Christliches Menschenbild und das Verhältnis von Sex und Gender

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In der Debatte um das Verhältnis von Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (etwa Geschlechterrolle oder von der Gesellschaft zugeschriebene Geschlechtsmerkmale) kommt es häufig zu Konflikten zwischen christlichen und nichtchristlichen Debattenteilnehmern. Ich möchte im Folgenden erläutern, warum das so ist, welche Voraussetzungen in Menschenbild und im philosophischen Nachdenken über den Menschen diesen Konflikten zugrunde liegen. Dabei wird auch zur Sprache kommen, wie personale und geschlechtliche Identität wächst, wie sie gelingen oder einen problembehafteten Verlauf nehmen kann.


1. Die Voraussetzungen im christlichen Menschenbild

Das christliche Menschenbild geht von einer unumstößlichen, aber häufig vergessenen Tatsache aus: Der Mensch ist nicht mehr so, wie Gott ihn geschaffen und gemeint hat. Auch die den Menschen umgebende Welt ist es nicht mehr. Das Aufbegehren des Menschen gegen Gott, das die Hl. Schrift in den intensiven Bildern vom Sündenfall vielschichtig zeigt, hat zur Folge, dass das gesamte Menschengeschlecht und jeder einzelne Mensch erlösungsbedürftig ist – und mit ihm die ganze Schöpfung. Diese Erlösungsbedürftigkeit des Menschen bezieht sich vor allem und zuerst auf die Fähigkeit, in wahrhaftigen, vertrauensvollen Beziehungen zu leben, zuerst in der Liebe zu Gott, dann zu den Mitmenschen und Mitgeschöpfen und zu sich selbst.

Die Bilder vom Sündenfall erzählen ein Ereignis, deren Folgen für den Menschen als Desintegration beschrieben werden können: Der Mensch ist aus der innigen Freundschaft mit Gott herausgefallen. Und dies hat zur Konsequenz, dass er fortan auch im gebrochenen Verhältnis zum anderen Menschen und zu sich selbst lebt. Der Mensch ist als leibgeistiges Beziehungswesen ursprünglich aber vor allem und zuerst auf Gott hin geschaffen. Und von dieser Beziehung her ist er berufen, voll des Geistes, mit anderen Geschöpfen in der Liebe Gottes und aus ihr zu kommunizieren.

Aber der Bruch der Gottesbeziehung führt ihn in die Erfahrung, dass gerade das Leben in Beziehungen fortan eine mühsame Angelegenheit für den Menschen wird, voller Sehnsüchte einerseits und voller Widersprüche andererseits. Der Mensch ist ein anderer geworden. Denn die Abkehr von Gott führt zunächst zur Selbstbezogenheit und zur Selbstsicherung als erster und vermeintlich dringlichster Sorge. Daher ist der Mensch in dem, was ihn ursprünglich liebesfähig macht, nun zunächst desintegriert. Mit der jetzt vordringlichen Ichbezogenheit statt Gottbezogenheit haben Vernunft, Gefühl und Leiblichkeit (um nur diese drei zentralen Dimensionen zu nennen) ihre ursprünglichste und tiefste Ausrichtung und Verankerung verloren. Sie sind halt- und orientierungslos geworden. Sie neigen zur Verselbständigung also zum Beispiel als vernunftloser, drängender Trieb; oder als gefühllose, machtinteressierte Vernunft; oder als intensives, aber haltloses und unbeständiges Gefühl – um nur wenige Beispiele zu geben. Und der erste zwischenmenschliche Ort dieser Desintegration ist das ursprüngliche Verhältnis von Mann und Frau in ihrem Zueinander. Jetzt ist deren Beziehung nicht mehr einfach hingebungsvolle, gegenseitige Liebe als Abbild der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, sondern das Verhältnis der beiden ichhaft Gewordenen wird nun dramatisch mitbestimmt etwa durch Scham, Macht und Begehren mit jeweils negativen Vorzeichen (vgl. etwa Gen 3,16).

