Giselafest in den Gisela-Schulen in Niedernburg-Passau

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wir gedenken heute einer seligen Königin und späteren Äbtissin, deren sterbliche Überreste hier in Passau seit Jahrhunderten verehrt werden. Die Geschichtsschreibung zeichnet sie als die tiefgläubige Gattin des heiligen Königs Stephan von Ungarn. Sie hat offenbar sehr viel getan hat für die Christianisierung des Landes, kam aber später nach dem Tod ihres Mannes einige Jahre unter Arrest. Erst Kaiser Heinrich III. befreite sie, brachte sie hierher nach Passau ins Kloster Niedernburg, wo sie Äbtissin wurde und schließlich auch ihre letzte Ruhestätte fand.

Die Geschichte dieser großen Frau gibt uns Gelegenheit, heute über den Zusammenhang nachzudenken über ihr Königtum und das Königtum des Himmels, von dem im Evangelium die Rede ist.

Die erste Lesung aus dem Buch der Weisheit lässt dazu den berühmten König Salomo sprechen; nämlich dass er um Weisheit gebetet habe und dass er diese allen Zeptern und Thronen, allem Reichtum, aller Gesundheit und Schönheit vorgezogen habe.  Wie weit kommen wir mit dieser Aussage, liebe Schwestern und Brüder, wie weit führt uns hier das Alte Testament? Ist es so, dass wir wirklich nach Weisheit streben würden und dass dieses Streben dann tatsächlich glücklicher machen würde als der Besitz von Macht, Geld, Gesundheit, Schönheit? Ist das so? Stimmen wir dem zu? Streben wir selbst nach Weisheit und sagen wir wirklich: Lieber Gott, gib mir Weisheit, alles andere ist mir egal? Und selbst wenn ja: Was wäre das für eine Weisheit? Wäre es eine Form des Wissens? Wäre es zum Beispiel erstrebenswert alles mögliche Wissen dieser Welt zur Verfügung zu haben? Wären wir dann glücklich? Oder schon weise? Sie ahnen, liebe Schwestern und Brüder, dass es wohl nicht einfach um Wissen geht, das wir im Kopf haben. Im 1. Korintherbrief erklärt uns Paulus dazu beispielsweise sehr dramatisch folgendes: „Wenn ich alle Sprachen könnte, sogar die Sprachen der Engel, wenn ich prophetisch reden könnte, wenn ich alle Erkenntnisse hätte, wenn ich alle Geheimnisse wüsste, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts, gar nichts.“

Es gibt also offenbar eine Form des Wissens, das nichtig ist, aufgeblasen, eitel, leer, einfach nichts. Ein Wissen ohne Liebe, Erkenntnis ohne innere Anteilnahme, gesammelte Informationen auf der Festplatte meines Gehirns, die ich nur zur Verfügung habe. Aber: machen diese Informationen schon etwas mit mir und meinem Herzen? Bin ich dadurch, dass ich etwas weiss, schon ein besserer Mensch geworden? Kennen wir nicht alle auch diese Romane oder Erzählungen, in denen gerade der Bösewicht unglaublich schlau ist und viel weiß? Wir spüren, Schwestern und Brüder, irgendwie sagt der Text des Alten Testaments etwas Richtiges, es gibt wohl eine Weisheit, die mehr ist als Geld, Gesundheit und Schönheit. Aber wir wissen hier dennoch noch nicht so recht, was das sein soll? Deswegen stimmen wir auch nicht selbstverständlich zu. Deswegen stimmen wir vielleicht viel lieber dem gängigen Sprichwort zu, dass wir uns gegenseitig so oft sagen: „Hauptsache ist, dass wir gesund sind!“ Dann feiern wir Gesundheit und nicht Weisheit als das höchste Gut und merken vielleicht gar nicht, wie wir damit unsere Kranken für die Elendsten erklären. Sie haben dann nämlich nicht teil am höchsten Gut: „Hauptsach ist, dass wir gesund sind.“ Und die Kranken hätten dann diese Hauptsache nicht. Stimmt das? Nun haben Viele von Ihnen wohl auch schon die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gibt, die in ihrer Krankheit freier, tiefer, zufriedener waren als der körperlich Gesündeste, den Sie vielleicht kennen. Aber was hätte der, was der Gesunde nicht hat? Weisheit vielleicht?

