfähigkeit, das alles zeichnet den Menschen als Person aus.

Aber nun ist es so, liebe Schwestern und Brüder, dass wir Personen zwar einerseits sind, aber wir müssen es doch alle auch werden, wir können und sollen werden, was wir sind. Wir sollen also wie Freie leben, nicht wie Sklaven, wir sollen unsere Vernunft und unser Gewissen bilden und nicht ahnungslos oder verantwortungslos bleiben, wir sollen die Liebe lernen und nicht Egoisten bleiben. Wir sollen werden, wer wir sind: Menschen, denen man ansieht: Wir sind Personen.

Ich möchte nun, weil wir so viele Ehejubilare hier sind, eine Eigenschaft herausheben, die uns als Personen ganz besonders auszeichnet. Wissen Sie, dass wir Menschen die einzigen Wesen sind, die wir in unserer materiellen Welt kennen, die aus freiem Entschluss ein Versprechen halten können? Wesen, die aus freiem Entschluss zu einer Sache oder einem Menschen Ja sagen können, ohne genau vorher zu wissen, was kommt? Warum ist das so besonders und warum ist es wichtig? Schauen Sie, in der Erziehung bei Kindern oder Jugendlichen wollen wir, dass sie verlässliche Menschen werden. Wir gehen aus dem Haus und sagen zum Kind: „Versprichst Du mir, dass dein Zimmer aufgeräumt ist, wenn ich wiederkomme?“ Der junge Mensch verspricht es und hält sein Versprechen oder auch nicht. Und wir spüren, dass es das beste wäre, er hielte das Versprechen aus eigenem Antrieb, und nicht, weil er durch eine Drohung genötigt wird.
Wir spüren, dass solche Verbindlichkeit und Verlässlichkeit eine sehr wichtige Eigenschaft ist für das Leben eines Menschen. Kann man sich auf ihn verlassen? Weil er es selbst will? Ist er jemand, der zum Beispiel regelmäßig zur Arbeit kommt, weil er es freiwillig als seine Pflicht übernommen hat? Ist er verlässlich für seine Kinder, können die sich an ihm orientieren? Und vieles mehr.

Solche menschliche Verlässlichkeit hängt zutiefst mit unserer Fähigkeit zusammen, ein Versprechen zu halten. Und zwar – und jetzt kommt es – auch dann, wenn die Umstände schwierig sind. Sie geben ein Versprechen und denken, Sie halten es leicht, aber dann kommen Probleme, dann würden Sie lieber was ganz anderes machen, dann werden Sie abgelenkt, behindert oder verführt oder sonst etwas. Und dann müssen Sie kämpfen oder sie tun es eben nicht!

Wir spüren hier, meine Lieben, dass wir das Versprechen halten auch üben müssen, wir müssen manchmal durch etwas hindurch, manchmal darf und muss es uns etwas kosten, damit wir sehen, ob es sich bewährt. Ob unser Versprechen hält. Aber wenn es sich bewährt, dann kommt etwas ganz Wunderbares an unserem Menschsein zum Vorschein: Dann üben wir die Treue, dann wachsen wir in der Treue, dann reifen wir als treue Menschen. In der wunderbaren Einheit von Freiheit und Bindung. Der Mensch glaubt allzu oft, er ist frei, wenn er einfach tun kann, wonach ihm gerade ist. Aber Sie und ich, wir wissen, dass tiefer verstandene Freiheit nicht ohne eine freies Ja in eine Bindung zu haben ist. Erst ein Ja, das ich zu einer Bindung gesagt habe und das ich dann auch bewähre, führt mich in eine tiefere Form der Freiheit und lässt zum Vorschein kommen, dass wir Personen sind. Menschen mit Würde, die ein freies Ja zu einander sagen und auch halten können.

Die allermeisten von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, sind einen Weg der langen Treue gegangen, viele von Ihnen sicher auch durch schwere Zeiten, in denen Sie herausgefordert waren, in denen Sie auch um Ihre Ehe kämpfen mussten. Die Ehe ist keineswegs ein leichter Weg, das wissen wir alle. Aber in einer Zeit, in der ein Ideal von ewiger romantischer Liebe sosehr in den Köpfen und Herzen der jungen Menschen herumgeistert, dass manchmal schon geringfügige Störungen des Ideals für eine Trennung ausreichen, sind Sie alle es ein besonderes Zeugnis.

Mehr noch: Ich glaube, wenn wir uns als Menschen, als Personen in der Treue bewähren, dann scheint durch unser Leben eben diese in der Bibel ganz besonders oft genannte Eigenschaft Gottes hindurch: Gott ist der Treue schlechthin. Gott sagt uns immer und immer wieder in seinem Wort: Ich verlasse dich nicht. Ich bin der Ich-bin-da. Ich bleibe bei Dir und bei Euch. Gottes Verhältnis zu uns ist seine Liebe und die erweist sich in seiner unverbrüchlichen Treue. Und das Leben Jesu von seiner Geburt über seinen Tod bis zu seiner Auferstehung und Geistsendung ist ein einziger Erweis seiner Treue, ein Erweis von Gottes beständiger Huld uns gegenüber.

In der zweiten Lesung haben wir ein Lieblingswort des Johannes-Evangelisten gehört. Das Bleiben. In einem Brief an seine Gemeinde schreibt er: “Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben.“ Und etwas weiter erklärt er dann, wie wir den Geist in uns erkennen. Er sagt „Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott.“

Liebe Schwestern und Brüder, das Bekenntnis zu Jesus, unsere Liebe zu Jesus, unser Glaube an ihn führt dazu, dass wir in Gott bleiben und dass wir in der Kraft Gottes auch beieinander bleiben können. Der Mensch ist zur Treue berufen, aber wir spüren alle, dass es für ganz viele nicht mehr leicht ist, die Treue zu leben. Deshalb auch brauchen wir den Glauben an Jesus: In Ihm, im Bekenntnis zu Ihm lernen wir die Treue. Das will ich durch eine kleine Begebenheit verdeutlichen. Mein Ordensvater Don Bosco hat sich, wie allgemein bekannt um Straßenkinder in Turin gekümmert. Irgendwann hatte er auch ein Haus, um sie bei sich wohnen zu lassen, um sie dort auch unterrichten zu können, um mit ihnen Leben zu teilen. Und als er einmal wieder in seinem Heimatort bei der Mutter zuhause war, hat er seiner Mutter, eine Witwe gesagt, die Buben bräuchten auch eine Mutter, ob sie nicht mit zu ihm in die Stadt zu den Buben kommen könne. Mama Margareta ging mit und war von da an die gute Seele im Haus. Aber eines Tages hatte sie einmal mehr genug davon, dass sie wieder nicht weiter wusste, woher das Essen für die Vielen nehmen, als sie wieder einmal von den Buben bestohlen und hintergangen worden war, als sie nicht mehr gesehen hat, wofür sie das alles tut. Sie wollte zurück auf ihren kleinen Bauernhof gehen und war schon kurz davor mit gepackten Koffern. Da hat sie ihr Sohn, Don Bosco, in den Arm genommen. Beide haben tief geseufzt, aber Don Bosco hat einfach nur auf das Kreuz gezeigt. Das ist der Mutter ins Herz gegangen, die Treue Jesu, sein Leiden für die Seinen. Und sie hat ihren Koffer wieder ausgepackt und ist schließlich bis zu ihrem Tod bei Don Bosco und den Buben geblieben.

Wir brauchen den Herrn für unsere Treue, liebe Schwestern und Brüder. Und die allermeisten von Ihnen sind kirchlich verheiratet. Sie haben den Segen des Herrn und ich bin sicher, dass ganz viele von Ihnen diesen Segen auch schon oft gespürt haben, als Kraft zur Treue. Und selbst wenn Sie ihn nie gespürt haben, war er doch da und hat sie mitgetragen. In der erwähnten Lesung haben wir schließlich noch einen letzten Satz gehört: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Im Glauben dürfen wir vertrauen und annehmen, dass Gott uns mit unfassbarer Liebe liebt. Und wenn wir innerlich in diesem Vertrauen bleiben, dann bleiben wir in ihm und er in uns.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Ehejubilare, von ganzem Herzen danke ich Ihnen heute für Ihr wunderbares Zeugnis, besonders auch für Ihre Treue. Sie sind mit Ihrem Mann, mit Ihrer Frau ein tiefes, sprechendes, lebendiges Zeugnis der Liebe und Treue Gottes in unserer Welt für uns alle – und Sie sind es auch füreinander. Als Eheleute, die vor vielen Jahren das Sakrament empfangen haben, stehen Sie seit ebenso vielen Jahren geistlich mitten in dem Bund drin, den Christus mit seiner Kirche geschlossen hat. Christus ist der Bräutigam, die Kirche die Braut. Und jede christliche Ehe steht in diesem Bund und ist ein lebendiges Abbild davon. Er, Christus bleibt seiner Braut treu – und sie sind einander treu geblieben. Danke, dass Sie heute hier bei uns im Dom sind und mit uns allen feiern. Gebe der treue Gott, dass Sie miteinander noch viele frohe Jahre erleben dürfen und dass Er selbst sich immer neu als Segen für Ihren Ehebund erweisen möge.

Amen.