Christi Himmelfahrt im Passauer Stephansdom

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

was ist es, was unseren Geist ausmacht? Ich glaube, ein ganz wichtiger Aspekt ist der: Je geistiger ein Wesen ist, desto mehr ist es in der Lage, einen Standpunkt einzunehmen, der außer ihm liegt. Ein Tier beispielsweise kann das nicht, denn ein Tier verfolgt zuallererst seine eigenen Bedürfnisse, die der Instinkt ihm vorgibt. Ein kleines Kind aber lernt schon allmählich verstehen, dass es andere Menschen gibt, die Gefühle und Stimmungen äußern, die unabhängig von ihm sind. Es lernt, dass die Mama froh oder ärgerlich ist, es lernt, dass ein anderes Kind fröhlich oder traurig ist und so fort. Und es lernt, dass es darauf Rücksicht nehmen kann und soll. Ein erwachsener Mensch, kann dies dann meistens noch besser, er kann andere immer besser verstehen lernen und deren Perspektive einnehmen. Und zwar zumindest der Möglichkeit nach eigentlich bei jedem. Deshalb kann er auch Verantwortung für andere mit übernehmen, die das noch nicht so gut können. In diesem Sinn bedeutet also geistiger werden, nicht einfach intellektueller werden, sondern wirklich verstehend für andere und deshalb verantwortungsvoller für andere und liebender gegenüber anderen. Einen anderen wirklich verstehen bedeutet auch: an die Stelle des anderen treten. Man kann also sagen, je geistiger ein Wesen im diesem Sinn wird desto weiter, desto tiefer verstehend wird es für viele. Und solches Verstehen schafft innere Nähe, schafft Vertrauen. Wir verstehen zum Beispiel, dass Mutter Teresa für viele eine Art Mutter geworden ist, oder Don Bosco für viele junge Menschen ein Vater geworden ist. Er konnte ganz vielen Menschen nahe und verstehend für sie sein, und zwar oft auch dann, wenn er körperlich nicht anwesend war. Man war ja innerlich mit ihm verbunden, man war ihm innerlich nahe. Wir sagen: wir haben einen anderen ins Herz geschlossen. Der andere, der uns liebt und den wir lieben, der hat einen Platz in uns, der übt einen Einfluss auf uns aus, auch wenn er körperlich gerade weg ist. Nun, solche Menschen, die eben in diesem Sinn geistiger sind, die deshalb liebesfähiger sind, die haben diese Möglichkeit eben für mehr Menschen, für viele. Trotzdem gibt es da für uns Menschen natürlich Grenzen. Auch Mutter Teresa und Don Bosco waren als endlicher Mensch nicht unbegrenzt verstehend und liebend.  Auch sie hatten ihre Grenzen, wie wir alle.

Als Christen glauben wir nun, dass die weiteste, die universale, die unbegrenzte Perspektive für alle, die von Gott ist. Gott ist der, der am meisten versteht, der am meisten liebt und zwar alle. Gott ist Geist schlechthin. Er ist über alle Begrenzung hinaus. Und Sie ahnen nun vielleicht, warum ich das am Fest Christi Himmelfahrt sage? Es hat damals in Palästina zunächst Menschen gegeben, die mit Jesus eine konkrete, eine leibliche, sinnlich greifbare Erfahrung gemacht haben. Sie sind ihm umhergezogen, sie waren Zeugen seiner Lehre, seines Handelns, seines Leidens, seiner Auferstehung. Sie haben immer mehr verstanden: da ist einer, der hat etwas an sich und in sich, das hat eine Bedeutung für mich, aber zugleich für ganz viele, ja für alle Menschen. Aber eben: diese Erfahrung war zunächst auch begrenzt auf einige wenige Menschen, auf eine Region, auf die Wege seines Umherziehens in Israel. Diese Erfahrung war eingegrenzt besonders durch die Erfahrung der Leiblichkeit. Unser Geist ist an den Leib gebunden, er ist endlich und begrenzt.

