<h6>Die Flüchtlingsströme – Versuch einer geistlichen Deutung</h6> Im Alten Testament geht es fortwährend um den Weg Israels mit seinem Gott durch die Zeiten, durch die Geschichte. Israel ist das Volk Jahwes, des höchsten Gottes. Israel ist aber immer auch eingespannt in und herausgefordert durch das Verhältnis zu den anderen Völkern und Mächten. Die Israeliten haben eine intensive Beziehung zu ihrem Gott und sind doch immer wieder durch ihre eigenen Egoismen, Sehnsüchte, Wunschvorstellungen und Engherzigkeit versucht, in diesem komplexen Spiel auf dem Weg durch die Zeit ihren Schöpfer zu vernachlässigen, zu verleugnen oder zu vergessen. Das entscheidende Kriterium, an dem das Mosaische Gesetz, die Propheten und die Weisheitsbücher über diesen Weg Israels durch die Geschichte in ihrem Urteil immer wieder Maß nehmen, ist folglich stets die Qualität der Beziehung des Volkes zu Jahwe. Wie sehr ehrt, liebt, vertraut das Volk Jahwe? Oder wenigstens wie sehr tun es die erwählten Machthaber oder geistlichen Protagonisten? <h6>Die Wüste als geistliches Grundgesetz Israels</h6> Ein zentraler Ort und zugleich ein wichtiges Bild für das Finden der rechten Beziehung zum Herrn ist die Wüste. Auf dem Weg durch die Wüste erzieht Gott sein Volk auf sich hin, in der Wüste empfängt das Volk das Gesetz, die Weisung des Herrn, in der Wüste lernt es, sich in Drangsalen und Kämpfen zu bewähren. In der Wüste lehnt sich das Volk immer wieder gegen Gott auf, aber in der Wüste traut sich der Herr sein Volk auch in einem ewigen Bund an. Und erst nach dem langen Durchzug durch die Wüste ist Israel reif für den Einzug ins gelobte Land. Denn in der Wüste ist Israel der Dinge ledig, es lernt dort mehr und mehr, ganz auf den Herrn bezogen zu sein. Israel nimmt dieses geistliche Grundgesetz seines Lebens als Gottesvolk nun aber auch mit hinein in das Land, das Gott ihm verheißen hatte. Wenn das Volk in diesem reichen, wohlhabenden Land nicht innerlich gleichsam in der Wüste, im Ort der Vermählung mit Gott (Hos 2,16) bleibt, also zutiefst auf Ihn bezogen, dann erfährt es, dass es von außen immer wieder an die Wüste erinnert wird. Es erfährt immer wieder durch eine Vielzahl von Herausforderungen und Bedrohungen, dass es sich ganz auf Gott verlassen muss, wie ehedem in der Wüste. Sei es in bedrohlichen Situationen, sei es in Verhandlungen mit anderen Mächten, sei es in der Versuchung, sich anderen Göttern zuzuwenden. Die Propheten erinnern immer wieder daran, was es heißt, mit Gott selbst als der eigentlichen Mitte des Volkes zu leben – sie erinnern geistlich gesprochen immer wieder an die Wüste, den Ort des Bundesschlusses und an das, was das Volk dort gelernt hat. Aber oft genug mahnen die Propheten ohne Erfolg. Die dramatischste Erinnerung an die Wüste „von außen“ erfolgt dann durch die babylonische Gefangenschaft. Die Wüste kommt jetzt in brutaler Form auf Israel zu: In der Gestalt von Verwüstung, schließlich in Gestalt von langjähriger Gefangenschaft. Die Propheten wiederum sind überzeugt, dass auch diese Tragödie letztlich immer noch Wille Gottes ist, der auch dadurch sein Volk erzieht: Selbst Nebukadnezzar, der große Anführer der feindlichen Babylonier, die Israel versklaven, wird immer wieder von Gott „mein Knecht“ genannt (z.B.: Jer 25:9, 43,10, vgl. auch Dan 5,18). Die Wüste wird also jetzt geistlich umgekehrt gewendet und von außen aufgenötigt: Israel lernt erst in der Armut der Verbannung, fern von der verwüsteten Heimat, Jahwe neu zu entdecken. Es kommt frei und baut den Tempel neu – mit größerer Aufrichtigkeit und tieferer Innerlichkeit. Jahwe wohnt wieder bei seinem Volk. <h6>Unser Volk und seine Sendung vom Evangelium her</h6> Wenn wir in diesem biblischen Geschehen zwischen Gott und seinem Volk so etwas wie einen geistlichen Zusammenhang sehen können, dann können wir von hier den Blick auf unser Volk hier in Deutschland oder auch auf Europa hin wenden – und davon lernen. Ich bin überzeugt, dass unser Volk auch eine besondere christliche Sendung hat (wie die vielen anderen Völker auch): Unser Volk hat das Evangelium und es hat zugleich immer wieder in der Geschichte darum gerungen, wie es sich konkret zu diesem Evangelium stellt. Nur einige sehr kursorische Schlaglichter: Die vielen großen Gestalten unseres Glaubens in unserem Volk, das Heilige Römische Reich deutscher Nation als eine geschichtliche Gestalt der Aneignung des Evangeliums, das ständige Ringen der deutschen Kirche und der deutschen Kaiser mit der päpstlichen Autorität, die Geschichte der Reformation und ihre Folgen; die großen, immer wieder wiederholten Erfolge unseres Landes auf