Christoph Leuchtner wird in Altötting zum Diakon geweiht

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Lieber Christoph Leuchtner, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

„zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Dieser erste Satz aus der Lesung ist ein Zuruf des Hl. Apostels Paulus aus dem Galaterbrief. Sie, Herr Leuchtner, haben Lesung und Evangelium für den heutigen Festtag, Ihren und unseren Festtag, selbst ausgewählt. Und Sie geben uns damit auf, gemeinsam über die Freiheit des Christenmenschen nachzudenken. Und darüber, wie sich das zu dem Dienst des Diakons verhält, den Sie heute bereit sind, durch die Weihe und Ihr vorangehendes Versprechen zu übernehmen.
Was ist christliche Freiheit? Paulus sagt uns zunächst mal, was damit nicht gemeint ist, wenn es im nächsten Satz der Lesung heute hieß: „Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch“ und er fährt fort, „sondern dient einander in Liebe.“

„Fleisch“ heißt bei Paulus in der Regel nicht einfach unser Körper mit seinen Bedürfnissen. Fleisch ist bei ihm der irdisch gesinnte Mensch, der gottvergessen lebt und deshalb sein Handeln, seine Sehnsüchte, Bedürfnisse, Triebe zuerst einmal auf diese Welt und sonst nichts ausrichtet. Und der deshalb in „Werke des Fleisches“ verfällt, die Paulus etwas später aufzählt: „Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und Ähnliches mehr“. All das kommt davon, wenn wir Freiheit missverstehen und zum Vorwand für das Fleisch nehmen.

Aber zu welcher Freiheit hat uns dann Christus wirklich befreit? Es ist die Freiheit der Liebe! Mancher unter uns wird nun sagen: Aber Liebe ist doch Bindung und Bindung macht unfrei, sie bindet mich an etwas oder meist an einen anderen Menschen. Dann kann ich nicht mehr machen, was ich will.

Ja, antwortet der Christ, es geht in dem, wie wir Freiheit verstehen, auch gar nicht darum, dass Du einfach machst, was Du willst. Es geht darum zu lernen und zu verstehen, welche Sehnsucht Dir Gott am tiefsten ins Herz gelegt hat, welche Sehnsucht es ist, die Dich aus dem Grund Deiner Seele antreibt und erfüllt. Hast Du nie die Erfahrung gemacht, dass Du dann am meisten zufrieden warst, wenn Du eine Sache einfach nur um der Sache selbst willen tun durftest? Wenn Du zum Beispiel eine Sache, einen Menschen, einen Dienst so wichtig fandest, dass es egal war, ob Du dafür Geld bekommen hast oder Anerkennung. Hauptsache, Du konntest das tun, was gerade dran war, was wichtig war, um der Sache oder des Menschen selbst oder besonders um Gottes willen.
Ich habe in den letzten Monaten immer mal wieder von meinem Mitbruder Lothar Wagner erzählt – um exemplarisch auf Nöte in der Welt hinzuweisen. Er ist ein Salesianer Don Boscos, den ich noch im Studium erlebt habe. Er ist jetzt in Sierra Leone und hilft hier in einem der ärmsten und leider auch korruptesten Ländern der Erde, in der Hauptstadt Freetown, den Straßenkindern, den ehemaligen Kindersoldaten, den jungen Mädchen, die zur Prostitution gezwungen wurden. Er leitet ein Don-Bosco-Werk für diese ärmsten unter den jungen Menschen. Sierra Leone ist zugleich ein Land, in dem die Ebola-Seuche inzwischen mit am schlimmsten wütet. Bruder Lothar war im letzten Sommer zuhause, um seine Familie zu besuchen. Viele haben ihm abgeraten, ausgerechnet jetzt, nach Ausbruch des Virus, wieder zurückzukehren. Er hat gesagt: „Ich kann die Jugendlichen und meine Mitarbeiter in unserem Werk jetzt nicht alleine lassen. Gerade jetzt nicht.“ Und er ist wieder hin und riskiert damit natürlich buchstäblich sein Leben. Andererseits ist er jetzt gerade einer der wichtigsten Organisatoren für die Aufklärungsarbeit zu Ebola in seinem Land und für die Herbeiholung internationaler Hilfe geworden.

Jetzt meine Frage: Ist Lothar Wagner frei? Oder ist er gebunden? Die Antwort ist: Er ist in seiner Bindung an Gott tief frei geworden, das zu tun, was er für richtig und wichtig hält und wozu er glaubt, von Ihm berufen zu sein. Er liebt die jungen Menschen und seine Mitarbeiter und die Menschen im Land, weil er zu Christus gehört und zu Don Bosco. Christliche Freiheit ist in Gott, in Christus frei geworden, um dem folgen zu können, was Gott in sie hineingelegt hat. Christliche Freiheit dient aus Liebe und gibt dadurch Zeugnis, dass es Sehnsüchte, Bedürfnisse, Antworten gibt, die mehr sind also bloß ein „fleischliches Leben“ im Sinn des Paulus.

Paulus führt in der Fortsetzung übrigens auch auf, was der Geist Gottes mit dem Menschen macht, den er befreit hat. Die Früchte des Geistes sind „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“. Liebe Schwestern und Brüder: Wenn in Ihrem gläubigen Leben diese Dinge zunehmen, wenn Sie spüren, dass Liebe, Freude, Friede, Güte, Sanftmut, Selbstbeherrschung, Treue zunehmen, dann dürfen Sie zuversichtlich sein, dass Sie geistlich auf dem rechten Weg sind. Wenn aber die anderen Dinge vorherrschen, die Paulus vorher als „Werke des Fleisches“ aufgezählt hat, dann hat der Geist noch zu tun in uns, dann ist es vielleicht noch nicht so weit her mit der christlichen Freiheit.

Sie lieber Herr Leuchtner, machen sich auf, in der Diözese Passau als Diakon zu wirken – und wenn alles wie bisher weitergeht – ab dem nächsten Jahr als Priester. Sie haben einen langen Weg der Ausbildung hinter sich, haben sich in Ihren Studien und in verschiedenen Praktika bewährt. Das Leben eingebunden in ein Priesterseminar ist auch nicht automatisch Freiheit, aber wem es von innen her zuwächst, auf diesem Weg seine Berufung zu finden, wie Sie, dem wird dieses Leben nach und nach den Weg in die Freiheit weisen, von der Paulus redet. Sie sind mathematisch begabt und offenbar auch sprachlich begabt. Als einer der wenigen in unserem Land haben Sie Tschechisch gelernt. Ich freue mich, dass wir mit Ihnen einen Menschen haben, der sich auf vielen Feldern im Ausbildungsweg bewährt hat und dabei von den Verantwortlichen durchwegs gute Rückmeldungen erhalten hat.

Das Evangelium, das Sie gewählt haben, enthält übrigens in dieser Hinsicht auch noch einigen Sprengstoff. Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Er weiß, dass er dort vermutlich der Verhaftung und der Todesstrafe entgegen geht. Aber er ist sehr entschlossen. Sie wollen durch ein Dorf gehen. Die Menschen nehmen ihn nicht auf. Und die Jünger Jakobus und Johannes, ausgerechnet diese zwei aus dem engeren Kreis, machen allen Ernstes den Vorschlag: „Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?“. Das müssen Sie sich vorstellen, die beiden waren nun schon lange mit Jesus unterwegs und ihnen fällt so etwas ein! Feuer vom Himmel, um alle zu vernichten. Ein ganzes Dorf! Mit allem, was dazu gehört: Menschen, Häuser, Tiere, Frauen, Kinder…. alles. Die Reaktion Jesu lesen wir nur kurz: „Er wandte sich um, wies sie zurecht, dann zogen sie zusammen in ein anderes Dorf“.
Moment: die Frucht des Geistes ist Liebe, Langmut, Geduld, Freundlichkeit und so fort? Und hier die Frage: „Die nehmen uns nicht auf, also Feuer vom Himmel, alle vernichten?!“. Ihr lieben Jünger Jakobus und Johannes, im Grunde ist das ja tröstlich. Auch ihr habt also erfahren, dass Widerstand zum Zorn reizt, zu einem Zorn, der ganz schnell unverhältnismäßig wirkt. Auch Ihr wart also öfter Kinder des Fleisches und nicht des Geistes der Güte und der Langmut. Da dürfen auch wir alle, einschließlich unseres neu zu weihenden Diakons und des Bischofs noch wachsen. Und hin und wieder, wenn wir dann Gewissenserforschung machen, werden wir vielleicht auch den Blick des Herrn wahrnehmen, der uns liebevoll zurecht weist.

