Foto: Susanne Simperl

Über das Lesen, die Muße und den Sonntag

Über das Lesen, die Muße und den Sonntag. Die Predigt von Bischof Stefan Oster anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des St. Michaelsbund in München.

125 Jahre – dieses besondere Jubiläum feierte der St. Michaelsbund am 15. Juli 2026 in München.
Seit mehr als hundert Jahren kümmert sich der Michaelsbund um die Förderung der Lese- und Medienkultur im Sinne des christlichen Glaubens: Mit über 1.000 betreuten Büchereien in Bayern und mehr als 12.000 überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern macht er Bücher für alle zugänglich – gerade auch für Menschen, die sich den Kauf nicht leisten können. Darüber hinaus ist der Michaelsbund mit Radio, Fernsehen, dem Magazin „Inne-halten“ sowie Auftritten im Internet und in den Sozialen Medien eine wichtige Stimme, die sich um Qualität und einen Ton bemüht, der ehrlichen Austausch ermöglicht statt verhindert.

Der Tag begann mit einer Heiligen Messe in St. Michael, zelebriert von Bischof Oster, bevor es zum Festakt ins Literaturhaus ging. Dort gab es Grußworte von Markus Blume, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst und Geschäftsführer Stefan Eß, eine Videobotschaften von Kardinal Marx gefolgt von zwei spannenden Podiumsdiskussionen rund um das Thema Medien.

In seiner Predigt „Über das Lesen, die Muße und den Sonntag“ nahm Bischof Oster den Gedenktag des heiligen Bonaventura zum Ausgangspunkt, um über die tiefere Bedeutung des Lesens nachzudenken. Er beschrieb, wie Lesen uns aus dem reinen Informationensammeln herausführen und zu echter Muße werden kann – zu jenem zweckfreien Sich-Einlassen, in dem wir Geschichten und Charakteren begegnen und dabei paradoxerweise ganz bei uns selbst sind. Diese Fähigkeit zur Muße, so der Bischof, verbindet das Lesen auch mit dem Sonntag als Tag der zweckfreien Gottesbegegnung.

Die Predigt hier als Audio:

Die vollständige Predigt hier als Text:

Liebe Mitglieder des St. Michaelsbundes, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

der heilige Bonaventura, der heilige des heutigen Tages, war neben Thomas von Aquin die größte und wichtigste Gestalt der Theologie des hohen Mittelalters. Ein Franziskaner, auch General seines Ordens, der als Kind dem hl. Franziskus noch begegnet sein soll. Das heißt: Der Orden war erst wenige Jahrzehnte alt; und ursprünglich war der hl. Franziskus skeptisch gegenüber der hohen Theologie. In seinem radikalen Zug wollte er das Evangelium „sine glossa“ leben, also ohne Kommentar, ohne zusätzliche Erklärungen, ohne Theologie auch, die nach seiner Auffassung das Evangelium immer wieder verändert, entstellt oder auch verharmlost haben. Erst mit dem Hl. Antonius kam ein Gelehrter zu den Franziskanern, der deutlich machte, wie theologische und vor allem biblische Bildung auch ein echter, wichtiger Beitrag sein konnte für das vertiefte Verständnis des Evangeliums. Und schon bald darauf waren die wichtigsten Lehrstühle zum Beispiel an der Pariser Universität mit Vertretern der Bettelorden, also auch mit Franziskanern besetzt, die bedeutsame Theologen waren – und eine Theologie im Geist ihres Gründers gelehrt haben. Der bedeutsamste unter den Franziskanern war der Heilige des heutigen Tages, war Bonaventura.

Und passend zum heutigen Tag habe ich einmal gelesen: Der Hl. Bonaventura habe einen kleinen Traktat verfasst, in dem er sich dagegen ausspricht, Bücher zu verleihen. Wenn das richtig ist, dann lag das natürlich daran, dass Bücher damals Handschriften und somit außerordentlich kostbar waren. Und ganz offensichtlich war es auch damals schon eine Erfahrung, dass man verliehene Bücher erstens oftmals gar nicht mehr zurück bekommt und zweitens: wenn doch, dann irgendwie beschädigt oder mit Anmerkungen und Eselsohren. Diese Dinge sprechen natürlich grundsätzlich für die Wertschätzung von Büchern. Und deshalb sind gerade Büchereien eine große Errungenschaft für die Zugänglichkeit von Büchern: Klare Regeln fürs Ausleihen und Wiederbringen helfen, dass ein Verleihen wirklich möglich wird – vor allem auch für Menschen, die es sich nicht leisten können, Bücher zu kaufen.

