Besuch des Dekanates Pfarrkirchen

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

die Liturgie der Kirche legt uns heute zwei Texte vor, die für uns Christen im Heute sehr herausfordernd sind. Es liegt an den wesentlichen Themen, die sie enthalten. Im ersten Text geht es um das Gericht Gottes, der zweite handelt vom Gebet. Der erste Text ist aus dem Buch Maleachi. Es ist das letzte Buch im Alten Testament und in diesem Buch sagt der Prophet das Gericht an, und zwar als den furchtbaren Tag, als den Tag in dem die Spreu vom Weizen getrennt und verbrannt werden wird, während für diejenigen, die den Namen des Herrn fürchten, wie es heißt, die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird.

Was machen wir mit so einem Text? Denken wir, er gehört ohnehin dem Alten Testament zu und Jesus ist doch viel barmherziger? Oder denken wir, so schlimm wird es schon nicht werden, denn Gott ist doch die Liebe? Schauen wir zuerst, was der Prophet dem Volk vorwirft: Er lässt diejenigen, die er Frevler nennt, sagen: Was haben wir davon, wenn wir Gottes Anordnungen befolgen? Er nennt sie überheblich, sie würden Gott auf die Probe stellen und meinen, sie kämen straflos davon, heißt es. Weiter vorn im Text hören wir auch, dass der Prophet die Priester anklagt, sie würden den Gottesdienst nicht mehr ernst nehmen und als Opfer nicht die besten Schlachttiere, sondern die fehlerhaften darbringen. Er klagt auch die Treulosigkeit in den Ehen an und anderes mehr. Kurzum, das Volk rechnet nicht mehr mit Gott. Sie machen ihre eigene Sache und trauen Gott nichts zu. Denen, sagt der Prophet, wird es am Tag des Gerichts schlecht ergehen. Sie haben keine Ehrfurcht mehr vor seinem Namen. Dagegen würde für diejenigen, die diesen Namen kennen und ehren, die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir nun meinen, das ist Altes Testament, Jesus ist anders, dann dürfen wir uns nicht täuschen: Im Grunde kann man sagen: Jesus bestätigt diesen Text von Maleachi vollständig. Er sagt in einem Drittel seiner Texte das Gericht an, er ruft beständig zur Umkehr und im Grunde ist seine ganze Sendung, sein Leben unter uns, sein Leiden, sein Sterben, sein Auferstehen, all das ist der Versuch, unser Herz von neuem ihm zuzuwenden, unser Herz von neuem Gott zuzuwenden. Jesus sieht die Gefahren für einen Menschen, der Gott vergisst. Er schaut in ihr Herz und sieht so häufig Hartherzigkeit, Abwendung von Gott, Unkenntnis Gottes. Und er will, dass unser Herz wieder gottvoll und gottfähig wird: Das wichtigste und erste Gebot ist für ihn: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft, mit allen Gedanken. Aus diesem Gebot folgt das zweite: den nächsten wie sich selbst zu lieben. Wer Gott im Herzen hat, wird von neuem liebesfähig gegenüber den Menschen. Wer Gott nicht im Herzen hat, der neigt nur zu einer Liebe, die eher sich selbst meint als wirklich den anderen.

Und derjenige, bei dem Gott im Herzen keinen Zutritt findet, für den wird das Kommen Gottes tatsächlich Gericht: Er wird überführt, dass er sich zeitlebens an anderes geklammert hat, als an Ihn. Er erlebt das Kommen Gottes von außen, wie einen Dieb in der Nacht, sagt Jesus, wie einen, der bei mir einbrechen will und mich erschreckt und entsetzt macht. Aber nicht wie einen, dem ich bei seinem Kommen freudig entgegen gehe, weil ich ihn schon kenne, weil ich ihn schon im Herzen habe. Das eine ist Überführung, Gericht: es brennt wie ein Feuer von außen in mich ein, weil ich mein Auge permanent auf anderes, auf dunkleres gerichtet habe und es tut weh und verbrennt. Die Alternative dazu ist: Die Sonne geht auf und ich gehe ihr freudig entgegen, weil ich sie innerlich schon kenne, weil ich ihre Verwandtschaft spüre. Derjenige, der den Herrn kennt und liebt, freut sich auf sein Kommen!

Damit, Schwestern und Brüder, sind wir beim zweiten Text, bei demjenigen, der uns vom Gebet erzählt. Er gehört zu einer längeren Passage im Lukas-Evangelium, in dem Jesus das Thema Gebet behandelt. Er bringt hier das Gleichnis vom bittenden Freund, der in der Nacht kommt und etwas für seinen Besuch braucht als Beispiel. Und Jesus betont die Zudringlichkeit des Bittenden und führt uns eindringlich vor Augen, dass wir bitten, dass wir suchen, dass wir anklopfen sollen. Wenn wir glauben, wenn wir vertrauen, dass Gott mit uns geht, dass er da ist, wenn wir seinen Namen fürchten und kennen, wie das Alte Testament sagt, dann wird er uns auch den Heiligen Geist geben. Sogar unverzüglich, sagt Jesus. Und der Hl. Geist ist derjenige, der unser Herz gottförmig macht, er ist derjenige, der uns hilft, Gottes Kommen zu verstehen, zu erkennen, zu erwarten. Er ist derjenige, in dem wir erneuert werden.

