Über Autorität und Profil – Wolfgang Beier zu Ehren

In Ansprachen, Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Rede anlässlich der Verabschiedung von Wolfgang Beier als Vorsitzender des Diözesanrates im Bistum Passau

Sehr geehrte Herr Beier, liebe Familie Beier, liebe Fest- und Ehrengäste,

diese Rede ist eine schöne und zugleich schwierige Aufgabe. Ich möchte einen Mann würdigen, den wir alle kennen und dessen Arbeit wir überaus schätzen. Aber zugleich einen Mann, der leider geht – aus eigenem, reiflich überlegtem Entschluss nach 12 Jahren im Dienst. Und auch wenn man – wie Trude Herr singt – niemals so ganz geht, so geht Wolfgang Beier doch als Vorsitzender des Diözesanrates in unserem schönen Bistum. Er geht aus der Funktion also, in der er einerseits ein allseits bekanntes und geschätztes Gesicht nach innen und außen für unsere Kirche und für unsere Gesellschaft ist – und zugleich mein und unser wichtigster Ansprech- und Kooperationspartner für den Laienkatholizismus in unserem Bistum.

Die äußeren Lebensdaten

Wolfgang Beier wurde 1951 in Königsdorf geboren, er hat 1971 sein Abitur in Bad Tölz gemacht und anschließend an der LMU München Jura studiert. 1979 wurde er Staatsanwalt in München. Und 1980 markiert dann das Jahr, in dem er in unser Bistum umgezogen ist, nämlich nach Haiming im Landkreis Altötting, wo er bis heute lebt. 1984 wurde er Richter am Amtsgericht und blieb das bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2013. Seit 2014 ist er Bürgermeister in Haiming. Wolfgang Beier ist mit Hedwig Beier verheiratet, die beiden haben fünf Kinder, nämlich Martin, Magdalena, Dorothea, Teresa und Barbara, von denen die ersten vier Genannten heute Abend auch hier sind.

Das ehrenamtliche Engagement

Ehrenamtlich war Wolfgang Baier seit seiner Jugend in Kirche und Staat engagiert. Unter anderem als Mitglied des Haiminger Gemeinderates, als Diözesanvorsitzender in der Landjugend und Landvolkbewegung, sowie als Landesvorsitzender beim Landvolk. Vom Landvolk her ist ihm und seiner Frau Hedwig auch der große, aber für viele auch sperrige Heilige Bruder Klaus von der Flüe eine besonders wichtige geistliche Orientierungsgestalt, freilich auch dessen Frau Dorothee. In unserem Bistum ist Wolfgang Beier seit 20 Jahren Mitglied des Diözesanrates, kurz zuvor schon und auch danach war er Mitglied in Projektgruppen zur Erarbeitung des Passauer Pastoralplanes. Im Oktober 2002 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden und 2006 zum Vorsitzenden unseres Diözesanrates gewählt, nachdem sein Vorgänger Gerhard Spranger im Amt schwer krank geworden und dann doch eher plötzlich verstorben war.

Ich persönlich durfte Wolfgang Beier in den vergangenen viereinhalb Jahren seit meinem Dienstantritt in Passau ziemlich häufig begegnen, da er sich bereit erklärt hatte, neben seinen Ämtern im Diözesanrat, im Aufsichtsrat der Caritas oder im Diözesansteuerausschuss  auch in zwei weiteren Gremien mitzuwirken, die ich für den Weg der pastoralen und strukturellen Erneuerung in unserem Bistum ins Leben gerufen hatte. Das eine Gremium ist die Kommission für die neue Evangelisierung, das zweite die so genannte Steuerungsgruppe für eben diesen Weg der Erneuerung. Und gerade in diesen beiden Gremien, aber auch in so manch anderer persönlicher Begegnung oder Unternehmung lernte ich Wolfgang Beier kennen und schätzen.

Nachdenken über Macht

Ich möchte das an zwei Begriffen deutlich machen, die mir im Lauf der Jahre des philosophischen und theologischen Nachdenkens wichtig geworden sind: Der erste Begriff heißt Autorität. Sie alle wissen, dass wir in der Kirche derzeit intensiv über die Frage nach der Macht diskutieren; Papst Franziskus spricht gerade im Kontext der furchtbaren Erkenntnisse über sexuellen Missbrauch in der Kirche häufig von Klerikalismus als eine der Ursachen für diesen Missbrauch – und er meint damit unter anderem ein verkehrtes Verständnis von Machtausübung im geistlichen und weltlichen Sinn. Freilich, überall wo Menschen sich organisieren um gemeinsam Ziele zu erreichen, gibt es Macht, reale Macht über Menschen, Dinge, Strukturen. Und als solche ist Macht auch wichtig, damit fähige Personen auch gestalten können, damit wichtige und gute Ziele verfolgt und erreicht werden können. Deswegen ist Macht als Gestaltungsmöglichkeit an sich nicht einfach negativ oder schlecht. Schlecht wird sie erst, wenn sie aus verkehrten Motiven heraus zu verkehrten, meist egozentrischen Zielen eingesetzt wird. Und das Gefährliche an Macht ist, dass sie korrumpieren kann; dass sie Machthabern die Möglichkeit gibt, rein persönliche Interessen zu verfolgen – nicht selten unter dem Schein des vermeintlich Guten für alle. Wer von uns würde nicht mächtige Menschen kennen, denen er nicht über den Weg traut?

Macht und Kontrolle

Daher ist in unserer Kultur auch die Überzeugung gewachsen, dass Macht kontrolliert werden muss, vor allem durch Institutionen, die dieses Kontrollrecht haben und ihrerseits auch die Macht, es dann auch auszuüben. Und ich sage es ganz offen, als Bischof habe ich reale Macht – und weiß um die innere Versuchung, mich machtvoll durchzusetzen – ohne vielleicht schon immer klar unterscheiden zu können: Würde ich dieses oder jenes im Kleinen und im Großen jetzt vor allem für mich und zum Beispiel für das eigene Ansehen durchsetzen wollen oder wirklich als echtes Gut für andere, für die Sache? Daher bin ich wirklich dafür, dass wir auch in unserer Kirche unser Recht weiterentwickeln und auch für den bischöflichen Dienst noch wirkungsvollere Kontrollmechanismen der Macht entwickeln, als wir sie bis jetzt haben. Der Diözesansteuerausschuss ist schon so ein Gremium, in dem bischöfliche finanzielle Macht oder auch die Macht der Finanzkammer kontrolliert wird – und Wolfgang Beier ist einer, der hier in wohltuend sachlicher und kompetenter Weise mitwirkt. Ebenso tut er das im Aufsichtsrat unserer Caritas – auch das ein Gremium, in dem auf das geschaut wird, was die Hauptverantwortlichen tun, wie sie es tun, was sie anstreben und welche Mittel sie dafür einsetzen. An diesen Stellen kontrolliert Wolfgang Beier Macht, ebenso wie in der erwähnten Steuerungsgruppe des diözesanen Prozesses.

Autorität: Wachsen lassen

Aber Wolfgang Beier tut es eben mit Autorität – und ich möchte diesen Begriff jetzt kurz näher betrachten. Denn äußerlich gesehen könnte man ihn fast gleichsetzen und wechselseitig verwenden mit dem Begriff der Macht. Jemand hat dann die Macht oder eben die Autorität etwas durchzusetzen. Aber jeder, der das Wort Autorität in einem weiteren Sinn verwendet und darüber nachdenkt, der merkt, dass dieser weitere Sinn oft weniger mit einem Amt als mit einer Person verbunden gedacht wird. Wir sagen dann manchmal: „dieser Mensch hat Autorität“. Und wir meinen damit: Er kann Einfluss ausüben über andere – und oft eben gerade kraft seiner Persönlichkeit und nicht einfach kraft des mächtigen Amtes. Manchmal sagen wir sogar: „dieser Mensch ist eine Autorität“ – eben weil seine Persönlichkeit so wirkungsvoll ausstrahlt und in der Lage ist, andere Menschen mitzunehmen oder in seinen Bann zu ziehen. Und im Augenblick in dem ich das sage, merken Sie vielleicht, dass auch der Begriff der Autorität im weiteren Sinn auch schon wieder zweideutig ist. Ja, ich kann als Persönlichkeit Autorität ausstrahlen, Menschen beeinflussen – aber ich kann es auch hier wieder im negativen oder positiven Sinn. Ich kann wirklich helfende Autorität sein, unterstützende Autorität oder manipulierende. Ich kann mit Autorität ein Rattenfänger sein oder einer, dem wirklich etwas an der guten Sache oder den anderen Menschen liegt. Und in diesem letzten Sinn entfaltet sich für mich dann der eigentliche Begriff von Autorität: Das lateinische Wort für Autorität ist auctoritas und das Verb augere ist seine Wurzel. Und augere heißt wörtlich: wachsen lassen, vermehren.

