Weltgebetstag für geistliche Berufe in Hutthurm

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Schwestern und Brüder im Glauben,

warum gehen Menschen heute oder überhaupt in die Kirche? Ein Teil der Antwort sind äußere Gründe, Tradition, Pflichtbewusstsein, regelmäßiger Rhythmus unsres Lebens, oder vielleicht auch, weil wir der frommen Oma einen Gefallen tun wollen. Alles das sind Gründe, die zunächst nicht schlecht sind, die auch für uns alle zutreffen. Aber wir hätten wohl alle auch ein ungutes Gefühl, wenn solche eher äußeren Gründe schon das Ganze der Antwort auf die Frage ausmachen: warum gehst Du in die Kirche? Es gibt also noch mehr und noch wichtigere Gründe, solche, die eher aus uns selbst kommen, die aus eigenem Antrieb, aus eigener Entscheidung kommen. Eine Frau sagte mir kürzlich: „ich gehe in die Kirche, weil ich glaube, dass es was Höheres gibt, eine gute Kraft, die mein Leben begleitet. Und ich tue es in der katholischen Kirche, weil das eben meine Tradition ist, meine Heimat.“ Auch hier merken wir: das ist schon ein Grund, der innerlicher geworden ist, der aus eigener Überzeugung wächst, als ein freier Entschluss. Aber auch hier merken wir, dass da jeweils noch Raum bleibt für noch tiefere, noch persönlichere Überzeugungen. Es bleibt Raum für Überzeugungen, die irgendwie das Ganze des Lebens betreffen und nicht nur einen Ausschnitt davon. Zumal unser Gott ja nicht einfach nur „etwas Höheres ist, sondern der Höchste“. Von Ludwig Wittgenstein gibt es das schöne Bild: Überzeugungen sind wie das Flussbett, in dem der Fluss der Gedanken dahin fließt, Vielleicht müsste man sogar sagen, in denen der Fluss des Lebens dahin fließt. Überzeugungen sind das darunter Liegende, das Tragende des Lebens. Sie sind vor allem auch das, was dem Leben Form und Richtung gibt. Diejenigen Überzeugungen also, die unser Leben am meisten formen, die es tragen, die das Flussbett bilden, das sind die zentralsten und wichtigsten. Und wo steht da unser Glaube? Ist er die Grundüberzeugung, die das Flussbett ausmacht und bildet? Oder ist er vielleicht eher eine kleine Insel etwa, mitten im Lebensfluss, auf die ich mich da und dort flüchte, oder auch ein größerer Stein im Fluss, an dem der Lebensfluss zwar anstößt, der ihn vielleicht beeinflusst, an dem er aber auch ganz gut herum fließen kann? Wie und wann wird der Glaube zum alles tragenden Flussbett selbst?

Betrachten wir dazu die Stelle aus dem Johannes-Evangelium, die wir gehört haben. Maria Magdalena steht am Grab des Auferstandenen, sie war schon bei den Jüngern und hat es bekannt gegeben: Das Grab ist leer, jemand hat den Herrn weggenommen. Die beiden Jünger, Petrus und Johannes, laufen zum Grab und finden es ebenfalls leer. Und sie gehen wieder heim, voller Fragen sicherlich, was wohl passiert sein könnte. Maria aber bleibt am Grab stehen. Sie, die voller Liebe für den Herrn war, der sie einmal geheilt und tief berührt hatte. Sie steht mit verweinten Augen da und schaut in das leere Grab hinein. Und immerhin sie steht noch da.

Hier können wir schon einmal innehalten und versuchen, die Dinge auf unser Leben zu beziehen. Auch wir suchen immer wieder nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens, und wir gehen vielleicht auch dorthin, wo wir Antworten vermuten, wo wir auf Antworten hoffen. Wir gehen also vielleicht in die Kirche; und nun ist die Frage: haben wir genügend Sehnsucht, wollen wir wirklich dem Geheimnis auf die Spur kommen. Bleiben wir voll Sehnsucht wie Maria beim Grab stehen und schauen trotzdem noch einmal dort hinein, wo eine nur weltliche Vernunft eben nicht mehr als nur ein leeres Grab vermutet. Ist die Kirche auch nur ein leeres Grab? Totes Gebäude? Oder gibt es vielleicht doch Hinweiszeichen, Ungewöhnliches in dieser Kirche? Gibt es nicht vielleicht doch den weg gewälzten Stein. Gibt es nicht immer wieder Menschen oder Ereignisse in der Kirche, die mich schon ahnen lassen: Da ist vielleicht doch mehr Kraft und Leben dahinter? Gibt es nicht immer auch wirklich große Menschen in der Kirche, Mutter Theresa etwa oder Bruder Konrad oder viele andere? Welche großen Steine haben die nicht alles bewegt und was ist nicht alles von denen ausgegangen? Sind die nicht Hinweiszeichen, Boten Gottes mitten im vermeintlich dunklen, leeren Grab Kirche?

Maria von Magdala sieht nun auf einmal zwei Engel da sitzen, die sie fragen, warum sie weint. Und seltsamerweise scheint sie sich gar nicht zu wundern, sondern spricht einfach ihre Trauer, ihre Sorge noch einmal aus: Man hat meinen Herrn weggenommen. Sie sagt „meinen Herrn“. Sie scheint in der Sorge und Trauer um ihren Herrn irgendwie noch ganz bei sich, bei ihren eigenen Vorstellungen von dem zu sein, was geschehen ist. Sie erwartet irgendwie, dass sich alles nach ihren Vorstellungen zu richten hat; und beachtet offenbar gar nicht genauer die seltsame Erscheinung der zwei Engel.