Ich möchte es mit einem Bild versuchen: Wenn ich Kommunion austeilen darf, dann strecken sich mir immer neu Hände entgegen. Und es ist sehr interessant, die Hände von Menschen zu betrachten. Viele, spürt man, viele arbeiten tagtäglich mit den Händen, die Hände sind geformt vom Umgang mit der Erde in der Landwirtschaft oder vom Umgang mit Maschinen und Handwerkszeug. Die Hände sind geprägt vom Umgang des Menschen mit den Dingen. Die Dinge formen die Hände im Laufe der Jahre – durch beständiges Wirken mit ihnen.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist ein Bild für unsere Seele: Unsere Seele, unser Herz, ist gemacht dafür, dass es zuerst mit Gott Umgang hat. Und sie ist dafür gemacht, dass sie sich von dieser Gegenwart und diesem Umgang immer mehr prägen und formen lässt. Aber weil unsere Seele eben sich formen und prägen lässt, spürt man ihr auch an, ob sie sich von anderen Dingen in Besitz nehmen lässt. Oft ist es gar nicht so schwer, Menschen auch äußerlich zu erkennen, die ein besitzgieriges Herz haben oder ein Suchtproblem oder ähnliches. Und wir Christen sind nun also dazu berufen, Gott in unser Herz zu lassen. Ihn lieben zu lernen – und zwar nicht nur einfach deshalb, weil wir ihn brauchen. Das ist zwar ein wichtiger, guter Grund, weil wir alle Gott brauchen – aber es ist nicht der letzte, nicht der eigentliche.

Wenn Sie zum Beispiel Eltern sind, dann wissen Sie, wie sehr ihre Kinder Sie brauchen, vor allem, wenn sie noch klein sind. Aber Sie wissen auch, dass sich Ihr Herz danach sehnt von ihren Kindern nicht nur deshalb geliebt zu werden, weil die Kinder Sie brauchen und weil Sie sie auch in bestimmter Hinsicht benutzen können. Sie wollen auch einfach um ihrer selbst willen geliebt werden.

Und ich glaube, nun Schwestern und Brüder, dass es dieser Punkt ist, der für uns alle wichtig ist, zumal für eine Erneuerung unseres kirchlichen Lebens. Den Namen Gottes fürchten, Ihm Ehrfurcht entgegen bringen, Ihn lieben, einfach weil wir Ihn kennen, weil wir zu Ihm gehören dürfen, weil Er sich uns immer neu schenkt und zuwendet, das macht unseren Glauben im Herzen tief und weit. Das lässt Gott in uns wohnen. Daher glaube ich, dass es für uns wichtig ist, wirklich gemeinsam Wege zu finden, wie wir Gott, wie wir Jesus selbst besser kennen lernen können, wie wir Erfahrungen machen können, Ihm zu begegnen. Wie wir in den Austausch darüber finden, uns sensibel machen, wie wir in Formen des Betens finden, die in uns die Sehnsucht wecken und die uns helfen, dass andere Menschen an uns entdecken: die kennen Gott, die haben eine gottgeformte Seele. Und solche Menschen wären dann auch nicht überrascht, sondern voller Freude, wenn Er morgen wiederkäme.

Liebe Schwestern und Brüder, mir ist bewusst, wenn ich solche Dinge sage, dass sie herausfordernd klingen, dass sie auch manche kirchliche, gläubige Praxis in Frage stellen. Aber das In-Frage-Stellen ist gar nicht mein erstes Anliegen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich auf meinen Dekanatsbesuchen immer neu froh und erstaunt darüber bin, wie viel Engagement, wie viel Reichtum, und auch Glauben und wie viel Kirche es bei uns gibt und wieviele Menschen, die teilnehmen und treu sind. Dafür danke ich von Herzen. Mein Anliegen ist am ehesten zu beschreiben: Ich will Sehnsucht wecken nach mehr, nicht nach „noch mehr tun“, sondern „mehr inneres Berührtwerden von Jesus“. Mehr Erfahren vom Geschenk, das Gott geben will. Papst Benedikt hat immer wieder gesagt: das Christentum ist zuerst Begegnung mit einer Person. Es ist nie zuerst einfach nur Moral und ein paar Vorschriften. Es ist Berührt-werden von der Gegenwart Jesu in unserem Leben, ein Berührtwerden, das zur Antwort einlädt. Und dass dann all unserem Engagement seine Farbe, seine Kraft gibt. Ich spreche immer neu darüber, weil das die eigentliche Kraftquelle ist für die Kirche, weil daraus die Freude kommt, gegen Erlahmung und Lähmung, gegen Angst und Frustration.

Ja, es ist möglich, dem Herrn zu begegnen, sich im Herzen von Ihm berühren zu lassen. Wenn wir suchen, werden wir finden, wenn wir anklopfen öffnet er, wenn wir bitten, schenkt er sich uns. Immer neu. In diesem tieferen Horizont steht dieses Anliegen – und ich bitte Sie alle: Helfen wir einander, in Weisen des Betens zu finden, die uns nach dieser Berührung sehnsüchtig machen und die uns öffnen für sie. Helfen wir einander, dass wir sprachfähig werden über unsere Erfahrungen mit dem Herrn. Wir Christen sind anders, aber wie und warum? Weil wir im besten Fall ein Herz haben, in dem unser Herr wohnt und wir deshalb einen anderen, neuen Blick auf die Welt und die Menschen haben. Und das ist es dann auch, was anziehend macht, was Menschen spüren lässt: Die sind anders, weil sie Gott kennen, der Wahrheit ist und Liebe und Barmherzigkeit und Vergebung – einen Gott, der unser ganzes Leben trägt und begleitet. Das wünsche ich Ihnen sehr und bitte den Herrn um seinen Segen für Sie alle. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau