Foto: Christian Beirowski/Bistum Regensburg

Warum ich beim Marsch für das Leben war

Warum ich beim Marsch für das Leben war. Das Interview von Bischof Stefan Oster mit Wolfgang Krinninger vom Passauer Bistumsblatt hier zum Nachlesen.

Herr Bischof, Sie haben vor zwei Jahren gesagt, der Marsch für das Leben lasse sich „zu leicht beschädigen, zu leicht inhaltlich kapern und dann das Interesse auf Nebenthemen lenken, die nicht die unseren sind“. Und sie seien nicht sicher, ob der Begriff „Marsch“ für die Veranstaltung tatsächlich noch in die Zeit passt. Aber selbstverständlich seien Sie „offen für gute neue Ideen, um diesem so wichtigen Anliegen für unsere Zeit, mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen“. Sie haben am „Marsch für das Leben“ teilgenommen. Was ist der Grund für Ihre Teilnahme? Gab es diese guten neuen Ideen, von denen Sie sprachen?

Ich habe danach mit vielen Leuten gesprochen, die den Marsch für das Leben unterstützen. Viele hatten sich enttäuscht gezeigt, dass ich ihn als Veranstaltungsform in Zweifel gezogen hatte – da sie mich grundsätzlich als öffentlich gehörte und sie unterstützende Stimme für den Lebensschutz wahrnehmen. Und tatsächlich geht es um ein Abwägen: Die vielen, meist gläubigen Menschen auf dem Marsch wollen sich ihr Anliegen nicht aus der Hand nehmen lassen – auch wenn es andere für sich politisch instrumentalisieren wollen, die zeitlich später dazugekommen sind. Das kann ich nachvollziehen – ein Wegbleiben kann daher gedeutet werden als: Wir überlassen denen das Feld, die das Anliegen für sich kapern wollen. Und das will ich natürlich auch nicht.

Sie betonen, dass wir als Angehörige des Menschengeschlechts Personen von Anfang an sind, unabhängig von unseren Eigenschaften und Zuständen. „Jedes Wesen der Gattung Mensch ist Person – und hat damit Anspruch auf die Anerkennung seiner Personwürde – und ist unbedingt schützenswert. Auch jedes ungeborene Kind.“ Gibt es weitere zentrale Argumente, die Sie antreiben, sich hier einzubringen? In welchen Bereichen soll sich die Kirche hier noch stärker engagieren?

Wir schauen auch auf das Ende des Lebens: Assistenz zum Suizid als Geschäftsmodell zu ermöglichen, spricht fundamental gegen unsere Überzeugungen von Gott als dem Herrn über Leben und Tod. Auch die Debatte über Leihmutterschaft gehört meines Erachtens hierher: Ich bin der Überzeugung, dass es kein Recht auf ein Kind gibt, aber ein Recht des Kindes auf seine natürlichen Eltern, sofern das irgend möglich und vernünftig ist. In dieses Feld gehört auch die so genannte Reproduktionsmedizin oder die Diagnostik von Embryonen auf genetische Defekte. Auch die sogenannte „verbrauchende Embryonenforschung“ zur Gewinnung von Stammzellen gehört hierher. Selbstverständlich auch ein Verbot der Todesstrafe wie auch – positiv – unsere Sorge um Menschen, die gesellschaftlich tendenziell weniger erwünscht scheinen: beispielsweise Flüchtlinge oder Menschen mit Behinderungen. Und wenn es um Abtreibungen geht, geht es für uns selbstverständlich positiv auch um die Fürsorge für Frauen, die ungewollt schwanger sind.

Die AfD und andere rechtsextreme Gruppen versuchen immer wieder, den „Marsch für das Leben“ und die Veranstalter zu unterwandern und zu vereinnahmen. Sie dagegen betonen immer wieder: Wer für den Schutz des Lebens von Anfang bis zum Ende ist, der muss konsequent auch für den Schutz der anderen Marginalisierten sein, zum Beispiel der Armen, der Menschen auf der Flucht, der Menschen, die im Mittelmehr zu ertrinken drohen. Es gebe keine konsequente Einstellung zur Menschenwürde, die die einen Schwachen schützen und die anderen Schwachen weghaben will. Vor diesem Hintergrund: Wie wollen Sie sich gegen diese Art der Vereinnahmung durch die AfD und andere rechte Gruppierungen abgrenzen?

Indem wir klar sagen, wofür wir stehen.

Es ist in Deutschland in den vergangenen Jahren einigermaßen gelungen, die Lage zu „befrieden“ und ein hartes Aufeinanderprallen der extrem gegensätzlichen Lager zu vermeiden. Ist der „Marsch für das Leben“, bei dem hunderte Polizisten im Einsatz sind, damit die Lage nicht eskaliert, da nicht eine Veranstaltung, die Polarisierung und das Auseinanderdriften der Gesellschaft befeuert? Oder anders gefragt: Warum braucht es den „Marsch für das Leben“?

Politisch wird ja bei uns seit einigen Jahren darum gerungen, die gegenwärtige gesetzliche Regelung zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland aufzuweichen. Als damals, 1995, die derzeit gültige Kompromissregelung beschlossen wurde, waren wir als katholische Kirche sehr kritisch dazu. Dennoch kann man sagen, dass in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht eine Befriedung eingetreten ist, die Polarisierungen überwunden hat. Das Thema spielte lange Zeit längst keine solch spaltende Rolle wie etwa in den USA. Dennoch: Heute kommt es mir manchmal so vor, als wären wir von der Kirche nun die letzten, die sagen: Bitte diese Regelung nicht wieder antasten – weil absehbar ist, dass eine Veränderung nur in Richtung noch weiterer Liberalisierung gehen würde – zulasten der Ungeborenen. Aber was mich bei meiner Teilnahme in Berlin vor einigen Jahren wirklich erstaunt hat: Welche Emotionen eine überschaubare Zahl friedlicher Demonstranten bei anderen wecken können. Unglaublich – aber man spürt: Es geht dabei um sehr viel Tieferes und Grundsätzlicheres als um ein paar Tausend Demonstranten. Aus meiner gläubigen Sicht geht es um die fundamentale Frage: Wem gehört unser Leben?

Gibt es andere Themen, für die Sie demonstrieren würden? Oder Themen, die gerade in Bezug auf das große Thema „Leben“ aus Ihrer Sicht bei diesem Marsch unbedingt mitbedacht werden sollten?

Ich bin ja vor einigen Jahren auch schon einmal bei „Fridays for Future“ mitgegangen: Damals ging es dort noch ausdrücklich um das Klima und die Bewahrung der Schöpfung. Und ja, da haben wir auch Sorge und Verpflichtung. Und was mich wirklich umtreibt: In mir wächst die Überzeugung, dass wir als Kirche gerade in Zeiten der technologischen Revolution und des wachsenden Einflusses der Künstlichen Intelligenz so etwas wie die Hüter der menschlichen Person und ihrer Würde sein müssen. Nur als Beispiel: Gerade im sozialen Bereich wird es dramatische Veränderungen geben – sicherlich auch nützliche. Aber ich meine auch zu sehen, dass es intensive Bemühungen gibt, etwa menschliche Zuwendung und Fürsorge zu ersetzen – weil es technisch billiger und vielleicht sogar effektiver ist. Aber wir sind Beziehungswesen, wir brauchen die Begegnung von Herz zu Herz – und nicht von Herz zu einer Maschine, die nur so tut als hätte sie ein Herz.