Wallfahrt des Frauenbundes nach Altötting

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Meine lieben Schwestern im Glauben,

Sie alle haben vermutlich schon einmal das Wort „Inkarnation“ gehört. Buchstäblich übersetzt heißt es „Einfleischung“.  Das Wort ist zunächst ein theologischer Begriff. Wir hören im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums den Satz „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Mit dem Wort ist hier der Christus gemeint, das ewige Wort Gottes, derjenige, in dem sich Gott der Vater selbst ganz und gar ausspricht. Und dieses Wort, dieser Selbstausdruck Gottes, der wird nun Fleisch, der wird konkreter Mensch aus Fleisch und Blut. Und diesen Vorgang nennen wir also Inkarnation.

Der konkrete Ort, in dem Gott diese Inkarnation, diese konkrete Menschwerdung vollzogen hat, war eine Frau, es war die Mutter des Herrn, die uns im heutigen Evangelium begegnet. Und zwar zu einem Zeitpunkt, da diese Menschwerdung schon begonnen hat. Als Maria ihre Verwandte Elisabeth besucht, lebt Christus schon in ihr, er wächst heran, um dann einige Monate später in Bethlehem zur Welt zu kommen.

Die Kirche hat diese Erzählung der Begegnung der beiden schwangeren Frauen häufig als die Begegnung von Altem und Neuem Bund gedeutet. Elisabeth trägt den etwas älteren Johannes in sich, den letzten der Propheten aus dem jüdischen Volk, den Vorläufer; denjenigen, der den Messias ankündigt und der sein Volk auf ihn vorbereitet. Liebe Schwestern, wenn Gott Mensch wird, und wenn er es nur ein einziges Mal wird, und wenn er in Christus dann auf ewig Mensch bleibt, dann ist dieses Ereignis und mit ihm natürlich der ganze Weg Jesu in dieser Welt ohne Zweifel das wichtigste, das zentralste Ereignis der Geschichte der Menschheit.

Die Erzählung des heutigen Evangeliums macht nun deutlich, dass es zwei Frauen sind, die dieses Ereignis vorbereiten und tragen – im wörtlichen und übertragenen Sinn. Der ungeborene Johannes der Täufer erweist sich in dieser Erzählung übrigens als einer der allerersten Marien-Verehrer überhaupt. Er hüpft im Leib seiner Mutter, als er die Stimme von Maria hört! Warum deutet sich diese große Freude hier an? Weil Maria als Trägerin des Geschehens der Inkarnation bereits die neue, die heile, die erlöste Schöpfung verkörpert. In Maria beginnt etwas wirklich Neues im Universum. Eine Frau, die so tief, so klar, so heil ist, dass in ihr Gott selbst Wohnung nimmt und buchstäblich durch sie zur Welt kommt. Maria ist im tiefsten und besten Sinn des Wortes heile Welt, heile Schöpfung. Sie steht paradigmatisch, beispielhaft für den Wohnort Gottes in der Welt. Es gibt keinen besseren Wohnort für Gott als diese Frau. Sie wird daher später verehrt werden als Tempel Gottes, als Arche des neuen Bundes, als paradiesischer Garten und anderes mehr: alles Bilder, mit denen die Schrift vorher und nachher auch die Einwohnung Gottes in der Welt geschaut und beschrieben hat. Und jetzt ist sie als konkrete Person da: Gottes Wohnort in der Welt. Ist es von hier ein Wunder, liebe Schwestern im Glauben, dass die schönsten Bilder, in denen von Israel und von der Kirche gesprochen wird, immer von Frauen erzählen? In der ersten Lesung haben wir eine wundervolle Verheißung des Propheten Zefanja gehört. Er spricht von dem Tag, an dem Gott in der Mitte Israels sein wird. Und wie nennt er sein Volk jetzt? Er nennt es Tochter Zion. Weil er auf dem Zionsberg wohnt. Und er nennt sie Tochter Jerusalem, weil der Zionsberg in Jerusalem ist. In anderen Bildern der Schrift ist Israel die Braut des Herrn, der sie heiratet, der sich ihr vermählt. Zum Beispiel beim Propheten Hosea, da findet diese Vermählung in der Wüste statt, wohin Gott das Volk geführt hat, um es zu umwerben. Freilich gibt es auch die andere Seite: dort, wo das Volk anderen Göttern nachläuft, wo es den Glauben verliert, da wird Israel, die Braut, plötzlich zur Hure, zur Prostituierten, weil sie sich mit anderen einlässt, oder weil sie das, was sie zu geben hat, gegen Geld verkauft. Aber, liebe Schwestern, dieses Bild von Israel als Braut trägt sich nun auch positiv weiter durch: im neuen Testament sind die Bilder für die Kirche immer die Bilder einer Frau. Sie ist die Braut des Lammes oder auch die Braut des heiligen Geistes. Sie ist die jungfräuliche Mutter, die ihre Empfängnis, ihren inneren Reichtum Gott alleine verdankt.