Der Mensch ist nämlich nun aus seiner ererbten, aber letztlich heillosen Egozentrik geneigt, die Dimensionen von Vernunft, Gefühl und Leiblichkeit nur und zuerst von sich selbst her zu gebrauchen und erst sekundär in ihrer Bezogenheit auf Gott und die anderen. Aber gerade dieser Gebrauch macht die Desintegration erst recht deutlich und drängt den Menschen zur immer neuen Suche nach Fundierung, Ausrichtung und ganzheitlichen Integration seiner leibseelischen, emotionalen und geistigen Vermögen. Das grundsätzliche Problem dabei ist aber, dass die eigenen Versuche zur Integration von Vernunft, Gefühl und Leiblichkeit jenseits der Beziehung zu Gott, fortan nur „gemachte“ bleiben müssen und nicht empfangene werden. Von diesen Voraussetzungen her muss der Mensch also an den Versuchen scheitern, sich sein eigenes Heil-Sein, sein Ganz-Sein selbst herzustellen. Das Paradies, der „Ort“ des Heil-Seins und Ganz-sein-Könnens, ist verschlossen (Gen 3,24). Er kommt aus eigener Kraft nicht mehr hinein. Dabei ist es aber dennoch nicht so, dass es nicht ein bleibendes Gespür für wahr und gut, für richtig und falsch im Menschen gäbe. Er ist nach dem Sündenfall nicht völlig korrumpiert. Er weiß zum Beispiel intuitiv, dass er zur Liebe berufen ist, aber er schafft es nicht mehr aus eigener Kraft beständig und wirklich selbstlos zu lieben.

Es ist wichtig, diese Voraussetzungen im Menschenbild zu erkennen, um zu verstehen, warum viele Christen in der Gender-Debatte Positionen einnehmen, die von einer säkularen Gesellschaft kaum mehr nachvollziehbar sind. Ineins mit dem Menschen ist nach biblischer Überzeugung die ganze Schöpfung auf geheimnisvolle Weise mitbetroffen vom Bruch der Menschheit mit Gott. Jetzt herrschen Tod und Vergänglichkeit auch über die Schöpfung; sie ist in sich selbst nicht mehr heil. Und der Mensch als Teil dieser Schöpfung kommt nicht mehr heil zur Welt. Er kommt zwar als Mann oder als Frau auf die Welt, aber weil er grundsätzlich (nicht nur aber auch) desintegriert und beziehungsgestört ist, kommen mit ihm zahllose Varianten der Beziehungsstörung mit auf die Welt. Im ursprünglichen Plan Gottes sind auch nicht Menschen mit Krankheiten, auch nicht Menschen mit Behinderungen vorgesehen und auch nicht Menschen mit unklarer geschlechtlicher Identität als Mann oder Frau. Das heißt konsequent: Niemand von uns, kein Mensch, ohne Ausnahme, ist so, wie es im ursprünglichen Plan Gottes vorgesehen war. Von Anfang an gibt es in jedem und jeder von uns Formen, des Nicht-heil-Seins und des Nicht-ganz-Seins. Einfach weil wir alle auch Teil einer gebrochenen, erlösungsbedürftigen Welt und Schöpfung sind. Paulus weiß, dass die ganze Schöpfung sehnsüchtig darauf wartet, dass die Kinder Gottes von neuem offenbar werden (Röm 8,19), das heißt Menschen, die so heil sind, dass Gott selbst als ihr Schöpfer und Vater offenbar wird.

2. Leiblichkeit und Kommunikation

Am Beispiel des Verhältnisses des Menschen zu seiner Leiblichkeit sei das Ringen um Integration versus Desintegration noch einmal knapp dargestellt. Der Leib des Menschen ist das allumfassende, primäre Medium seiner Kommunikation mit der Welt und den von ihm unterschiedenen Gegenständen, Menschen, Geschöpfen, Dingen in der Welt. Der Mensch ist Geist in Leib. Aber in gebrochener, desintegrierter Verfassung, ist das Zusammenspiel zwischen Geist, Gefühl und Leib nicht mehr selbstverständlich heil. Jeder Mensch ist folglich zeitlebens damit beschäftigt, ins rechte Verhältnis zu seiner Leiblichkeit zu finden – und damit jeweils auch in die rechte Form von Beziehung und Kommunikation mit sich selbst und der Welt.

Als kleines Kind ist der Mensch als personales Geistwesen zunächst „ausgegossen“ in seine Leiblichkeit, er ist gewissermaßen „ganz Leib“, radikal angewiesen auf leibliche Kontaktnahme und personale Kommunikation via Nähe und umfassende Fürsorge. Erst allmählich kehrt das Kind „zu sich selbst“ zurück und entdeckt, dass es im Unterschied zu den anderen selbst auch ein „Ich“ hat und ist. Es ist ein Ich, das zudem nicht nur Leib „ist“, sondern eben auch Leib „hat“, weil es seine Leiblichkeit nun auch zum Gegenstand seiner Welterkundung machen kann, die es als „Ich selbst“ durchführt.

Das Kind erfährt sich dabei eben auch in relativer Distanz zu seiner Leiblichkeit. Prekär wird dieses Verhältnis dann vor allem in der Aufgabe der Übernahme der Geschlechterrolle. Das Kindes-Ich findet sich darin, ein Junge oder ein Mädchen zu sein oder wie Papa oder Mama zu sein – und es ist damit beschäftigt, diese Rolle auch zu bestätigen. Dieses Sich-Einfinden vollzieht sich aber nie einfach nur aus der isolierten Ich-Perspektive des Kindes, sondern immer und zuerst aus der kontextuellen Perspektive des beziehungsreichen und damit zugleich immer auch beziehungsgestörten Lebens in einer Familie, im Idealfall mit Vater, Mutter und gegebenenfalls auch Geschwistern, Verwandten, Bekannten.

Vielfach geht diese Affirmation der eigenen Leiblichkeit samt Zugehörigkeit zum eigenen Geschlecht selbstverständlich, vielfach erweist sie sich aber auch als inneres dramatisches Geschehen. Die Ursachen für dieses Drama des Ringens um das Ja zur eigenen Leiblichkeit als Junge oder Mädchen, können äußerst komplex und vielfältig sein. Einige Beispiele: Ein dringender Wunsch etwa der Mutter oder des Vaters, ein Mädchen zu bekommen, bleiben nicht ohne Folgen für das Kind, wenn es tatsächlich ein Junge wird; das Fehlen von Vater und Mutter als Bezugsperson für die Übernahme der eigenen Geschlechtsidentität; die erdrückende Dominanz eines der Eltern in ihrer Beziehung untereinander oder zum Kind; das Kind als überforderter Ersatz für den verloren gegangenen Partner eines Elternteils; die Erfahrung etwa eines zart besaiteten Buben, im Kindergarten lieber mit den Mädchen zu spielen, weil die anderen Buben so grob sind; das Erleben von Gewalt oder Missbrauch in der Familie; die Bevorzugung eines der Geschwister, der ein anderes Geschlecht hat; das Erleben, für eigene körperliche Merkmale gehänselt und verspottet zu werden und anderes mehr. In solchen und ähnlichen Situationen ist das Kind oft herausgefordert oder häufig überfordert damit, in ein selbständiges inneres Ja zur eigenen Leiblichkeit und damit gleichzeitig oft auch zur affirmativen Übernahme des Geschlechts als Mädchen oder als Junge zu finden. Das Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit und damit auch zur klaren Kommunikation mit der Umwelt eben als Junge oder als Mädchen in eben diesem Leib bleibt dann häufig instabil und variabel. Das Kind als Ich erlebt sich in Distanz zur eigenen Körperlichkeit und entdeckt in dieser Distanz auch die Fähigkeit zum Spiel mit Schein und Sein, zur Variation, einschließlich der Möglichkeit der Lüge: „Ich kann mich nach außen auch anders geben als ich wirklich bin.“

Nach dem Kindesalter, in dem die eigene Geschlechterzugehörigkeit übernommen, negiert oder offen gelassen wird, ist die Pubertät noch einmal ein besonders intensiver Abschnitt, in dem der junge Mensch herausgefordert wird, von neuem in ein stimmiges Verhältnis zu seiner Leiblichkeit zu finden. Der sich stark verändernde Leib, einschließlich der Geschlechtsmerkmale, die Erfahrung der Anziehung zum anderen Menschen als geschlechtliches Wesen, ereignen sich häufig ebenfalls als Drama, das mehr oder weniger gut gelingen kann. Die Konstellationen können ähnlich komplex wie in der Kindheit sein, zumal die Komplexität der Kindheitssituation selbst in das Drama der Pubertät mit hineinwirkt. Die Kindheitsgeschichte eines jungen Menschen ist ja nicht isoliert von der Phase des neuen Entwicklungsschubes, sondern in der Regel ein besonders wichtiger Aspekt im Verlauf des erneuten Dramas. Dieses wird zusätzlich angereichert durch neue familiäre und gesellschaftliche Situationen des Jugendalters. Erschwerend kommt hinzu, dass Geschlechtsreife und psychosoziale Reife in der Regel weit auseinander klaffen: Der junge Mensch wird oft noch im Alter eines Kindes bereits zeugungs- oder gebärfähig, wäre aber in eben diesem Alter noch heillos überfordert damit, Verantwortung für einen Partner bzw. ein Kind zu übernehmen.

