5. Ostersonntag

Liebe Trachtler, liebe Schützen, liebe Mitglieder unserer traditionsreichen Vereine, liebe Ehrengäste aus dem öffentlichen Leben in Stadt und Land, liebe Ehrengäste aus den Partnerstädten, Schwestern und Brüder im Glauben,

es sind zwei Anlässe, warum wir heute miteinander im Dom zusammen sind: der erste ist: die Maidult ist eröffnet worden, es gibt nachher einen traditionellen Festumzug mit vielen Beteiligten. Und der zweite ist der Gottesdienst, die Eucharistie, die wir hier miteinander feiern. Wie hängen diese beiden Ereignisse zusammen, außer dass sie nacheinander stattfinden?

Nun, wenn man an einem Trachtlerumzug teilnimmt, dann geht es um die bewusste Pflege von gemeinsamer, von verbindender Tradition, es geht um unsere Heimat, die hier einen besonderen, einen schönen Ausdruck findet. Die Menschen zeigen anderen und einander, dass sie gerne hier leben und feiern. Und sie zeigen, wie sie es tun. Und sie tun es in Verbindung mit einem Fest, das Dult heißt. Eine Dult hat normalerweise einen religiösen Ursprung: einen kirchlichen Festtag, ein Heiligenfest, eine Kirchweihe sind zumeist der Ausgangspunkt von Dulten im süddeutschen Raum.

Aber wie kann man diesen Zusammenhang genauer verstehen: den Zusammenhang zwischen der Erfahrung von Heimat und dem Feiern eines Festes einerseits und unserem religiösen Glauben andererseits? Die meisten von uns verbinden mit Heimat eine Erfahrung von: Hier ist gut sein. Hier bin ich gern, hier muss ich nicht dauernd auf der Hut sein, hier kann ich mich auch mal sein oder gar gehen lassen. „Da bin i dahoam“ So versucht sich der Bayerische Rundfunk als Heimatsender zu profilieren. Und es hat auch oft was mit Brauchtum zu tun, mit der Pflege von Traditionen, manchmal auch ausgefallenen Traditionen. Immer mit irgendetwas, was gewachsen ist, was man nicht mal schnell aus dem Boden gestampft und selbst produziert hat. Heimat heißt auch: Wir haben einen gewachsenen Hintergrund, der aus Verbindungen von Menschen besteht, die einander verstehen und sich als ihresgleichen erkennen und zeigen. Im Wort Heimat steckt das „Heim“, das Sich-vertraut-fühlen. Dort, wo wir zuhause sind, dort bewegen wir uns freier, leichter. Und dort geht auch das Feiern besser. Wir können uns in einen vertrauten Raum hinein lassen und überlassen. Wir sind getragen.

Und wenn man dann tiefer schaut, dann kann man sich fragen, woher dieses Getragensein kommt? Machen es die Menschen allein, mit denen ich lebe und leben darf? Sicher nicht nur! Es gehört auch Natur dazu und eine gewachsene Kultur, die wir als Überlieferung übernehmen. Wir kennen uns aus und fühlen uns vertraut. Meine persönliche Erfahrung nach einem Jahr im Bistum ist: Ich bin zwar nicht aus Passau, aber als Oberpfälzer ist diese Region auch in einem weiteren Sinn meine Heimat, man versteht bestimmte Mentalitäten und Handlungsweisen schneller, man kennt die gewachsene Atmosphäre von Kultur und Natur. Und so fällt es mir nicht schwer, mich auch hier allmählich daheim zu fühlen. Aber dennoch: diese Erfahrung von Heimat ist nicht gemacht, sondern geschenkt. Ich darf hier leben und muss es nicht selbst erzeugen. Heimat trägt uns also mehr als dass wir sie machen oder herstellen würden.