wirtschaftlichem, kulturellen und wissenschaftlichem Gebiet. Vieles hat unser Volk immer wieder vorbildlich gemacht, im Guten wie im Negativen: Heute sind wir wieder Musterdemokraten und wirtschaftliche Musterknaben Europas! Noch vor über 80 Jahren waren Deutsche in großer Zahl sehr schnell beinahe vorbildliche Faschisten und später zu einem Teil eine Art Vorzeigeland innerhalb des kommunistischen Systems: Die beiden letzten „vorbildlichen Haltungen“ ereigneten sich in der deutlichen Verneinung des Evangeliums – mit den jeweiligen totalitären Konsequenzen! Vielsagend ist dabei, dass auch die Rückkehr zur Freiheit – wenigstens im Blick auf den Kommunismus – auch wieder auf dem Boden des Evangeliums erwachsen ist (z.B. in den Kirchen als Versammlungsräumen und Ausgangsorten der Montagsdemonstrationen; oder motiviert durch die Ereignisse in Polen durch den vom polnischen Papst gestärkten katholischen Glauben!). Daher erwächst auch in mir die Frage: Werden auch wir als christliches Volk (zugehörig zum gesamten Volk Gottes) in jeder neuen geschichtlichen Situation auch immer wieder neu erzogen? Und wenn ja, bedeutet solche göttliche Pädagogik dann, dass auch wir immer wieder die Chance bekommen, von neuem zum Evangelium, zum Glauben an Christus zurück und in die uns bestimmte Sendung als Volk seiner Kirche geführt zu werden? <h6>Die Anfrage durch die Flüchtlinge „von außen“</h6> Wenn das Nachdenken über solche Zusammenhänge erlaubt ist, dann lassen sich solche Gedanken auch auf die Flüchtlingskrise ausziehen: Wir sind ein Volk mit wunderbaren Gaben und Erfolgen. Wir sind aber zugleich ein Volk, das seit Jahrzehnten beständig in der Breite wie in der Tiefe seinen Glauben verliert. Es gibt Ausnahmen, aber die bestätigen aus meiner Sicht nur den Trend. Wir sind gleichzeitig ein Volk, das seit vielen, vielen Jahren seiner eigenen Fruchtbarkeit hinterher läuft, zumeist an der Spitze der Länder mit den niedrigsten Geburtenraten weltweit und einer beständig dramatisch hohen Abtreibungsquote. Wir sind ein Volk, das sehr satt geworden ist an Gütern und Möglichkeiten der Lebensgestalten; aber dafür nicht unbedingt gesünder, sondern insgesamt womöglich vor allem seelisch kränker und beziehungsärmer. Kann es also sein, dass nun Hunderttausende von Menschen kommen, die uns in geistlicher Hinsicht mehrfach herausfordern – auch wieder „von außen“ – weil wir es aus der Kraft eigener Innerlichkeit nicht mehr können? Kann es sein, dass da viele Menschen kommen, die einen intensiven, wenn auch zumeist anderen Glauben haben als wir – und die uns fragen: Wem und was glaubt eigentlich ihr? Kann es sein, dass da Menschen kommen mit vielen Kindern und ganz anderen Bedürfnissen und Fähigkeiten im sozialen und familiären Zusammenhalt, die uns fragen: Wo sind eigentlich eure eigenen Kinder? Kann es sein, dass wir angesichts unseres Reichtums gefragt werden: Warum habt ihr das alles für euch alleine? Kann es sein, dass uns unser Gott auf diese Weise, durch die Flüchtlinge – die ja auch seine Kinder sind - an das erinnert, was uns fehlt: In sozialer, familiärer Hinsicht – und vor allem an Innerlichkeit und Glauben? Und wenn das sein kann: Welches kann dann in geistlicher Hinsicht unsere Antwort sein? Und unsere immer wieder neu zu entdeckende Sendung vom Evangelium her? <h6>Die christliche „Wüste“</h6> Nur wenige Aspekte des Versuches einer Antwort: Christus zeigt sich und schenkt sich im Evangelium denen, die arm sind vor ihm. Dabei ist Armut vor allem und zuerst eine Haltung, eine Haltung der inneren Offenheit und Leere, die von Gott alles erwartet (Mt 5, 3; Mt 18,3). Es ist also auch für uns Christen diejenige Haltung, die Menschen auch heute in dem finden und lernen, was mit dem Bild der Wüste bezeichnet ist. Der Evangelist Johannes schreibt (3,14-15): „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ Geistlich gesprochen wird es also darum gehen, unter dem am Kreuz Erhöhten vertrauensvoll auszuharren – und von dort her die Erneuerung und Auferstehung unseres Glaubens von Gott selbst zu erwarten. Und erst von dort her lernen wir wirkliche Freiheit von Angst vor dem Fremden. Wir lernen dort auch die Bereitschaft, vom Fremden zu lernen; und wir lernen den Freimut, voll Liebe, Freude und Hoffnung auch den Flüchtlingen von dem zu erzählen, der als Kind selbst ein Flüchtling war. Und der uns durch sein Kreuz und seine Auferstehung in die eigentliche Freiheit unseres Lebens geführt hat; in eine Freiheit, die letztlich in keinem Land dieser Welt zu finden ist, sondern zuerst im geheimnisvollen inneren „Land der Ruhe“ (Hebr 4), das Er uns geschenkt und eröffnet hat.  

Die Flüchtlingsthematik in geistlicher Hinsicht

Die Flüchtlingsströme – Versuch einer geistlichen Deutung

Im Alten Testament geht es fortwährend um den Weg Israels mit seinem Gott durch die Zeiten, durch die Geschichte. Israel ist das Volk Jahwes, des höchsten Gottes. Israel ist aber immer auch eingespannt in und herausgefordert durch das Verhältnis zu den anderen Völkern und Mächten. Die Israeliten haben eine intensive Beziehung zu ihrem Gott und sind doch immer wieder durch ihre eigenen Egoismen, Sehnsüchte, Wunschvorstellungen und Engherzigkeit versucht, in diesem komplexen Spiel auf dem Weg durch die Zeit ihren Schöpfer zu vernachlässigen, zu verleugnen oder zu vergessen. Das entscheidende Kriterium, an dem das Mosaische Gesetz, die Propheten und die Weisheitsbücher über diesen Weg Israels durch die Geschichte in ihrem Urteil immer wieder Maß nehmen, ist folglich stets die Qualität der Beziehung des Volkes zu Jahwe. Wie sehr ehrt, liebt, vertraut das Volk Jahwe? Oder wenigstens wie sehr tun es die erwählten Machthaber oder geistlichen Protagonisten?

Die Wüste als geistliches Grundgesetz Israels

Ein zentraler Ort und zugleich ein wichtiges Bild für das Finden der rechten Beziehung zum Herrn ist die Wüste. Auf dem Weg durch die Wüste erzieht Gott sein Volk auf sich hin, in der Wüste empfängt das Volk das Gesetz, die Weisung des Herrn, in der Wüste lernt es, sich in Drangsalen und Kämpfen zu bewähren. In der Wüste lehnt sich das Volk immer wieder gegen Gott auf, aber in der Wüste traut sich der Herr sein Volk auch in einem ewigen Bund an. Und erst nach dem langen Durchzug durch die Wüste ist Israel reif für den Einzug ins gelobte Land. Denn in der Wüste ist Israel der Dinge ledig, es lernt dort mehr und mehr, ganz auf den Herrn bezogen zu sein.

