Foto: Stefanie Hintermayr

Wahrhaftigkeit, Umkehr und Versöhnung

Rückblick, Einblick, Mahnung, Lichtblick und Hoffnung! Die Predigt von Bischof Stefan Oster beim Gottesdienst zur Enthüllung des „Mahnmals sexueller gewalttätiger geistlicher Missbrauch“ am 8. März 2026.

„Lichtblick“ heißt das „Mahnmal sexueller gewalttätiger geistlicher Missbrauch“, das jetzt langfristig im Passauer Stephansdom steht. Das Kunstwerk von Andreas Kuhnlein zeigt eine schwangere Frau, die den Blick nach vorne richtet. Es soll Mahnung sein für das Geschehene und gleichzeitig auf das hinweisen, was noch bevorsteht. Diese Botschaft wurde beim Pontifikalgottesdienst am 3. Fastensonntag am 8. März mit Bischof Stefan Oster, bei dem das Mahnmal enthüllt wurde, nochmals deutlich.

Dieser 3. Fastensonntag sei in mehrfacher Hinsicht ausgezeichnet, so der Bischof eingangs bei seiner Begrüßung. Neben dem Weltfrauentag und dem Wahltag sei es für das Bistum Passau ein wichtiger Tag vor dem Hintergrund der Aufarbeitungsstudie zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt im Bistum Passau, die im Herbst 2025 veröffentlicht wurde. „Wir wollen heute einen Schritt weitergehen. Und wir tun das mit einem Bußakt“, meinte er bezugnehmend auf den Stationen-Weg mit anschließender Enthüllung des Mahnmals, „um darauf hinzuweisen, für die Aufarbeitung eine bleibende Erinnerung zu schaffen und uns als Kirche selbst einen Lichtblick zu schenken“.

Bußweg in fünf Stationen

Zentral beim Gottesdienst war ein vom Bischof geführter Bußweg, der von der Präventionsstelle, Siegfried Lang, Sprecher des Betroffenenbeirates und Diözesanratsvorsitzendem Markus Biber begleitet wurde. Dieser „5-Stationen-Weg hin zum Mahnmal“ diente dem besseren Verstehen der schrittweisen Enthüllung des Mahnmals. Ein Zeichen der Verstetigung des Weges der Umkehr und Erneuerung. Rückblick, Einblick, Mahnung, Lichtblick und Hoffnung lauteten die Titel der fünf Stationen.

Schrittweise und mit einem Impuls und anschließendem Innehalten arbeitete sich der Zug vom Altar beginnend, über die Kanzel, die Dom-Mitte und das Domhofportal zur verhüllten Skulptur vor. Mit der Enthüllung durch Bischof Oster und Betroffenenbeiratssprecher Lang wurde sie dann erstmals für alle sichtbar. Die anschließende Gedenkminute nach dem Segnungsakt lud zu Stille, einem Wirken-lassen und In-sich-gehen ein. Mit dem gemeinsamen Gebet, vorgetragen durch Bischof und Betroffenenbeiratssprecher, wurde die Bußweg-Zeremonie beendet.

Liebe kontra Triebbefriedigung

Bischof Stefan Oster lud in seiner Predigt dazu ein, über Sexualität nachzudenken, Ausdruck von Liebe, Hingabe, Intimität und Vereinigung. „Zunächst eine wunderbare Erfindung unseres Schöpfers“, bei der aber auch die reine Triebbefriedigung im Vordergrund stehen könne. „Sind wir nicht gerade in dem, wo es in unserem Inneren um die Fähigkeit geht, wirklich lieben zu lernen mit Leib und Seele, zugleich tief anfällig? Anfällig, selbst verwundet zu werden oder zu verwunden?“

Die Bergpredigt

Die Bergpredigt verdeutliche nur allzu gut den hohen Anspruch Jesu, der sagte: „Wer eine Frau nur lüstern anschaut, hat mit ihr in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen.“ (Mt 5,28). Bezugnehmend auf das Evangelium mit der Geschichte der untreuen Samariterin Rahel, die sich Jesus in einer Art Beichte anvertraut, betonte er, wir alle seien auf die Barmherzigkeit und Vergebung Jesu angewiesen. „Auf dass er uns von innen her immer mehr ganz macht, dass wir mit ganzem Herzen lernen ihn zu lieben, und dann auch den Nächsten, wie uns selbst. Denn die Möglichkeit, in uns – und gerade in diesem so verletzlichen Bereich des Intimlebens – manipuliert, verletzt und verwundet zu werden, die liegt in uns allen.“

Ein Hoffnungszeichen

Welch zerstörerische Kräfte eine Manipulation entwickeln kann, zeige die Geschichte von Betroffenen von Missbrauch. Ihnen dankte der Bischof für die Bereitschaft zur Enthüllung des Mahnmals im Dom, „als ein Zeichen dafür, dass auch ihre Hoffnung nicht erloschen ist. Und dass sie Glauben haben, dass die Kirche, in der sie Schlimmes erlebt haben, zugleich der Ort sein kann, an dem sie Jesus neu begegnen können.“

Zeit für Beichte

Er lud alle Mitfeiernden dazu ein, sich in dieser österlichen Bußzeit zu fragen: „Wo braucht mein Herz mehr Licht, mehr Wahrhaftigkeit – vielleicht auch gerade in diesem Bereich, in dem wir Menschen gefährdet sind, so verwundbar und verwundend für andere zu sein.“ Jesus habe die Samariterin behutsam in ein ehrliches Bekenntnis ihrer Lebenswahrheit geführt, sodass sein Geist in ihr fließen und sie frei machen könne, so der Bischof. „Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, ist es also wieder einmal Zeit für das Sakrament der Wahrhaftigkeit, der Umkehr, der Versöhnung? Zeit für die Beichte.“

 

Die Predigt von Bischof Stefan Oster hier vollständig zum Nachlesen:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

sexuellen Missbrauch zu thematisieren, lässt uns notwendig über unsere Sexualität nachdenken. Und wenn wir das tun, dann treffen wir in uns auf eine Dimension von einem inneren Streben und Begehren, das Erfüllung sucht, das befriedigt werden will, das Sehnsucht erzeugen und Kraft entfalten kann; das unglaublich tief und schön erlebt werden kann als Ausdruck von Liebe, von Hingabe, von Intimität und Vereinigung. Sexualität ist zunächst eine wunderbare Erfindung unseres Schöpfers.

Aber zugleich wissen wir doch auch alle, wie verwundbar wir in diesem Bereich als Menschen sind, wie schnell etwas unter dem Schein der Liebe daherkommen kann und am Ende doch nur ein Benutzen und Gebrauchen des Anderen zur eigenen Befriedigung ist. Wie verwundbar sind wir darin und wie fähig womöglich auch, andere durch triebhafte Gier andere zu verwunden. Der ehemalige Fußballer Stefan Effenberg hat vor Jahren in der Bild-Zeitung seine Affären und seinen Ehebruch öffentlich geschildert. Und die große Überschrift, mit der die Bild in großen Plakaten in unseren Städten diese Geschichte verkauft hat, lautete: Effenberg: „In der Liebe bin ich Egoist!“

Was für ein widersprüchlicher Satz, liebe Schwestern und Brüder. Und doch muss man sagen: Jeder von uns versteht hier doch auch, was Effenberg gemeint hat. Die Triebbefriedigung hat Vorrang vor der wirklichen Sorge um den Sexualpartner oder vor der eigenen Ehefrau, die ich grad betrüge. „In der Liebe bin ich Egoist.“ Ja, die Möglichkeit von so etwas steckt in uns. Und wenn wir tief genug in uns hineingraben, dann gibt es vielleicht kaum einen Menschen, der hier nicht gefährdet wäre. Der also nicht auch die Möglichkeit in sich trägt, ein Betrüger zu sein, eine Betrügerin, Ehebruch zu begehen, emotional übergriffig zu werden, andere durch unschickliche Berührungen zu belästigen, in der Sprache schamlos zu werden, Grenzen zu überschreiten.

Merken wir an so einer Aufzählung, wie es in unserem Inneren losgehen kann?  Wie Grenzen vielleicht sogar unmerklich immer aufgelockerter werden; wie in unseren Herzen durch das, was wir sprechen, sagen, was unsere Augen anschauen, dass wir dadurch innerlich auch verwahrlosen können? Sind wir nicht gerade in dem, wo es in unserem Inneren um die Fähigkeit geht, wirklich lieben zu lernen mit Leib und Seele, zugleich tief anfällig. Anfällig, selbst verwundet zu werden oder zu verwunden? Und hören wir von hier den unglaublich hohen Maßstab, den Jesus anlegt.

In der Bergpredigt lesen wir den wie ich finde, überaus fordernden Satz: „Wer eine Frau nur lüstern anschaut, hat mit ihr in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen.“ (Mt 5,28). Als Ort dieses Ehebruchs identifiziert er unser Herz. Biblisch die Mitte der ganzen Person. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wie sehr ist unsere Kultur, vor allem unsere Medienkultur, unsere Werbung, unsere Internetkultur durchdrungen von dem Versuch, unsere Lüsternheit anzusprechen?  Und wie leichtfertig lassen wir uns womöglich darauf ein? Und wie wenig sind wir aus uns selbst in der Lage, uns da innerlich heller oder heiler zu machen – und damit weniger gefährdet aber auch weniger gefährdend für andere?

Im heutigen Evangelium begegnet Jesus in Samaria einer Frau am so genannten Jakobsbrunnen. Im Johannesevangelium ist fast alles mit einer tieferen Bedeutung versehen. Die Samariter sind aus der Sicht der Jerusalemer Juden, vom Glauben Abgefallene; Israeliten, die sich mit Heiden vermischt haben und die ihr eigenes Heiligtum eingerichtet hatten und die die Schriften der Propheten im Alten Bund nicht anerkannt hatten. Aber der Bund Gottes mit seinem Volk war schon in den Heiligen Schriften Israels, besonders bei den Propheten, immer wieder als Hochzeitsbund beschrieben worden.

Dazu kommt, dass die Begegnung am Brunnen ein Motiv aus der Vätergeschichte ist: Jakob, der Stammvater Israels, nach dem dieser Brunnen hier benannt ist, dieser Jakob hat seine Frau Rahel auch zuerst an einem Brunnen getroffen. Und im heutigen Evangelium kommt nun an den Brunnen, der den Namen des Stammvaters trägt, derjenige, der kurz vorher im selben Evangelium der Bräutigam genannt wurde. Jesus, der Bräutigam seines Volkes. Und er trifft hier exemplarisch und auch stellvertretend eine abtrünnige, eine untreue Frau aus den abgefallenen Stämmen Israels. Und Jesus führt sie im Gespräch in die Tiefe, zunächst in dem Dialog über das Wasser. Vom buchstäblichen Wasser zum Trinken, das sie schöpft, zur Rede vom Wasser, das die Seele stillt. Im Johannesevangelium ist dieses Wasser der Heilige Geist, den Jesus gibt.

Aber diese Frau ist womöglich ein Missbrauchsopfer in dieser patriarchalen Kultur damals. Oder sie ist womöglich sogar selbst missbräuchlich mit Männern umgegangen. Und so führt Jesus sie nach diesem ersten Dialog über das Wasser hin zu ihrer eigenen verwundeten Geschichte ihres Intimlebens. Er tut es, indem er sie quasi zu einer Art Beichte führt: „Geh, hol deinen Mann“, sagt er. Und sie: „Ich habe keinen.“ Eigentlich eine Lüge, aber Jesus macht aus dieser Lüge in seiner Barmherzigkeit ein Bekenntnis. Er findet auch in dieser Lüge noch die Wahrheit, indem er sagt: „Es stimmt, was Du sagst. Du hast nämlich fünf Männer gehabt – und der, den du jetzt hast, der ist gar nicht dein Mann.“

Und dann wird er davon erzählen, dass die Stunde kommt und schon da ist, in der die wahren Beter den Vater anbeten werden – im Geist und in der Wahrheit. Liebe Schwestern und Brüder, es gibt einen tiefen Zusammenhang zwischen dem Berührt- und Erfüllt-werden vom Heiligen Geist – und dem in unserem Inneren, was uns mit Leib und Seele liebesfähig macht. Leben wir darin in der Wahrheit oder mehr in einem Begehren, das uns zweideutig macht, heuchlerisch, unwahrhaftig oder gar übergriffig?

Vielleicht spüren Sie, wie wir alle Menschen sind, die gerade in dieser Dimension der Liebesfähigkeit auf die Zuwendung Jesu, auf seine Barmherzigkeit und seine Vergebung angewiesen sind. Auf dass er uns von innen her immer mehr ganz macht, dass wir mit ganzem Herzen lernen Ihn zu lieben, und dann auch den Nächsten, wie uns selbst. Denn die Möglichkeit, in uns – und gerade in diesem so verletzlichen Bereich des Intimlebens manipuliert, verletzt und verwundet zu werden, die liegt in uns allen. Ebenso wie die Möglichkeit, selbst jemand zu sein, der ander manipuliert, verletzt, verwundet.

Und wenn ich aus dieser Perspektive auf die Geschichte von Betroffenen von Missbrauch schaue, dann ist die Tragödie, dass sie in den Tätern gerade nicht der behutsamen, heilenden, in die Wahrhaftigkeit führenden Liebe Jesu begegnet sind, sondern dem Verrat, der geeignet ist, junge Menschenseelen so tief zu verwunden, dass es manchmal sogar unsere Vorstellungskraft übersteigt und dass es ein normales Leben wirklich zerstören kann.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Betroffene von sexuellem Missbrauch bereit waren und sind, mit uns zusammen dieses Erinnerungsmal, das zugleich ein Mahnmal ist, heute mit uns allen im Dom zu präsentieren. Als ein Zeichen dafür, dass auch ihre Hoffnung nicht erloschen ist. Und dass sie Glauben haben, dass die Kirche, in der sie Schlimmes erlebt haben, zugleich der Ort sein kann, an dem sie Jesus neu begegnen können.

Der Ort, an dem sie glauben können, dass ihre Wunden innerlich heiler werden können und sie damit wieder freier und vertrauensvoller. Dass sie sogar die Wahrheit des eigenen Missbrauchserlebnisses, das oft so unglaublich beschämend ist, auch und gerade dann, wenn man Opfer war, nach und nach in ein Licht halten können, das heiler macht. Und dass sie damit sogar ein Zeugnis geben, dass mitten in dieser Kirche, deren Vertreter so verbrecherisch waren, trotzdem und immer noch der zugewandte Jesus auch für sie da ist und da bleibt. Für dieses Zeugnis und für Ihr Hier-sein und Hier-bleiben danke ich von Herzen.

Und uns alle, liebe Schwestern und Brüder, möchte ich in dieser österlichen Bußzeit einladen, uns zu fragen: Wo braucht mein Herz mehr Licht, mehr Wahrhaftigkeit – vielleicht auch gerade in diesem Bereich, in dem wir Menschen gefährdet sind, so verwundbar und verwundend für andere zu sein. Wie spreche ich über intime Dinge, wie schaue ich auf Menschen, die mich anziehen? Mit welchen Inhalten, Bildern, Texten, Filmen nähre ich Verstand und Emotionen – und damit irgendwie immer auch mein Herz? Wo neige ich zur Übergriffigkeit?

Und was stillt meine Seele wirklich? Was macht tiefere Freude? Wo erfahre ich, dass ich wirklich lieben kann und lieben lerne? Jesus hat der Samariterin unglaublich behutsam in ein ehrliches Bekenntnis ihrer Lebenswahrheit – dann kann sein Geist in ihr fließen – und sie frei machen. Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, ist es also wieder einmal Zeit für das Sakrament der Wahrhaftigkeit, der Umkehr, der Versöhnung? Zeit für die Beichte. Ich möchte Sie jederzeit dazu ermutigen, denn Gottes Zuspruch und Begegnung können Herzen heilen. Amen.

Die Predigt hier zum Nachhören:

 


Einen ausführlichen Artikel gibt es hier auf der Bistumswebsite.


Hören Sie auch die Predigt vom Gebetstag für Betroffene und mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs 2024 in Passau: Ausschau und Lichtblick!