Ein noch tieferer Zusammenhang kommt dann in den Blick, wenn wir das Wort Geheimnis dazu nehmen. Wir leben auch aus dem Geheimnis. Und ich verstehe Geheimnis jetzt nicht im Sinne eines Rätsels, das man nicht lösen kann. Sondern im Sinne der Begegnung mit einer Wirklichkeit, die tiefer reicht und die größer ist als wir selbst. Wo komme wir her, Schwestern und Brüder? Und wo gehen wir hin? Ich finde es jedenfalls wunderschön, dass in unserer deutschen Sprache das Wort Geheimnis in sich eben auch das Wort „Heim“ enthält. Zumal mit der Vorsilbe „Ge“, das oftmals im Deutschen das Umfassende, das Ganze bezeichnet, wie zum Beispiel im Wort Ge-birge. Oder Ge-bilde oder Ge-füge. Das Große unserer Herkunft ruht in einem Geheimnis, das aber zugleich ein Heim ist, eine Heimat. Ist es nicht schön, dass wir glauben dürfen, dass der Herrgott es mit unserer bayerischen Heimat so gut gemeint hat, dass wir manchmal den Eindruck haben, hier bei uns, da fühlt er sich persönlich zu Hause. Da ist es manchmal so schön, dass wir es – ein wenig schmunzelnd – als eine Art Vorstufe zum Paradies empfinden?

Jedenfalls kann man sagen: Wer in seiner Heimat ein traditionelles Fest feiert, der feiert das Leben, der feiert, dass es hier gut sein ist. Der überschreitet im Feiern die reine Arbeitswelt, in der das Leben oft so verzweckt ist. Ein Fest feiern, da wo man daheim ist, bedeutet: einfach da sein dürfen. Dankbar sein für die eigene Existenz, die eigene Kultur, die einem geschenkt ist, für den Lebensraum, in dem man leben darf. Es bedeutet aber dann eben auch ehrlich in die Tiefe gehen und sagen: Wir haben das alles nicht aus uns selbst. Es ist uns Gabe, es ist uns geschenkt. Und wir sind einander geschenkt.

Von hier nun, liebe Schwestern und Brüder, sind wir bei dem angelangt, was wir jetzt in diesem Gottesdienst feiern. Das Leben ist Geschenk. Wir haben es empfangen und wir sind berufen, uns selbst weiter zu verschenken. Und hier in dieser Feier wird das alles, wird das Geheimnis der Gabe unseres Lebens und unserer Heimat durchsichtig auf den Geber selbst. Uns Glaube sagt uns, dass Christus gekommen ist, um dem Menschen das Geheimnis der Heimat neu und tiefer zu erschließen. Christus weiß: ein unerlöster Mensch tut sich schwer, in der Heimat dieser Welt so zu leben, dass sie durchscheinend wird auf unsere eigentliche, endgültige Heimat. Deshalb neigt der Unerlöste dazu, an allem selbst festzuhalten, alles auf sich zu beziehen, von sich her Heimat erschaffen zu wollen, in der Hoffnung, dass sie vielleicht doch nicht mehr vergeht, sondern bleibt.
Aber das Problem ist: Je mehr er es aus eigener Kraft versucht, desto mehr entzieht sich ihm das Geheimnis der Heimat. Der Unerlöste wird immer ruheloser und damit letztlich heimatloser – und zwar in dem Maß, in dem er sich nur noch an diese Welt klammert und an sonst nichts.

Daher ist es auch eine christliche Erfahrung: Wirklich feiern kann nur der Gelassene, derjenige, der sich freuen kann an dieser Welt, an ihrer Schönheit, an den Freuden, die sie schenkt, der sie aber nicht festhalten muss, weil er weiß: alles Schöne und Gute in dieser Welt verweist auf den, der uns immer währende Heimat schenken will. Sie verweist auf denjenigen, der durch alles hindurch spricht – und den wir immer besser hören könnten, wenn unsere Herzen dankbarer und heiler wären.
Christus will sie heil machen, immer neu. Er will uns in die Erfahrung hinein führen, dass wir alle, was auch kommen mag, eine Heimat bei seinem Vater haben, die jetzt schon angefangen hat. Im Evangelium von heute hat uns Christus zugerufen: Wir sollen in ihm bleiben, dann wird unser Leben wirklich reicht und fruchtbar. Wir können bleiben in ihm, wenn wir uns von ihm nähren, von seinem Sakrament, seinem Wort und im persönlichen, betenden Verweilen bei Ihm. Er verlässt uns nie. In ihm haben wir jetzt schon Heimat. Aber wir haben sie nur, wenn er uns hält und wenn wir dadurch der Versuchung entgehen, dass wir alles Glück nur in dieser Welt und sonst nirgendwo suchen.

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, und vor allem liebe Trachtler, feiern Sie diesen schönen Tag und dieses schöne Fest! Feiern Sie es in der gelassenen Dankbarkeit dafür, dass Ihnen in allem, was in dieser Welt schön und gut ist, ein Vorgeschmack gegeben ist, der uns ahnen lässt, wie schön die ewige Heimat sein wird. Amen.