Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit

In Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Mein verehrter Vorvorgänger, Bischof Franz Xaver Eder (1925-2013), hatte als Wahlspruch einen Vers aus dem zweiten Timotheusbrief (1,7) gewählt: „Im Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“. Ich bete in diesen Tagen für unser Land um diesen Geist: Möge Gott uns allen innere Kraft geben, die aus dem Glauben kommt. Keine Kraft, die andere niederdrückt, sondern eine Kraft, an denen sich andere aufrichten können – weil sie spüren, dass es in Christen einen Geist, ein Leben gibt, das nicht tot zu kriegen ist. 

Möge Gott uns Liebe geben, die den anderen selbst dann noch mit Achtung vor seiner Würde als Mensch begegnet, wenn er so anders ist als ich, so anders glaubt – und selbst dann, wenn er meint im Namen seines Glaubens Gewalt anwenden zu dürfen. Möge Gott uns Liebe geben für die, die Not leiden, die trauern um verstorbene Angehörige, um Opfer von Gewalt. Möge Gott uns Liebe geben für Kranke und Einsame.

Und möge Gott uns vor allem Besonnenheit geben, dass wir uns hüten vor Panik, vor Kurzschluss, vor Generalverdacht, vor Selbstverschluss, vor Gruppenegoismus – aber auch vor Blauäugigkeit und Naivität. Besonnenheit ist Nüchternheit, die die Dinge sehen und beurteilen will, wie sie sind, die aber immer zugleich aus der Hoffnung lebt.

Jesus hat uns für diese Weltzeit nie versprochen, dass alles heil bleibt. Im Gegenteil: Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass es Not, Kriege, Verfolgungen, Katastrophen geben wird. Er hat sehr nachdrücklich gesagt, dass das sehnende Suchen Gottes nach dem Menschen und die verneinende Antwort einer Welt, die von Gott immer weniger wissen will, dass dieser Konflikt die Welt aufs Ganze in große Not und großen Schrecken führen wird.

Es gibt heute und gab immer schon an vielen Orten auf der Welt für Christen und viele andere Not, Verfolgung, Krieg und Schrecken. Und das wahre Weihnachten, damals in Betlehem vor 2016 Jahren, war auch alles andere als romantisch. Es war die bitterarme Geburt eines Kindes in einem Viehstall – von einem Kind, das kaum auf der Welt, schon um sein Leben fürchten und vor Verfolgung fliehen musste.

Der Schrecken ist nun wieder – und gerade an Weihnachten – in unserem Land angekommen. Aber in uns lebt der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wir dürfen Hoffnung haben – für alle. Weil wir vertrauen, dass in dem Kind von Bethlehem der Gott der Liebe erschienen ist. Ein Gott, der sich wehrlos und machtlos, in eine Welt der Not, der Gewalt und des Terrors begeben hat – um in ihr zu zeigen, dass die Liebe in allem das allerletzte Wort haben und siegen wird.

Beten wir für unser Land um den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Beten wir besonders für die Opfer und die Täter von Terror und Gewalt.

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