Die im ersten Abschnitt geschilderte gebrochene Situation des Menschen tut das Ihrige, um dieses Drama von Grund auf kompliziert zu machen. Die Sehnsucht des jungen Menschen nach Sinn, nach Heil aber auch nach Nähe und sexueller Erfahrung durchdringen einander unter dem Vorzeichen eines starken, aber eben primär ichhaften Eros. Und alles das und mehr stellt den jungen Menschen wieder vor die Frage nach dem Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit. Er kommuniziert mit sich selbst und mit der Welt jetzt als junger Mann oder als junge Frau, aber die Frage ist, ob er das auch persönlich will, ob seine Identität als Frau oder Mann wächst, sich festigt oder labil und variabel bleibt.

Diese beiden Phasen der Kindheit und der Pubertät sind aber nur die zentralsten im jungen Leben, in dem die Frage nach dem Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit und damit zur geschlechtlichen Identität entsteht. Grundsätzlich ist dieses Verhältnis zum Leib immer und in jeder Lebenssituation angefragt. Jeder Mensch „gibt sich“ in jedem Augenblick seines Lebens immer irgendwie in der Welt und vor den anderen. Und er tut dies immer vermittels seiner Leiblichkeit. Einen Leib haben bedeutet daher immer in Kommunikation und Beziehung mit der mich umgebenden Welt sein. Nun ist der Leib aber als endlicher in ständiger Veränderung begriffen: Wir werden krank und alt, wir werden über- oder untergewichtig, wir kämpfen mit der Integration unserer Triebe, wir sind müde oder voller Energie, wir sind unsicher über unsere Außenwirkung, wir wollen gut und nicht schlecht aussehen, wir wissen, dass wir mehr Bewegung oder weniger Essen oder mehr Schlaf bräuchten und vieles, vieles ähnliches mehr. Es gibt im Grunde keinen Moment unseres Lebens, in dem wir mit dem Wie unseres Handelns nicht auch ein Statement über unser derzeitiges oder grundsätzliches Verhältnis zu unserem Leib abgeben. Und wir spüren, dass wir darin Spielraum haben, uns so oder so zu eben diesem Leib verhalten. Wir spüren gleichzeitig, dass es auch in diesem Verhältnis Authentizität und mangelnde Echtheit gibt, ein Sich-mögen oder auch Sich-ablehnen, ein Sich-geben als bloße Inszenierung oder als echte Hingabe.

Diese Variationsbreite zwischen innerer Zustimmung, Ablehnung oder Indifferenz in Bezug auf die eigene Leiblichkeit ist ein wesentlicher, wenngleich nicht der einzige Aspekt im Blick auf die ganzheitliche Zustimmung zu uns selbst. Selbstannahme bezieht den ganzen Menschen ein, einschließlich seiner leiblichen, emotionalen und kognitiven Anlagen und Vermögen.

Freilich bleibt dabei eine nicht leicht aufzulösende Spannung bestehen: Wir sind zur Selbstannahme des Gegebenen herausgefordert aber zugleich aufgefordert, die ursprünglich gute und zugleich gebrochene Welt, die wir vorfinden und in der wir uns vorfinden, auch zu gestalten. Die Frage, inwieweit wir dabei Gestaltungsspielraum für unsere eigene Leiblichkeit oder gar die geschlechtliche Identität (Sex) haben, kann nicht anders als äußerst sensibel und differenziert beantwortet werden. Aus gläubiger Sicht ist Mann-Sein und Frau-Sein ursprünglich so tief in den Plan des Schöpfers eingezeichnet, dass uns geschlechtliche Identität am wenigsten zur Verfügung stehen darf. Gleichwohl gibt es auch hier aus meiner Sicht keine absolute Grenze. Nur eines von vielen möglichen Beispielen: Fühlten wir uns berechtigt, ein negatives Urteil über den Wunsch nach Geschlechtsumwandlung zu fällen bei einer Frau, einer Spitzensportlerin, die von früher Kindheit an und ohne ihre Zustimmung systematisch mit männlichen Hormonen behandelt wurde, um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern? Und die sich nun im Erwachsenenalter unumkehrbar in einem Leib vorfindet, der mehr dem eines Mannes als einer Frau ähnelt? Wer würde und könnte sich hier um des einzelnen Menschen willen ein allzu schnelles und allzu sicheres Urteil erlauben?

