Christoph Leuchtner wird zum Priester geweiht

Lieber Herr Diakon Christoph Leuchtner, liebe Eltern, Verwandte, Freunde und Bekannte unseres Mitbruders, Schwestern und Brüder im Glauben,

wie geht das heute? Wie wächst so eine Berufung wie die Ihrige, lieber Herr Diakon Christoph Leuchtner, eine Berufung der Zugehörigkeit zum Herrn? Sie haben diese Zugehörigkeit nicht sofort erspürt, obwohl Sie ja Ministrant waren und in der Jugendarbeit engagiert und in Ihrer Heimatpfarrei auch einen guten Kontakt zu Ihrem Pfarrer gepflegt hatten. Dennoch wurde sicherlich damals schon manches Samenkorn ins Herz gelegt, das später aufging. Nach dem Abitur haben Sie dann aber zunächst einmal einen Umweg gemacht, den über das Studium der Statistik. Der Umgang mit den Zahlen und dem buchstäblichen statistischen Zufall liegt ihnen ganz offenbar, ebenso wie Ihre Sprachenbegabung, die Sie befähigt hat, Tschechisch zu lernen und zu vertiefen, unter anderem während eines Studienjahres in Prag. Aber bei aller Begabung in diesen Dingen und bei allen
Möglichkeiten, diese Begabungen auch zu nutzen: Sie spürten, dass Sie nicht erfüllt waren, nicht ganz zufrieden waren?

Liebe Schwestern und Brüder, das führt uns zu einer tiefen Einsicht über unser Menschenherz. Unser Gott hat jedem von uns ein Herz gegeben. So nennen wir gewissermaßen den inneren Ort, wo am tiefsten deutlich wird, wer wir sind. Das Herz ist der Sitz des Gewissens, eines ursprünglichen Wissens um richtig und falsch, das Herz ist der Ort, wo unsere Überzeugungen gewissermaßen eingraviert, eingezeichnet werden. Das Herz ist der Ort, wo die tiefsten Entscheidungen unseres Lebens fallen und es ist der Ort, wo Denken, Fühlen, Wollen und Wünschen geeint sind, wo sie zusammen laufen. Es ist also viel, viel mehr als einfach nur Gefühl.

Das Herz ist die innerste Mitte einer Person, eines jeden von uns.
Aber es ist nicht automatisch heil. Denn es ist ja gleichzeitig so, dass manchmal etwa unser Denken und Fühlen auseinander gehen; dass das Denken was anderes sagt als der Bauch! Oder ist es nicht auch so, dass manchmal aus der Tiefe unseres Inneren auch Regungen kommen, die wir nicht leicht bändigen können, wie Zorn oder Eifersucht oder Gier? Ist es nicht so, dass wir manchmal stundenlag Dinge tun, die wir gar nicht tun wollen, die einfach nur billig oder oberflächlich sind, bei denen wir uns aber gehenlassen? Und zwar deshalb, weil ein vordergründiges Bedürfnis schneller und einfacher zu befriedigen ist, als ein tieferes! Ist es nicht so, dass wir oft nicht in die Tiefe kommen, oft an der Oberfläche hängen bleiben. Und ist es nicht gleichzeitig so, dass wir gerade durch Oberflächlichkeit und Ablenkung spüren, dass wir auf die Dauer unzufrieden und unglücklich werden können?

Liebe Schwestern und Brüder, die geistlichen Lehrer erklären uns, dass unser Herz geistlich gesprochen, der Ort ist, der in der Welt am allermeisten umkämpft ist. Es gibt soviel in uns und um uns herum, das verhindern will und kann, dass wir wirklich in die Tiefe kommen. Es gibt soviel in uns, was uns in der Ablenkung, in der Oberflächlichkeit, im bloßen Betrieb, im Gerede, in der Sucht, in schlechten Angewohnheiten und anderem festhalten, gefangen halten will. Und wenn wir ehrlich sind, weiß vermutlich jeder, wovon ich spreche.

Und dann gibt es andererseits Momente, in denen uns kleine oder größere Durchbrüche in die Tiefe unseres Herzens geschenkt werden. Ein Erfahrung von inniger, echter Freude beispielsweise, weil wir etwas von tiefer Wahrheit erkannt haben, die in unser Herz fällt und es öffnet Oder weil wir von etwas tief berührt und beeindruckt werden und spüren: das ist es! Oder weil uns von innen her eine Sehnsucht nach mehr Wahrheit und nach mehr Schönheit, nach intensiverem Leben erwacht und zieht; oder weil uns da und dort kleinere Durchblicke geschenkt werden, die uns mit einem Schlag zeigen, was unser eigenes Leben für eine Bedeutung hat und haben könnte.

Und dann, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir solches oder ähnliches erfahren dürfen, dann stehen wir vor einer Wahl: Wir können es gleich wieder vergessen und mit dem üblichen Betrieb weitermachen; oder wir können diesen Spuren oder inneren Regungen folgen, die anfangs oft eher unscheinbar sind, und unaufdringlich, die aber öfter wiederkehren. Wir können Sie verdrängen oder wir können sie suchen, wir können die Sehnsucht wachsen lassen – wenn möglich unter Anleitung eines Menschen, der erfahren ist mit so etwas. Sie, lieber Herr Leuchtner sprechen mit dankbarer Hochachtung von Ihrem Heimatpfarrer Anzeneder, der Sie immer wieder auf solche Spuren verwiesen hat. Und offenbar sind Sie diesen Hinweisen, Spuren und Sehnsüchten gefolgt, bis Sie von innen her erfahren durften, das was mich da zieht, das was die Sehnsucht weckt und mehrt, das ist nicht einfach nur irgendetwas, das sind auch nicht einfach meine eigenen Gefühlsregungen, sondern das ist mehr. Es ist die Spur zu unendlich mehr. Es ist die Spur zum wirklichen, zum unaufhörlichen Leben. Mehr noch: Es ist die Spur zu einer Person, die von sich selbst sagt: Ich bin das Leben. Und diese Person sagt außerdem: Ich bin die Wahrheit und: Ich bin der Weg. Dieses Zitat, von Jesus, der sich als Weg, Wahrheit und Leben bezeichnet ist auch Ihr Primizspruch, den Sie gewählt haben.

Liebe Diakon Christoph, Sie sind dieser Spur gefolgt. Sie haben sich ziehen lassen, immer mehr, sie haben sich so sehr ziehen lassen, dass Sie irgendwann gespürt haben: Er, der da zieht, der will Sie ganz. Er will nicht nur Trost und Zuflucht für Sie sein, er will auch mehr sein als der, den Sie in Ihren Gebetszeiten und Gottesdiensten aufsuchen. Er will Ihr Leben sein. Er will Ihrem Herz eine Fassung geben, eine neue, profilierte Fassung, in die Ihr Herz eingegossen und in der es geformt wird. Und er will diesem Herz sein Siegel, sein Brandzeichen einprägen. Sie gehören Ihm. Nicht damit Sie willenloser Sklave im schlechten Sinn sind, sondern damit Sie freier, freimütiger Bote werden, Apostel werden. Er will, dass die Menschen spüren, dass Ihr Herz von Ihm in Besitz genommen worden ist und erfüllt ist. Er will, dass Sie in der persönlichen Verbindung mit Ihm leben und darin bleiben. Und er will, dass Sie den Menschen fortan etwas geben, was Sie aus sich selbst nicht haben.

Was das ist, was Sie da geben sollen, haben wir in der ersten Lesung gehört: der Prophet Jesaja, spricht von Salbung, von einer Botschaft, die frei macht, von Heilung, von Trost, von Freudenöl. Er will, dass Sie den Menschen den Schlüssel bringen, damit sie auch in Ihrem eigenen Herzen aufschließen und zu der Quelle vordringen können, von der Sie sich haben ziehen lassen, von der Quelle der Freude und der Freiheit, von Jesus. Wenn die Menschen spüren, dass Sie selbst innerlich in diesem Ort, bei Ihm, leben, dann werden Ihre Worte kraftvoll und Ihre Handlungen heilsam sein, im besten Sinn des Wortes gesalbt. Er will, dass Sie Hirte aus Neigung sind, wie Petrus in der zweiten Lesung gesagt haben, und kein bezahlter Knecht. Jesus will Ihr Herz zu einem Hirtenherzen formen, immer mehr. Er will, dass die Menschen durch Sie spüren, wo Sie Nahrung finden, wo gute Weide ist. Er will, dass Sie den Menschen auch dann den Weg zeigen, wenn die äußeren Zeiten dunkel sind und Sie dann Ihren Stock und Stab brauchen, wo Sie sich an Ihrer Zuversicht aufbauen können.

Und wenn ich sage, lieber Christoph Leuchtner, dass Sie berufen sind, etwas zu geben, was Sie aus sich selbst nicht haben, dann ist das letztlich niemand anderer als Er selbst. Ihn selbst sollen und dürfen Sie zu den Menschen bringen. Ihn selbst dürfen Sie als Liebe austeilen in der Kommunion, Ihn und seine vergebende Liebe dürfen Sie den Menschen in seiner Kraft sakramental zusprechen. Und er ist da und er bleibt da. Auch bei Ihnen. Und er kommt durch Sie zu den Menschen. Ja, das ist das Wunder. Er wählt sich in uns sündige, arme, gebrochene Menschen aus. Schwache Naturen, ärmliche, durchschnittliche Existenzen, die oft so gar nicht nach Ihm geraten und nie und nimmer aus sich selbst etwas besäßen und geben könnten, was sie nicht empfangen hätten.

Auch Sie brauchen Ihn deshalb, lieber Herr Leuchter, und weil Sie selbst Brot werden sollen, an dem sich die Menschen nähren, brauchen Sie dieses Brot und diese Nähe mehr als andere. Sie sind berufen, immer in seiner Nähe zu leben, sich immer von ihm zu nähren, immer neu sein Wort zu durchbeten. Sie sind ja auch berufen, die Menschen in seine Nähe zu bringen, die von sich selbst her schwerlich dorthin finden oder die draußen bleiben wollen. Die Geschlagenen und Verwundeten, die Marginalisierten und Ausgestoßenen, die Stolzen und die, die woanders suchen und viele mehr. Sie sind der erste Beter Ihrer Gemeinde, für sich und die anderen, weil Beten nicht einfach etwas ist, was Sie neben allem anderen auch noch tun. Sondern weil Ihr Gebet Vollzug der ersten und tiefsten Freundschaft Ihres Lebens ist, in die Sie alle anderen mit hineinnehmen wollen.

Lieber Christoph Leuchtner: wenn ich solche Dinge sage, könnte Ihnen vielleicht Angst und Bange werden ob des hohen Anspruchs. Aber haben Sie keine Angst, bitte. Der Herr kennt Sie besser als Sie sich selbst. Und er liebt Sie unendlich tiefer als Sie es ahnen. Und er weiß auch, dass es Zeiten geben wird, in denen Sie hinwerfen wollen, in denen Sie verzweifeln könnten, in denen Ihnen die Freude fehlt. Er weiß auch, dass Sie manchmal müde sind und matt, dass Sie wörtlich und übertragen viel mit sich herumschleppen. Er weiß auch, dass Sie manchmal schwach sein wollen. Aber er sieht auch immer wieder Ihr Herz, Ihre Sehnsucht, Ihren guten Willen. Er kennt Ihren Glauben, Ihre Liebe zu Ihm und den Menschen. Er will Sie formen und er wird es tun – auch durch Krisen hindurch. Sie haben, lieber Christoph Leuchtner, den größten Schatz gewählt, den Sie im Acker finden konnten und Sie zahlen einen hohen Preis um den Schatz im Acker ganz zu gewinnen. Sie verzichten auf ein Leben mit einer Familie und wählen ein Leben, das menschlich gesprochen, sicher auch oft einsam sein wird und sein kann. Sie können dieses Leben nur erfüllt leben, wenn Sie bei Ihm bleiben und sich buchstäblich und übertragen zuerst und vor allem von Ihm und seiner Gegenwart nähren, von seinem Wort und seinem Sakrament. Aber wenn Sie das tun, dann verspreche ich Ihnen etwas von der Verheißung des Psalmisten, der da singt: „Du legst mir größere Freude ins Herz als andere haben bei Korn und Wein in Fülle.“

Wenn die Menschen an Ihnen spüren dürfen, dass Sie Ihre eigene menschliche Armut haben erfüllen lassen von seinem Reichtum, wenn die Menschen spüren, dass Sie in Ihrer menschlichen Armut den Reichtum und die Schönheit seines Lebens finden können, dann werden Sie ein Priester nach seinem Herzen sein. Dann werden Sie ein Hirte, der weit hinaus gehen kann, an die Ränder, weil er voller Zuversicht ist, dass es keinen Weg gibt, den der Herr nicht mitgeht. Und keinen Ort und kein Menschenherz, an dem er nicht gefunden werden will.

Ich danke Ihnen von Herzen, lieber Christoph Leuchtner, für Ihren Mut, sich heute in diesen Dienst als Priester nehmen zu lassen. Der Herr drückt Ihnen heute unauslöschlich sein Siegel ins Herz, das stärker ist als der Tod. Lassen Sie sich davon prägen, enthalten Sie ihm keine Region Ihres Herzens vor, die er nicht prägen darf. Lassen Sie Ihr Herz brennen, von dem Feuer der Liebe, das er immer neu in Ihnen und durch Sie entzünden will. Dafür beten wir jetzt und immer neu. Und Sie dürfen sich auch von diesem Gebet getragen fühlen und vom Beistand der Mutter des Herrn und seiner Heilgen. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau