100 Jahre Ostbairische Heimatforschung – das feierte der Verein für Ostbairische Heimatforschung und das Institut für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen im Oktober 2026. Das Grußwort zum Festakt hier zum Nachlesen.
Den vollständigen Wortlaut des Grußworts zu 100 Jahre Ostbairische Heimatforschung von Bischof Stefan Oster finden Sie hier:
Liebe Freundinnen und Freunde der Ostbaierischen Heimat- und Kulturraumforschung, verehrte Fest- und Ehrengäste,
herzlich danke ich zunächst für Ihre beeindruckende Arbeit in den letzten 100 Jahren sowohl als Verein, wie auch als wissenschaftliches Institut.
Als ich vor über 40 Jahren als Journalist beim Straubinger Tagblatt angefangen habe zu arbeiten, ist mir zum ersten Mal der Begriff Ostbayern untergekommen. Das war einem 20jährigen noch nicht im aktiven oder passiven Wortschatz gegeben. Ich habe damals verstanden, dass die beiden Regierungsbezirke Niederbayern und Oberpfalz diesen Raum bilden. Und ich war dann bei der Zeitung auch in der Redaktion, die diese Region abgedeckt hat.
Ich habe also auch angefangen hier überall Termine wahrzunehmen – in Ostbayern. Und dabei habe ich natürlich gelernt, dass ich selber Ostbayer bin, in der Oberpfalz geboren und zur Arbeit in Niederbayern, die meiste Zeit meiner Jugend in Regensburg verbracht – im Nachhinein quasi eine ostbayerische Metropole. Denn auch Menschen aus dem niederbayerischen Kelheim oder aus der Hallertau orientieren sich räumlich eher nach Regensburg als zum Beispiel nach Landshut. Ostbayern politisch.
Dann bin ich vor 12 Jahren Bischof in Passau geworden und habe gelernt, wie weit sich unser Bistum bis in die Neuzeit hinein nach Österreich ausgestreckt hat und welche weitreichenden Impulse von hier aus ausgingen, etwa auch ins Böhmische. Und hab nun gelernt, dass man das Wort Ostbaiern auch mit „i“ statt mit „y“ schreiben kann. Und damit eben mehr erzählt als über Grenzen von Regierungsbezirken.
Geschichte als Kulturraumforschung und verbunden damit auch das Wort Heimat, also auch als Heimatforschung – Weil natürlich Geschichte, Sprache, Kunst, Volkstraditionen, Archäologie, Musik, und natürlich Kirche und ihre Glaubenstraditionen in ihrer Vielfalt, aber dann auch in ihrem Gemeinsamen dazu beitragen, dass sich für Menschen Heimaterfahrung als Identitätserfahrung ausbilden kann.
Ich habe vor Jahrzehnten auch ein wenig Geschichte studiert – und zwar meistens im Zusammenhang oder unter dem Blick von Ideengeschichte oder Philosophie. Und hab mich dann immer wieder gefragt: Was kann man eigentlich sagen gegen das Argument „Geschichte als die Sinngebung des Sinnlosen“ – das ist ein Zitat und so heißt ein Buch von Theodor Lessing, das ein paar Jahre vor Ihrer Vereinsgründung herauskam, 1919.
Geschichte, so in etwa die These, sei keinesfalls objektive Wissenschaft, sondern eher der menschliche Versuch einem chaotisch verlaufenden Weltgeschehen im Nachhinein irgendeine rationale Ordnung und Bedeutung zu geben, gegebenenfalls auch moralische Bedeutung. Geschichte also eher als Mythos denn als Wissenschaft. Denn objektiv gebe es da nichts – außer den Versuch der Sinngebung durch den Menschen; von einem Sinn aber, den es gar nicht gibt.
Und wenn ich unser eigenes Leben anschaue, und die Geschichte jedes einzelnen Menschen hier im Raum, dann kann man im Grunde jeden und jede von uns als „erzählter Sinn“ beschreiben. Jeder und jede von uns, gefragt nach seinem Leben, erzählt eine Geschichte, in der er oder sie selbst einen bestimmten Ablauf von Ereignissen erzählt, denen er oder sie Bedeutung beimisst. Und wir könnten immer wieder fragen, warum ist das, was du da erzählst, bedeutungsvoll? Und warum ist zum Beispiel ein ähnliches Erleben für einen anderen gar nicht bedeutungsvoll? Beispiel ein Schulabschluss?
Oder: Welche Begegnungen gewinnen Bedeutung, so dass sie Teil des erzählten Sinnes werden, der ich selbst bin? Und warum fallen manche Ereignisse hinein und manche kommen gar nicht vor oder verschwinden wieder im Lauf eines Lebens? Warum ist also zum Beispiel die Begegnung mit meinem eigenen Philosophielehrer von überragender Bedeutung gewesen? Und für viele andere, die auch bei ihm studiert haben, hat er gar keine Bedeutung gehabt. Das wirft doch die Frage auf: Sind wir tatsächlich selber die Sinngeber unseres eigenen Lebens? Und konstruieren auch wir Bedeutung von Ereignissen oder Begegnungen in unser Leben hinein, die es objektiv gar nicht gibt?