Deshalb ist gerade für uns als Menschen der Kirche dieses Verständnis von Autorität überaus wichtig: Ist diese Person, die da Macht ausübt oder Autorität ausstrahlt, wirklich ein Mensch, dem es um die gute Sache und um die guten Menschen geht? Lässt er mitkommen, lässt er wachsen?  Hilft er den Menschen um sich herum, besser zu werden in dem, was sie tun? Hat er Interesse an ihnen und ihrem Weg? Lieber Herr Beier, liebe Festgäste, eine Autorität ist man nicht einfach, man wird es. Man wird es im Gehen des Weges, im Reifen des Lebensweges, auch in der Fähigkeit, mit eigenen Niederlagen und Fehlern umzugehen, auch im Fertigwerden mit den eigenen Grenzen – aber man wird es vor allem in der Liebe und Zuwendung zu Gott und den Menschen. Unser Gott ist die größte, mächtigste Autorität des Universums – und er hat sich unfassbar klein gemacht, damit wir an ihm nicht zerbrechen, sondern mit seiner Hilfe und seiner Gnade wachsen können, mehr werden können. Von Herrn Beier weiß ich auch aus dem persönlichen Gespräch, dass ihm dieser Gott, den er von Kindheit an als den liebenden, den menschenzugewandten Gott kennenlernen durfte, die bleibende Bezugsperson für sein Leben und Handeln als Mensch und als Christ gewesen ist und natürlich immer noch ist. Und ich möchte sagen, dass ich ihn in unserem gemeinsamen Dienst, in unseren Suchbewegungen als eine wirkliche Autorität kennenlernen durfte, als einem Mann, dem es wirklich um die Sache geht, um den Menschen, um den Glauben, um Gott – und im Grunde nie zuerst um sich selbst. Zumindest soweit ich das von außen sagen kann. Und für dieses Zeugnis bin ich sehr dankbar, Herr Beier.

Profil: Innere und äußere Übereinstimmung

Der zweite Begriff, den ich mit Ihnen noch bedenken möchte, und der mit dem der Autorität zusammenhängt, ist der des Profils. Wenn ich dem Gehalt dieses Wortes nachspüre, dann denke ich an Umriss, an Grenze, an Unterschiedenheit. Ein Mensch mit Profil ist einer, der Konturen hat, der erkennbar ist, weil er sich unterscheidet. Aber – wie sollte es in dieser zweideutigen Welt auch anders sein – auch dieses Wort ist mindestens zweideutig, mehr noch es ist eher vieldeutig. Wie viele Menschen, Gruppen, Institutionen, Unternehmen, Kirchen arbeiten heute nicht an ihrer Profilbildung? Und manchmal spürt man: Wenn diese Profilbildung nur durch äußere Maßnahmen erreicht wird, etwa durch eine Imagekampagne oder ähnliches, dann besteht die Gefahr, dass es eben nur ein äußeres und damit ein letztlich hohles Profil ist, äußere Umrisse, äußere Hülle. Auch wir in der Kirche arbeiten vielfach am Profil in unseren Einrichtungen, an unseren spezifischen Erkennungsmerkmalen, die uns positiv unterscheiden von anderen. Und wir spüren alle: Wenn das nicht durch die Arbeit am inneren Kern, am Herz des Ganzen gedeckt ist, verkaufen wir eine Mogelpackung.

Woher kommt aber ein echtes, ein natürliches Profil, eine positive Unterschiedenheit, die nicht in schlechter Gleichförmigkeit untergeht? Meines Erachtens braucht es für die Antwort auch wieder einen Blick auf unser christliches Menschenbild. Unser Gott ist ein erlösender, befreiender Gott, er erlöst von Sünde und Tod, er kann erlösen von Strukturen und schlechten Angewohnheiten, die uns gefangen nehmen, von Lieblosigkeit und Vertrauenslosigkeit. Wir schauen auf ihn voll Vertrauen, wir glauben an ihn und seine Gegenwart und wir können uns in diesem Vertrauen auf die Welt und die Menschen einlassen – ohne zuerst an uns selbst zu denken. Es ist schwer genug, dieses Sich-selbst-vergessen im guten Sinn. Aber wir wissen dann eben auch aus Erfahrung, dass Menschen, die sich aus so einer Haltung heraus für Gott und die Welt einsetzen, dass diese Menschen immer mehr werden, wer oder was sie eigentlich sind: Unersetzbare, unwiederbringliche, unvertauschbare und unverwechselbare Personen. Man kann dann ahnen, dass Gott sie jetzt genau an diesen Ort hingestellt hat, damit sie eben das tun, was jetzt nur sie tun können und niemand anderer. Eben Personen, in denen Gott mit am Werk sein darf und sie werden lässt, wer sie sind. Werde, der du bist, ist ein alter Imperativ der klassischen, griechischen Lehre vom Menschen, den die Christen gerne aufgegriffen und dann quasi getauft haben. Denn wir sagen: Mit der Hilfe Jesu können wir immer mehr die werden, als die Gott uns gemeint hat. Und solche Menschen, liebe Festgäste, die müssen nicht eigens an ihrem Profil arbeiten. Die haben es schon, von innen her. Sie unterscheiden sich im guten Sinn von anderen. Und In diesem Sinne meine ich auch an Wolfgang Beier zu sehen, dass er nicht nur Autorität im guten Sinne hat, sondern eben auch Profil: als ein unverwechselbarer Zeitgenosse für unsere Kirche und die Welt und Gesellschaft von heute. Durchaus kritisch, aber stets auch loyal, gesprächsbereit und die gemeinsame Lösung suchend.

Herzensveränderung

Und schließlich, liebe Festgäste, habe ich auch ein wenig erleben dürfen, dass – sofern ich das sagen kann – dass unsere gemeinsame Suchbewegung in der Kommission für die neue Evangelisierung, auch in der natürlichen Autorität und dem profilierten Menschen Wolfgang Beier noch einmal etwas ausgelöst und vielleicht sogar verändert hat. Ohne zu persönlich zu werden meine ich gespürt zu haben, dass Sie, lieber Herr Beier, auch mich und mein eigentliches Grundanliegen oder dessen Kern in den vergangenen Jahren immer besser verstanden haben. Ich habe davon vorhin in der Andacht gesprochen – mit dem Blick auf den Herrn und die Wichtigkeit unserer Beziehung zu ihm. Und ich meine mit Verstehen nicht zuerst den Kopf, sondern das Herz oder besser den ganzen Menschen Wolfgang Beier.

Und dass ich in solchen Prozessen für den Glauben, für unser Bistum, für den einzelnen Menschen mit Ihnen gemeinsam auch lernen und Wege suchen darf, dafür bin ich einmal mehr überaus dankbar, lieber Herr Beier. Und für alles andere, was ich schon genannt habe. Mein verehrter Lehrer, dem ich selbst so viel verdanke, hat immer gesagt: Ein Mensch ist dem anderen immer zugleich Kranker und Krankenpfleger oder Gabe und Geber oder Sonne und Sonnenblume. Auch solche Gegenseitigkeit habe ich immer wieder erlebt. In diesem Sinne möchte ich meinen Dank auch zum Ausdruck bringen, in einem besonderen Akt den ich heute zum ersten Mal als Bischof vornehmen darf.

Ein Orden

Wir haben in Rom um eine päpstliche Auszeichnung für Sie gebeten und ich darf Ihnen heute aus herzlichem Dank und großer Anerkennung den Gregorius-Orden verleihen, genauer den Päpstlichen Ritterorden des heiligen Gregor des Großen. Er ist einer der höchsten Auszeichnungen für Laien, die der Papst zu vergeben hat. Diejenigen Orden, die noch darüber stehen, werden in der Regel nur an Persönlichkeiten wie Staatsoberhäupter oder an Mitglieder hoher Adelsfamilien verliehen. Der Gregoriusorden wurde von Papst Gregor XVI. gestiftet und ab dem Jahr 1834 insbesondere „für den Eifer in der Verteidigung der katholischen Religion“ verliehen, wie es damals hieß. Benannt ist er nach Papst Gregor I., dem Großen, der sich sowohl als großer Theologe wie auch als geschickter Politiker und Verwalter des Kirchenstaates ausgezeichnet hat. Papst Johannes Paul II. hat den Orden 1993 erneuert und ihn auch für Frauen als Empfängerinnen geöffnet.

Den Gregorius Orden gibt es in der zivilen und in der militärischen Ausgabe (für Angehörige des Militärs). Die Insignien zeigen auf einem achtzackigen, goldenen rot emaillierten Kreuz auf der Vorderseite des blauen Mittelschildes das Bild Gregors des großen mit einer Taube Rückseitig befindet sich die Inschrift „Pro Deo et Principe“ und inmitten eines goldenen Kreises „Gregorius XVI. P.M. Anno I.“ Die Träger des Gregorius-Ordens genießen keine besonderen Privilegien, außer das Recht, mit dem Pferd in den Petersdom zu reiten, was aber aus praktischen Gründen nicht praktiziert wird.

Lieber Herr Beier, herzlichen Glückwünsch, herzlichen Dank und Gottes Segen für Sie und alle, die der Herr Ihnen anvertraut hat.

 

 

 

 

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