Liebe ehrwürdige Schwestern von Tettenweis, liebe Fest- und Ehrengäste, vor allem aber liebe Mutter Teresa,
„Hört und ihr werdet leben“.
„Hört und ihr werdet leben.“ Diesen Satz sagt Gott in der heutigen ersten Lesung seinem Volk. Das Wort stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem Teil, der das sogenannte Trostbuch genannt wird, weil in ihm das neue Heil angekündigt wird, das Ende der babylonischen Gefangenschaft – und die Rückkehr nach Jerusalem. Von Ihrer Mitschwester Veronika habe ich erfahren, dass dieser biblische Aufruf „Hört und ihr werdet leben“ ein Wort ist, das Sie, liebe Mutter Teresa, schon seit langem begleitet. Und so ist es eine schöne Fügung, dass der Abschnitt aus dem Jesajabuch, in dem dieser Satz vorkommt, ausgerechnet heute, am Tag Ihrer Weihe Teil der biblischen Lesungen ist. Die neue Einheitsübersetzung formuliert zwar „Hört und ihr werdet aufleben“, aber ich denke auch dieser zusätzliche Akzent – von Leben zu Aufleben – wäre wohl auch in Ihrem Sinne.
Wir offenbaren uns einander, wenn wir wirklich hören
Wenn ich Sie recht verstehe, geht es Ihnen ja auch zuerst um das Hören. Und jeder von uns weiß, dass wir alle auf verschiedene Weisen hören und hören können. Einfach nur etwas hören, ein Geräusch zum Beispiel oder verschiedene Stimmen hören – das ist das eine, aber wirklich jemandem Zuhören oder einer bestimmten Stimme lauschen, das ist etwas anderes. Und sicher haben viele von Ihnen schon die Erfahrung machen dürfen, dass Ihnen jemand richtig zugehört hat, dass ein Mensch ganz bei Ihnen und damit ganz bei der Sache war, als Sie gesprochen haben. Oft genug machen wir dann die Erfahrung, dass wirkliches Zuhören eines anderen auch die Kraft zum Sprechen wachsen lässt. Ehrliches Hören gibt dem anderen oft erst die Kraft zum Sich-selber-öffnen, zum Sich-zeigen. Wirkliches Zuhören kann den anderen Menschen zu einer Art Offenbarung bringen. Und dieses Wort Offenbarung nehme ich hier einerseits in einem sehr allgemeinen Sinn, weil ich ihn nicht nur auf Gott beziehe, sondern auch auf uns Menschen. Aber zugleich sage ich Offenbarung auch in einem spezifischen Sinn, dahingehend, dass ein zuhörender Mensch den Sprechenden in seinem Inneren berühren kann – und sich dieses Innere des Sprechenden dann auch zeigen und aussprechen kann. Und wenn ich dann sage: Offenbarung, dann meine ich diesen Sinn. Der Sprechende zeigt dem Hörenden etwas von sich, was nur er selbst fühlt oder was tief in ihm angerührt wird, was ihn zutiefst beschäftigt. Und dann kommen Dinge, die eben nur der Sprecher selbst weiß oder kennt – aber einem Hörenden mitteilen will. Solche Mitteilungen sind dann Geschenke des Vertrauens an den, der hört. Kleinere oder größere Offenbarungen aus dem Innenleben des Sprechenden, die sich nur von dort her zeigen – und nicht aus der äußeren Welt erschließen ließen. Als Seelsorger oder auch als Beichtvater war ich schon öfter in der Situation, dass ich für einen Menschen der erste oder auch der einzige war, dem sich ein Mensch in einer bestimmten Sache offenbart hat.