Wieder die Frage an uns: Kann es sein, dass wir in der Kirche vor allem das erwarten, was wir gerade sehen oder hören oder erleben wollen? Kann es nicht sein, dass wir wollen, dass sich der Glaube mehr nach uns richten soll? So, dass unser Flussbett von unseren selbst gemachten Glaubens- und Gottesvorstellungen geformt wird, und Gott soll darin dann so vorkommen, dass er uns in das Lebenskonzept passt und nicht umgekehrt? Und so, dass wir die vielen Hinweiszeichen, die Boten, die wirklich überzeugenden Menschen, die aus Gott leben, gar nicht wirklich erkennen? Dass wir nur auf das andere sehen, was wir sehen wollen? Oder nur auf das leere Grab?

Nun, sehen wir, was Maria passiert: Plötzlich steht Jesus hinter ihr. Sie weiß es aber noch nicht, sie erkennt ihn nicht. Sie bleibt immer noch in ihren eigenen Vorstellungen und Sehnsüchten gefangen und versucht mit ihrer natürlichen Vernunft sich selbst zu erklären: es ist der Gärtner der Grabanlage. Sie denkt, der Gärtner hat den Leichnam weggetragen und sie würde ihn gern wiederhaben. Für sich, als Objekt ihrer Trauer. Auch hier können wir wieder fragen: Kennen wir so etwas nicht von uns? Wir bekommen Hinweise, wir erleben vieles Gutes, was geschieht, wir erleben hoffentlich auch den einen oder anderen wirklich überzeugten und überzeugenden Glaubenden und doch bleiben unsere Augen und unser Herz oft noch eher am Dunklen oder am Toten hängen, oder an allem, was unserem kritischen Blick zuerst ins Auge springt. Sind nicht Priester oder Mitarbeiterinnen der Kirche, am Ende nicht doch nur Funktionäre, Gärtner einer Grabanlage für Altes oder Totes?

Bei Maria passiert dann das ganz Unerwartete, aber das alles Entscheidende. Jesus sagt ihren Namen: Maria. Und jetzt erst dreht sie sich um, jetzt dreht sie sich wirklich um, auch innerlich, jetzt be-kehrt sie sich sozusagen von sich weg ganz zu ihm hin und jetzt erkennt und bekennt sie ihn als ihren Meister: Rabbuni. Hier erfüllt sich ein früheres Wort aus dem Johannes-Evangelium, dem des heutigen Sonntags vom Guten Hirten: Die Meinen kennen meine Stimme. Und die Stimme des Herrn ist eine, die genau mich meint, die mich beim Namen ruft, das bedeutet, dass sie mich im Innersten berührt.

Und dieses Berührtwerden, Schwestern und Brüder, das hat eine solche Qualität, dass es ein Leben wirklich neu prägen und verändern kann, dass es ein Flussbett des Lebens ganz neu formen kann, dass es den Lauf des Flusses neu beeinflussen kann; es kann diesen Fluss weiter machen und reicher an Wasser und vor allem klarer und tiefer. Die wirkliche Begegnung mit Jesus hat eine Qualität, die meine Erwartungen immer irgendwie übersteigt. Und wenn ich mich darauf einlasse, wenn ich mich wirklich umwende, ihm zuwende, dann spüre ich zugleich: es ist übersteigt nicht nur meine Erwartungen, sondern darin liegt zugleich eine Erfahrung, die Antworten gibt auf die tiefsten Fragen und Sehnsüchte meines Lebens. Auf die Frage nach der Wahrheit, und auf die Sehnsucht nach Liebe und Sinn. ER und niemand anders ist in Person die Antwort auf all unsere Fragen und Sehnsüchte. Und diese Person meint dich und mich, er ruft uns beim Namen.

Bei Maria von Magdala ist die Begegnung mit dem Ruf Rabbuni noch nicht zu Ende. Jesus sagt ihr: Halte mich nicht fest! Vielleicht will Maria das, was sie erfahren hat, jetzt endlich bewahren, festhalten, ihr Herr soll ihr nicht wieder weggehen, sie will vielleicht auch wieder zu alten Verhältnissen mit ihm zurück: Endlich ist er ja wieder da. Aber der Herr weist sie zurück: Ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem und eurem Vater. Die Erfahrung des Auferstandenen soll vom Vater her für alle möglich werden, jeder Mensch, der aufrichtigen Herzens den Herrn sucht, soll und darf erfahren: ich bin gemeint, ich bin beim Namen gerufen. Für Maria bedeutet diese Begegnung zugleich die Erfahrung ihrer Berufung. Sie muss gehen, sie darf ihn nicht festhalten. Aber sie macht die Erfahrung, dass sie gerade im Gehen zu den Menschen ganz bei IHM bleibt. Die Kirchenväter werden Maria Magdalena die Apostelin der Apostel nennen. Ihr Leben ist es fortan, die Gegenwart des Auferstandenen zu bezeugen. Darin erfüllt sich ihr Leben und darin bekommt es allen Sinn und alle Tiefe. Das Flussbett ihres Lebens wurde von dieser Begegnung mit dem Herrn und durch ihn neu angelegt, fester, wirklicher und tiefer als alles, was vorher war.

Das Evangelium, Schwestern und Brüder, wird freilich für uns erzählt. Auf dass wir unser Herz offen halten und bereit, dass wir voll Sehnsucht bleiben. Auf dass auch wir von ihm immer wieder im Innersten berührt werden und antworten können: Hier bin ich Herr, du rufst mich und du sendest mich. Ich vertraue darauf, dass darin der tiefste Sinn meines Lebens liegt.

Amen

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