Mit jungen Menschen auf der Suche nach einer glaubwürdigen Kirche – Hirtenbrief zum 1. Advent

In Hirtenworte, Publikationen von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in den kommenden Wochen darf ich zwei Großereignisse mit jungen Menschen erleben und feiern: Am 28. Dezember werden mehr als 2000 Sternsinger aus ganz Deutschland in unseren wunderbaren Wallfahrtsort Altötting strömen. Das Bistum Passau ist nämlich in diesem Jahr Gastgeber der bundesweiten Sternsingeraussendung. Das zweite Großer-eignis wird dann vier Wochen später stattfinden: Als deutscher Jugendbischof fliege ich nach Panama zum Weltjugendtreffen mit Papst Franziskus. Dort werden, zusammen mit einigen Passauern, viele hunderttausend junge Menschen sein, die als große, junge Gemeinschaft ihren Glauben teilen und ihren Glauben feiern.

Kirchliche Grovevents sind beliebt und bereichernd – und dann?

Und wenn ich auf das vergangene Jahr zurückschaue, dann gab es zwei weitere Großereignisse für und mit jungen Menschen: Im August war die große Ministrantenwallfahrt nach Rom. Über 60 000 Minis aus ganz Deutschland waren da, 2 000 davon aus unserem Bistum. Und schließlich konnte ich im Oktober an der Bischofssynode teilnehmen, bei der sich vier Wochen lang 270 Bischöfe, aber auch junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen mit Papst Franziskus mit genau dieser Frage beschäftigt haben: Wie geht das eigentlich heute, dass wir als Kirche mit jungen Menschen gemeinsam unseren Glauben leben können? Und wie können wir dazu beitragen, dass sie ihr Leben aus dem Glauben gestalten; dass sie zu Jesus finden und so in ein frohes, sinnvolles Leben?

Die genannten Großereignisse zeigen uns: Ja, es gibt viele von ihnen, es gibt viele junge Menschen, die gerne in der Gemeinschaft der Kirche sind, die ihr großes Potenzial einbringen wollen, die suchen – und damit Hoffnungszeichen für uns alle in der Kirche sind. Auch bei uns, hier im Bistum, haben wir einige sehr lebendige Jugendorte: die Jugend- verbände, die Ministrantengruppen, die Gruppen der Pfarrjugend, die Jugendchöre, die geistlichen Gemeinschaften und andere mehr.

Aber wenn wir dann genauer hinschauen, in unsere eigene kirchliche Realität vor Ort, dann spüren wir so oft, dass es doch schwerer wird, jungen Menschen zu helfen, ihren Glauben zu entdecken und zu leben. Vieles in unserer Kirche wirkt für junge Menschen gar nicht mehr anziehend. Sie haben oft den Eindruck, dass sie keine Antworten bekommen auf ihre Fragen, ihre Suche, ihre Sehnsüchte. Manche scheinen auch gar keine tieferen Fragen zu haben – oder aber sie suchen die Antworten nicht bei uns. Einfach weil sie genug haben davon, dass die Kirche so oft mit Skandalen in den Medien auftaucht oder schlicht, weil so wenig andere Jugendliche noch da sind, wenn sie dann doch mal in den Gottesdienst kommen. Oder auch, weil sie sich dort dann so wenig mit hineingenommen und angesprochen fühlen.

Der Wunsch nach einer authentischen Kirche

Ein ganz entscheidendes Stichwort dazu ist das Wort von der Glaubwürdigkeit: In denTreffen vor und während der Jugendsynode in Rom haben junge Menschen aus der ganzen Welt immer wieder gesagt: Wir wünschen uns eine authentische Kirche mit authentischen Menschen; mit Menschen, die selbst tief im Glauben stehen – und die doch auch zu ihren eigenen Schwächen oder Zweifeln stehen können. Sie sagen, wir wünschen uns Menschen, die mit uns gehen, die uns auch etwas zutrauen, die uns auch Fehler machen lassen, und die doch treu zu uns stehen, weil sie uns gernhaben.