Die Kirche, als Wohnort Gottes in der Welt, ist in Maria im wörtlichen und im Volk Gottes im übertragenen Sinn eine Frau. Und von hier erklärt sich womöglich auch, dass unsere Kirchen und ihre Gottesdienste und ihre Aktivitäten oft deutlich stärker von Frauen als von Männern getragen werden. Woran liegt das? Nun ich glaube, es liegt daran, weil sich das Geschehen der Inkarnation auch im übertragenen Sinne in jedem von uns, in unserer Seele ereignen muss. Wenn Christus uns auch heute immer noch entgegenkommen will, Tag für Tag, in seinem Wort, durch seinen Geist, in seiner Liebe, dann liebe Schwestern, dann ist es immer noch so, dass er auch in jedem von uns Fleisch und Blut werden will. Aber Sie alle wissen, dass es einen Unterschied gibt, ob einer ein paar Sachen vom Glauben weiß in seinem Kopf, oder ob dieses Wissen tatsächlich in ihm wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Redet ein Mensch nur klug daher oder ist ihm Jesus, das Wort Gottes, wirklich innerlich geworden, ist er ihm bekannt, wohnt er in seiner Seele? Das, liebe Schwestern, ist unser aller Aufgabe: Wir sollen Christus in unserer Seele, in unserem Herzen wirklich Eingang finden lassen, er soll in uns Fleisch und Blut werden. Und wir sollen ihn dann als Liebe zur Welt bringen. Aber bisweilen habe ich den Eindruck, dass Frauen einfach besser darin sind, das Wort Gottes wirklich aufzunehmen, in sich reifen und wachsen und wirken zu lassen, weil das ein ganz ursprünglich kirchlicher Vollzug ist und weil die Kirche als Ganze eben eine Frau ist, die in Maria ihre Urgestalt hat.

Wir alle sind Kinder der Kirche, Männer und Frauen, wir alle haben als getaufte Glieder der Kirche, Maria und in ihr die Kirche selbst zur Mutter. Geistlich gesprochen ist sie also unsere Mutter und Gott unser Vater. Nicht deshalb, weil Gott nur ein Mann wäre. Das wäre verkehrtes Denken. Aber Gott wollte sich die Schöpfung zum partnerschaftlichen Gegenüber machen. Und so zeichnet er sein Verhältnis zur Schöpfung tief ein in das Verhältnis von Mann und Frau zueinander. Und deshalb ist Gott in Christus zu uns gekommen, hat in Maria Fleisch angenommen, um die ganze Kirche als seine Braut heimzuführen zum Vater. Er will uns als Kirche sammeln, er will in uns wohnen, er will in uns allen immer neu Mensch werden, Fleisch und Blut werden.

Liebe Frauen des Frauenbundes. Das war nun ein wenig intensiv geistliche Theologie. Aber vielleicht erkennen Sie darin meine ehrliche Wertschätzung für alles, was Sie als Frauen in unserer Kirche tun. Wir brauchen Sie dringend: Vermutlich haben bei weitem die meisten von uns allen, auch von uns Männern, die wir in der Kirche auch heute als Erwachsene noch glauben dürfen, vermutlich haben die meisten diesen Glauben unter intensivster Mitwirkung von Frauen empfangen, von Müttern und Großmüttern, von Erzieherinnen und Lehrerinnen, von den vielen Beterinnen in unseren Kirchen, von den vielen engagierten Frauen in so vielen Bereichen der Kirche und der Gesellschaft.

Ich sage Ihnen auch ehrlich, dass ich es als Theologe und Bischof nicht für möglich halte, dass Frauen in unserer Kirche Anteil am sakramentalen Priestertum bekommen. Das hat, und das habe ich mehrfach erklärt, nichts damit zu tun, dass Frauen in der Kirche Menschen zweiter Klasse wären. Es hat damit zu tun, dass Gott sich dem Menschen durch die Schöpfung mitteilt – und als tiefstes und schönstes Bild dieser Mitteilung hat er das Bild von Braut und Bräutigam erwählt – und in Christus war es dann mehr als nur ein Bild, sondern konkret in Fleisch und Blut da. Christus ist der Bräutigam und die Kirche die Braut und die Eucharistie ist das Hochzeitsmahl des Lammes, wie wir sagen. Daher kann Christus in der Eucharistie aus meiner Sicht nur von einem Mann, den er dazu beruft, repräsentiert werden. Aber dass er, Christus, beruft ist auch wichtig: Kein Mann kann sich das Priestertum einfach nehmen und keiner hat von sich her ein Recht dazu. Er, der Herr, und niemand anderer beruft dazu. Und ich räume auch unumwunden ein, dass wir Priester in der Geschichte der Kirche dieses Dienstamt immer wieder auch so ausgeübt und gelebt haben, dass Frauen den Eindruck gewinnen mussten, als wären sie weniger wert. Das, meine lieben Schwestern, ist Sünde. Und ich glaube auch, dass unser Herr uns ein solches Vergehen einmal vorhalten wird. Denn es darf in der Kirche niemals zuerst um Macht und Einfluss im nur weltlichen Sinne gehen. Sondern Kirche ist zuerst dafür da, dass wir alle lernen, Ihn, den Herrn, in uns aufzunehmen und der Welt zu schenken und so mitzuwirken am Aufbau seines Reiches, in dem er der König ist. Wir lernen es durch ihn und miteinander und voneinander. Kirche ist dafür da, dass wir alle glaubender, hoffender und liebender werden. Und dafür brauchen wir einander und es gibt keinen und keine von uns, der hier nicht einen wichtigen Dienst hätte. Deshalb auch ist der Dienst des geweihten Priesters auch in seiner Autorität zuallererst diesem einen Ziel verpflichtet: dass die Menschen Jesus begegnen und dass jeder Mensch durch diese Begegnung auch seine eigene königliche und priesterliche und prophetische Berufung entdecken möge. Sie selbst, liebe Schwestern, jede von Ihnen, hat auch eine priesterliche Berufung, an der haben wir alle, hat die ganze Kirche  gemeinsam Anteil. Das heißt, alle dürfen und sollen wir Mittler auf Christus hin werden, durchsichtig auf Christus für die Welt und für die anderen. Aber ich sage Ihnen auch ehrlich im Blick auf mich selbst und auf die Männer, die Priester sind: Ich bin überzeugt, wenn wir in unserer Seele keine Verankerung in der Kirche als Frau haben, wenn wir gewissermaßen unsere Seele nicht auch bei Maria, der Urgestalt der Kirche, wohnen lassen, dann können wir noch so viel kluge Wörter über Theologie oder über Jesus machen, dann bleiben unsere Worte und Handlungen in der Regel kalt und machtorientiert und fruchtlos und leer. Auch ein Priester steht nie für sich alleine, er braucht die innere Hinordnung auf die Kirche als Braut. Und so brauchen auch wir Gläubige einander: Männer und Frauen. Wir sehen auch in der Geschichte der Kirche, dass diese gegenseitige Bereicherung von Männern und Frauen im geistlichen Sinn wirklich Frucht bringen kann an großen Gestalten unseres Glaubens: Franziskus und Chiara etwa oder Franz von Sales und Johanna von Chantal oder Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz: alles tiefes, gegenseitiges, geistliches Geben und Empfangen. Kein Mann als Priester ist Priester für sich, keine Frau Mystikerin für sich alleine. Alle sind wir in der einen Kirche Jesu unterwegs, damit Er in uns allen Gestalt annehme und damit sein Reich komme. Wo das geschieht, wo das im Miteinander und in der Kraft seines Geistes gelingt, da gibt es keine Menschen erster und zweiter Klasse mehr, weder zwischen Frauen und Männern, noch zwischen Armen und Reichen, höher und niedriger gestellten. Nein, wo Christus wirklich die Mitte wird, da küssen sich Gerechtigkeit und Friede. Ich danke Ihnen allen von Herzen, liebe Frauen, für Ihren Glauben, für die Pflege Ihres Glaubens  und für jeden Dienst, den Sie in der Kirche tun. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

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