Israel nimmt dieses geistliche Grundgesetz seines Lebens als Gottesvolk nun aber auch mit hinein in das Land, das Gott ihm verheißen hatte. Wenn das Volk in diesem reichen, wohlhabenden Land nicht innerlich gleichsam in der Wüste, im Ort der Vermählung mit Gott (Hos 2,16) bleibt, also zutiefst auf Ihn bezogen, dann erfährt es, dass es von außen immer wieder an die Wüste erinnert wird. Es erfährt immer wieder durch eine Vielzahl von Herausforderungen und Bedrohungen, dass es sich ganz auf Gott verlassen muss, wie ehedem in der Wüste. Sei es in bedrohlichen Situationen, sei es in Verhandlungen mit anderen Mächten, sei es in der Versuchung, sich anderen Göttern zuzuwenden. Die Propheten erinnern immer wieder daran, was es heißt, mit Gott selbst als der eigentlichen Mitte des Volkes zu leben – sie erinnern geistlich gesprochen immer wieder an die Wüste, den Ort des Bundesschlusses und an das, was das Volk dort gelernt hat. Aber oft genug mahnen die Propheten ohne Erfolg.

Die dramatischste Erinnerung an die Wüste „von außen“ erfolgt dann durch die babylonische Gefangenschaft. Die Wüste kommt jetzt in brutaler Form auf Israel zu: In der Gestalt von Verwüstung, schließlich in Gestalt von langjähriger Gefangenschaft. Die Propheten wiederum sind überzeugt, dass auch diese Tragödie letztlich immer noch Wille Gottes ist, der auch dadurch sein Volk erzieht: Selbst Nebukadnezzar, der große Anführer der feindlichen Babylonier, die Israel versklaven, wird immer wieder von Gott „mein Knecht“ genannt (z.B.: Jer 25:9, 43,10, vgl. auch Dan 5,18). Die Wüste wird also jetzt geistlich umgekehrt gewendet und von außen aufgenötigt: Israel lernt erst in der Armut der Verbannung, fern von der verwüsteten Heimat, Jahwe neu zu entdecken. Es kommt frei und baut den Tempel neu – mit größerer Aufrichtigkeit und tieferer Innerlichkeit. Jahwe wohnt wieder bei seinem Volk.

Unser Volk und seine Sendung vom Evangelium her

Wenn wir in diesem biblischen Geschehen zwischen Gott und seinem Volk so etwas wie einen geistlichen Zusammenhang sehen können, dann können wir von hier den Blick auf unser Volk hier in Deutschland oder auch auf Europa hin wenden – und davon lernen. Ich bin überzeugt, dass unser Volk auch eine besondere christliche Sendung hat (wie die vielen anderen Völker auch): Unser Volk hat das Evangelium und es hat zugleich immer wieder in der Geschichte darum gerungen, wie es sich konkret zu diesem Evangelium stellt. Nur einige sehr kursorische Schlaglichter: Die vielen großen Gestalten unseres Glaubens in unserem Volk, das Heilige Römische Reich deutscher Nation als eine geschichtliche Gestalt der Aneignung des Evangeliums, das ständige Ringen der deutschen Kirche und der deutschen Kaiser mit der päpstlichen Autorität, die Geschichte der Reformation und ihre Folgen; die großen, immer wieder wiederholten Erfolge unseres Landes auf wirtschaftlichem, kulturellen und wissenschaftlichem Gebiet. Vieles hat unser Volk immer wieder vorbildlich gemacht, im Guten wie im Negativen: Heute sind wir wieder Musterdemokraten und wirtschaftliche Musterknaben Europas! Noch vor über 80 Jahren waren Deutsche in großer Zahl sehr schnell beinahe vorbildliche Faschisten und später zu einem Teil eine Art Vorzeigeland innerhalb des kommunistischen Systems: Die beiden letzten „vorbildlichen Haltungen“ ereigneten sich in der deutlichen Verneinung des Evangeliums – mit den jeweiligen totalitären Konsequenzen! Vielsagend ist dabei, dass auch die Rückkehr zur Freiheit – wenigstens im Blick auf den Kommunismus – auch wieder auf dem Boden des Evangeliums erwachsen ist (z.B. in den Kirchen als Versammlungsräumen und Ausgangsorten der Montagsdemonstrationen; oder motiviert durch die Ereignisse in Polen durch den vom polnischen Papst gestärkten katholischen Glauben!).

Daher erwächst auch in mir die Frage: Werden auch wir als christliches Volk (zugehörig zum gesamten Volk Gottes) in jeder neuen geschichtlichen Situation auch immer wieder neu erzogen? Und wenn ja, bedeutet solche göttliche Pädagogik dann, dass auch wir immer wieder die Chance bekommen, von neuem zum Evangelium, zum Glauben an Christus zurück und in die uns bestimmte Sendung als Volk seiner Kirche geführt zu werden?

Die Anfrage durch die Flüchtlinge „von außen“

Wenn das Nachdenken über solche Zusammenhänge erlaubt ist, dann lassen sich solche Gedanken auch auf die Flüchtlingskrise ausziehen: Wir sind ein Volk mit wunderbaren Gaben und Erfolgen. Wir sind aber zugleich ein Volk, das seit Jahrzehnten beständig in der Breite wie in der Tiefe seinen Glauben verliert. Es gibt Ausnahmen, aber die bestätigen aus meiner Sicht nur den Trend. Wir sind gleichzeitig ein Volk, das seit vielen, vielen Jahren seiner eigenen Fruchtbarkeit hinterher läuft, zumeist an der Spitze der Länder mit den niedrigsten Geburtenraten weltweit und einer beständig dramatisch hohen Abtreibungsquote. Wir sind ein Volk, das sehr satt geworden ist an Gütern und Möglichkeiten der Lebensgestalten; aber dafür nicht unbedingt gesünder, sondern insgesamt womöglich vor allem seelisch kränker und beziehungsärmer.

Kann es also sein, dass nun Hunderttausende von Menschen kommen, die uns in geistlicher Hinsicht mehrfach herausfordern – auch wieder „von außen“ – weil wir es aus der Kraft eigener Innerlichkeit nicht mehr können? Kann es sein, dass da viele Menschen kommen, die einen intensiven, wenn auch zumeist anderen Glauben haben als wir – und die uns fragen: Wem und was glaubt eigentlich ihr? Kann es sein, dass da Menschen kommen mit vielen Kindern und ganz anderen Bedürfnissen und Fähigkeiten im sozialen und familiären Zusammenhalt, die uns fragen: Wo sind eigentlich eure eigenen Kinder? Kann es sein, dass wir angesichts unseres Reichtums gefragt werden: Warum habt ihr das alles für euch alleine? Kann es sein, dass uns unser Gott auf diese Weise, durch die Flüchtlinge – die ja auch seine Kinder sind – an das erinnert, was uns fehlt: In sozialer, familiärer Hinsicht – und vor allem an Innerlichkeit und Glauben? Und wenn das sein kann: Welches kann dann in geistlicher Hinsicht unsere Antwort sein? Und unsere immer wieder neu zu entdeckende Sendung vom Evangelium her?

Die christliche „Wüste“

Nur wenige Aspekte des Versuches einer Antwort: Christus zeigt sich und schenkt sich im Evangelium denen, die arm sind vor ihm. Dabei ist Armut vor allem und zuerst eine Haltung, eine Haltung der inneren Offenheit und Leere, die von Gott alles erwartet (Mt 5, 3; Mt 18,3). Es ist also auch für uns Christen diejenige Haltung, die Menschen auch heute in dem finden und lernen, was mit dem Bild der Wüste bezeichnet ist. Der Evangelist Johannes schreibt (3,14-15): „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ Geistlich gesprochen wird es also darum gehen, unter dem am Kreuz Erhöhten vertrauensvoll auszuharren – und von dort her die Erneuerung und Auferstehung unseres Glaubens von Gott selbst zu erwarten. Und erst von dort her lernen wir wirkliche Freiheit von Angst vor dem Fremden. Wir lernen dort auch die Bereitschaft, vom Fremden zu lernen; und wir lernen den Freimut, voll Liebe, Freude und Hoffnung auch den Flüchtlingen von dem zu erzählen, der als Kind selbst ein Flüchtling war. Und der uns durch sein Kreuz und seine Auferstehung in die eigentliche Freiheit unseres Lebens geführt hat; in eine Freiheit, die letztlich in keinem Land dieser Welt zu finden ist, sondern zuerst im geheimnisvollen inneren „Land der Ruhe“ (Hebr 4), das Er uns geschenkt und eröffnet hat.