Liebe Schwestern und Brüder, wie wird man eigentlich ein authentischer Christ? Paulus gibt uns in der zweiten Lesung einen wichtigen Hinweis dazu: Wir sollen so leben, sagt er, dass Jesus mit allen seinen Heiligen kommen könnte. Und das Evangelium schildert uns dieses Kommen als bedrohliches Szenario – außer für die, die wirklich auf ihn warten, weil sie ihn kennen und lieben.

Engagiert sein – um Jesu willen

Ich glaube daher: Echtheit, Authentisch-sein, wächst, wenn wir Jesus ehrlich lieben lernen, wenn wir ihm nachfolgen und dienen wollen – und zwar einfach um seinetwillen und um der Menschen willen. Und eben nicht, weil wir zuerst Dank oder Wertschätzung oder Anerkennung suchen. Fragen wir uns, wenn wir zum Beispiel in der Kirche engagiert sind: Würden wir den Dienst auch tun, wenn ihn keiner sieht? Einfach weil er für Jesus ist, oder einfach, weil es gut ist, dass er getan wird? Und nicht, weil mich jemand sieht und mir applaudiert? Das ist unsere Herausforderung: Wenn Jesus in unseren Herzen größer wird, weil wir ihn lieben, werden die Dinge weniger wichtig, die unser Ego streicheln. Aber der Dienst am Menschen wird uns wichtiger – und zwar einfach deshalb, weil sie auch Geschöpfe Jesu sind, die ihn genauso brauchen wie wir selbst.

Und wenn wir jetzt an die jungen Menschen in unseren Gemeinden denken und spüren, dass sie nicht mehr da sind? Wünschen wir uns, dass sie deshalb zurückkommen, damit unser gewohnter kirchlicher Betrieb wieder weitergeht, die Kirche voll ist und wir wieder schöne Gottesdienste haben? Oder wünschen wir uns, dass sie durch unseren gläubigen Dienst und unsere Gemeinschaft Jesus kennenlernen, und dass sie so in ihrem Leben Bedeutung und Sinn finden? Geht es uns also um uns oder geht es uns wirklich um sie?

Gebet und Kraft, Zeit und Liebe investieren

Ich möchte Sie von Herzen einladen, liebe Gläubige, dass wir uns in der Adventszeit miteinander dieser Gewissenserforschung unterziehen: Ist es uns wirklich ein Herzensanliegen, dass unsere jungen Menschen ihr Herz für Jesus öffnen und ihn finden? Und, wennja: Könnten wir das in Zukunft zum Beispiel zu einer Priorität in unserem Pfarreileben machen? Dass wir hier wirklich von neuem Gebet und Kraft, Zeit und Liebe investieren für sie und mit ihnen – als einzelne, aber auch als Pfarrgemeinde? Selbst dann, wenn es nur wenige junge Menschen sind? Lassen wir es zu, dass sie uns herausfordern, unbequemeFragen stellen, dass sie Zeit und Raum und vielleicht auch Geldmittel beanspruchen, um Heimat zu finden in unserer Pfarrei – und letztlich bei Jesus? Gibt es unter uns welche,die wirklich ein Herz haben für junge Menschen, einfach, weil sie jung sind – auch dann noch, wenn sie uns anstrengen? Ich möchte Sie einladen: Gehen wir mit diesem Anliegen auf Weihnachten zu: Bitten wir den Herrn, dass er in uns neu geboren wird, dass er uns im Herzen aufgeht. Und dass wir so auch dabei mithelfen können, dass er in den Herzen vieler junger Menschen von neuem aufgeht, auf dass sie wirklich erfahren können, dass sie geliebte Kinder Gottes sind, Geschwister Jesu. Gotte segne Sie alle, und ganz besonders die jungen Menschen, die Sie im Herzen haben. Amen.

Passau, 1. Adventssonntag 2018

Dr. Stefan Oster SDB, Bischof von Passau

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