Der Synodale Weg, die Passauer Sonntagsbibel – und das Kommen des Herrn

In Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt zum Ersten Advent 2019 im Passauer Dom

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, der heutige Beginn des neuen Kirchenjahres schenkt uns zusätzlich zum Ersten Advent zwei weitere Akzente: Es ist der Beginn eines Internationalen Jahres der Bibel und es ist der Beginn des Synodalen Weges der Kirche in Deutschland.

Drei Themen – im gemeinsamen Blick

Alle drei Themen, Advent, Bibel und Synodaler Weg lassen sich aber gut zusammenschauen und deuten – auch mit den heutigen Texten der Hl. Schrift. Wir alle spüren ja, liebe Schwestern und Brüder, dass wir heute in einer Zeit leben, die sehr herausfordernd ist für unseren Glauben und für uns alle als Menschen der Kirche. Wir merken, dass es in der Gesellschaft seit vielen Jahrzehnten eine schleichende Bewegung weg vom Glauben gibt oder zumindest weg von einem kirchlich gebundenen Glauben. Austrittszahlen aus beiden großen Kirchen zeigen diese Bewegung seit langem.

 Krisenzeit ist Adventszeit

Wir erleben zusätzlich auch, dass Glaube und Kirche angesichts von Verbrechen und Skandalen, die Menschen der Kirche ausgelöst oder verübt haben, eine dramatische Krise erfahren. Wir erleben, dass die so genannten Reizthemen, die uns nicht nur medial tagtäglich einholen, den Rechtfertigungsdruck für uns als Gläubige steigen lassen. „Was, Du bist immer noch in einer Kirche, die das vertritt? Den Zölibat, das Nein zum Frauenpriestertum oder diese Sexualmoral?“ Auf solche Fragen wissen Viele keine rechte Antwort mehr. Und wenn wir dann nochmal ganz ehrlich zu uns selbst sind: Das Lesepensum in Sachen Bibel geht gerade bei uns Katholiken auch nicht selten gegen Null. Es ist nicht zu leugnen. Es ist Krisenzeit für die Kirche. Oder anders gesagt: Es ist Advent.

 Kann Gott kommen?

Advent heißt: Ankunft, es geht um Gottes Ankunft unter uns. Und das Spannende ist: Gottes Ankunft gehen – so sagen die Texte der Schrift – Krisen voraus. Es sind dramatische Krisen, die geschildert werden, wie Glaubensabfall, Kriege, Katastrophen. Ja, sagt die Schrift, wenn es um das Kommen und das Wiederkommen Gottes geht, ja das erzeugt Widerstand. Es gibt in unserer Welt und in jedem von uns Kräfte und Mächte, die sich Gott vom Leib halten wollen, die ihn aus der Welt draußen haben wollen. Und die Schrift schildert diese Kräfte als ein immer neues oder letztes Sich-Aufbäumen gegen Gottes Wiederkunft. Im Menschen, in der Gesellschaft, in der Natur – in jedem von uns. Es gibt diese Seite in uns – sie will immer wieder einfach nur sie selbst bleiben. Ihr eigener Herr bleiben, sich nicht verändern und verwandeln lassen. Der Gottesgedanke mag ja ganz nett sein, aber ein Anspruch von Ihm an mein Leben darf nicht ausgehen! Ich bestimme, wer welche Rolle in meinem Leben spielt – und natürlich ist klar, dass ich selbst darin die Hauptrolle spiele und zugleich der Regisseur bin und bleibe. So denken nicht wenige – aber in so eine Haltung kann der Gott der Liebe und der Wahrheit nur schwerlich kommen…..

Der Synodale Weg und die Machtfrage

Es ist Advent, es ist Krisenzeit. Die Kirche in Deutschland, die Bischöfe und das Zentralkomitee der Katholiken, haben beschlossen, einen Weg zu gehen, der drängende Fragen der Gläubigen aufnimmt und in synodalen Versammlungen und Foren bespricht. Viele erhoffen sich große Veränderungen, gerade bei den Themen, die hauptsächlich besprochen werden: Macht, Sexualität, die Rolle von Frauen in der Kirche und die Lebensform der Priester. Ich glaube, dass wir in den meisten Themen weniger Spielraum haben als viele erhoffen, vor allem deshalb, weil wir eine Weltkirche sind. Und manche der Fragen können nur auf der Ebene der Weltkirche entschieden werden, oder sind schon entschieden. Aber eine der spannendsten Fragen auf diesem Weg ist für mich die Frage nach der Macht. Eines der Foren wird sich um Macht und Beteiligung drehen, und indirekt sind auch die anderen Themen darin einbezogen. Es geht auch um den Vorwurf, dass es der Kirche, vor allem uns Priestern und Bischöfen, zuerst um den Machterhalt gehe. Mich beschäftigt diese Frage deshalb so, weil Jesus gerade in Bezug auf die Macht so unmissverständlich deutlich macht, dass er ein anderes Verständnis davon hat, als es die Welt durchschnittlich hat. Er sagt uns: „Die als Herrscher gelten, unterdrücken die Völker und missbrauchen ihre Macht über die Menschen. Bei euch soll es nicht so sein. Wer von euch groß sein will, soll euer Diener sein.“ (Mk 10,43-44) Wie also leben und verstehen wir in der Kirche Macht, was heißt geistliche Vollmacht, wie übt man Autorität als Dienst der Liebe aus, so dass die Menschen wachsen und näher zu Christus finden können? Das beschäftigt mich sehr, als Bischof und als normaler Gläubiger mit Ihnen allen. Und ich hoffe sehr, dass wir in unseren Gesprächen auf dem Synodalen Weg so vom Geist Gottes geleitet werden, dass wir erstens in wirkliche Gespräche finden, in ehrliches Zuhören, in neues Erkennen und dass diejenigen, die da mitwirken, dann auch wieder hinausgehen und ihren Beitrag leisten können, dass wir anders unser Kirche-sein leben. Bitte beten Sie für diesen Synodalen Weg. Wir eröffnen ihn heute symbolisch in unserem Bistum, indem ich mit unserem Diözesanratsvorsitzenden Markus Biber eine Kerze anzünde. Ab heute ist auch eine Internetseite online, auf der Sie über den Prozess informiert werden und daran teilnehmen können. www. synodalerweg.de

 Das Wort Gottes und die Passauer Sonntagsbibel

Und damit der Weg auch in die Tiefe führt, möchte ich Ihnen von Neuem das Wort Gottes ans Herz legen. Gott kommt, er will in uns ankommen. Und wenn ich Ihnen vorschlage, Sie mögen zum Beispiel in diesem Advent wieder regelmäßig die Bibel lesen, dann merkt mancher vielleicht auch, dass sich da etwas aufbäumt in ihm. Zu weit weg, oft zu unverständlich oder einfach langweilig erscheint vielen Menschen das Wort Gottes. Dennoch möchte ich Sie ermutigen, diese inneren Sperren zu überwinden und dennoch hineinzufinden. Damit dieses Hineinfinden leichter geht, haben wir ein wunderbares Buch anfertigen lassen, dass ich Ihnen kurz zeigen will: Die Passauer Sonntagsbibel. Sie erscheint genau heute und kann nun im Buchhandel erworben werden. Dieses Buch enthält alle biblischen Lesungen der Sonntage, und zwar von allen drei Lesejahren. Das heißt, immer wenn Sie sonntags in die Messe gehen, können Sie die Texte vorher schon betrachten oder nochmal nachlesen. Sie enthält zudem Lesehilfen und jeweils kurze, tiefe Auslegungen von Papst Benedikt XVI. Und als besonderes Extra: Für jeden Sonntag ist ein Kunstwerk aus dem Bistum zu betrachten, das eine Bibelstelle verdeutlicht. Und so kann man dieses Werk offen an einem schönen Ort in der Wohnung liegen lassen – und sich immer wieder die Hl. Schrift zu Gemüte führen. Und wenn Sie nun sagen, so ein großes Buch ist bestimmt teuer, das kann ich mir nicht leisten, dann darf ich Ihnen sagen: Dadurch, dass wir eine große Stückzahl drucken, ist der Preis wirklich überschaubar. Zudem: Unsere Hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Ehrenamtlichen im Dienst als Kommunionhelferinnen und Helfer und als Lektorinnen und Lektoren erhalten die Bibel in den nächsten Tagen als Geschenk von ihrem Pfarrer.

 Darf er kommen?

Advent heißt Ankunft, Gott kommt und im heutigen Evangelium mahnt Jesus zur Wachsamkeit. Es ist eine innere Wachsamkeit, die immer wieder das Herz zu Gott erhebt und betet, die sein Wort betrachtet, die den anderen dient. Stellen Sie sich schließlich vor, Jesus käme morgen wieder und würde Ihnen zuallererst mitten ins Herz schauen. Wäre da wirklich Platz für Ihn, der Platz, der Ihm gebührt? Könnte er kommen? Würden Sie Ihn erkennen, weil Sie Ihn zuvor schon kennen gelernt haben? Liebe Schwestern und Brüder: Er ist ungeheuer gnädig mit uns. Wir dürfen jedes Jahr Weihnachten feiern, weil wir uns damit erinnern, dass dieser Gott, der einmal als Weltenrichter wiederkommen wird, zuerst als Kind gekommen ist. Wehrlos, arm, in der Krippe. Er ist so gekommen, damit wir Vertrauen gewinnen und Glauben; damit wir unser Herz einüben auf Ihn hin, damit unser Warten erfüllt werden kann von Ihm und seiner Gegenwart. Denn das ist für mich der größte Trost in diesen Zeiten der Krise und des Umbruchs: Das Evangelium bleibt dasselbe, Jesus Christus bleibt derselbe – in seiner Kirche ist er da und kommt so sicher wieder wie unser Amen in jedem Gottesdienst. Schenken wir Ihm unser Herz, dann wird sein Kommen wirklich die reine Freude. An Weihnachten und am Ende der Zeiten. Amen.

(PS: Die schöne Idee zur Passauer Sonntagsbibel kommt aus dem Bistum Regensburg – dort gibt es seit einiger Zeit die Regensburger Sonntagsbibel. Wir sind dankbar für diese Vorlage und die Hilfen zur Erstellung.)

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