Überlegungen nach der letzten Versammlung des Synodalen Weges in Deutschland
Vom vergangenen Donnerstag bis Samstag habe ich an der sechsten und letzten Zusammenkunft des Synodalen Weges in Deutschland teilgenommen. Vielen ist bekannt, dass ich auf die Grundausrichtung und das Zustandekommen der Beschlüsse des Synodalen Weges immer wieder kritisch reagiert habe. Und auch nach dieser letzten Versammlung bin ich immer noch der Überzeugung, dass die problematischen Auswirkungen des Synodalen Weges für die Kirche in Deutschland und weltweit dessen positiven Seiten deutlich überwiegen. Zu diesen positiven Seiten rechne ich zunächst einmal die vielen Begegnungen auf der persönlichen Ebene. Mehr noch aber glaube ich, dass der Synodale Weg ein wichtiger öffentlichkeitswirksamer Baustein war für die Bearbeitung des Missbrauchsskandals in unserer Kirche. Die Präsenz von Betroffenen und die fortlaufende inhaltliche Rückbindung an diesen Skandal als Ausgangspunkt des Weges waren und sind hilfreich dafür, dass unsere Kirche ein gutes Stück weitergekommen ist, um mit Menschen zu gehen, die Leid erfahren haben, um Prävention zu stärken, um Intervention zu professionalisieren und um transparente Aufarbeitung voranzubringen. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass der Synodale Weg für Glaube und Kirche eher problematisch ist.
1. Polarisierungen verstärken sich
Selbstverständlich räume ich ein, dass auch mein Blick auf die Dinge begrenzt ist und womöglich vor allem vom Blick jener vielen Menschen bestätigt wird, die meine Sicht auf die Dinge teilen. Trotzdem will ich versuchen zu sagen, auch in einer gewissen Pauschalisierung, was ich zu sehen meine: Ich meine zu sehen, dass sich in unserer Kirche seit Beginn des Synodalen Weges die Polarisierungen zwischen liberal-progressiven und eher traditionsorientieren, konservativen Positionen verstärkt haben. Das gilt für das Verhältnis zwischen der Kirche in unserem Land und dem Vatikan wie auch zu den Bischofskonferenzen anderer Länder. Es gilt für das Verhältnis der Mitglieder innerhalb unserer Bischofskonferenz, es gilt auch für das Verhältnis innerhalb des Klerus wie auch unter den Gläubigen. Sicher waren Spannungen und Differenzen vorher schon lange da, aber nach meiner Einschätzung sind sie durch den Synodalen Weg sehr viel klarer benannt worden, die jeweiligen Lager treten profilierter hervor, die Zuordnung einzelner zu diesen Lagern ist erleichtert – und damit sind auch Diffamierungen leichter möglich, besonders in den Medien. Zudem ist ja von Anfang an deutlich, dass der Synodale Weg ausdrücklich eine liberale Agenda vorantreibt. Und die Mittel der Evaluation und des Monitoring der Beschlüsse, die in den letzten Tagen vorgestellt wurden, verschärfen diese Agenda – denn sie erhöhen damit den öffentlichen Druck auf jene, die den Weg gar nicht oder auch nur partiell mitgehen.
2. Welche systemischen Ursachen?
Selbstverständlich räume ich auch ein, dass es systemische Ursachen der Ermöglichung oder der Vertuschung von Missbrauch in unserer Kirche gibt. Aus meiner Sicht hängen diese mit dem zusammen, was Papst Franziskus unter den Begriffen von „Klerikalismus“ und „spiritueller Weltlichkeit“ zusammenfasst. Die Lösungsansätze für diese überaus ernsthafte Problematik unterscheiden sich aber bei Franziskus deutlich von dem, was der Synodale Weg zu ihrer Beseitigung versucht hat. Zudem beruft sich der Synodale Weg in der Identifikation weiterer systemischer Ursachen vor allem auf die MHG-Studie. Diese Studie und ihre Ergebnisse waren auch Anlass des Beginns des Synodalen Weges vor sechs Jahren.[1] Als Themen wurden die Sexualmoral der Kirche, der Zölibat der Priester, die Frage nach der klerikalen Macht und der nicht vorhandene Zugang von Frauen zu sakramentalen Ämtern in der Kirche identifiziert. Die Frage aber, ob Frauen ein sakramentales Amt in der Kirche bekommen können, war freilich in der MHG-Studie nicht im Zusammenhang mit der Missbrauchsthematik genannt. Und in einigen der inzwischen vorliegenden Aufarbeitungsstudien der Bistümer wird auch klar gesagt, dass weder der Zölibat noch die katholische Haltung zu homosexueller Betätigung eine entscheidende Rolle beim Missbrauch spielen würden.[2] Positiv bin ich allerdings der Überzeugung, dass insbesondere die Frage nach der Ausübung von Macht und Autorität in dieser Hinsicht auf den Prüfstand zu stellen ist, freilich so, dass es dabei nicht darum gehen kann, den sakramentalen Charakter der Kirche grundsätzlich zu schwächen oder gar zu eliminieren. Aber genau darin, so mein grundsätzlicher Verdacht, scheint die ganz überwiegende Mehrheit der Mitglieder des Synodalen Weges die Möglichkeit zur Überwindung der Kirchenkrise zu sehen, die durch den Skandal des Missbrauchs so deutlich verschärft wurde. Freilich passt es dann auch gut ins Programm, dass damit zugleich jene katholischen Sonderthemen adressiert werden konnten, die seit vielen Jahrzehnten auf der liberalen kirchenpolitischen Agenda stehen, insbesondere die katholische Sexualmoral insgesamt, der Zölibat und die Frage nach dem sakramentalen Amt für Frauen.
