Hirtenwort: Das alte Haus der Bibel – und der Schatz fürs Leben

Das alte Haus der Bibel – und der Schatz fürs Leben. Das Hirtenwort von Bischof Stefan Oster zur Fastenzeit 2026.

In seinem Hirtenwort zur Fastenzeit 2026 lädt uns Bischof Stefan Oster auf Entdeckungsreise ein, in das „alte Haus“ unserer Generationen. Einerseits befinden sich darin Wertloses und altes Gerümpel, andererseits weckt es aber auch schöne und lebendige Erinnerungen. Ich bin tatsächlich gemeint mit dieser Geschichte, in der es auch um mich geht! Ein Bild, das auch auf die Heilige Schrift zutrifft. Denn sie ist keinesfalls ein Buch mit „toten Texten“, wie der Bischof erklärt. Ganz im Gegenteil. Die Bibel ist voller Botschaften, die jeden Einzelnen persönlich betreffen und verdeutlichen: Es geht um dich!

Das Hirtenwort auch hier zum Nachlesen:

Liebe Schwestern, liebe Brüder im Glauben,

lassen Sie sich an diesem ersten Fastensonntag auf eine kleine gedankliche Phantasiereise mitnehmen: Stellen Sie sich vor, Sie haben Gelegenheit, nach vielen Jahren in das Haus Ihrer Eltern zurückzukehren. Es ist ein sehr altes Haus, über Generationen haben Ihre Vorfahren darin gewohnt. Jetzt ist es seit Jahren verlassen. Sie treten ein, schauen sich um – und haben noch manche Erinnerung, obwohl Sie schon im Kindesalter aus dem Haus weggezogen waren. Inzwischen ist es innen und außen ziemlich heruntergekommen.

Sie öffnen einen alten Schrank, in dem sich noch Schubladen befinden. Mühsam ziehen Sie die Schublade heraus und finden ein paar vergilbte Zettel, offenbar alte Briefe – in alter deutscher Schreibschrift, schwer zu entziffern. Sie nehmen sich einen der Briefe heraus und fangen an zu lesen. Der Brief erzählt offenbar von einer Liebesgeschichte. Er erzählt davon, wie die Schreiberin ihren Verlobten kennengelernt hat, wie sie geheiratet haben und Kinder bekommen haben. Und wie sie sich freuen, dass sie jetzt glückliche Großeltern sind.

Entdeckungsreise im alten Haus

Sie fragen sich, aus welcher Generation das wohl sein könnte. Und auf einmal lesen Sie den Namen des neu geborenen Enkelkindes: Es ist Ihr Name! Sie selbst müssen gemeint sein, denn sie entziffern auch ein Datum, das mit dem Ihrer Geburt übereinstimmt. Und auch wenn Sie die Großeltern gar nicht mehr gekannt haben, so sind Sie doch angerührt von dem zärtlichen Ton, mit dem Ihre Großmutter über Sie schreibt.

Und am Ende schreibt Sie sogar noch, dass im Haus auf dem Speicher unter einer bestimmten Fußbodenplanke ein kleines Erbe für Sie aufbewahrt sei. Ganz aufgeregt fangen Sie an zu suchen – und finden schließlich ein kleines Kästchen, das wertvollen alten Schmuck enthält und offenbar auch die alte Taschenuhr des Großvaters. Was für eine Entdeckung – und wie sehr fühlen Sie sich in diesem Augenblick durch die Jahrzehnte hindurch mit den Großeltern verbunden und von ihnen gesehen. Wie in einem Lebensstrom durch die Generationen hindurch.

Gottes Liebe und der Tod

Danke, liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie sich innerlich bis hierhin haben mitnehmen lassen. Diese kleine Geschichte ist für mich ein Bild, das hilfreich sein kann, das zu vertiefen, was die Hl. Schrift uns heute sagen will. Die erste Lesung hat uns in tiefen symbolischen Bildern an den Beginn der Schöpfung geführt und uns davon erzählt, wie der Mensch ursprünglich durch einen Kuss Gottes und durch Gottes Atem lebendig gemacht wurde. Das Bild kann bedeuten: Gottes Atem, Gottes Geist, lebt auch in uns und wir leben durch ihn. Bis zu dem Moment, als der Mensch sich hat verführen lassen, den Liebesbund mit Gott zu verlassen, den Gehorsam des Vertrauens zu verweigern.

Und dadurch, so deutet es Paulus in der zweiten Lesung, kam der Tod in die Welt, der Abbruch der Beziehung mit Gott, die drohende Katastrophe der Vergänglichkeit, des Nicht-mehr-seins. Und damit verbunden entsteht im Menschen der Kampf ums „Trotzdem-bleiben-dürfen“ gegen den drohenden Tod. Es geht jetzt vor allem um Selbstbehauptung – und oft genug gegen die Anderen, die sich ja auch behaupten wollen. Gegen das Sterben-müssen und das Nicht-mehr-sein. Die Egozentrik hat das menschliche Herz erobert.

Die Bibel, das alte, öde Haus?

Das Evangelium erzählt uns schließlich, wie Jesus mitten hineingeht in Wüste und Todesgefahr, in die Begegnung mit jener versucherischen Gestalt, die in einem anderen Evangelium auch „Herr der Welt“ und „Mörder von Anfang“ an heißt. Jesus überwindet jede Versuchung der Selbstbehauptung durch das größere Vertrauen auf Gott. Darin eingeschlossen ist auch sein Hinweis auf das Wort, das aus Gottes Mund kommt. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, sagt er zum Widersacher, „sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ Jesus stellt uns das Wort Gottes als Lebensmittel für die Seele vor! Liebe Schwestern und Brüder, ist es nicht so, dass für sehr viele Menschen das Wort Gottes, die Bibel, wie ein altes, ruinöses Haus ist, voller toter Texte und altem Gerümpel?

Und wenn ich ehrlich bin, kenne ich diese Seite auch in mir selbst. Wie öde kommen einem die alten Geschichten der Bibel manchmal vor, manche überaus bekannt und deshalb langweilig. Viele andere schwer zu verstehen und deshalb nicht zugänglich. Aber wie spannend könnte es sein, wirklich mal nachzusehen, im alten Haus. Sich tiefer einzulassen auf das, was es dort zu finden gibt. In die Tiefe seines Kellers zu gehen oder in die Höhe des Speichers mit Ausblick aus dem Dachfenster. Und wie wunderbar wäre es, ich könnte in der Beschäftigung mit der Bibel eine Entdeckung machen, die sich anfühlt wie: Ich bin wirklich gemeint! Es geht wirklich um mich, um meine Existenz. Und es fühlt sich an wie ein kostbarer Schatz, wie Nahrung für die Seele, wie Verbundenheit mit dem geheimen Autor des Buches. Wie ein Lebensstrom.

Wie das Wort Gottes Leben verändert

Kürzlich habe ich über eine groß angelegte Untersuchung gelesen, in der über acht Jahre lang hunderttausend Menschen befragt wurden, wie das Lesen und Beten mit der Bibel ein Leben verändern kann. Das Ergebnis war frappierend: Wenn Menschen ein bis dreimal die Woche die Bibel zur Hand nehmen, hat es ein wenig, aber oft noch nicht allzu viel Wirkung auf ihr Leben und ihre Verhaltensweisen. Aber das ganz Erstaunliche war: Wenn es mindestens vier Mal die Woche geschieht, verändert es massiv.

Menschen erleben dann, dass sie viel weniger Ängste und negative Gedanken haben, sich viel weniger entmutigen lassen, viel mehr mit und für andere denken und tun, ein zufriedeneres Leben führen, mehr Zuversicht haben und schlechte Angewohnheiten reduzieren können. Interpreten der Untersuchung sagen: Vier Tage ist die Mehrheit der Wochentage – Und wenn Gott in der Mehrheit der Tage zur Sprache kommt, kann er leichter im Menschen wirksam werden. Er stärkt den Glauben und hilft Menschen, auch im Glauben sprachfähiger zu werden. Und er lässt die starke Neigung zur Selbstbehauptung schrumpfen.

Das Wort Gottes auf sich wirken lassen

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie sich hineinnehmen in diese Fastenzeit mit der Bibel. Nehmen Sie sich mehrmals die Woche, vielleicht sogar täglich, einen Abschnitt eines Evangeliums vor. Lesen Sie ihn langsam, wenn möglich sogar laut. Versetzen Sie sich in die Szenerie der Erzählung, fühlen Sie sich ein in die handelnden Personen und fragen sich: Was kann Gott, was kann Jesus mir heute mit dieser Erzählung sagen wollen? Bitten Sie Ihn, Ihr Inneres zu berühren. Und machen Sie es sich zur Gewohnheit, dass Gottes Wort kontinuierlich in Ihr Leben sprechen darf. Dann kann es passieren, dass Sein Wort auf einmal wie ein persönlicher Liebesbrief an Sie wirkt. Oder auch wie eine Ermutigung, eine Herausforderung, eine Einladung zur Veränderung und Umkehr. Gottes Wort wird Sie bestärken, im Glauben zu wachsen. Und dann wächst auch Ihr Herz für andere Menschen, vor allem auch für solche in Not.

Ich wünsche Ihnen und allen, die Ihnen wichtig sind, von Herzen eine gesegnete Fastenzeit. Und dass Sie im alten Haus der Bibel einen lebendigen Schatz für Ihr Leben finden können. Amen.

Ihr Bischof Stefan Oster SDB aus Passau

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Hier der Hirtenbrief „Schatz fürs Leben“ als Audio:


Hören Sie auch das Hirtenwort vom letzten Jahr 2025: Qualitätszeit mit Gott!