Der Sohn offenbart den Vater – und damit das Leben
Und, meine Lieben, von hier ist es vielleicht nicht so schwer zu verstehen, wenn Jesus im Lukasevangelium sagt: Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Jesus zuhören, sein Wort meditieren, in sich aufnehmen, sich sein Wort nahe gehen lassen, das ist der Dienst der Gottsucherinnen, der Dienst der Frauen, die ihr Leben der Gottsuche verschrieben haben, der Dienst der Benediktinerinnen. Und wenn wir uns fragen, wozu Jesus gekommen ist, dann ist eine zentrale Antwort, um uns mit dem Vater bekannt zu machen, um uns den Vater zu offenbaren, der in ihm, in Jesus tiefer lebt, als er je in einem Menschen gelebt hätte. Und mehr noch: Jesus ist gekommen, um uns mit dem Vater zu versöhnen. Also: Unser Hören mit ganzem Herzen auf die Schrift, auf das Wort des Herrn, offenbart uns zugleich den Vater. „Philippus, sagt Jesus, ein wenig vorwurfsvoll im Johannesevangelium zu seinem Jünger, „wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Also, als ein Hörender, sich Jesus nahegehen lassen, bedeutet zugleich: Zugang zum Vater zu finden – und damit, meine Lieben, Zugang zum wirklichen Leben. Zugang zur Familienmitgliedschaft der Gotteskinder. „Hört und ihr werdet leben.“
Nichts kann uns trennen von Christus und seiner Liebe
Ein zweiter Aspekt kommt mir angesichts der zweiten Lesung in den Sinn, die ich eine der ergreifendsten Stellen im Neuen Testament finde. Paulus schreibt an die Römer, das ihn und damit auch „nichts, gar nichts trennen kann von der Liebe Christi.“ Und Paulus hat wahrlich viel erlebt. Aber nichts wäre dabei, was das Potential hätte, uns von der Liebe Jesu zu trennen. Und er zählt auf: Bedrängnis, Not, Verfolgung, Gefahr, Schwert, Hunger, Kälte, nicht einmal Engel und Mächte, nichts, was da in Zukunft kommen mag, auch nicht der Tod. Nichts, nichts kann uns trennen von seiner Liebe. Was für eine Zusage. Und, lieb e Schwestern und Brüder, weil ich das als Ordensmann selbst kenne: Man könnte natürlich noch allerhand aus dem Klosterleben dazulegen, ungehorsame oder rebellische Mitschwestern oder-brüder, Verletzungen in der Klostergemeinschaft, Neid, Missgunst, schwere Krankheit. Kann alles sein – und Paulus: Nichts davon kann uns von der Liebe Christi trennen. Auch nichts im Kloster. Nur, nur unsere eigene Sünde. Unser eigenes Davonlaufen vor Gott.
Liebe Schwestern von Tettenweis: Ihr seid Zeugen eines solchen Lebens. Ihr habt das Leben in Gemeinschaft gewählt, ganz mit dem Herrn und für den Herrn. Und Ihr habt erfahren, immer und immer wieder: Nichts kann uns trennen von Christus und seiner Liebe. Das treue Gebet und der Dienst in Gemeinschaft und aneinander sind die Quelle, die auch uns in diese Gewissheit des Paulus führen können: Nichts kann uns trennen. Und weil die Benediktinerinnen sich zur Gastfreundschaft verpflichtet wissen – wie es die Regel des Hl. Benedikt vorsieht, deshalb dürfen auch die Gäste immer wieder spüren: Hier ist die Mitte, die Liebe Christi zu uns. Und hier sind Schwestern, die IHM mit ihrem Leben eine liebe-volle Antwort geben wollen.
Gott kann aus dem Kleinen Großes machen
Das führt zum Evangelium: Ihr seid klein, ihr seid wenig geworden hier in Tettenweis. Aber wenn Gott da ist, habt Ihr viel zu geben. Aus ein paar Broten und Fischen teilen die Jünger an die Vielen aus. Und Ihr teilt mit Eurer Präsenz und Eurem Gebet Segen aus. Ich bin überzeugt, dass unsere kontemplativen Klöster geistliche Hotspots sind, aus denen der Segen hinausfließt in unser Land. Danke von Herzen für Eure Treue.
Klöster und die Synodalität
Und von hier noch einmal zurück zu: „Hört und Ihr werdet leben“. Ich durfte in 2023 und 2024 jeweils einen Monat in Rom verbringen bei der Bischofssynode über Synodalität. Und Papst Franziskus hat uns immer wieder verdeutlicht: Synodalität bedeutet zuerst Hören, Hören auf das Wort und den Geist Gottes und Hören aufeinander. Die Spannungen, die es in der Kirche immer wieder gibt, zum Beispiel in der Frage, wie die Hierarchie einerseits, also Papst, Bischöfe, Pfarrer einerseits und das Volk Gottes andererseits zusammenfinden, kann meines Erachtens nur über das Einüben kommen, einander zuzuhören. Und immer wieder mal ist bei der Synode auch gesagt worden: Wir können viel darüber aus der monastischen Tradition lernen. Das heißt: Wenn Euer Leben als Gemeinschaft gelingt, dann seid Ihr schon synodal unterwegs. Und dann ist der Dienst der Äbtissin, der Dienst einer Frau, die in aller Regel erst einmal zuhört, ehe sie entscheidet. Oder die die wesentlichen Dinge nie ohne Gebet und auch nicht ohne den Rat der anderen unterscheidet und schließlich entscheidet.