3. Letztlich geht es um das katholische Menschenbild: Mensch und Sakrament
In all diesen Fragen steht aus meiner Sicht das christliche und besonders das noch einmal katholisch profilierte Menschenbild zur Debatte. Und dessen Kern lässt sich mit dem Begriff der Sakramentalität im Verhältnis etwa zum christlich protestantischen Menschenbild unterscheidend beschreiben. Was ist gemeint? Ein Sakrament ist ein endliches Zeichen, eine vergängliche, materiell erfahrbare Wirklichkeit, in der und durch die hindurch die sich die unendliche Gegenwart Gottes gnadenhaft und wirksam in die Welt hinein mitteilt. Am markantesten sind die Zeichen der Eucharistie und der Taufe. In den Gaben von Brot und Wein, wird Christus in Leib und Blut, Seele und Gottheit gegenwärtig – und durch das Wasser der Taufe wird Gottes Geist bleibend in den Getauften eingesenkt. Das zweite Vatikanische Konzil sagt nun in einem seiner wichtigsten Dokumente, dass die Kirche als Ganze quasi ein „Sakrament“ sei, nämlich ein Sakrament der Vereinigung Gottes mit der ganzen Menschheit (vgl. das Dokument Lumen Gentium, Art.1). Und wenn wir von dort den einzelnen Menschen tiefer verstehen wollen, dann lässt sich auch für ihn sagen, dass er berufen ist, selbst im analogen Sinn ein Sakrament zu sein: In ihm und durch ihn als endliche Wirklichkeit möge sich Gottes Liebe und Gnade in die Welt hinein mitteilen. In Schrift und Tradition kommt das etwa bei Paulus zum Ausdruck, wenn er sagt, dass unser Leib „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19) ist. Oder wenn gesagt wird, dass wir „zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut“ werden (Eph 2,22). Von Augustinus stammt das Wort, das uns als Empfänger der Eucharistie in die direkte Verbindung zu diesem Sakrament stellt und uns quasi selbst Eucharistie sein lässt: „Empfangt, was Ihr seid, Leib Christi – damit Ihr werdet, was Ihr empfangt: Leib Christi“ (Sermo 272). Besonders in der Theologie der Kirchenväter ist immer neu vom heiligen Tausch die Rede: Christus ist Mensch geworden, damit der Mensch „vergöttlicht“ werde – in diesem Sinn also: Sakrament.
Nun ist Sakrament nie nur isoliert, individuell zu verstehen, sondern immer kommunikativ, also in Mitteilung: Für den Menschen und sein Heil, für seine Verbindung und Versöhnung mit Gott und für ein heileres Miteinander zwischen Mensch und Mensch und Mensch und Schöpfung. Gott teilt sich selbst mit, damit Menschen in der Weise Gottes und in Verbundenheit mit ihm einander mitteilen, d.h. vor allem: lieben. Sakramente sind Liebesgaben Gottes und Menschen sind berufen einander Liebesgaben Gottes zu werden. Was das Sakrament der Ehe angeht, ist es daher folgerichtig, dass die Ehe erst durch die leibliche Vereinigung der Partner ganz zustande kommt; wodurch deutlich wird, dass sie zu leib-seelischer Ergänzung füreinander bestimmt sind. Bei der Priesterweihe wird ein dazu berufener Mann geweiht, um in Persona Christi in der Eucharistie jenen endgültigen hochzeitlichen Bund zu vergegenwärtigen, den der Herr mit der Hingabe seines Leibes an seine Kirche „vollbracht“ (Joh 19,30) hat.