Schauen wir mit den Augen der seligen Königin Gisela ins Evangelium von heute. Jesus erzählt der Menge das Gleichnis vom Königreich des Himmels, das einem Schatz im Acker gleicht, den ein Mann entdeckt. Der Mann gräbt den Schatz wieder ein, verkauft alles, was er hat und kauft den Acker. Voller Freude, heißt es. Den Acker, Schwestern und Brüder, können wir lesen als die erstrebenswerten Güter dieser Welt. Was wächst da nicht alles, was ist da nicht alles attraktiv für uns: Anerkennung, Geld, Macht, Schönheit, Wissen und vieles mehr. Wieviele Kinder, wieviele Mädchen träumen nicht davon, Königin zu sein, Prinzessin. Wie ist es mit Gisela? War sie deshalb glücklich und zufrieden oder gar selig, weil sie Königin war? Endlich von allen bewundert mit einem großartigen Mann an ihrer Seite? Und war sie unglücklich als sie es dann nicht mehr war, verwitwet und unter Arrest gehalten wurde? Und war sie unglücklich als sie dann Ungarn verlassen musste, und hierher nach Passau ins Kloster Niedernburg kam? Wir haben keine genauen Informationen über sie, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie als Klosterschwester und Äbtissin so viel unglücklicher war als vorher. Denn nach allem, was wir von ihr wissen, war sie eine tiefe, gläubige Frau, innerlich so frei und unerschrocken, um im damals vielfach heidnischen Ungarn mithelfen zu können, den Glauben an Christus zu verbreiten.

Und mit diesem Wort: „Glaube an Christus“, ist aus meiner Sicht das alles Entscheidendes gesagt, Schwestern und Brüder. Es geht nicht um den christlichen Glauben als ein abstraktes Gebäude einer Weltanschauung, als Weisheitslehre oder als Information darüber, wie die christliche Weltsicht ist. Es geht um den Glauben an Christus, an ihn als Person.

Im Johannes-Evangelium ist die vornehmste Bezeichnung für ihn gleich am Anfang: der Logos. Die große Vernunft Gottes, das Wort Gottes, der innere Sinn der ganzen Schöpfung. Und im Kolosserbrief lesen wir:  „In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.“ Und Paulus sagt anderswo auch: „Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit“, er ist es in Person.

Das Gleichnis, das Jesus erzählt, meint also folgendes: Wer einmal mit Kopf und Herz zusammen berührt worden ist davon, wer Jesus ist; wer spürt, dass in ihm wirklich alles geschenkt und gesagt ist, was Gott selbst zu sagen und zu schenken hat, für den wird alles andere weniger wichtig. Der stellt alles andere hinten an und fängt an, sein Leben nach ihm auszurichten. Die selige Gisela war so ein Mensch. Sie hat ihr Leben nach Jesus ausgerichtet. Sie wollte ihn kennen lernen, lieben lernen und alles, was sie von ihm hatte, dann auch weiter verschenken. Sie hatte den Schatz im Acker gefunden und war deshalb innerlich frei, auch ihr Königtum zu lassen.

Diese Weisheit ist es, liebe Schwestern und Brüder, die schöner ist als alle Schönheit dieser Welt, kostbarer als alle Reichtümer, mächtiger als alle Macht dieser Welt. Wir alle, meine Lieben, sind eingeladen, ebenfalls nach dieser Weisheit zu streben, die viel mehr ist als nur Wissen. Die Weisheit, die hier gemeint ist, ist eine Person, die von sich sagt: „Ich bin Weg, Wahrheit und Leben. Ich bin der Anfang und das Ende. Ich bin das Licht der Welt und das Brot, das Euer Leben nährt.“ Er ist das Wort Gottes und die Liebe in Person und er sehnt sich danach im Acker unseres Herzens gefunden, berührt und gehoben zu werden, so dass ihm der Platz in unserem Herzen gehören darf, der ihm gebührt.

Die selige Gisela hat ihm diesen Platz geschenkt. Deshalb verehren wir sie. Aber diese Verehrung ist nichtig, wenn die selige Gisela damit nicht auch uns nicht zur Helferin wird, dass auch in unserem Herzen unserem Herrn dieser Platz immer mehr eingeräumt werde.

Amen