Aber wir sind in der Osterzeit und die Jünger haben nach Ostern noch einmal eine ganz neue Erfahrung gemacht. Der, der tot war, der lebt wieder. Er ist auferstanden. Er ist irgendwie anders, er geht ja durch Türen, er ist plötzlich da, dann wieder weg, seine Leiblichkeit ist verwandelt. Aber er ist trotzdem immer noch leiblich für die Jünger erfahrbar. Der Apostel Thomas durfte ihn sogar anfassen und die Apostelgeschichte erzählt, dass sie mit ihm gegessen haben. Und deshalb erzählen die Texte der Schrift, dass die Jünger zwar die Auferstehung erlebt hatten und die Erscheinungen, dass aber dennoch der entscheidende Durchbruch für die Jünger, der wirkliche Aufbruch, die wirkliche Wandlung in ihr neues Leben, sich erst an Pfingsten ereignet hatte, nach der Himmelfahrt und mit der Sendung des Heiligen Geistes. Ist es nicht eigenartig, dass die Jünger vorher, im Angesicht des Kreuzes so gar keine Helden waren, obwohl sie ihn doch gesehen, erlebt, angefasst, mit ihm gegessen und von Angesicht zu Angesicht gesprochen hatten. Er war da, aber sie waren Angsthasen. Und dann nach der Auferstehung, da war das immer noch nicht so ganz geklärt: Konnte man ihn nun anfassen und sehen, oder nicht? Ist er da, oder nicht? Und auch die Erfahrung der Auferstehung, die war zwar für die Jünger wunderbar und unbegreiflich, trotzdem waren sie von innen her noch nicht voll berührt und verwandelt. Sie hatten ja immer noch etwas, woran sie sich äußerlich festhalten konnten. Das heißt: Solange der Herr für sie noch irgendwie greifbar war, äußerlich sichtbar, solange konnte er ihnen noch gar nicht tief innerlich werden. Solange konnten sie noch gar nicht gewissermaßen radikal aus ihm leben, solange konnte er ihnen nicht ins eigene Herz, ins eigene Fleisch und Blut übergehen. Ist es nicht seltsam? Er geht weg, er fährt in den Himmel auf, das feiern wir heute – und erst danach kommt der Geist, der Geist der Innerlichkeit, des Feuers, der Kraft. Erst jetzt, obwohl sie ihn nicht mehr sehen, erst jetzt gehen sie hinaus und sind bereit, für ihren Glauben zu sterben.

Man darf also die Himmelfahrt deuten als ein Gehen Jesu zum Vater, als ein Eingehen in den, der absoluter, schöpferischer, liebender Geist ist, damit er von dort für alle nahe sein kann. Und zwar noch näher als er es vorher war, weil innerlicher, weil tiefer, weil geist-voller. Sein Weggehen, seine Himmelfahrt ist gewissermaßen die Voraussetzung für sein tieferes Sein bei uns und in uns. Sein Gehen in den Himmel ist seine Eröffnung des Himmels in uns. Liebe Schwestern und Brüder, wir Christen denken und glauben so etwas ja auch für die Heiligen. Das Beispiel des Heiligen Antonius macht das deutlich. Er ist der Patron für die Schlamper und die Vergesslichen, also irgendwie für uns alle. So viele Katholiken beten auf der ganzen Welt zum Heiligen Antonius, wenn sie etwas verlegt oder verloren haben. Stellen Sie sich vor, er wäre noch hier unter uns. Und sie müssten ihn zum Beispiel im Falle des Verlustes einer Sache jedesmal in Padua anrufen und sagen: Antonius, könntest du mir helfen? Wäre das so, könnte Antonius nicht auf allzuviele Menschen eingehen. Aber jetzt, nach dem Tod des Heiligen, glauben wir, dass er bei Gott ist und genau deshalb kann er von dort aus überall sein. Tausende von Menschen weltweit rufen ihn gleichzeitig an: Kein Problem, Gott hat ihn quasi universalisiert. Antonius ist da für alle, weil er bei Gott ist.

Und diese Möglichkeit, diese universale Perspektive, die hat Christus allen Heiligen, aber letztlich auch jedem von uns eröffnet. Jetzt ist da die Wohnung bereitet. Jetzt gehören auch wir wieder da hinein, weil auch wir von neuem Anteil an seinem Geist bekommen haben. Wir sind schon Mitglied dieser himmlischen Familie und das wird sich vollends zeigen, wenn wir einmal durch dieses Leben gänzlich  hindurch gegangen sind. Weil Gott der Höchste ist, der Himmlische, weil er die universalste Perspektive hat, kann er in allem, kann er im Kleinsten mit seinem Geist enthalten sein. Und zwar in allen Geschöpfen. Die Himmelfahrt Jesu eröffnet auch für uns neu den Blick darauf, dass Gott der vom Allergrößten, vom ganzen Universum nicht begrenzt ist, genau deshalb mit seiner schöpferischen Kraft im Allerkleinsten gegenwärtig ist, in jedem Kieselstein, in jedem Grashalm, in jedem Geschöpf. Ganz besonders gegenwärtig ist er aber in denen, die Zeugen seiner Auferstehung und Himmelfahrt sind. In denen also, die glauben, dass Jesus der Menschensohn zugleich Gott ist, dass er beim Vater wohnt für uns. Und dass er von dort kraft seines Geistes tiefer in uns wohnt, als wir selbst es ahnen. Er schenkt uns seinen Geist. Wir dürfen deshalb hinausgehen und von seiner Liebe Zeugen werden, allen Geschöpfen gegenüber, aber ganz besonders gegenüber den Menschenkindern, die er so sehr liebt. Amen.

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