Aus dem Gesagten wird deutlich, dass gerade die Dimension der Sakramentalität von Kirche und Mensch immer beide Seiten enthält: Die Mitteilung der ungeschuldeten Gnade Gottes und die durch sie ermöglichte Antwort des endlichen Menschen mit seiner ganzen Existenz. Der Zuspruch ermöglicht Antwort und ist damit zugleich Anspruch: „Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen“ (Lk 13,24). Auch der Johannes-Evangelist macht deutlich, dass diese Antwort den ganzen Menschen verlangt, eine „neue Geburt“, also ein Neuwerden von Grund auf: „Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist (=Hinweis auf das Sakrament) neu geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3, 5). Paulus spricht von denen, die in Christus sind, als „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17). Und bei ihm hängt diese Antwortdimension damit zusammen, dass jemand, der mit Christus getauft wird, „gestorben“ ist, der „alte Mensch“ ist „mitgekreuzigt“ worden (vgl. Röm 6, 6-7), damit er „für die Sünde tot“ ist (Röm 6,2) – und „in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Röm 6,4) kann. Der Zöllner Zachäus, in dessen Haus Jesus einkehrt, wird in der Begegnung mit der „neuen Wirklichkeit“ sogleich ein anderer: „Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lk 19,8) Es ist freilich auch überaus tröstlich, dass Paulus selbst, der so pointiert vom Sterben ins neue Leben spricht, zugleich seine eigene Hinfälligkeit bekennt und damit deutlich macht, dass das Neuwerden des Christen nicht einfach nur einmal und punktuell geschieht, sondern ein Weg, ein Prozess ist – ein fortwährender Geburtsprozess – der auch immer wieder durch Scheitern und das Erfahren der eigenen Hinfälligkeit und Sünde in der Demut hält, die auf Gott und seine (sakramentale) Zuwendung angewiesen bleibt (vgl. etwa Röm 7,13ff). Die Erlösung in und durch Christus ist – das machen die Schrifttexte überaus deutlich – kein Automatismus.
4. Betonung des Zuspruchs Gottes bei gleichzeitiger Eliminierung des göttlichen Anspruchs?
Wenn ich nun aus dieser so fundamentalen Dimension christlichen Lebens auf den Synodalen Weg zurückblicke, dann habe ich den Eindruck, dass ein hintergründiges Motiv liberalisierender Bestrebungen, ob bewusst oder unbewusst, die Eliminierung des Anspruchs Gottes bei gleichzeitiger Überakzentuierung des Zuspruchs Gottes ist. Aber eben damit würde die Berufung des Menschen, selbst Sakrament zu sein und zu werden, Gefahr laufen verloren zu gehen. Papst Franziskus hat mit einigem Recht die Protagonisten des Synodalen Wegs mehrmals gewarnt, nicht noch eine evangelische Kirche hervorzubringen, es gebe in Deutschland ja schon eine.[3] Meines Erachtens sieht er hier den richtigen Punkt, der uns auch von unseren evangelischen Geschwistern unterscheidet, gerade im Blick auf die Anthropologie: Überakzentuierung der Gnade (Luther: „sola gratia“) bei gleichzeitigem Verzicht auf deren dialogische Dimension, sprich auf die Einladung zur Mitwirkung mit der Gnade, also dem Ringen um die persönliche und gemeinschaftliche Heiligung des Lebens – letztlich der Berufung, selbst Sakrament zu sein und zu werden. Schon in der Reformation waren die sakramental geweihten Kleriker (oft genug zurecht!) verdächtigt, die Gottesbeziehung der Menschen zu kontrollieren und gewissermaßen mächtige und sich finanziell bereichernde Gatekeeper der Gnade zu sein. Die damals berechtigte Suche nach Reformen kippte um in die von Luther nicht beabsichtigte Reformation bis hin zur Kirchenspaltung mit allen ihren oft genug gewaltsamen und kriegerischen Folgeerscheinungen – letztlich sogar bis heute.
5. Die Sendung zu den Armen
Freilich wurde und wird gerade auch im Synodalen Weg deutlich gemacht und auch betont, dass wir als Christen an der Seite der Armen, der Ausgegrenzten und Benachteiligten stehen müssen. Und tatsächlich stehen ja etwa im Namen der Caritas, aber auch in zahllosen ehrenamtlichen kirchlichen Engagements, in Deutschland viele hunderttausend Menschen an der Seite von Menschen, die schwierige Lebensverhältnisse haben. Und dennoch scheint in der Bewertung des Dienstes an den Menschen keinerlei Unterschied mehr gemacht zu werden, ob ein Mensch diesen Dienst mit und für Christus tut oder etwa aus rein humanistischen Motiven. Diene ich dem anderen, dem Armen, weil ich auch in ihm den armen Christus erkenne? Und weil ich ihn mit der Liebe Christi berühren will – und ihm damit mehr auch geben will als nur materielles Brot? Es ist schon wahr: Die Armen und die Ausgestoßenen im Evangelium haben damals Christus in ihrer Not schneller und leichter angenommen als die Privilegierteren. Aber sie haben damit eben genau Christus selbst angenommen – und sich von ihm lieben und heilen lassen. Und unser Dienst an den Armen bestünde ja auch gerade darin: Ihnen durch unseren Dienst in ihrem prekären Leben zugleich Christus mitzuteilen. Damit von den „zehn Aussätzigen“ im Evangelium, hoffentlich wenigstens einer zurückkommt, der Christi Zuwendung nicht einfach nur selbstverständlich nimmt, sondern zurückkommt, um vor Christus auf die Füße zu fallen und Gott zu loben. (vgl. Lk 17,12ff)
6. Was ist mit dem Glauben an die Realpräsenz des Herrn?
Daher: Nirgendwo im Synodalen Weg bin ich auf eine ernsthafte Debatte gestoßen, wie wir das tiefer verstehen könnten, was „Sakrament“ bedeutet und wie wir daraus neu begreifen könnten, was Erlösung bedeutet. Meine persönliche Not mit dem Synodalen Weg besteht daher in der Überzeugung, dass die Krise der Kirche zuerst eine Krise des geistlichen Lebens und der Verinnerlichung der Inhalte unseres Glaubens ist, der so viel mehr ist als nur eine „Botschaft“. Es geht vielmehr um Verinnerlichung des Herrn selbst, um seine verwandelnde und erneuernde Realpräsenz in uns und unter uns.
Und auch hier will ich hinzufügen: Es stimmt schon, dass sich in der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2024 über 90 Prozent der Menschen tiefgreifende Reformen in unserer Kirche wünschen, die die Themen des Synodalen Weges einbeschließen. Und ähnlich viele wünschen sich, dass die Kirche sich in die Gesellschaft hinein sozial engagiert. Aber die Tragödie ist doch die, dass sich ebenfalls weit über 90 Prozent nicht mehr für die Sakramente interessieren, zumindest nicht mehr für das Sakrament, das unsere Tradition „Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens“ nennt! Und damit wird genau jener Unterschied eliminiert, den wir als Kirche machen wollen: Eben in einer bloß weltlichen Welt den Himmel offen zu halten, weil wir mit der Quelle vertraut sind, durch die Gott in die Welt hineingewirkt hat und wirkt – und durch die er uns selbst verwandelt sehen will – in Christusträger, die leben aus seinem Erbarmen und seiner Vergebung der Sünden.
Ich halte diese grundsätzlichen Überlegungen über die „sakramentale“ Berufung jedes menschlichen Lebens für wahr – und ich bin der Überzeugung, dass sie theologisch auch nicht grundsätzlich verhandelbar sind, wenngleich wir durch alle Zeiten hindurch eingeladen sind, in ein je tieferes und damit erneuertes Verstehen zu finden. Aber wenn wir mit dem Konzil von Nizäa verstanden haben, dass Christus wahrer Gott ist, dann verstehen wir mit dem Konzil von Chalcedon (451 n.Chr.), dass er auch „wahrer Mensch“ ist. Ebenso wie im Konzil von Ephesus (431 n.Chr.) gesagt wird, dass Maria wahre „Gottesgebärerin“ ist. Diese Konzilien erzählen also von einer tiefen gottmenschlichen Wirklichkeit über den Gottmenschen Jesus und damit auch direkt davon, wozu wir als seine Geschöpfe, als Menschen berufen sind. Sie erzählt auch von einem Bund Gottes mit den Menschen, der in dem Geschöpf Maria seine endgültige menschliche Antwortgestalt hat. Wir verehren Christus als den vollkommenen Menschen und seine Mutter als Ersterlöste. Und als solche ist sie zugleich Braut des Geistes – und „in der Ordnung der Gnade“ Mutter aller Gläubigen (wie das Konzil in Lumen Gentium 61 sagt). Sie ist gewissermaßen Kirche in Person, endliche Wirklichkeit, in der Gott selbst tiefgreifender wirksam wurde als je in einem Geschöpf zuvor. Und auch daraus leiten sich meines Erachtens Einsichten über den Menschen ab, die wir nicht einfach preisgeben können – ohne Gefahr zu laufen, auf eine andere Kirchengestalt zuzugehen, die das, was ich mit Sakramentalität meine, weitgehend liegen lässt. Maria ist die erste der neuen, der erneuerten heilen Schöpfung. Sie ist die „neue Eva“ – und sie ist es als Frau. Christus, in dem wir den Vater erkennen, ist im Gegenüber zu seiner Schöpfung und in tiefster, hochzeitlicher Verbundenheit mit ihr der „neue Adam“ als Mann, der sich selbst als der Bräutigam des neuen Bundes vorstellt (vgl. Mk 2,19f; Joh 3,29).