Ist unsere so entstehende erzählte Identität unseres Lebens nur eine Konstruktion, ein Konstrukt, das es so nur gibt, weil ich es mir zuschreibe? Um mir so eine Identität zu geben, die es so gar nicht gibt? Blase ich mir eine vermeintliche Identität auf und fülle sie mit Bedeutung, die nur ich ihr gebe? Oder nur solche, die andere mir bestätigen? Sind auch wir also Konstrukteure eines Mythos von uns selbst, dem keinerlei objektive Realität zugrunde liegt?
Und weitergedacht: Nun schreiben Menschen, die womöglich ihre eigene Identität nur gedanklich konstruiert haben, eine Geschichte – ostbairische Heimatgeschichte – und konstruieren wiederum nur Bedeutungen von dem, was sie selbst für bedeutend halten? Feiern wir hier also einen 100jährigen, letztlich sinnlosen Mythos? Ein Ensemble von Konstruktionen von Bedeutungen von Menschen, die sich selbst sinnloserweise für bedeutend halten?
Sie sehen, ich habe hier den Advocatus Diaboli gespielt? Weil ich tatsächlich der Meinung bin, dass es natürlich objektive geschichtliche Tatsachen gibt, die sich erzählen lassen. Und die auch in ihrem Zusammenhang als Erzählung gefunden werden können, um Vergangenheit und heute Gewordenes besser zu verstehen?
Doch gleichzeitig wissen wir alle, wie anfällig gerade Geisteswissenschaften und damit auch Geschichte für ideologische Verblendung sind – und manche Geschichtserzählung oft vielmehr über den Autor und seine Wertungen erzählt, als über tatsächliches Geschehen.
Das Problem, das ich damit anreiße, ist natürlich riesig. Die mögliche Lösung auch. Aber ich möchte sie andeuten. Geschichte als Disziplin hat zur Voraussetzung, dass es Wahrheit gibt. Und zwar Wahrheit, die erkennbar ist und auf die sich Menschen gemeinsam beziehen können. Und analoges gibt es auch für die moralische Dimension, also für das, was gut ist und deshalb zum Beispiel auch sein soll. Das Gute soll sein. Und dieser Bezug auf das Gute ermöglicht dann auch Wertung. Denken Sie schlicht an Geschichte über die Zeit des Nationalsozialismus. Viele hätten wohl schon damals gewusst, was objektiv gut wäre zum Beispiel im Umgang mit jüdischen Mitbürgern – und konnten oder wollten doch dem Bösen nicht widerstehen.
Geschichte schreiben, Geschichte erzählen setzt also ein einigermaßen geteiltes Verständnis davon voraus, was wahr und was gut ist. Oder mehr noch: Dass es das Wahre und Gute schlechthin gibt, das uns Maßstab sein kann und sein soll.
Ich mach von hier einen großen Sprung zu uns einzelnen Menschen: Wir können erkennen und lieben. Wir sind auf Wahrheit und auf das Gute hin geordnet. Und unsere Geschichtserzählungen werden umso glaubwürdiger, je mehr wir uns als Einzelpersonen der Suche nach dem Wahren und Guten verpflichtet wissen – inmitten der unendlich vielen möglichen Erzählungen, die es gibt.
Wenn es nun aber in einer ungeordneten Welt, in einer oft genug verwirrten Welt, in einer Welt, die offenbar viele Menschen zunehmend heimatlos werden lässt, wenn es darin auch ein geschichtlich geprägtes Nachdenken über Heimat gibt, wie bei Ihnen im Institut und im Verein, dann so scheint mir, wird auch dieses Unterfangen am besten gelingen, wenn die innere Ahnung eines Menschen und sein inneres Streben nicht nur nach dem Wahren und Guten gepflegt wird, sondern auch nach dem, was des Menschen eigentliche und letzte Heimat ist.
Und so bin ich auch dankbar, dass die Geschichte von Glauben und Kirche in dieser, Ihrer Kulturraumforschung so eine große Rolle spielt. Weil es ja hier um ein Ineinander von so genannter profaner Geschichte und Heilsgeschichte geht. Und weil Heilsgeschichte insgesamt offen ist und offen sein muss, auf die Frage nach der letzten Heimat des Menschen.
Ich hoffe also sehr, dass es ihnen in Ihrem Bemühen gelingt, Menschen über unseren Kulturraum und seine Geschichte so zu informieren, dass Heimaterfahrung wächst, und Identität sich daraus formen kann. Und zwar so, dass sie die zugleich offen ist und sich ausstrecken kann auf das Wahre und Gute schlechthin und auf die Heimat in dem, der der Wahre und Gut schlechthin ist.
Geschichte ist dann nicht Sinngebung des Sinnlosen, sondern bleibende Suche nach dem Sinn, der immer schon da ist und der alles trägt. Wenn nämlich der Logos, der Sinn von allem, tatsächlich Fleisch geworden ist, wie das Johannesevangelium in seinem Prolog formuliert, dann dürfen wir uns verlassen, dass dieser Sinn damals in gewisser Weise neu in die Geschichte eingetreten ist. Und dass jede authentische Suche nach Wahrheit und Güte in der unendlichen Vielgestaltigkeit dieser Welt am Ende nach Hause führt, von unserer geliebten ostbairischen Heimat in die endgültige Heimat bei IHM.
In diesem Sinn danke ich für Ihre wertvolle Arbeit, danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche alles Gute und Gottes Segen zum 100. Geburtstag von Institut und Verein.
Hören Sie auch die Predigt von Bischof Stefan Oster zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2017 in Kevelaer: „Was ist Heimat?“