Wir sehen: Die gebrochene Welt führt uns in Situationen, in der es immer neu gilt, den Einzelfall abzuwägen. Dennoch darf uns eine solche diffizile Überlegung nicht in die Versuchung führen, geschlechtliche Identität stünde grundsätzlich oder gar beliebig zur Disposition. Mann-Sein und Frau-Sein ist das grundlegend Normale und am Normalen können wir lernen, was grundlegende Norm ist. Denn ausnahmslos jeder Mensch ist das Kind, der Nachkomme, genau eines Mannes und einer Frau – die beide im Akt der Zeugung des Menschen Mitwirkende am Schöpfungsakt des Schöpfers sind.

3. Leibliche Kommunikation und Identität

Nach christlichem Menschenbild ist der Mensch angerufen, zu werden, wer er ist. Wir sind der Überzeugung, dass Gott uns in seiner Schöpfungstat wunderbar erdacht hat und dass wir als dieser Gedanke Gottes trotz der Gebrochenheit der Schöpfung nicht völlig ausgelöscht wurden. Wir tragen die Signatur des Geschaffenseins von einem liebenden Schöpfer fortwährend an und in uns. Aber in unerlöster, gebrochener Verfassung ist es uns unmöglich, uns von uns her in einen Prozess der Selbstwerdung einzufinden, der uns tief in dieser Identität als Gottes Geschöpf bestätigt sein lässt. Dennoch bleibt die Aufgabe, zu werden, wer wir sind. Als Christen glauben wir, dass wir in die ursprüngliche und heile Identität nur durch die Erlösungstat Christi zurückfinden können.

Im Glauben an ihn, in der inneren Verbindung mit ihm, wächst die Erfahrung einer neuen Zugehörigkeit zum Vater, wächst die konkrete Erfahrung, geliebtes Kind Gottes zu sein. Das Leben aus dieser Zugehörigkeit, vermag einhergehend damit die heilsame Erfahrung schenken, dass die vormals desintegrierten Dimensionen unserer natürlichen Befindlichkeit, wie Leib, Gefühl, Vernunft, wieder neue Verankerung und Ausrichtung bekommen in der jetzt erlösten Personmitte, die die Hl. Schrift Herz nennt. Durch den Glauben an Christus werden wir vor Gott von neuem recht gemacht, wir werden gerechtfertigt. Wir lernen im Glauben neu, und anders zu leben, als „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17); wir erfahren uns als „neu geboren“ (Joh 3,3) und realisieren, wie sich unser „Herz“ neu ausrichtet auf Gott und in neuer Weise zur Annahme der Mitmenschen wie auch zur Selbstannahme befähigt. Hier wächst neue, heilere Identität, die freilich erst dann vollendet sein wird, wenn wir ganz bei Gott sind. Aber Leib, Gefühl und Vernunft sind jetzt in neuer Weise ausgerichtet und befähigen den Menschen immer mehr ein Leben zu führen, das dem Willen Gottes entspricht – wie er in der Schrift und im Glauben der Kirche zum Ausdruck kommt. Freilich muss notwendig mitgesagt werden, dass es ein letztes Ganz-sein in dieser Welt für niemanden von uns geben wird. Wir alle warten auch sehnsüchtig auf die „Erlösung unseres Leibes“ (Röm 8, 23), die sich erst in der vollendeten Gemeinschaft mit Gott einstellen wird; aber immerhin ist uns der Geist als „Erstlingsgabe“ (Röm 8,23) gegeben, der uns diese Perspektive und damit auch einen anderen Umgang mit unserer gebrochenen Leiblichkeit und Emotionalität schenkt. Und immerhin können wir an den großen Gestalten unseres Glaubens, die wir als Ganze, als Heilige verehren, verstehen lernen, dass diese in einem tiefen Sinn tatsächlich ganz Mensch geworden sind, und darin eben auch ganz Mann oder ganz Frau. Und dabei ist deren Mann-Sein gereift einschließlich der Integration der weiblichen Seite ihres psychophysischen Lebens und ihrer Bezogenheit auf sie – und ebenso beim Frau-Sein.

Leiblichkeit ist also das komplexe Phänomen, in dem und mit dem wir mit Welt kommunizieren, authentisch oder unecht. Und es ist auch das Phänomen, mit dem und in dem auch unser Selbstverhältnis sich gelingend oder scheiternd vollzieht. Leiblichkeit ist selbstverständlich auch Ort und Verankerungspunkt unseres Gefühls- und Trieblebens. Sind diese Dimensionen aber wegen mangelnder Identitätserfahrung desintegriert oder verselbständigen sich ihrerseits, dann wird es schnell möglich sein, dass sich etwa die Suche und Sehnsucht nach leibseelischer Identität erst über die intensiven und dynamischen Erlebnisse von Gefühlen und Trieben formiert: „Ich bin, was und wie ich fühle“ oder „ich werde, wer ich bin, indem ich mich dem hingebe, was mich anzieht“. Identität, auch leiblich konkretisierte, bildet sich in diesem Fall ex post aus einem Zustand der Desintegration, der aber Integration und Identität anzielt.

4. Sex und Gender

Wir sehen, wie der von Grund auf bestehende Spielraum im Verhältnis des Ich oder der Person zur eigenen Leiblichkeit und Gefühlswelt durchaus ambivalente Züge hat. Auf der einen Seite ermöglicht er in der Distanzierung eine Einübung in authentische Personalisierung des Menschen. Das „Werde, der du bist“ wird mit ermöglicht und von mir mitvollzogen, weil es den Spielraum gibt, sich zu mir selbst gelingend oder misslingend zu verhalten. Ich kann lernen, in die mir geschenkte Dimension meines Hier und Jetzt in diesem Leib und in dieser natürlichen Konstitution einzufinden. Ich kann mit Gottes Hilfe lernen, diese Voraussetzungen zu bejahen, weil sie schon von Gott bejaht sind. Und ich kann dann schließlich lernen, von dieser Bejahung her, meine Rolle als Frau oder als Mann in dieser Gesellschaft so auszugestalten und zu leben, dass sie auch anpassungsfähig ist und sich bestimmten Rollenmerkmalen nicht verschließt oder auch überkommenes Rollenverhalten ablegt. Sie ist durchaus variabel und ich bin mitten darin auch gerufen, meine mir geschenkte Einzigartigkeit und von Gott her geschenkten Sendung zu leben und in dieser mir vorgegebenen Konkretion den Lebensspielraum sich entfalten lassen, den nur ich und nur ich je jetzt vollziehen kann. Ich bin Mann oder Frau (Sex) und entfalte in dem mir geschenkten Spielraum und seinen Kontexten meine Zugehörigkeit zu diesem Geschlecht und in dieser Gesellschaft auf verschiedene Weise (Gender) und im gelingenden Fall in der nur mir zukommenden Einzigartigkeit und Sendung.

Die andere Seite dieser Ambivalenz ist dagegen die: Im Zustand der grundsätzlichen Desintegration, in dem der Mensch zudem nicht von einer göttlichen Vorgabe ausgeht, lebt er zunächst in einem gesellschaftlichen Kontext, sieht sich einem großen Spielraum von Möglichkeiten ausgesetzt, zugleich einem großen Spielraum sich verselbständigenden geistigen und emotionalen Lebens und sich verselbständigenden Trieblebens. Er kann diesen vielfältigen Erlebnisreichtum und Spielraum zum eigentlichen Ausdrucksfeld seines Selbstseins erklären (Gender) und kann folglich die leiblichen Vor-Gaben zum bloß sekundären, verfügbaren Material (Sex) der primären Ausdrucksformen erklären. Ein radikaler Konstruktivismus einer losgelösten Vernunft, die nicht mehr im Beziehungsherz des Menschen verankert ist, steht diesem Bestreben philosophisch zur Seite. Wir sind aus dieser Sicht nicht zuerst, wer und was wir aus einer vorgegebenen, konkreten Realität übernehmen, also etwa Junge oder Mädchen, Mann oder Frau. Sondern wir sind und werden zu dem, was das Ich und das Wir der Gesellschaft geistig konstruieren und zuschreiben. Auch die von dieser Richtung dann geforderte Dekonstruktion herkömmlichen Geschlechterverständnisses steht dabei unter dem Vorzeichen der Konstruktion: Ich entlarve dann mit den Mitteln des Konstruktivismus herkömmliche Geschlechteridentitäten ebenfalls als bloße Konstrukte, nämlich als solche, die zum Beispiel hintergründig im Dienst vor allem männlich geprägter Machtausübung stehen. Und sind überkommene Konstruktionen erst einmal als solche entlarvt und dekonstruiert, bin ich selbst in der Lage, neu zu konstruieren und neue, auch fließende Geschlechteridentitäten entstehen zu lassen – diesmal unter dem Vorzeichen von (vermeintlicher) Machtfreiheit, Liberalität und vor allem unter dem Vorzeichen von dem, was meinen Vorlieben und Wünschen entspricht: „Ich fühle und wünsche, und das bin ich.“

Genuin leibliches Mann-Sein und Frau-Sein wird so zum Experimentierfeld der Vollzugsformen von erlebter Desintegration. Diese wird freilich nicht als Desintegration gesehen und auch nicht verstanden, weil sich das Menschenbild und das Verstehen von Identität ja ohne den Bezug zum Geschaffensein bilden. Identität wird dann nur mehr als produzierte Identität aus den fließenden Spielräumen von desintegrierten, unerlösten Selbstverhältnissen gedacht. „Werde, der du bist“ ist jetzt nicht mehr Auftrag, der aus bereitgestellten und geschenkten Vorgaben erwächst. Vielmehr bezieht sich das „Werde“ nun genau umgekehrt von der Erlebniswelt her auf die Vorgaben „Du bist, was du fühlst oder wünschst. Also gestalte deine leiblichen Voraussetzungen auch zu dem, was du schon bist!“ Sex wird zum Gestaltungsraum von Gender und nicht umgekehrt. Identität wird hergestellt und nicht empfangen, ersehnte Erlösung scheitert an der Verdrehung ihrer Voraussetzungen. Christlich gesprochen: Gebrochenheit sucht ihre (Selbst-)Erlösung mit den eigenen Mitteln, die aber ihrerseits schon gebrochen sind.

Im Übrigen erscheint mir bemerkenswert, dass ein radikaler Konstruktivismus als philosophischer Unterbau der LGBT-Bewegung (= Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) zugleich eine Anfrage an bisherige Argumentationsformen der Homosexuellen-Bewegung eröffnet. Letztere beharrt ja in der Regel auf einer Unveränderlichkeit sexueller Orientierung. Aber wenn es tatsächlich fließende Formen und Übergänge gibt oder auch die Möglichkeit der Selbstkonstruktion der eigenen sexuellen Identität, dann wird das grundlegende Paradigma von der Unveränderlichkeit der Orientierung wenigstens in Frage gestellt. Sexuelle Orientierung ist dann in jedem Fall eine werdende, sie entsteht irgendwie, sie findet verschiedene Ansätze und Verankerungsbereiche. Und schon ein oberflächlicher, pädagogischer Blick auf Entwicklung von Sexualität zeigt wenigstens deren Plastizität: Sie kann verwahrlosen auch im Blick auf die Richtung ihres Begehrens (z.B. durch übermäßigen Pornokonsum) oder sie kann reifen (z.B. durch ein intensives Ringen um die Gestalt gelebter Sexualität mit dem einen Partner). Es wird zudem in Gruppierungen von homosexuell empfindenden Menschen bejaht und bisweilen gar gefeiert, wenn etwa ein heterosexueller Familienvater sich nun endlich zu seiner Homosexualität bekennt. Vorgeblich deshalb, weil diese dann immer schon als grundlegender in ihm fundiert gewesen und er nun endlich ehrlich sei. Wenn das so wäre, dann hat aber doch in jedem Fall auch bei so einem Mann eine Veränderung stattgefunden, von jemandem, der offensichtlich in der Lage war, mit einer Frau Kinder zu zeugen, hin zu einem homosexuell empfindenden Mann. Warum aber sollte dann unter den Voraussetzungen des Konstruktivismus die umgekehrte Entwicklung nicht auch möglich sein? Warum werden Berichte über solche Veränderungen von einem homosexuellen zu einem heterosexuellen Empfinden in der Regel aus derselben Richtung, die das vorherige feiert, nun als fundamentalistisch oder gar faschistoid gebrandmarkt? Warum wird das nicht mit demselben liberalen Anspruch auf die persönliche Findung sexueller Identität einfach gelassen? Man könnte also fragen: Untergräbt nicht die theoretische Grundlegung durch den Konstruktivismus etwa von Judith Butler der Homosexuellen-Bewegung ein ihr wesentliches Paradigma?

Für mich folgt aus alledem: Sexualität und sexuelle Orientierung sind also aus meiner Sicht in jedem Fall prozesshaft, geschichtlich. Sie entwickeln sich mit dem Menschen und sind damit plastisch. Und sie entwickeln sich aus christlicher Sicht immer auch unter den Bedingungen menschlicher Gebrochenheit – ausnahmslos bei jedem. Wird dies grundsätzlich bejaht, dann eröffnet dies zumindest neu die Möglichkeit, die Frage zu stellen: Wie wird, wie entsteht dann überhaupt sexuelles Begehren und sexuelle Bezogenheit auf bestimmte Personen oder Objekte? Wie entstehen Mangelerfahrungen in dieser Hinsicht, etwa die Bezogenheit sexuellen Begehrens auf unangemessene Personen (etwa Kinder) oder Objekte (Fetischismus)? Gibt es sexuelle Reife und wenn ja, wie entsteht sie? Liegt sexuelle Orientierung irgendwann einmal fest? Und wenn ja, wie und unter welchen Bedingungen? Oder bleibt sie grundsätzlich plastisch – auch im Bezug auf ihre Ausrichtung? Wo liegen die Ursachen und wie hängen diese mit dem ansatzweise geschilderten Drama leiblicher Selbsterfahrung und Identitätsbildung unter den Bedingungen der Desintegration eines jeden Menschen zusammen? Und ausdrücklich christlich gefragt: Verändert die Erfahrung des Einbruchs Gottes, in das persönliche Leben eines Menschen, verändert eine Bekehrung zu Christus auch sein sexuelles Begehren? Der Glaube, der in der Hl. Schrift zum Ausdruck kommt, bezeugt jedenfalls vielfach solche Veränderung auch in diesem Bereich (vgl. etwa 1 Tim 4,3-5; Kol 3,5-10; Eph 5,3; Gal 5, 16-24; 1 Kor 6,12-20, Röm 8,1-17). Aber wenn das richtig ist, wie ereignet sich solche Veränderung und wie festigt sie sich oder wie wird sie beweglich? Immerhin wären konstruktivistische Denkformen, sofern sie nicht verabsolutiert werden, geeignet hier ein Forschungsfeld zu eröffnen, das mangels politischer Correctness bislang weitgehend tabuisiert blieb. Aber auch hier bleibt die Frage: Vor der Voraussetzung welchen Menschenbildes und mit welchem leitenden Erkenntnisinteresse würde dann geforscht? Und wie wäre solche Forschung mit dem christlichen Offenbarungsverständnis vereinbar?

Zuletzt möchte ich sagen: Gender-Debatten und gesellschaftliche Bestrebungen, die also tatsächlich den stets bestehenden Gender-Erfahrungsspielraum zur eigentlich normierenden Größe machen wollen, hebeln hintergründig das christliche Menschenbild aus. Sie versuchen damit zugleich nicht nur die Grundlagen für geschlechtliche Identität für Mann-Sein und Frau-Sein auszuhebeln, sondern ineins damit die von der Schöpfungsordnung vorgegebenen Grundlagen für Vater-Sein, Mutter-Sein und Familie-Sein. Zielt die Gender-Diskussion in diese Richtung (und nicht in die aus christlicher Sicht gesunde, oben dargestellte Variante), wird sie aus der Sicht des Glaubens tatsächlich gefährliche Ideologie, die die natürlichen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zu zerstören droht. Sie ist dann mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar. Als Ideologie erwartet sie nämlich entweder gar keine Erlösung mehr oder sie erschafft ständig neue Versuche der Selbsterlösung. Christlicher Glaube dagegen erfährt sich als erlöst durch Christus, was immer auch bedeutet: Ich bin auch in meinem Mann- oder Frau-sein heiler und integrierter geworden, als ich es aus mir selbst je sein könnte. Freilich, ein Gegner des christlichen Glaubens und Menschenbildes könnte seinerseits auch dieses unter Ideologieverdacht stellen, ohne das wir als Christen dem mit einem letztgültigen etwa wissenschaftlichen Beweis entgegentreten könnten. Wir können dann nur aus eigener Überzeugung leben und bezeugen, dass die Begegnung mit Christus das heilere, tiefere, erfülltere und erlöste neue Leben schenkt.

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