Aus diesen Gründen, die freilich tiefer auszuführen wären[4], kann und will ich wesentliche „Reformforderungen“, die der Synodale Weg schon beschlossen und deren Umsetzung er mit einem Monitoring in den Diözesen auch in Zukunft überwacht wissen will, nicht mitgehen. Nicht weil ich Fragen, die die viele Frauen an das Amtsverständnis der Kirche haben oder Fragen, die queere Menschen an ihre Beheimatung in der Kirche haben, nicht verstehen könnte oder nicht ernstnehmen wollte. Sondern weil ich die Überzeugung habe, dass die Antworten, die die Kirche aus der Tiefe ihrer Tradition geben kann – und die sie auch in bestimmten Grenzen weiterentwickeln kann – nicht einfach mit dem Stichwort „Segnungen“ oder gar mit einer nicht-sakramentalen Diakoninnenweihe geben kann. Erstens weil sie wohl sofort weitere Verletzungen und Diskriminierungserfahrungen auszulösen, aber auch weil sie nach meinem Verständnis nicht tief genug einbeziehen, was in der Schöpfung und im Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung grundgelegt ist.
7. Das Monitoring setzt die veränderte Lehre schon voraus
Das Monitoring nun, das im Synodalen Weg vorgestellt wurde, setzt eine neue Sexualmoral und mit ihr eine neue Anthropologie im Grunde schon voraus. Und es überprüft deshalb Schritte von deren „Umsetzung“. Im verlinkten Text der Übersicht des Monitoring[5] kann eingesehen werden, welche Rückmeldungen es aus den Bistümern gab, etwa zu den Maßnahmen, die den Zölibat von Priestern und seine Öffnung betreffen, die das Bemühen um eine lehramtliche Neubewertung von Homosexualität betreffen, die Frauen in sakramentale Ämter bringen wollen, die Segensfeiern für „Paare, die sich lieben“ betreffen, die den „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“ betreffen und andere mehr. In all diesen Punkten wird also vorausgesetzt, dass die Lehre notwendig verändert werden muss – und dass sie sich im Bewusstsein der allergrößten Mehrheit der Synodalen schon verändert hat. Und daher sind nun Schritte der Praxis gefordert, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die Praxis der Lehre vorausgehen müsse – damit sich die Lehre endlich ändere. Dieses Muster hatten wir freilich im Synodalen Weg schon von Anfang an: Der öffentliche Druck auf die Konservativen muss hoch bleiben, dann werden sie sich schon irgendwann fügen oder auch ihre eigene Borniertheit erkennen und sich endlich der Mehrheit beugen. Und die Römer dann hoffentlich auch.
Tatsächlich aber sind auch unter Papst Leo in den entscheidenden Punkten der Lehre vom Menschen und seiner Sexualität und eng verbunden damit etwa von der Sakramentalität von Ehe und Priestertum keine Änderungen zu erwarten.[6] Und da ich auch selbst weder Änderungen erwarte und zudem von der Gültigkeit und dem Wert der bestehenden Lehre überzeugt bin, kann ich den allermeisten Punkten im Monitoring und seinen Forderungen nach Umsetzung auch nicht folgen. Auch weil ich als Diakon, Priester und Bischof mehrfach feierlich versprochen habe, die Lehre der Kirche zu bewahren und zu verkünden. Sofern aber die meisten Bistümer vor allem auf ihren Arbeitsebenen der Abteilungen und Referate die im Monitoring eingemahnten Umsetzungen stetig verfolgen – entwickelt sich notwendig eine Vertiefung des Grabens in der Kirche. Er entwickelt sich vor allem zu den Menschen hin, die einfach nur katholisch sein und in dem durch Schrift, Tradition und Lehramt überlieferten Glauben und seinem Verständnis vom Menschen, von der Kirche und von der Erlösung durch Christus leben wollen. Die Kluft zu ihnen wird größer, die vermeintliche Mitte rückt immer mehr nach links – und die einfachen Gläubigen, die treu aus den Sakramenten leben wollen, werden mehr und mehr zu scheinbaren Extremisten am rechten Rand. In jedem Fall in den Augen der Reformer ziemlich verdächtig, da diejenigen, die sich diesem „überkommenen Glauben“ zuwenden, ihrem Verdacht aussetzen viel zu fremdgesteuert und natürlich nicht modern genug zu sein oder womöglich gar nicht wissen, was spirituelle Selbstbestimmung überhaupt bedeutet.
8. Der Graben hin zu vielen Gläubigen vertieft sich
Ich halte diese Entwicklung für fatal, da sich nicht nur die Entfernung zu den einfachen Gläubigen vollzieht, sondern eben auch zu vielen, vielen Teilkirchen in anderen Ländern, die oft mit Sorge nach Deutschland schauen. Dass es in anderen Ländern selbstverständlich auch Menschen gibt, die den sogenannten Reformthemen des Synodalen Weges zustimmen, ist unbenommen. Nach meiner Einschätzung haben sie Mehrheiten in den Ländern des Westens, aber nicht im Osten oder im globalen Süden. Und tatsächlich meine ich, dass die weitere „Umsetzung“ der Beschlüsse des Synodalen Weges den Prozess die Auflösungserscheinungen der Kirche bei uns eher beschleunigen und nicht zu ihrer Erneuerung führen wird. Tatsächlich war bei der letzten Versammlung in Stuttgart bei nicht wenigen Teilnehmern Frust und Enttäuschung darüber zu spüren, dass von den Reformen letztlich doch so wenig erreicht worden sei. Und dass man angesichts der mangelnden Übereinstimmung mit römischen Vorgaben nicht recht wisse, wie es weitergehen soll. Ein spürbarer „Ruck nach vorne“ war jedenfalls wenig vernehmbar.
9. Klerikalismus und spirituelle Weltlichkeit
Die Frage, die ich aber mit den vielen Synodalen zusammen gerne und aufrichtig stellen will: Wie geht denn die Kirche mit dem Thema Macht um? Tatsächlich sind hier die Stichworte „Klerikalismus“ und „spirituelle Weltlichkeit“ eine entscheidende Wunde der Kirche, in die Papst Franziskus immer neu seinen Finger gelegt hat. Wenn Autorität nicht geistlich gelebt und ausgeübt wird, das heißt ohne Demut, ohne geistliche Tiefe, ohne innere Erfahrung der Gegenwart des Herrn und ohne Liebe zu den Menschen, dann verkommt sie zur bloß weltlichen Macht und ist am Ende nicht mehr als Fassade. Papst Franziskus hielt diese Art des Umgangs von Klerikern mit den Gläubigen (im Anschluss an Henri de Lubac SJ) für „die ärgste Gefahr für die Kirche“ und die „perfideste Versuchung“, „verhängnisvoller als jede bloß sittliche Verweltlichung“[7]. Ich bin überzeugt, dass er genau dieser Versuchung seine Vision einer synodalen Kirche entgegengestellt hat, die aber in ihrem Verständnis von Synodalität nur wenig mit dem zu tun hat, was ich in Frankfurt oder zuletzt in Stuttgart beim deutschen Synodalen Weg erlebt habe. Auch wenn man in Stuttgart an zwei Stellen nun zum ersten Mal – wie bei der römischen Synode – die „Conversatio in spiritu“ (das Gespräch im Hl. Geist) geübt hat: Dauernder Livestream und politisches Dauergerangel blieben dennoch.
Für Papst Franziskus bedeutet Synodalität tatsächlich das intensive Hören auf Gottes Geist, auf Gottes Wort und aufeinander. „Gemeinsam gehen“ oder ein „gemeinsamer Weg“ (= deutsch für griech. Synode) passiert in Beratungs- und Entscheidungsprozessen in einem geschützten Raum, nach Möglichkeit ohne dass man der Versuchung unterliegt, Politik zu machen, auf Mehrheiten und Medien zu schielen, öffentlichen Druck auszuüben oder Parlament sein zu wollen. Zudem, so der Papst deutlich: „Beim Sprechen über Synodalität ist es wichtig, Lehre und Tradition nicht mit den Normen und Methoden der Kirche zu verwechseln. Was bei den synodalen Versammlungen diskutiert wird, sind nicht die traditionellen Wahrheiten der christlichen Lehre. Die Synode befasst sich vor allem damit, wie Lehre in den sich wandelnden Kontexten unserer Zeit gelebt und angewendet werden kann.“[8] Und dieses „Anwenden“ und „Leben“ läuft – so der große Tenor der Weltbischofssynode über Synodalität unter dem Vorsitz des Papstes – immer über Bekehrung auf verschiedenen Ebenen und im Ziel auf die Ermöglichung von „missionarischer Jüngerschaft“ eines jeden Christen zu.[9] Und diesen Weg von Papst Franziskus initiiert, bin ich gerne bereit in meinem Bistum mitzugehen und so mitzuwirken, dass unsere Kirche synodaler wird. Im deutschen Synodalen Weg ging es aber von Anfang an und zuerst um die Veränderung der Lehre über den Menschen und das Priestertum, zweitens um Politik, um sich gegenüber den in der Lehre Konservativen durchzusetzen. Und drittens war von missionarischer Jüngerschaft nirgendwo die Rede.
10. Und die Frage nach der Macht?
Dafür ging es sehr viel ausdrücklicher immer neu um Eindämmung der klerikalen Macht. Und für mich war auch hier erkennbar, dass dies direkt oder indirekt erreicht werden soll durch die Infragestellung des sakramentalen Charakters des Priestertums, der natürlich wieder im Gesamtzusammenhang des katholischen Verständnisses von Sakrament und Sakramentalität steht. Und auch dieser Ansatzpunkt beim Priestertum kann nachvollzogen werden: Wenn im Volk Gottes und bei engagierten Gläubigen zu viel Verletzung durch bloß weltliche Machtausübung unter dem bloßen Vorwand von geistlicher Autorität erzeugt wurde, dann ist das Mittel der Wahl, den Klerikern diese Macht zu nehmen. Und weil diese Machtausübung immer wieder unter Berufung auf den sakralen Charakter des Priestertums erfolgt ist, wäre das Mittel der Wahl: Entsakralisierung durch Entsakramentalisierung. Aber wenn zugleich das innere Verstehen des priesterlichen Dienstes als Sakrament verblasst, dann changiert das Ringen um dessen geistlichen Charakter hinüber zu einem Ringen um bloß weltlich verstandene Macht. Folglich wäre der „Sieg der Laien“ auch wieder nur deren „Klerikalisierung“ im negativen Sinn. Dann geht es um Kontrolle der Bischöfe und Priester und um den Zugriff auf materielle Mittel. In Stuttgart wurde deutlich: Kontrolle soll folglich der Synodalkonferenz obliegen. In einem Diskussionsbeitrag hieß es: Die Synodalkonferenz sei ja der „Souverän“ – und deshalb hätten sich die Bischöfe an die Umsetzung der Beschlüsse zu halten. Ernst genommen hieße dies aber: Die Umsetzung der Beschlüsse hat nun per Durchgriff zu erfolgen – und damit auch ohne synodale Beratungen in den Bistümern. Geht es also tatsächlich um ein synodaleres Miteinander im Verständnis von Franziskus? Oder womöglich doch nur um eine Umverteilung von Macht? Für mich war diese Tonalität, die in Stuttgart nicht nur einmal zu hören war, eine Selbstoffenbarung: Die Macht soll nun bei der Versammlung liegen, in der die Nichtbischöfe die Mehrheit haben.
Das lässt nun tatsächlich für die geplante Synodalkonferenz auf Bundesebene als Nachfolgegremium nicht allzu viel anderes erwarten, als wir es in Frankfurt oder Stuttgart erlebt haben. Die Zusammensetzung soll aus drei Mal 27 Personen bestehen: 27 Diözesanbischöfe, 27 Vertreterinnen und Vertreter des ZdK und 27 weitere Personen, die die Synodalversammlung wählt; darunter mit Quote: mindestens 13 Frauen, mindestens fünf Personen unter 30 und mindestens drei Personen aus den muttersprachlichen Gemeinden. Da aber die wählende Organisation wieder die Synodalversammlung ist, wird das zum Ergebnis haben, dass die neue Synodalkonferenz in größten Mehrheitsverhältnissen wiederum aus so genannten Reformern bestehen wird – und dass sich damit die vielen Gläubigen, die sich der lehramtlichen Tradition verpflichtet fühlen, erneut nicht repräsentiert fühlen und innerlich noch mehr abgehängt werden. Die Folge? Die Selbstsäkularisierung setzt sich fort!
11. Zeichen der Erneuerung jenseits des Synodalen Weges?
Andererseits gibt es Zeichen der Erneuerung jenseits des Synodalen Weges, die vielen Taufen junger Erwachsener in Frankreich, in Belgien, in der westlichen Schweiz; die signifikante Neu- oder Wiederentdeckung des katholischen Glaubens mehrheitlich durch junge Männer in England und in den USA; die Suche junger Menschen nach Glaubensidentität auch bei uns. Es sind aber – nach meiner Beobachtung – Menschen, die ihre theologische Bildung und gläubige Formation eher neben den bisher gewohnten Wegen in Pfarrei, Verband oder anerkanntem Theologiestudium finden („hidden formation“). Sie kommen eher über Internetvorträge, Chatforen und Internetcommunities, über große Events oder neue geistliche Gemeinschaften. Es gibt dieses wachsende Interesse auch bei uns. Aber anderes als in anderen Ländern fragt sich das katholische Establishment hierzulande: Wollen wir diese überhaupt haben? Es sind nämlich überwiegend keine Interessenten, die sich von den Themen des synodalen Weges bewegen lassen, sondern offenbar weit häufiger Menschen, die nach Tiefe suchen, nach authentischer, existenzieller Spiritualität, nach der Schönheit der Liturgie, nach intellektueller Auseinandersetzung mit der großen Tradition. Also – um es mit dem inkriminierten Wort zu sagen – eher Konservative.
Was ich aber mit solchen Suchenden zusammen tatsächlich glaube: Wir brauchen auch in der bestehenden Lehre Vertiefung, Differenzierung, vor allem die Vermittlung ihrer existenziellen Relevanz für jeden und jede. Wir brauchen ein neues Verstehen und die Fähigkeit zur sprachfähigen, sensiblen, ehrlichen Begleitung von Menschen, die sich von der Kirche verletzt und ausgestoßen fühlen – auch in Sachen Sexualität und Gender. Es braucht bei uns allen tiefere Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes in uns, Sehnsucht nach Heiligkeit und Wahrhaftigkeit, die uns hilft, mit dem Herrn die Herzen der Menschen wirklich zu berühren, sie zu verwandeln und mit ihnen Reich Gottes zu suchen. Es braucht die Betenden, die die Einlassorte der Gnade in unsere Welt sind. Es braucht die Liebenden, die in der Lage sind, gerade auch denen die Füße zu waschen, die sich schon am weitesten entfernt haben. Es braucht die im Herzen Bekehrten – denn diejenigen Christinnen und Christen, die die Kirche im Lauf der Jahrhunderte stets verändert und neu in die Tiefe geführt haben, waren immer die Heiligen.
[1] https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers_alt/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf
[2] Vgl. die unabhängige, von der Universität Passau erarbeitete Studie über sexuellen Missbrauch im Bistum Passau, im folgenden Link einsehbar, vor allem S. 61 f – dort auch mit Verweis auf andere Studien zu dieser Thematik: https://stefan-oster.de/wp-content/uploads/2025/12/Aufarbeitungsstudie_Bistum_Passau.pdf
[3] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-06/franziskus-kritik-synodaler-weg-deutschland-jesuitenzeitschrift.html
[4] Vgl. verschiedene Ausführungen dazu auf meinem Blog: https://stefan-oster.de/?s=Der+Synodale+Weg
[5] https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/SV-VI/SV_VI_-_TOP_4_-_Monitoring.pdf
[6] https://www.herder.de/communio/theologie/was-das-juengste-papst-interview-fuer-den-synodalen-weg-bedeutet-pontifikaler-reform-daempfer/?gad_source=1&gad_campaignid=22539986071&gbraid=0AAAAADRjyd22g_ioNcLJz8b20-RcOOrZO&gclid=CjwKCAiAs4HMBhBJEiwACrfNZag7uqS_FUHERr13m7bTjFdbnV6TWvO0hHUGw0vFv9z3702_ifUv5BoCumYQAvD_BwE
[7] https://www.vatican.va/content/francesco/de/letters/2023/documents/20230805-lettera-sacerdoti.html
[8] Papst Franziskus, Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise, München 2020, 111.
[9] https://www.dbk-shop.de/media/files_public/0f5800aa55a56d4ddeecb0ddfa09075f/DBK_2244.pdf