Und wenn wir uns weiterfragen, was bedeutet dann Autorität? Autorität einer Äbtissin, die den Hirtenstab bekommt? Nun, Jesus ist im Evangelium sehr klar: In der Welt sind die Mächtigen oft Menschen, die ihre Macht missbrauchen und die Menschen unterdrücken. Aber vermutlich wissen die meisten von Ihnen auch schon, dass das Wort Autorität seine Wurzeln im lateinischen Verb: augere hat. Das bedeutet vermehren, wachsen lassen. Autorität lässt wachsen. Kann ich als Bischof aushalten oder kann eine Äbtissin aushalten, dass neben mir, neben ihr Menschen leben und arbeiten, die viele Sachen viel besser wissen oder können als ich oder Sie? Ehrlich gesagt: Wenn wir in Christus und damit in uns selbst ruhen, dann kommt mit der Entdeckung der Anderen und ihrer Fähigkeiten die Freude, der Dank und der Wunsch auch zu fördern, eben wachsen zu lassen. Und natürlich kann es sein, dass das auch mal am eigenen Ego kratzt, wenn ich auf Hilfe angewiesen bin – oder wenn ich realisiere, dass ich da oder dort richtig falsch lag – und vielleicht besser mal früher gefragt hätte – oder auch zugehört hätte. Und so eine Erfahrung führt dann hoffentlich in eine demütigende Besinnung auf die eigentliche Quelle aller Reichtümer, Fähigkeiten oder inneren Schätze – nämlich auf IHN.
Echte Autorität wächst aus der Intimität mit IHM
Und dabei ist eben auch diese Erkenntnis für mich wichtig geworden: Wirkliche Autorität in unserem geistlichen Sinn, die lebt letztlich aus der Intimität mit Ihm. Aus der Nähe zu Ihm und seiner Liebe, aus dem Zugehört haben, IHM, seinem Wort. Aus dem Hingehört-haben im Schweigen vor IHM, in dem Er oft genug unbemerkt an der Transformation unseres Herzens arbeitet.
Liebe Mutter Teresa, das Wenige, was ich hier zu sagen versucht habe – und das wissen Sie selbst – das haben andere, vor allem andere Frauen aus Ihrer großen Tradition tiefer und schöner gesagt: Die große Gertrud von Helfta, die Namensgeberin Ihres Klosters. Oder die Namenspatronin Ihres Schwesternnamens, die ebenfalls große Teresa von Avila. Hören Sie nicht auf, auch diese so wichtigen Frauen Ihrer Tradition mit dem Herzen hören – und sie werden leben. Weil auch sie in der Tiefe zuerst Zeuginnen des Auferstanden sind.
Ich danke Ihnen jedenfalls sehr, liebe Mutter Teresa, dass Sie sich als Äbtissin zur Verfügung stellen und sich damit Ihrerseits in den Ordensgehorsam nehmen lassen. Und Ihnen, verehrte Mutter Bernarda, danke ich von ganzem Herzen für ihren 34 Jahre währenden treuen und aufopferungsvollen Dienst als Äbtissin dieses Klosters durch alle Höhen und Tiefen in diesen herausfordernden Zeiten. Und ich wünsche Ihrer ganzen Gemeinschaft sehr, dass Sie miteinander auch neue Fruchtbarkeit erleben dürfen. Dankbar bin ich in jedem Fall, dass Sie, liebe Schwestern, alle miteinander diesen Dienst so großherzig tun: In unserem Bistum und in dieser Region ein Ort zu sein, an dem Sie als treue Beterinnen den Himmel offenhalten. Möge der Himmel Sie alle mit seinem reichen Segen überschütten. Amen.