Es ist aus meiner Sicht auch erstaunlich zu sehen, dass Bücher immer noch ein wichtiges Medium sind – und zwar trotz der digitalen Revolution. Bücher werden zumindest gekauft und verschenkt. Ob sie dann auch gelesen werden, ist noch einmal eine andere Frage.

Ich möchte aber sehr grundsätzlich dafür danken, dass durch die vielen Initiativen des Michaelsbundes wie auch durch die Arbeit der über 1000 betreuten Büchereien in Bayern mit ihren über 12 000 überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das grundsätzlich die so tief zu uns Menschen gehörende Kultur des Lesens gefördert wird.  Zunächst sehr basal: Lesen und Schreiben zu können ist so fundamental für jegliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Miteinander und es ist Voraussetzung im Grunde für fast jede weitere Art von Bildung. Und natürlich lehrt lesen auch denken, lehrt sich zu artikulieren, vermittelt Wissen und Kultur und vieles mehr. Ich möchte aber zu dem vielen, was Medien insgesamt, was aber vor allem Bücher zum menschlichen Leben beitragen können, eines besonders hervorheben: Menschen brauchen Räume der Muße, Menschen müssen lernen, Muße haben zu können, um wirklich Menschen zu sein; um Mensch sein zu können und zu dürfen.

Und Lesen kann einem helfen, in die Dimension der Muße hineinzufinden. Ich kann nämlich beispielsweise lesen, um schnell und einfach Informationen anzueignen. Aber ich kann auch lesen, um mich hineintragen zu lassen in die Denk- und Erfahrungswelt eines anderen; ich kann mich hineinführen lassen in eine Geschichte und kann mich in ihr verführen lassen. Ich kann mich darin selbst vergessen, kann mich mit Charakteren identifizieren. Ich kann Spannung erleben und Auflösung; ich kann staunen und mich mitreißen lassen. Ich kann Schauder empfinden und Abscheu, auch Freude und Begeisterung. Ich folge der Geschichte – und wenn ich aufhöre zu lesen, komme ich in bestimmter Weise als ein anderer aus dieser Erfahrung heraus, neu geprägt mit neuen Erfahrungen bereichert.

Denn ich war in der Selbstvergessenheit einerseits ganz in der Geschichte, aber zugleich – und das ist das eigenartige – ich war zugleich irgendwie ganz bei mir selbst. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Spannende an uns Menschenwesen. Wir sind Beziehungswesen, wir sind relational verfasst. Und wenn Sie mich fragen, wann sind wir in der Regel am authentischsten wir selbst? Ganz häufig dann, wenn wir weggegeben sind, wenn wir uns hineingeben, wenn wir uns verlieren in ein Tun, in eine Geschichte, in ein Spiel. Und dieses Weggegeben-sein hat den Charakter der Muße vor allem dann, wenn es zweckfrei ist, wenn wir keinen unmittelbaren Nutzen verfolgen, keine Gewinnabsicht. Wir lesen einfach, weil es uns etwas erzählt wird, weil wir den Gedanken eines anderen folgen wollen, hinein in eine Geschichte. Wir erfahren das Hineingenommen-werden als eine Weise des Selbstseins. Oft und oft werden wir im Lesen berührt; wenn das Buch Qualität hat, wenn die Geschichte tief ist und differenziert, wenn es tolle Charaktere schildert und so weiter. Wir sind einfach dabei – ohne zuvor zu kalkulieren.