Das Evangelium geht aber noch weiter und wird noch ein wenig erschreckender. Zwei Leute sprechen ihn an, und wollen ihm nachfolgen, Jesus antwortet schroff: „Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Und: „Keiner der die Hand an den Pflug gelegt hat und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes.“ Einen dritten spricht er selbst an: „Folge mir nach!“ Der will aber zuerst heimgehen und den Vater beerdigen, da sagt Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben.“

Liebe Schwestern und Brüder, was für eine Radikalität kommt hier durch! Was bedeutet das für uns? Dass wir uns nicht mehr verabschieden sollen, dass wir kein Zuhause mehr haben sollen als Jünger?
Nein, Schwestern und Brüder, lieber Herr Leuchtner, ich denke, wir müssen hier die Situation genau lesen: Jesus geht auf dem Weg nach Jerusalem – und zwar um zu sterben, wie er vorher bereits angekündigt hatte. Er ist sehr entschlossen. Nichts soll ihn davon abbringen. Und in diese Entschiedenheit nimmt er jetzt seine Jünger mit hinein. Das heißt: Es wird im Leben eines Jüngers Momente geben, da muss er sich entscheiden: Herr, ganz für Dich!? Auch wenn es schwer wird? Oder lieber: ein bisschen Jesus und dann noch ein paar Wünsche, die ich selbst hätte. Wir sagen auch gerne mal: „Ja, Jesus, Du bist zwar für mich bedingungslos gestorben – und nun würde ich Dir schon gerne nachfolgen, aber bitteschön unter meinen Bedingungen.“ Lieber Herr Leuchtner, es wird voraussichtlich auch in Ihrem Leben als Diakon Momente geben, da werden Sie sich entscheiden müssen. Da werden manchmal Menschen sagen: „Aber es wäre doch jetzt nur allzu menschlich, wenn Du so oder so handelst.“ Aber Sie werden von innen her ein Gespür haben, das Ihnen sagt: „Nein, jetzt ist eine Form der Entschiedenheit nötig, die sich ganz auf Christus verlässt, die ganz mit Ihm gehen will.“ Er ist unsere Freiheit, er ist unser Weg, unsere Wahrheit und unser Leben.
Als Diakon brauchen Sie deshalb lebensnotwendig ein tiefes, lebendiges Gebet, ein beständiges Pflegen der Beziehung zu IHM. Er allein macht Sie frei, er allein macht Sie tief und entschieden und fähig, die Geister zu unterscheiden. Und er macht sie fähig, mit ihm an die Ränder zu gehen, wie es uns der Papst immer wieder nahelegt. Ja, auch dorthin, wo wir den Herrn vielleicht am wenigsten vermuten.

Wenn wir das harte Wort des Herrn im Ohr haben, dass keiner taugt, der die Hand an den Pflug gelegt hat und zurückschaut, dann bedeutet das nicht, dass Sie keine Fehler machen dürfen, es bedeutet nicht, dass Sie verzweifeln müssen, weil Sie gegenüber dem nachgiebig geworden sind, was Paulus das Fleisch nennt. Es bedeutet nicht, dass es nicht immer und immer wieder Umkehr und Vergebung gibt – auch für Sie, den Diakon. Aber ich glaube es bedeutet: Hüten Sie sich davor, dass das Feuer für den Herrn allmählich nach und nach erlischt, hüten Sie sich davor, dass Sie lau werden, hüten Sie sich davor, dass Sie schleichend aber beständig aus dem Gebet und damit aus der lebendigen Beziehung herausfallen. Wir sind Salz der Erde, hat der Herr zu uns gesagt, und hat es mit der Warnung verbunden: „Wenn Salz den Geschmack verliert, wozu taugt es dann? Schmeißen es die Leute dann nicht einfach weg, so dass es zertreten wird?“ Bleiben Sie salzig, Herr Leuchtner, bleiben Sie ein Mensch, dem die anderen anmerken, zu wem Sie gehören, wen Sie im Innersten lieben. Und der, zu dem Sie gehören, ist selbst voller Liebe, voller Barmherzigkeit. Er hat Sie zuerst geliebt und erwählt und hört nicht auf, Sie zu lieben, nie. Aber er ist auch voller Klarheit und Wahrheit und Entschiedenheit, wie wir heute gehört haben. Und er ist es nicht, weil er uns damit ein Vorbild geben wollte, das uns überfordert. Er ist es für uns, weil er uns hineinführen will in eine Freiheit, Tiefe und Reife, die nur er selbst geben kann und geben will. Zum Zeugnis für die Welt, dass er in Ihr gegenwärtig ist. Und der Dienst des Diakons, Ihr Dienst Herr Leuchtner, ist ein besonders intensives Zeichen für diese Gegenwart. In der Liturgie, in der Verkündigung, aber besonders auch im selbstlosen, selbstvergessenen und deshalb freien Dienst an denen, die am wenigsten privilegiert sind. Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, sich dafür zur Verfügung zu stellen und freue mich sehr, dass ich Ihnen in Seinem Namen und in Seinem Auftrag nun die Weihe zum Diakon spenden darf. Amen.

Bild: R. Kickinger

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