Menschen brauchen Räume des zweckfreien Tuns – und interessanterweise passiert gerade darin so viel. Wie oft kommen uns tiefe oft auch neue Einsichten bei solchem Lesen; wie oft hängen wir Geschichten nach und denken darüber nach. Wie oft kommen wir in Berührung mit unserem tieferen Selbstsein. Lesen bildet auf diese Weise. Und es bildet nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Kerl. Wir sind ganz hineingenommen, mit unserem Verstand, unserer Einbildungskraft, unserer Sehnsucht und Erwartung, unserem Wünschen und Wollen und auf diese Art auch mit unserem ganzen Herzen. Und wenn wir im Nachhinein auf so ein Leseabenteuer reflektieren, dann lernen wir auch den Autor tiefer kennen. Er spricht uns ja buchstäblich durch die Zeilen, durch die Geschichte an, wenn auch indirekt. Aber es ist eine Mitteilung seiner Phantasie und Einbildungskraft, seiner Gedanken und oft genug seines Herzens.

Aber Sie spüren vermutlich auch: Es gibt auch eine Aneignung von Wissenwollen, die sich nicht einlassen, die sich nicht hineingeben will. Es gibt die Seite in uns, die einfach nur wissen will, die Informationen benutzen und gebrauchen will; die schnelle Infohappen braucht, die das Gelesene effektiv für sich nutzen will. Nicht, dass das alles negativ wäre, aber es ist nicht die Erfahrung der Muße, des einfachen Daseins und Sich-einlassen-könnens auf das, was mir begegnet – ohne Profitorientierung. Daher, liebe Schwestern und Brüder, findet Herzensbildung beim Lesen vor allem dann statt, wenn ich mich einlassen kann, am besten auf ein Buch, in dem der Autor oder die Autorin in einer tiefen oder qualitätsvollen Weise das Herz öffnet und sich durch seine oder ihre Geschichte selbst mitteilt. Daher möchte ich den Menschen, die in Büchereien arbeiten, für vieles, aber besonders auch für diesen Punkt danken: Dass Sie mithelfen, Menschen in die Erfahrung von Muße zu führen.

Und wenn ich noch einen Schritt weitergehe: Wir haben Lesung und Evangelium aus einem Buch gehört, in dem uns sein Hauptautor so in seine Geschichte hineinnehmen will, dass sie uns tief berührt, dass sie Hirn und mehr noch das Herz für sich einnehmen will. Er will, dass wir durch das Nachsinnen seines Wortes, seiner Geschichten – seine Geschichte zur unseren machen. Er will, dass sie in uns Identität ausbildet, vertieft und verstärkt. Jesus, so sagt er uns im Evangelium selbst, ist der eigentliche Lehrer dieser Identität. Aber wie bringt auch er uns tiefer ins Verstehen? Indem er uns Geschichten erzählt, in die er uns hineinnimmt, in denen er uns das Geheimnis seines Reiches aufschließt. Und je tiefer es uns gelingt, uns auch auf dieses Medium einzulassen, auf seine Geschichten und seine persönliche Geschichte, desto mehr spüren wir: Das Lesen seiner Erzählungen, das Lesen und innere Mithören der Geschichte seines Lebens wird auch unsere Geschichte. Gott liebt zweckfrei, Gott liebt umsonst. Er hat für sich selbst nichts davon, wenn er uns an seinem Leben Teilhabe schenkt durch sein Wort und seine Gegenwart darin. Aber er will, dass wir mehr Mensch werden, indem wir uns einlassen auf Ihn, auf sein Wort, auf seine Gegenwart. Deshalb kann man auch sagen: Der Sonntag, die Feier seiner Gegenwart, und das Lesen gehören zusammen. Die Muße und der Gottesdienst entspringen aus einer Quelle von liebevoller, geheimnisvoller Gegenwart, von Zweckfreiheit, die geeignet ist, uns gerade deshalb im Herzen zu berühren und zu verändern.

Schließlich möchte ich auch dankbar anerkennen, dass der Sankt Michaelsbund auch über die Büchereiarbeit hinaus Medien macht, die im Grunde auch darauf hinzielen, Glauben darzustellen, zu vertiefen und zu stärken: Mit dem Radio, mit dem Fernsehen, mit dem Magazin Innehalten, mit den Auftritten im Internet und in den Sozialen Medien und mehr. In alledem seid Ihr eine wichtige Stimme in der Vielfalt der Meinungen und Debatten. Vor allem seid Ihr es auch, weil Ihr Euch um Qualität bemüht und um einen Ton, der ehrliches Gespräch nicht verhindert, sondern ermöglicht.

Daher: Ganz herzliche Gratulation und Gottes reichen Segen zum 125. Geburtstag. Ad multos annos.